Die Ikone in moderner Sicht und im Spiegel ihrer Geschichte
Das Buch handelt, wie man sehen wird, nicht allein von Ikonen,
sondern auch von Statuen und Reliquien, ja von jeder Art von
verehrtem Bild überhaupt. Dennoch nimmt die Ikone, anders als die
westlichen Kultbilder des Mittelalters, einen ganz eigenen Platz im
modernen Denken ein, dessen Ursprung man in einer höchst
eigentümlichen Geschichte ihrer Wiederentdeckung gleichsam
archäologisch aufdecken kann. Romantische Utopien waren an dieser
'Mystik der Ikone' beteiligt, und bald waren es vorab
Identitätsfragen des östlichen Europa, die sich zur
Selbstbehauptung gegenüber dem üblichen europäischen Kulturkanon
der Ikone bemächtigten und sie jedem historischen Denken
entrückten. Heute wetteifern Emigranten, die ihre Heimat verloren,
und religiöse Seelen, die sich nach einer reinen,
'ursprünglichen' Kunst sehnen, im Kult der Ikone
schlechthin, den jedes Exemplar befriedigen kann. Für sie ist
dieses Buch nicht geschrieben .
Es ist schwer, das Thema der christlichen Kultbilder zwischen
Antike und Renaissance aus dem Schatten der östlichen Ikone ans
Licht zu ziehen, weil es in der Geistesgeschichte keinen eigenen
Platz einnimmt und nur Mißverständnisse weckt. Das moderne
Tafelbild sieht man, als Andachtsbild, irn Umfeld der
spätmittelalterlichen Mystik und im Vorfeld des Sammlerbilds der
Renaissance gleichsam aus dem Nichts entstehen. Die
mittelalterliche Kultfigur ist Teil der kunstgeschichtlichen
Studien zur Skulptur schlechthin. Die frühen Tafeln in Rom werden
unter der Rubrik des byzantinischen 'Einflusses'
abgehandelt, und die östliche Ikone, die als mittelalterliches
Tafelbild isoliert wahrgenommen wird, hat schon immer mehr die
Theologen und Dichter als die Kunsthistoriker interessiert, schon
deswegen, weil sie dem historischen Ordnungssinn entzogen scheint.
..."
Hans Belting, geboren 1939 in Andernach, leitete von 2004 bis 2007 das Internationale Forschungszentrum für Kulturwissenschaften in Wien. Zuvor lehrte er nach Stationen an den Universitäten Heidelberg und München an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, die er 1992 mitbegründete, und hatte 2003 den Europäischen Lehrstuhl am Collège de France in Paris inne. Er ist Mitglied des Ordens pour le Mérite für Wissenschaften und Künste.
Inhaltsangabe
Aus dem Inhalt: 1. Einleitung 2. Die Ikone in moderner Sicht und im Spiegel ihrer Geschichte 3. Warum Bilder? Bildfragen und Religionspraktiken am Ausgang der Antike 4. Himmlische Wunderbilder und irdische Portraits. Lukasbild und 'ungemaltes' Original in Rom und im Orient 5. Das Totenportrait der Römer und das Heiligenporttrait der Christen 6. Das antike Kaiserbild und der christliche Bildkult als Problem 7. Bildandacht, Propaganda und Theologie am Ende der Antike 8. Die Kirche und das Bild. Die Bilderlehre in der kirchlichen Tradition und im Bilderstreit 9. Der Kirchenraum nach dem Bilderstreit. Eine neue Bildpolitik und ihre Anwendung 10. Pilger, Kaiser und Bruderschaften. Kultstätten von Ikonen in Byzanz und Venedig 11. Das 'wahre Portrait' Christi. Legenden und Bilder im Wettstreit 12. Die Bilderwand und die Rolle der Ikone in Liturgie und privater Heilssicherung 13. 'Beseelte Malerei'. Poesie und Rhetorik in 'neuartigen Ikonen' des 11. und 12. Jahrhunderts 14. Statuen, Gefäße und Zeichen. Bild und Reliquie im westlichen Mittelalter 15. Die Ikone im städtischen Leben Roms 16. 'Nach griechischer Art. Importikonen im Westen 17. Norm und Freiheit: italienische Ikonen im Zeitalter der Kommunen 18. Die Madonnen von Siena. Das Bild im städtischen Leben und am Altar 19. Der Dialog mit dem Bild. Die Ära des Privatbildes am Ausgang des Mittelalters 20. Religion und Kunst. Die Krise des Bildes am Beginn der Neuzeit