Leseprobe zu "Umgang mit Psychopharmaka"
Psychopharmaka im Alter (S. 216-217)
Altern ist ein biologischer Prozess, der medikamentös nicht aufzuhalten ist und zu Funktionsabnahmen bei allen Organsystemen führt. Auch die Sinneswahrnehmung und verschiedene seelische Funktionen verändern sich. Eine Konsequenz ist das vermehrte Auftreten chronischer Erkrankungen. Wegen Herzund Kreislauferkrankungen, Stoffwechselstörungen oder asthmatischer Erkrankungen muss ein Großteil alter Menschen regelmäßig Medikamente einnehmen.
Bekannt ist zudem seit langem, dass ältere Menschen Arzneimittel langsamer aufnehmen, die Verteilung im Gewebe sowie der Abbau und die Ausscheidung durch Leber oder Niere sind oft verlangsamt. Auch andere Organe reagieren häufiger mit unerwünschten Arzneimittelwirkungen, sei es z. B., dass unter einer Medikation eine Herzrhythmusstörung auftaucht oder dass ein Benzodiazepin* einen Erregungszustand auslöst, statt beruhigend zu wirken (sogenannte »paradoxe Reaktion «).
Es ist oft schwierig, sich mit den veränderten Lebensumständen und den zunehmenden Altersbeschwerden zu arrangieren. Andererseits kann es genauso schwierig sein zu entscheiden, ob eine Behandlung mit Medikamenten zu besserer Lebensqualität führt. Bei Ärzten, Patienten und Angehörigen ist die Versuchung groß, mit einer längerfristigen Medikation zu reagieren. Die altersbedingten körperlichen und seelischen Veränderungen und das häufige Zusammentreffen mehrerer Erkrankungen erfordern Umgangsweisen mit Medikamenten, die sich von denen jüngerer Menschen unterscheiden.
Dabei geht es vor allem um die Anpassung der Dosierungen und die Berücksichti217 gung von Wechselwirkungen zwischen den verordneten Medikamenten. Eine Dosisanpassung kann erforderlich sein, um unerwünschte Arzneimittelwirkungen zu vermeiden oder zumindest zu verringern. Wenn Sie schon lange Jahre wegen einer chronischen psychischen Erkrankung Psychopharmaka einnehmen, sollten Sie mit ihrem Arzt darüber sprechen, aus Altersgründen die Dosis zu reduzieren.
Falls Ihnen jenseits des 65. Lebensjahres erstmals ein Psychopharmakon verordnet wird, heißt die goldene ärztliche Regel: »Niedrig beginnen, nur langsam höher dosieren.« Nur ein Viertel bis ein Drittel der üblichen Anfangsdosierung sollte bei älteren Menschen gewählt werden, und auch eine Höherdosierung sollte nur nach einer ausreichend langen Zeit und sorgfältiger Symptombeobachtung erfolgen. Die Einnahme vieler unterschiedlicher Medikamente steigert natürlich das Risiko von Wechselwirkungen.
Zum Beispiel kann ein neu verordnetes Antidepressivum die Wirkung eines schon langjährig eingenommenen Blutdruckmittels verstärken oder reduzieren. Wenn das Antidepressivum erforderlich ist, muss also die Dosis des Blutdruckmittels entsprechend angepasst werden. Obwohl viele ältere Menschen täglich zehn oder mehr unterschiedliche Medikamente für verschiedene chronische Erkrankungen einnehmen, kümmert sich die Medizin nur zögerlich um die Problematik der Wechselwirkungen. Erst im Jahr 2011 erschien im Deutschen Ärzteblatt (Hibbeler, 2011) eine systematische Auflistung von Medikamenten, die im höheren Alter ungeeignet oder nur wenig geeignet sind. Viele Psychopharmaka gehören dazu.
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