 | Besprechung von 11.03.2009 |
Lob der Provinz
Von SZ-Autoren: Thomas Steinfeld entdeckt August Strindbergs
Bauern
So ziemlich alles hätten wir von Strindberg erwartet: dass sich in
einer Stockholmer Dachkammer eine Romanfassung von Fräulein Julie
fände oder ein unterschlagenes Drama aus seinen Pariser
Bohème-Jahren, alles: nur nicht die Studie über die Lage der
französischen Bauern, die Thomas Steinfeld, Ressortleiter im
Feuilleton der SZ, wiederentdeckte. Entstanden sind die Essays und
Reportagen dieser Studie um 1886.
Aber was bewegte Strindberg, die französische Provinz zu
durchwandern und Bibliotheken über die Grundfragen der
Landwirtschaft zu durchforschen? Er wurde zum Reporter, weil er
wissen wollte, ob es das gibt, was wir „Fortschritt” nennen, er
suchte das Gespräch mit Darwin und Marx und Lasalle und Haeckel.
Ein Glücksfall, dass er Frankreich als das Bauernland schlechthin
entdeckte – das es bis heute ist: Bei Strindberg ist es präsent,
dieses ländliche, kleinteilige Frankreich, das wir lieben. SZ
AUGUST STRINDBERG: Unter französischen Bauern. Eine Reportage. Mit
einem Essay von Thomas Steinfeld. Die Andere Bibliothek. Eichborn
Verlag, Frankfurt am Main 2009. 288 Seiten, 28 Euro.
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München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.sz-content.de
 | Besprechung von 04.05.2009 |
Wie war die Ernte dieses Jahr?August Strindberg als Reporter ist eine Entdeckung. Im Jahr 1886 reiste der ruhelose Literat mit der Eisenbahn quer durch ganz Frankreich. Seine Etappenberichte gehören zum Reizvollsten, was es an Alltagsbeschreibungen des Landlebens aus jener Zeit gibt.
Wir wussten es nicht oder hatten es vergessen: Neben Gott war auch August Strindberg in Frankreich. Nicht in der "douce France" der Gutgelaunten mit den belebten Städten und den alten Schlössern in weiten Landschaften. Die Bauern, bei denen der Schwede mit seinem Notizblock sich aufhielt, waren aber kaum weniger Fiktion als jenes Bilderbuch-Frankreich. Nur etwas herber, knorriger, eigensinniger. Oder vielmehr: Sie waren Statisten, vielleicht Verbündete von Strindbergs eigenem Eigensinn. Das macht aus diesem Buch eine Sache, die wie geschaffen ist für Eichborns "andere" Bibliothek. Sie ist mit nichts sonst vergleichbar und ihrem Inhalt nach auf seltsame Weise wahr-fingiert. Wer je für Frankreich, für das Bauerntum oder für Strindberg empfänglich war, gibt diesen Band nicht so schnell wieder aus der Hand.
Der ruhelose Literat konnte in jenen Jahren der …
Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension
Freudig begibt sich Cord Aschenbrenner mit August Strindbergs wieder entdecktem journalistischem Reisebericht ins Frankreich von 1886 und "Unter französische Bauern". Dort hielt sich der schwedische Autor drei Wochen lang auf und beschrieb Flora und Bevölkerung des ländlichen Gebietes nahe Paris. Aschenbrenner bewundert die botanischen Beschreibungen Strindbergs, die auf ein großes Wissen um die jeweiligen Pflanzen schließen lassen. Viel mehr interessiert den Rezensenten allerdings die Idee des "petit cultivateur", also eines Kleinbauers, der, ohne Profit machen zu wollen, landwirtschaftlich produziert, um primär seine Familie zu ernähren. Strindbergs Verfechtung eines Agrarsozialismus ist ihm im Verlauf des Buches dann aber doch etwas übertrieben und die Reportage an sich zu künstlich konzipiert. Alles in allem findet Aschenbrenner das Buch trotzdem wunderbar zu lesen, ist es "als kulturgeschichtliches Zeugnis" dieser damaligen französischen Landbevölkerung nicht zu übertreffen.
