Im Werk des österreichischen Autorenfilmers Michael Haneke finden
sich zwei Merkmale in ständiger Wiederkehr: das plötzliche
Hereinbrechen verstörender, nicht-verstehbarer Ereignisse in die
Handlung sowie die prominente Rolle oft störungsbehafteter Medien.
So unstrittig dieses Beieinander von Sinnlosigkeit und Technik in
Hanekes Filmen auch ist: Die Frage, ob beide Elemente womöglich auf
ein und dieselbe Sache verweisen nämlich auf die hermeneutische
Widerspenstigkeit technischer Medien ist von bisherigen
Forschungsbeiträgen nicht gestellt worden. Die These des Buches
lautet, dass das Nicht-Verstehbare bei Haneke geradewegs mit dem
Unlesbaren in Gestalt zeitgenössischer Medien zusammenfällt. Diese
Denkfigur gilt es zunächst auf ihren akademischen Ort zu verweisen:
den Widerstreit zwischen textbasierter Hermeneutik und
technikzentrierter Medientheorie. Sodann wird für jeden der drei im
Mittelpunkt stehenden Filme ein eigenes Paradigma angeboten. Benny
s Video entpuppt sich als die
Inszenierung einer medial ermöglichten Lektüre-Verweigerung durch
den jugendlichen Protagonisten; die Serienkiller in Funny Games
sind Stellvertreter einer Destruktion von Linearität, welche einen
epistemologischen Keil zwischen die Systeme Alphabet und Apparatur
einerseits, Analog- und Digitaltechnik andererseits treibt; in
Caché schließlich scheitert die bücherversessene Hauptfigur an der
Autorlosigkeit technisch generierter Bilder.Hanekes Filme klagen
demnach die Unmöglichkeit hermeneutischer Verheißungen in einem
hochtechnischen Zeitalter ein. Dies weist sie als ästhetische
Phänomene aus, die bestimmten Formen materialistischer
Medientheorie und -kritik eine bislang beispiellose Sichtbarkeit
verleihen.
Matthias Wannhoff, geb. 1986, Studium der Kommunikationswissenschaften und Germanistik in Bonn sowie der Medienwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Tätigkeit als freier Journalist mit dem Schwerpunkt Film.
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