Leseprobe zu "Leiten in Einrichtungen der Sozialen Arbeit"
2 Fallbeispiel: Erfolgreiche Leitung einer Einrichtung der Erziehungshilfe (S. 29-30)
2.1 Darstellung des Fallbeispiels
Als „Fallbeispiel“ wird nachfolgend die Leitungstätigkeit von Frau P. nachgezeichnet. Grundlage der Darstellung ist ein ungefähr zweistündiges leitfadengestütztes Interview mit Frau P., in dem sie über unterschiedliche Facetten ihrer Leitungstätigkeit in einer Einrichtung der Erziehungshilfe Auskunft gab und dabei ein Bild ihrer Auffassung erfolgreicher Leitungstätigkeit zeichnete. Im Folgenden wird – entsprechend der Intention, an einem Fallbeispiel die unterschiedlichen Dimensionen von „Leitungskompetenz“ zu erörtern – bewusst der Fokus auf die Person der Leiterin gerichtet. Die Hervorhebung des Leitungsverhaltens soll jedoch nicht den Eindruck hervorrufen, dies sei der alleinige Faktor für die erfolgreiche Entwicklung der Einrichtung. Leitungsverhalten und Leitungskompetenz sind ein zentraler Faktor, jedoch müssen auch weitere Konstellationen hinzukommen (z. B. günstige Entwicklungen im Umfeld der Einrichtung, Kontakte und Einbindung von Vorstandsmitgliedern in den kommunalpolitischen Bereich, Eingebundenheit von Vorstandsmitgliedern im regionalen Trägergefüge), damit Leitung so erfolgreich agieren kann wie in dem vorliegenden Fallbeispiel. Da dies in der Darstellung zwar durchscheint, aber möglicherweise bei der Lektüre nicht immer ausreichend präsent gehalten wird, sei an dieser Stelle auf diesen Sachverhalt hingewiesen.
Frau P. hat im Jahr 1990 ihre Tätigkeit in dem Heim der Erziehungshilfe, einer außerordentlich traditionsreichen Einrichtung am Ort, begonnen. Sie wurde eingestellt in der Funktion einer Erziehungsleiterin. Hierarchisch über ihr standen der Heimleiter und der stellvertretende Heimleiter. Auch wenn ihre Position als Erziehungsleiterin etikettiert war, so war doch der Leitungsgehalt, der mit der Position verbunden war, nicht ganz deutlich: Es dominierte die fachliche Beratungsfunktion, während eine „Leitung“ im Sinne einer formalen Machtausstattung nicht deutlich konturiert war. Im Jahr 1990 bestand die Einrichtung aus fünf stationären Gruppen (drei Gruppen im „Stammhaus“ und zwei Außenwohngruppen), einer Jugendschutzstelle (Inobhutnahme) und zwei Tagesgruppen. In dieser Leistungsstruktur befand sich die Einrichtung auch im Jahr 1991, als Frau P. die Leitung übernahm. Im Jahr 2008, also nach 17-jähriger Leitungstätigkeit von Frau P., hat sich die Zahl der Mitarbeiter von ca. 60 im Jahr 1991 auf nunmehr 143 Mitarbeiter erweitert. Hinzu kommen zehn Familien, in denen mindestens ein Familienmitglied über eine pädagogische Ausbildung verfügt und die in Anbindung an die Einrichtung (Honorartätigkeit) Kinder betreuen – sogenannte „Erziehungsstellen“ mit insgesamt 22 Plätzen. Die Einrichtung hat sich ausdifferenziert in mittlerweile 17 Organisationseinheiten in verschiedenen Bereichen der Erziehungshilfe:
- ,im Bereich der Krisenintervention und der niedrigschwelligen Hilfen: koedukative Jugendschutzstelle (Aufnahme von Kindern und Jugendlichen im Rahmen der Inobhutnahme), Mädchenschutzstelle, Notschlafstelle (für obdachlose Jugendliche),
- ,sozialpädagogische Wohngruppen im Bereich der Heimerziehung: stationäre Regelgruppen und stationäre Intensivgruppen (mit einer im Vergleich zu Regelgruppen geringeren Platzzahl und einem dadurch verbesserten Personalschlüssel) – Mädchengruppe, Jungengruppe, speziell für psychisch kranke Jugendliche ausgerichtetes Angebot, Angebot für als besonders schwierig geltende Kinder und Jugendliche,
- ,Angebote im Bereich der ambulanten Erziehungshilfen: ambulante Hilfezentren, von denen die ambulante Erziehungshilfe in zwei Stadtteilen übernommen wird,
- ,sozialpädagogische Betreuung von einzelnen Jugendlichen: betreutes Wohnen und mobile Betreuung,
- ,sozialpädagogische Angebote im Rahmen der offenen Ganztagsschule an zwei Förderschulen,
- ,Angebot im Auftrag des Jugendamtes: Bereitschaftsdienst außerhalb der Öffnungszeiten des Jugendamtes.
Die Leiterin hat in den 17 Jahren ihrer Tätigkeit die Einrichtung umfassend modernisiert und den Umfang der Tätigkeit ausgeweitet.
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