© Perlentaucher Medien GmbH
'August Strindberg als Reporter ist eine Entdeckung. Im Jahr 1886 reiste der ruhelose Literat mit der Eisenbahn quer durch ganz Frankreich. Seine Etappenberichte gehören zum Reizvollsten, was es an Alltagsbeschreibungen des Landlebens aus jener Zeit gibt ... Wer je für Frankreich, für das Bauerntum oder für Strindberg empfänglich war, gibt diesen Band nicht so schnell wieder aus der Hand; (Joseph Hanimann, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. Mai 2009) 'Wiederentdeckt und bibliografisch sehr fein herausgegeben vom Eichborn Verlag; (Neue Ruhr Zeitung, 18. Februar 2009) 'Verblüffend modern ... realtypisch und sehr lebendig ... Strindbergs Frankreich-Reportage sollte Teil einer Alltags-Ethnographie von ganz Europa bilden. (Zwei Jahrzehnte später würde der reiche Finanzmann Albert Kahn diese Idee in seinem gigantischen Film- und Farbfoto-Archiv im Weltmaßstab verwirklichen). Diese Mittel besaß Strindberg nicht. Aber Neugier, Witz und seine Sprache. Sie verliehen, als er drei Wochen lang durch Frankreich 'dampfte' und jeden greifbaren Landmann 'interviewte', allen Wahrnehmungen eine frische Nuance. Fast spielend vermittelt er außerdem eine Menge volkswirtschaftlicher Daten zur Reblauskatastrophe, zu Wirtschaft, Politik und Handel in einer kriselnden Zeit. La France profonde' Fahr mal hin; (Sibylle Mulot, Spiegel online, 4. März 2009) 'Aber was bewegte Strindberg, die französische Provinz zu durchwandern und Bibliotheken über die Grundfragen der Landwirtschaft zu durchforschen' Er wurde zum Reporter, weil er wissen wollte, ob es das gibt, was wir 'Fortschritt' nennen, er suchte das Gespräch mit Darwin und Marx und Lasalle und Haeckel. Ein Glücksfall, dass er Frankreich als das Bauernland schlechthin entdeckte - das es bis heute ist: Bei Strindberg ist es präsent, dieses ländliche, kleinteilige Frankreich, das wir lieben; (Süddeutsche Zeitung, 11. März 2009)
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August Strindberg, geboren 1849 in Stockholm, starb 1912.
Leseprobe zu "Unter französischen Bauern" von August Strindberg
Es war ein Maimorgen des vorigen Jahres (1885) in Paris. Ich hatte meinen Morgenspaziergang nach dem Montmartre hinauf gemacht, um auf der Galette Kaffee zu trinken und meinen "Figaro" zu lesen. Unter der Windmühle ließ ich mich an einem hinkenden Tische nieder; während ich auf den Garçon wartete, warf ich einen Blick hinunter über die cité-m?re, den Mittelpunkt der Welt, den ich seit zehn Jahren nicht von dieser Höhe betrachtet hatte. Da lag das Wunder der Kultur, das moderne Babel, stets gleichermaßen schön, gleichermaßen lockend, gleichermaßen abstoßend. Die Strahlenbündel der Morgensonne brachen durch den Rauch von zweiundsiebzigtausend Gebäuden und erleuchteten deren vier Millionen Fenster. Vermutlich schlugen dreiundvierzigtausend Mägde die achtundsechzigtausend Türen der Mieter zu, um einer Million zweiundzwanzigtausend Mietern den Morgenkaffee zu servieren. (Vermutlich hatten die vierhundertfünfzigtausend Arbeiter schon vor mehreren Stunden ihren Morgenkaffee getrunken, bevor sie zur Arbeit gingen.) Die vergoldete Kuppel des Invalidendoms wurde von der glühenden Sonne in Brand gesteckt; der "Ruhm" und die "Unsterblichkeit" auf dem Opernhaus flammten durch den Rauch; der Triumphbogen öffnete sein Tor auf ein Gebäude hin, das noch nicht da ist; darüber aber schwebt im Winde eine leichte schwarze Wolke, wie wenn die Mücken am Sommerabend über den Baumwipfeln tanzen. Inmitten des Bogens steht ein Gegenstand, der sonst dort nicht zu sehen ist, ein Katafalk, auf dem ein Sarg ruht mit einer Leiche, die nicht da ist: die Leiche eines Mannes, der am Tor zu dem Hause stand, das er niemals unter Dach sehen sollte.
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