Interpretation und Dekonstruktion - Angehrn, Emil

Emil Angehrn 

Interpretation und Dekonstruktion

Untersuchungen zur Hermeneutik

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Interpretation und Dekonstruktion

In den letzten drei Jahrzehnten haben sich in der Philosophie zwei Richtungen entwickelt, die sich teils als Weiterentwicklung, teils als Gegenposition zur Hermeneutik verstehen: Interpretation und Dekonstruktion. Trotz ihrer unterschiedlichen Zugänge zum Phänomen des Sinns stehen sie gemeinsam dafür ein, daß sich menschliches Leben wesentlich im Sprechen und Verstehen vollzieht. Emil Angehrn kommt im Verlauf seiner leicht faßlichen Untersuchung zu dem Schluß, daß alle drei Richtungen die verschiedenen Aspekte des Sinnprozesses nur unterschiedlich akzentuieren, und plädiert deshalb dafür, alle drei Theoriekontexte in einen erweiterten Begriff von Hermeneutik aufzunehmen.

Philosophie ist die Kunst, das Selbstverständliche nicht selbstverständlich zu finden. Sie fragt danach, wie etwas möglich ist, wieso etwas so ist, wie es ist. Zu dem, was sich nicht von selbst versteht, gehört in eminenter Weise das Verstehen selbst. Ob wir verstehen, was ein anderer sagt oder was ein Symbol bedeutet, hängt von äußeren Bedingungen und Zufällen ab; nicht erst in der Begegnung mit fremden Kulturen oder bei der Lektüre alter Dokumente werden wir der Grenzen und Voraussetzungen gelingender Verständigung gewahr. Verstehen kennzeichnet die menschliche Existenz in ihrer Größe und ihrer Endlichkeit. Es ist dem Menschen wesentlich, zu seinem Leben, zu anderen Menschen und zu seiner Welt in ein verstehendes Verhältnis zu treten, Bilder von sich und seiner Welt zu entwerfen; was er ist und was ihn umgibt, steht ihm offen, ist seinem Begreifen und Deuten erschließbar. Gleichzeitig ist sein Verständnis in vielerlei Hinsicht beschränkt, dem Mißverständnis ausgesetzt, von Nichtverstehen bedroht. Er bedarf der Übersetzung und erklärenden Auslegung, um den Sinn einer Geschichte, eines Kunstwerks oder einer Geste zu erfassen. Im Alltag wie in der Wissenschaft sind wir mit vielfältigen Hindernissen und Problemen des Verstehens konfrontiert.

Hermeneutik ist die Disziplin, die sich mit den Bedingungen und Formen menschlichen Verstehens befaßt. Entstanden als Kunst der Textauslegung, ist sie zur allgemeinen Reflexion über das Verstehen und den verstehenden Welt- und Selbstbezug des Menschen geworden. Indem sie das Verstehen als Grundbedingung menschlicher Existenz befragt, situiert sie sich im Gegenwartsdiskurs der Philosophie, artikuliert sie selbst ein bestimmtes Verständnis des Menschen und seiner Welt.

Die Frage nach dem Verstehen enthält eine zweifache Stoßrichtung. Sie betrifft zum einen die interne Auseinandersetzung um Weisen, Möglichkeiten und Grenzen unseres Umgangs mit Sinn. Wie Verstehen zustandekommt, auf welchen Wegen es sich vollzieht, unter welchen Bedingungen es gelingt oder scheitert, sind Fragen, zu denen die Hermeneutik die unterschiedlichsten Antworten ausgearbeitet hat. Es sind Fragen, die in den letzten Jahrzehnten kontrovers diskutiert worden sind, wobei neuere Ansätze kritische Gegenpositionen zu traditionellen Sichtweisen entwickelt haben. Interpretation und Dekonstruktion sind Stichworte, unter denen diese Auseinandersetzung mit und in der Hermeneutik geführt worden ist. Wodurch sich die unterschiedlichen Ansätze auszeichnen, wie tief die Differenz zwischen ihnen ist und wie weit ihre Gemeinsamkeit reicht, gehört zu den Fragen einer Selbstverständigung hermeneutischen Denkens in der Gegenwart.

Die andere, grundlegendere Weichenstellung betrifft die Bedeutung des Verstehensproblems als solchen. Daß die Frage nach dem Verstehen für den Menschen zentral sei, ist seinerseits keine selbstverständliche Prämisse heutigen Denkens. Das Beharren auf dem Interesse des Verstehens, welches Hermeneutik, Interpretationsphilosophie und Dekonstruktion teilen, widersetzt sich jenen Visionen, die den Menschen als Maschine, die Kommunikation als Datentransfer und das Verstehen als Informationsverarbeitung betrachten. Wissenschaftlich-technische Utopien entwerfen das Bild eines Menschen, für den das 'Problem' des Verstehens - das Ringen um Verständnis und das Kämpfen gegen Mißverständnisse - obsolet geworden ist: das Bild eines naturalisierten Geistes und einer perfektionierten 'Kommunikation', die ohne Übersetzung und Interpretation auskommt und angesichts deren menschliches Sprechen und Verstehen als defizitärer Notbehelf erscheinen. Überwunden werden die Aporien des Verstehens, indem dieses selbst, in seiner Macht wie seiner Gebrochenheit, unterlaufen wird. Gegen solche Visionen an den offenen Fragen des Verstehens festzuhalten heißt an einem Begriff des Menschen festzuhalten, für welchen endliche Verständigung ebenso unhintergehbar wie unverzichtbar ist.

