Leseprobe zu "Schlepping durch die Alpen" von Sam Apple
Wenn man mit einem jiddischen Volkssänger durch die Alpen zieht, der zufällig auch noch der letzte Wanderschäfer Österreichs ist, und wenn der einem aufträgt, hinter seiner Herde aus 625 Schafen herzugehen, kann es geschehen, dass die kleinen Lämmer müde werden und sich hinplumpsen lassen, um ein Nickerchen zu halten. Da man aufpassen muss, dass kein Schaf zurückbleibt, geht man also, den Hirtenstab fest in der rechten Faust, auf das schlafende Lämmchen zu und ruft: "Hopp! Hopp!" Wie das klingen soll, weiß man inzwischen, denn man hat es beim Schäfer und seinen Söhnen oft genug gehört. Wenn ein Lamm mal fest eingeschlafen ist und überhaupt nicht reagiert, sieht man sich hastig um, ob keiner guckt. Wenn der Schäfer weit vorgelaufen ist und jiddische Weisen trällert, kniet man sich neben das schlafende Lamm und sagt: "Na komm, du süßer Fratz. Wir müssen weiter." Dann versucht man, dem Lamm den Kopf zu tätscheln. Meistens schreckt es noch vor der Berührung aus dem Schlaf und saust davon, um nach seiner Mutter zu suchen. Sobald das geschieht, stößt man ein paarmal ärgerlich "Hopp! Hopp!" aus, als hätte man alles unter Kontrolle.
Ist man schon etwas länger dabei, wird man auch mal übermütig. Obwohl einige Schafe hinterhertrödeln, geht man ohne sie weiter, da man inzwischen aus Erfahrung weiß, dass Schafe nicht gern allein gelassen werden.
Beim Gehen macht man sich seine Gedanken über dieses instinktive Bedürfnis, bei der Herde zu bleiben, und plötzlich hat man sich in Überlegungen zur Evolution verloren. Es fällt einem wieder ein, dass wir selbst einst in Gruppen übers Land gezogen sind, ähnlich wie diese Schafe. Man überlegt, wie es wäre, wenn Schafe einzeln in winzigen Reihenhäusern leben müssten. Würden sie jemals glücklich werden? Würden sie sich beim Grasen in ihren Vorgärten grüßen?
Dann wird es auf einmal eng, und man muss feststellen, dass man zu weit vorgelaufen und plötzlich von 625 dicht gedrängten Schafen eingekeilt ist. Man merkt, dass das Schaf bei all seinen Tugenden wenig Rücksicht auf menschliche Schienbeine oder Füße nimmt. Man wird zum Spielball wolliger Flanken, und fast verliert man das Gleichgewicht. Mit seinem Hirtenstab versucht man, sich Platz zu schaffen, aber es klappt nicht. Die Schafe behandeln einen - völlig zu Recht - wie einen blutigen Anfänger. Und gerade wenn man sich wieder gefangen hat, schießt ein struppiger grauer Hütehund vorbei und kläfft einen wütend an. Erst bleibt einem fast das Herz stehen, dann läuft man schnell mit den anderen weiter. Man begreift, wenn auch nur für diesen einen flüchtigen Augenblick, wie hart das Leben in der Herde sein kann. Nach diesem verstörenden Erlebnis bleibt man hinten. Beobachtet man von hier aus die Schafe, fällt einem auf, dass ihre Ohren beim Laufen schlackern und die Köpfe aussehen wie fliegende Vögel; dass ein Schaf in der Hockstellung, die es zum Wasserlassen einnimmt, einem Känguru ähnelt; dass sogar kastrierte Männchen gern nichts ahnende Weibchen besteigen, die die dämlichen Eunuchen wieder abschütteln, ohne ihr grimmiges Knabbern am Boden zu unterbrechen; wie sich der Magen des Schafes im Lauf des Tages immer mehr ausdehnt, bis sich bei Sonnenuntergang auf der linken Seite eine Beule von der Größe einer Gartenmelone gebildet hat.
Hat man besonders gutes Weideland gefunden, das heißt, das Gras wächst üppig und nicht zu hoch (Schafe bevorzugen ihr Gras frisch), bleiben die Tiere lange an einem Ort. Dann hat man die Gelegenheit, seinen Rucksack abzunehmen und den Blick über schneebedeckte Gipfel und die endlosen Ausläufer der Alpen schweifen zu lassen, über Hügel, die so grün und friedlich sind, dass man der Versuchung widerstehen muss, sich ins Gras zu legen und hinunterrollen zu lassen. Man wendet sich den leise murmelnden, talwärts schlängelnden Bächlein zu, pflückt rote Blumen aus Felsspalten, und man denkt sich: Hm - vielleicht war's doch ein Fehler, nie eine Laufbahn als Schäfer erwogen zu haben.
