Das deutsche Bildungswesen befindet sich derzeit in einem gewaltigen Umbruch - weg von den Lehrplänen mit ihren primären Vorgaben über unterrichtliche Inhalte und hin zu den Bildungsstandards. Zukünftig geht es darum, was Lernende zu bestimmten Zeitpunkten ihres schulischen Bildungsgangs können sollen. Diese Schülerleistungen sind Erwartungen an eine Befähigung und werden als Kompetenzen bezeichnet. Stand einst noch der zu vermittelnde Inhalt im Vordergrund, gilt nunmehr das Augenmerk dem Lernen aus der Sicht des Schülers. Damit einher geht ein Umdenken in der Lernkultur. Der Gymnasiallehrer und Mitherausgeber des kompetenzorientierten Unterrichtswerks "Mittendrin - Lernlandschaften Religion" geht in diesem Buch der Frage nach, was kompetenzorientierter Unterricht bedeutet und wie dieser in der Praxis gelingen kann. Dabei unterstreicht er, dass Kompetenzen an Inhalten erworben werden. Beim im Buch vorgestellten fachdidaktischen Kompetenzmodell des katholischen Religionsunterrichts geht es um die Befähigung von Schülern, religiöse Phänomene wahrzunehmen, religiöse Texte zu verstehen, religiöse Sprache zu verstehen und anzuwenden, in religiösen Fragen begründet zu urteilen, sich über religiöse Fragen und Überzeugungen zu verständigen, aus religiöser Motivation zu handeln und letztlich religiöses Wissen darzustellen. Schließlich geht es um die Vernetzung von Lernanlässen, Lern- und Sozialformen und geeignete Methoden, denen ein selbstorganisiertes als auch begleitendes Lernen zugrunde liegt. Dabei gilt es, Räume und Möglichkeiten zu schaffen, die den Lernenden eigene Wege des Fähigkeitserwerbs ermöglichen, unterstützt durch eine Kultur der Wertschätzung in Form von Feedback, Evaluation und einer transparenten Leistungsmessung. In einem umfassenden Praxisteil werden 24 modellhafte Lernsequenzen für die Sekundarstufen I und II vorgestellt. Beispielsweise geht es beim Modell "Heilige Räume - Kirchenerkundung" der Jahrgangsstufen 5/6 hinsichtlich des Kompetenzerwerbs u.a. um die Befähigung zur Wahrnehmung und Reflexion religiöser Ausdrucksformen in ihrer ästhetischen Qualität. Das Lernen wird hierbei als außerschulisches Lernen arrangiert, bei dem das Kirchengebäude als Lerngegenstand im Mittelpunkt steht. Der Lernweg (Lernprozess) beginnt mit Beobachtungsaufträgen, die in Kleingruppen unter dem Motto "Ich sehe was, was du nicht siehst" erarbeitet werden. Als weitere vertiefende Lernoption könnte sich ein virtueller Rundgang lernförderlich anbieten. Das Modell "Biblische Motive in der Werbung" der Jahrgangsstufe 11/12 knüpft an der Lebenswelt der Lernenden an, indem diese zu Experten im Umgang mit ihren medialen Welten werden. Dabei geht es um die Aktualisierung der bibelpropädeutischen Kenntnisse und die Auseinandersetzung mit biblischen Bezügen im Hinblick auf die gegenwärtige Verwendung im Medienzeitalter. 49 Abschließend bleibt anzumerken, dass dieses Werk ein Vorreiter in Sachen kompetenzorientierter Religionsunterricht ist und einen festen Platz im didaktischen Bücherschuber von Referendaren und Religionslehrern haben sollte. Dringend anzuschaffen! Manfred Bauer
Dr. Wolfgang Michalke-Leicht, geboren 1960, war bis 2009 Gymnasialreferent am Institut für Religionspädagogik (IRP) der Erzdiözese Freiburg. Er unterrichtet an einem Freiburger Gymnasium und hat die Entwicklung der Bildungsstandards in Baden-Württemberg mit vorbereitet und begleitet.