"Natürlich stört das Leben ständig"

"Natürlich stört das Leben ständig"

Perspektiven auf Entwicklung und Erziehung

Herausgeber: Bartmann, Sylke, Lohfeld, Wiebke, Kirsch, Sandra u. a.
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"Natürlich stört das Leben ständig"

Aspekte von Entwicklung und Erziehung werden in diesem Band in der Bandbreite von der Jungenforschung, über Sozialisation und Entwicklung, Altersforschung, Moralforschung und Ethik bis hin zur Forschung im Bereich von Demokratie und Citizenship analysiert.
Mit Beiträgen von Wolfgang Althof, Hauke Brunkhorst, Micha Brumlik, Franz Hamburger, Klaus Kraimer, Stefan Müller-Doohm, Ulrich Oevermann, Fritz Oser, Uwe Raven, Mark Tappan


Produktinformation

  • Verlag: Vs Verlag
  • 2009
  • Ausstattung/Bilder: 2009. 185 S. m. 4 Abb.
  • Seitenzahl: 185
  • Best.Nr. des Verlages: 85038830
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm x 146mm x 14mm
  • Gewicht: 250g
  • ISBN-13: 9783531166094
  • ISBN-10: 3531166093
  • Best.Nr.: 26464794
Dr. Sylke Bartmann ist Professorin für Soziale Arbeit an der Fachhochschule Emden.

Dr. Axel Fehlhaber und Dr. Sandra Kirsch sind wissenschaftliche MitarbeiterInnen am Institut für Erziehungswissenschaft an der Johannes Gutenberg Universität Mainz. Dr. Wiebke Lohfeld vertritt derzeit eine Professur für Erziehungswissenschaft an der Johannes Gutenberg Universität Mainz.

Leseprobe zu ""Natürlich stört das Leben ständig""

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Leseprobe zu ""Natürlich stört das Leben ständig""

Das Darüberhinausgehende: Detlef Garz und die Idee der vertikalen Bildung (S. 117-118)

Fritz Oser

1 Drei Bücher


Drei Bücher von Detlef Garz habe ich mit mehr Vergnügen gelesen als seine anderen, nicht weil die anderen weniger wertvoll wären, sondern weil die drei einen narrativen Zug aufweisen, der mit Subtilität und Einfühlsamkeit daherkommt, einer Stille, die einem den Atem verschlägt, einer Empirie, die Inhalt vor Formalität stellt und existentiell werden lässt. Es sind dies die Schriften „Lawrence Kohlberg. Zur Einführung“ (1996), eine sorgfältig bearbeitete Biographie, dann „Moral, Erziehung und Gesellschaft“ (1998), und „Über den Mangel an Charakter des deutschen Volkes. Zu den autobiographischen Aufzeichnungen des jüdischen Arztes und Emigranten Dr. Julian Kretschmer aus Emden“ (mit Gesine Janssen, 2006). Da hier ein pädagogisches und allemal auf Entwicklung und Veränderung gerichtetes, also ein vertikales Anliegen sichtbar wird, stellt sich die Frage, wie Garz in der Vielfalt pädagogischer Strömungen ein Bild von Bildung und Sprache zeichnet, das tragfähig ist und mehr als akademischen Ehrgeiz darstellt. Es stellt sich die Frage, wie Bildung im traditionellen Gewand mit einer vertikalen Sicht von Entwicklung und Strukturtransformation sichtbar wird. Auch kann man erahnen, dass dieses Narrative und Interpretative nicht ohne Weiteres mit der vertikalen, strukturgenetischen Dimension vereinbar ist.

2 Bildung und ihre Abwertung

Zuerst zwei Gedanken zum Bildungsbegriff, der bei Garz von wo ganz anders als in der deutschen Tradition üblich herkommt. In diesen Bildungsbegriff ist in den letzten drei Jahrzehnten zu vieles hinein geflossen, und zu sehr ist der Begriff missbraucht oder doch funktionalisiert worden. Einerseits spricht man ja nicht mehr von Erziehungsministerien, sondern von Bildungsministerien, man spricht nicht mehr von Pädagogischer Psychologie, sondern von Bildungspsychologie, und die Lehrstühle, einstmals z.B. Ordinariat für Pädagogik, heissen jetzt Lehrstühle für Bildungsforschung. All das hat zur Verschleierung des Begriffs beige tragen, all das hat dem Begriff nicht gut getan.

Denn, was diese jeweilige Begriffskombination verbindet, ist eben gerade nicht Bildung. Die Erziehungsdirektoren und -direktorinnen (Minister und Ministerinnen) hätten besser der Bildung einen neuen Stellenwert gegeben, anstatt ihre Departemente mit Namensänderungen zu belasten. Denn das sind nur Retouchen, die nichts bewirken. Und die Vertreterinnen der Bildungspsychologie hätten lieber neue Forschung zur Frage dessen, was Bildung sein könnte und wie man z. B. wenig begabte Schüler und Schülerinnen dafür gewinnen könnte, statt Neues im alten Gewande zu verkaufen. Angesichts der Woge von Entwicklungseuphorie von Bildungsstandards, von auf Kernfächer reduzierter Bildung durch PISA und durch die zweifelsohne schwierige Ökonomisierung der Lebenswelt, ist Bildung beinahe in Vergessenheit geraten.

Viele Schriften deuten dies für die letzten zwanzig Jahre schon an, etwa „Hat Bildung noch Zukunft“ von Heipcke (1989), oder „Vorrang für Bildung“ der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft oder „Gefährdung der Bildung – Gefährdung des Menschen“ von Breinbauer und Langer (1988) sowie „Theorie der Unbildung“ von Liessmann (2006) und noch andere. 3 Thesen zu Humboldt Ich möchte mit einer Doppel-These einfahren und eine sicher unverständliche Behauptung aufstellen.

Sie lautet, dass die Schule zum beginnenden 21. Jahrhundert von der Bildung in einem Ausmaß und in einer Vielfältigkeit Abstand genommen hat, dass fast nicht mehr zu reparieren ist, es wird nicht mehr verstanden, was der Begriff im positiven Sinne eigentlich meinte. Die zweite These lautet, dass Bildung kein Produkt, sondern ein Prozess ist und als solcher unter den schlechtesten Bedingungen wahrgenommen werden kann.

Inhaltsangabe

Mit Beiträgen von Wolfgang Althof, Hauke Brunkhorst, Micha Brumlik, Franz Hamburger, Klaus Kraimer, Stefan Müller-Doohm, Ulrich Oevermann, Fritz Oser, Uwe Raven, Mark Tappan