Hermeneutische, interpretative und dekonstruktive Ansätze stehen gemeinsam dafür ein, daß sich menschliches Leben wesentlich im Sprechen und Verstehen vollzieht, und repräsentieren Modalitäten, sich an der Endlichkeit menschlicher Sinnverhältnisse abzuarbeiten. Die Gemeinsamkeit ihres Anliegens bildet den Rahmen, innerhalb dessen die Differenzen zwischen ihnen ihr Profil gewinnen und ausgetragen werden. Was in der Auseinandersetzung zwischen ihnen zur Diskussion steht und was im Ganzen des Verstehens auf dem Spiel steht, ist nicht voneinander zu trennen.


Produktinformation

  • Verlag: Velbrück
  • 2004
  • 2. Aufl.
  • Ausstattung/Bilder: 354 S.
  • Seitenzahl: 354
  • Velbrück Wissenschaft
  • Deutsch
  • Abmessung: 226mm x 144mm x 29mm
  • Gewicht: 530g
  • ISBN-13: 9783934730687
  • ISBN-10: 393473068X
  • Best.Nr.: 11378884
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 07.11.2003

Fröhlich saust die Abrißbirne
Emil Angehrn führt durch die Gebäude der Dekonstruktionen

"Im Auslegen seid frisch munter!" Kaum eine andere Maxime ist wohl stets so lebhaft befolgt worden wie diese. Und sie wird auch weiterhin befolgt. Sie gibt - tenorgetreu - zugleich den Titel ab für die endlose Geschichte, die üblicherweise den Namen Hermeneutik trägt. Munterer als die Hermeneutiker treiben es nur noch die Dekonstruktivisten. Die belassen keinen Text wie er war oder zu sein vorgab. Hier wird die Munterkeit mitunter zum frivolen Spiel mit allem, was geschrieben steht. Nichts ist den Dekonstruktivisten heilig. Außer lesen und sehen, was sich mit dem Gelesenen anstellen läßt. Und dies, obwohl doch schon das blanke Lesen das Unangenehme hat, "daß man gewissermaßen genötigt wird, an das zu denken, was man liest". So E. T. A. Hoffmann.

Diese Zumutung aber wird von den Dekonstruktivisten ganz mühelos überboten. Es genügt ihnen eben keineswegs, lediglich schon Vorformuliertes einfach zu lesen. Sie verlangen - und leisten - mehr. Wenn schon nicht das Aufstellen ganzer Heere, so doch einiger Truppen, notfalls auch Trüppchen neuer …

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Allerhand Unausgesprochenes fand Michael Hofer in Emil Angehrns bislang letzter Station einer Rekonstruktion der Denkgeschichte, an der der Autor mit der Hermeneutik die Philosophie der Gegenwart erreicht hat. Wie sich Hofer zu erklären bemüht, vergleicht Angehrn drei hermeneutische Positionen: die eher "rezeptiv" angelegte Hermeneutik Gadamers, die "konstruktive" Interpretationsphilosophie der Gegenwart und schließlich die Dekonstruktion, die "die Momente der Rezeption und der Produktion voraussetzt, zusammenführt und um das Moment der 'kritischen Destruktion' erweitert", berichtet der Rezensent. Diese Positionen verschränke er zur "'dialektischen Sequenz' von Vernehmen, Konstruieren und Auflösen". Dabei scheint Angehrn jedoch seinen eigenen Standpunkt unausgesprochen zu verschieben, kritisiert Hofer im Anschluss an Albrecht Wehler, indem er von einem "hermeneutischen Intentionalismus" ausgehe, der Sinn als etwas in den Texten gleichsam Vorhandenes, vom Autor Hineingelegtes, fasst und damit noch hinter Gadamer zurückfällt, und am Ende bei einer "dekonstruktiven Hermeneutik" lande, die den Fokus gerade auf das nicht Intendierte legt. Zudem sieht Hofer die wesentliche Frage nach der "Möglichkeit des Selbstverstehens" nicht ausreichend verfolgt, gibt sich aber optimistisch, dass Angehrn seine Denkgeschichte fortschreibt und dabei auch diese Problematik besser in den Blick bekommt.

© Perlentaucher Medien GmbH
Emil Angehrn, geboren 1946, studierte Philosophie, Soziologie und Volkswirtschaftslehre in Löwen und Heidelberg. 1989 wurde er Professor für Philosophie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main, seit 1991 lehrt er Philosophie an der Universität Basel.

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