Kabarett der Komiker Berlin 1924-1950 - Völker, Klaus

Klaus Völker 

Kabarett der Komiker Berlin 1924-1950

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Kabarett der Komiker Berlin 1924-1950

Die berühmten 1920er Jahre waren keine »goldenen« wie oft behauptet. Aber es waren wichtige und überaus tolle Zeiten des deutschen Theaters, dem es immer wieder gelang, in allen Gattungen und Genres mit unüblichen Glanzleistungen aus dem Rahmen zu fallen. Die wesentlichen Spielleiter, Direktoren und Dirigenten sorgten dafür, dass die Grenzen zwischen Schauspiel, Musiktheater, Revue, Varieté, Tanz, Pantomime und Kabarett fließend blieben und dass Kunst immer auch wunderbare Unterhaltung war. In Deutschland sind viele Bücher zur Geschichte des deutschen Kabaretts und Erinnerungsbücher namhafter Kabarettisten sowie auch mehrere Sammlungen von Texten fürs Kabarett erschienen. Desiderat blieb eine Geschichte des größten Berliner Kabaretts, das Theater, Operette, Varieté und literarisch-politisches Kabarett erfolgreich mischte, das von seinem artistischen jüdischen Stammkapital auch in der Nazizeit noch reichlich zu zehren verstand, es aber geistig mit zu biederer Kleinkunst verspielte
und schließlich nur noch wenig zündende Tingeltangeleien bieten konnte. Der Dramaturg, Theaterhistoriker und langjährige Rektor der Berliner Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« Klaus Völker schrieb nun diese Geschichte.

Die Schauspieler, Humoristen und Conférenciers Paul Morgan und Kurt Robitschek legten den Grundstein zu ihrer gemeinsamen Kabarettgründung »KadeKo« Ende 1924 in Berlin. Ihr »Kabarettder Komiker« war in den Jahren vor 1933 die künstlerisch bemerkenswerteste Kabarett-Unternehmung. Ihr gelang es, die Traditionen jüdischen Humors, den sinnlichen Schwung und erotischen Esprit französisch-wienerischen Operettentreibens und die Beinartistik amerikanischer Revuen varietéartig mit der Angriffslust literarisch-politischer Kabarettistik wirkungsvoll zu mischen. Nach dem Reichstagsbrand, Ende Februar 1933, wussten die meisten der »Komiker«-Kabarettisten, was die Stunde geschlagen hatte, sie verließen Berlin in Richtung Wien oder Zürich. Zunächst wurde der NürnbergerTheaterdirektor Dr. Hanns Schindler berufen, der dem »KadeKo« bis zu seinem Tod im Februar 1938 mit viel Geschick im Rahmen der von den Nazis tolerierten Opposition Glanz und Publikumserfolge zu ermöglichen verstand. Ab 1. September 1938 war dann Willi Schaeffers, der sich neben vielen anderen um die Konzession für das Haus beworben hatte, der neue künstlerische Leiter. Wurde bis 1933 die Fahne der »Frechheit« hoch gehalten, herrschte nun unter Schaeffers der »Eulenspiegel« als Hausgeist. Schaeffers blieb dem »Kabarett der Komiker« auch in der Not treu; mit vielen seiner Künstler und Mitarbeiter blieb er in Verbindung, die Nächte der letzten Kriegstage und die Belagerung Berlins überlebte man gemeinsam im zum Bunker ausgebauten Kostümkeller des Hauses. Bereits im Juni 1945 spielte man wieder. Erst von 1949 an konnte das »Kabarett der Komiker« den Vornamen »Neue Scala« wieder ablegen und in eigener Regie als »Willi Schaeffers Kabarett der Komiker« firmieren. In den Jahren 1950-1957 gab Willi Schaeffers mit kleinen Ensembles Kabarettgastspiele in Westdeutschland, Österreich und der Schweiz, er tingelte unermüdlich konferierend durch die Lande und eröffnete 1958 in Berlin wieder ein eigenes Lokal in der Wielandstraße, Ecke Kurfürstendamm: kein 'Kabarett der Komiker' mehr, sondern die Kleinkunstbühne »Tingeltangel«.


Produktinformation

  • Abmessung: 233mm x 151mm x 23mm
  • Gewicht: 400g
  • ISBN-13: 9783869160504
  • ISBN-10: 3869160500
  • Best.Nr.: 27980534
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 25.10.2010

Wird der Kreuzberg ohne Haken bleiben?
Nur nicht unterkriegen lassen: Ein überfälliges Buch über das legendäre Berliner „Kabarett der Komiker“ zwischen Anpassung und Widerstand
Die Männer, fordert Claire Waldoff mit emanzipatorischer Entschiedenheit, sollten endlich „raus aus dem Reichstag“, ja „raus mit den Männern aus dem Bau, und rein in die Dinger mit der Frau!“. Ein biegsamer Bengel mit Namen Curt Bois mahnt ebenso streng: „Guck doch nicht immer nach dem Tangogeiger hin! Was ist schon dran an Argentinien?“ Wenig später fragt Willi Schaeffers singend, zögernd, frohgemut: „Wenn ich wüsste, was der Adolf mit uns vorhat, wenn er erst die Macht am Brandenburger Tor hat? Wird das Tageblatt Fraktur nur schreiben, wird der Kreuzberg ohne Haken bleiben?“ Waldoff, Bois, Schaeffers traf man dort, wo Erik Ode, Peter Frankenfeld und Heinz Erhardt sich ihre ersten Sporen verdienten, wo Karl Valentin und Jacques Tati gastierten und Helmut Käutner als Kabarettist und Egon Erwin Kisch als Dramatiker reüssierten: im „Kabarett der Komiker“ zu Berlin.
Mitte der 1920er Jahre waren die Startbedingungen nicht ideal für zeitkritische Kleinkunst. …

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Perlentaucher-Notiz zur Sueddeutsche Zeitung-Rezension

Über eine längst fällige Monografie freut sich Alexander Kissler. Die von Klaus Völker verfasste Geschichte des Berliner "Kabaretts der Komiker" lässt für ihn die für diese Institution spezifische Mischung aus jüdischem Humor, sinnlichem Schwung und erotischem Esprit wiederaufleben, die Vereinigung von Variete und politischem Kabarett. Kultur- und mentalitätsgeschichtlich ergibt sich für Kissler mitunter das Bild einer finsteren Zeit zwischen Anpassung und subtilem Widerstand. Allerdings hätte er sich gerade für die Zeit des letzten Intendanten Willi Schaeffers von 1938 bis 1950 vom Autor mehr historische Schärfe, mehr Gesamtschau der Verhältnisse zwischen Krieg und Kabarett gewünscht. Als Panoptikum künstlerischen Behauptungswillens taugt das Buch seiner Meinung nach dennoch ausgezeichnet.

© Perlentaucher Medien GmbH
Klaus Völker, geboren 1938 in Frankfurt am Main, Schriftsteller, Theaterwissenschaftler und Professor für Schauspielgeschichte und Dramaturgie, ist Rektor der Schauspielschule Ernst Busch in Berlin. Als ausgewiesener Pataphysiker ist Klaus Völker unter anderem Herausgeber der Boris Vian-Gesamtausgabe.

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