Doch irgendwann fällt der Blick nach unten, und man sieht nichts als Scheiße. Schafskot, wie man sich bald bewusst wird, ist formlos und unästhetisch; wäre da nicht der Geruch, könnte man ihn für Schlamm halten. Neben den herzerfrischenden Köteln der Ziege und den gedeihlichen runden Fladen des Rindes stellen die breiigen grünbraunen Kleckse, die ein Schaf hinterlässt, eine herbe Enttäuschung dar. Trotzdem starrt man wie gebannt hin, denn sie liegen einfach überall herum, ein Festzug aus verdauten Gräsern und Alpenblumen. Man sieht aufeinandergestapelte Kleckse, die von verschiedenen Schafen stammen. Man sieht getrocknete Kleckse wie schwarze Eiszapfen an der Schwanzwolle baumeln. Diese Scheiße geht einem bald so sehr in Fleisch und Blut über, dass Scheiße zum ersten Mal überhaupt ihren Schrecken verliert. Man stiefelt durch die Scheiße, als hätte man jahrelang nichts anderes getan. Aus Jux nimmt man sogar seinen Hirtenstab und stochert darin herum.
Doch schon im nächsten Moment inspiziert man seinen Stab, um sich zu vergewissern, dass er auch nicht zu dreckig geworden ist, denn schließlich hat man inzwischen eine emotionale Bindung zu ihm. Man erkennt, dass der Stab nicht nur Requisite, sondern ein integraler Bestandteil dessen ist, was den Schäfer zum Schäfer macht. Man gewinnt seinen knorrigen Holzstab so lieb, dass man ihn nach einiger Zeit als Phallussymbol akzeptiert, auch wenn man grundsätzlich gegen solche Zuschreibungen ist. Man denkt: Dieser Stab ist meine Männlichkeit. Ich bin der Stab.
So denkt man zumindest, wenn man so ist wie ich. Aber hoffen wir mal lieber, dass Sie nicht so sind wie ich, sonst wären Sie nämlich etwas dünn geraten. Und hätten eher flauschige Haare. Sie wären 25 und wüssten eigentlich nur eins: dass Sie einen singenden Schäfer aus Österreich kennen, der Hans Breuer heißt, und dass Sie über ihn schreiben wollen.
Meine erste Begegnung mit Hans fand im Juli 2000 in New York statt. Eine Freundin hatte mir per E-Mail eine Ankündigung des kleinen jiddischen Kulturzentrums Yugntruf weitergeleitet. Es ging um ein Konzert plus Diashow eines gewissen Hans Breuer an der New York University. Zu seiner Person war Folgendes zu lesen:
Hans Breuer ist ein regelrechter Ewiger Jude. Er hat keinen festen Wohnsitz und ist immer auf Wanderschaft. Er führt seine Schafe über Berge und durch Täler und singt ihnen überall - ja, wirklich überall - jiddische lidlech vor. Unterwegs macht er sich Gedanken zu Geschichte, Politik, Geographie und Geologie und erzählt den Schafen und jedem, der ein offenes Ohr hat, was er denkt. Zum Beispiel wie es ist, als Jude unter "unbewussten" Rassisten zu leben. Hans ist ein echter Peripatetiker, und ein großartiger Mensch dazu.
Da man nicht jeden Tag einem großartigen Peripatetiker über den Weg läuft, und schon gar nicht einem, der auch noch Lieder singt, Dias von seinen Schafen zeigt und Vorträge über Rassismus hält, mailte ich sofort zurück und sagte meiner Bekannten zu.
Wie sich herausstellte, handelte es sich bei dem Veranstaltungsort um einen Seminarraum an der NYU mit einer langen Schreibtafel und zirka fünfzig Tischen, von denen die Hälfte von Juden mittleren Alters besetzt waren. Zusammen mit meiner Bekannten setzte ich mich in die erste Reihe.Ich hatte mit einem älteren Mann gerechnet. Jemand mit Zahnlücken und gebeugtem Rücken von seiner jahrelangen schweren Arbeit. Als Hans mit etwas Verspätung auftauchte, waren sein Rücken straff und seine Zähne zwar etwas schief, aber offensichtlich alle noch vorhanden. Mit seinen 45 Jahren war er gut gebaut und kräftig, ohne schwerfällig zu wirken. Er trug eine schwarze Lederkappe, ein blassrosa T-Shirt, Sandalen mit Socken und auf der Nase eine sechseckige Brille. Seine Haare waren mattbraun, zerzaust und fast schulterlang. Buschige Koteletten umrahmten sein Gesicht, das mir entfernt semitisch vorkam, nur mit hohen Wangenknochen.
Sitemap: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20