Die Diskontinuität des sozialen Wandels moderner Gesellschaften war
selten sichtbarer als gegenwärtig. Die historisch-soziologische
Analyse beantwortet die Fragen, wie sich die Einbrüche auf dem Pfad
des "Fortschritts" erklären lassen und was das Spektrum
von Krisenlösungen zwischen Totalitarismus und demokratischer
Kultur begrenzt. In dieser überarbeiteten Neuauflage erweitert Kurt
Imhof die Grundlegung einer Theorie der Öffentlichkeit und
politischer Entscheidungsprozesse, indem er Veränderungen
öffentlicher Kommunikation herausarbeitet.
Theorie und Gesellschaft - Überarbeitete Neuauflagen
Die Diskontinuität des sozialen Wandels moderner Gesellschaften war
selten sichtbarer als gegenwärtig. Die historisch-soziologische
Analyse beantwortet die Fragen, wie sich die Einbrüche auf dem Pfad
des "Fortschritts" erklären lassen und was das Spektrum
von Krisenlösungen zwischen Totalitarismus und demokratischer
Kultur begrenzt. In dieser überarbeiteten Neuauflage erweitert Kurt
Imhof die Grundlegung einer Theorie der Öffentlichkeit und
politischer Entscheidungsprozesse, indem er Veränderungen
öffentlicher Kommunikation herausarbeitet.
Kurt Imhof, geboren 1956, ist Professor für Publizistikwissenschaft und Soziologie an der Universität Zürich. Er ist Leiter des Forschungs bereichs Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög).
Leseprobe zu "Diskontinuität der Moderne"
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Leseprobe zu "Diskontinuität der Moderne" von Kurt Imhof
Dieses Buch ist motiviert durch eine doppelte Lücke im Diskurs der Moderne. Erstens handelt es sich um den kurzen Zeithorizont der Erklärungskraft der meisten neueren Gesellschaftsbegriffe, die seit den achtziger Jahren in der scientific community und in der politischen Öffentlichkeit kursieren. Die schnelle Verabschiedung der Moderne im Zuge postmoderner End- und Neuzeithypothesen und der beeindruckende Erfolg einer neoliberalen politischen Programmatik, die ein radikales Neuarrangement von Politik und Wirtschaft einfordert, hat diese Verkürzung des Erfahrungsraumes zugunsten eines spekulativ aufgerissenen Erwartungshorizontes in Politik und Sozialtheorie befördert. Der Preis hierfür ist die zweite - und mit der ersten korrespondierende - Lücke im Diskurs der Moderne: die, gemessen am heuristischen Gehalt der gesellschaftstheoretischen Klassiker, geschwundene Fähigkeit, den sozialen Wandel in dieser ›Gesellschaftsformation‹ zu begreifen. Dem spekulativen Erwartungshorizont der politischen wie der gesellschaftstheoretischen Debatten des ausgehenden 20. Jahrhunderts entging die Einsicht in die grundsätzliche Diskontinuität dieser Moderne. Im Licht dieser Einsicht entpuppen sich die aufgeregten Theorie- und Politikdebatten als Regularität, die Perioden von Orientierungskrisen regelmäßig charakterisieren. Diese Regularitäten sind theoriefähig. In ihren Krisenphasen ist die Moderne immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen, in ihnen bilden sich neue Gesellschaftsmodelle heraus, in ihnen feiert der Diskurs der Moderne immer wieder Renaissance, in ihnen entscheidet sich auch immer wieder neu die Fortsetzung des Projekts der Moderne zwischen Zivilität und Barbarei. Diese Diskontinuität lässt sich mit der grundsätzlichen Orientierungsbedürftigkeit des dezentrierten modernen Weltbildes begründen.
Zu diesem Zweck beschäftigte ich mich in diesem Buch mit der wieder erstarkten Debatte über die Genese der Moderne sowie der Rolle von Vernunft und Aufklärung. Damit spreche ich Auseinandersetzungen in der Kulturgeschichte und der Sozialtheorie an. Hierzu ist es notwendig, im ersten Kapitel "Entzauberung" an Max Webers Rationalisierungstheorie anzusetzen, um die Dezentrierung des modernen Weltbildes und die Abhängigkeit der Moderne von Erwartungssicherheit aufzuzeigen. Von besonderem Interesse sind dabei die Rationalisierungsprozesse unterschiedlicher Hochkulturen in ihren kognitiven, ethischen und expressiv-künstlerischen Dimensionen, weil sich diese Rationalisierungsprozesse im Okzident wechselseitig vorangetrieben haben. In gesellschaftstheoretischer Hinsicht führt dies zur Bestimmung der Handlungsbereiche und der Funktionen von Wissenschaft (kognitiver Weltbezug), Religion (moralisch-normativer Weltbezug) und Kunst (expressiver Weltbezug). In lebenswelttheoretischer Hinsicht lassen sich die Bedeutung und die Funktionen von ideologischen Leitideen und politischen Differenzsemantiken aufzeigen und in handlungstheoretischer Hinsicht gelang es, mit den Kategorien ›Kreativität‹ und ›Unsicherheit‹ das "kommunikative Handeln" auf Situationen zurückzuführen, in denen die Akteure nicht anders handeln können, weil sie orientierungslos sind und nur den einzigen Zweck verfolgen, Orientierung wieder zu erlangen.
Daran anschließend folgt im zweiten Kapitel "Transformation" die Sattelzeitdebatte. Hier gilt es in Auseinandersetzung mit Webers Protestantismusthese und der Historiographie der Frühmoderne zu zeigen, dass der Durchbruch zur Moderne erstens die sozialökonomischen Entwicklungsdynamiken und die Konfliktstrukturen der frühen Neuzeit zu beachten hat und zweitens, dass er sich bei weitem nicht nur auf die protestantische Gesinnungsethik beschränkt, sondern dass neben der religiösen Entwicklung auch die Entfaltung der frühmodernen Wissenschaft (und ihre Verbindung mit der Technik) sowie die Dynamik der Kunst berücksichtigt werden müssen, um Aufklärung, Revolution und industriellen ›take off‹ zu verstehen. Die Aufklärung entwickelte mit ihrem Öffentlichkeitsverständnis gleichzeitig die Basisnormen der Moderne und durch sie wurde die moderne Kultur durch eine Fortschrittsorientierung geprägt, in der ›Schicksal‹ und ›Fügung‹ als Erklärung für den kollektiven Lauf der Dinge keinen Platz mehr haben. Allerdings muss die Last dieser Säkularisierung vor allem die öffentliche Kommunikation tragen. In ihr und durch sie steigert sich die Komplexität in einer Welt, in der nun alle wesentlichen Kontingenzen erklärt und die Zukunft vorentworfen werden muss, um Erwartungssicherheit zu gewährleisten.
Das abschließende dritte Kapitel "Moderne: Öffentlichkeit und sozialer Wandel" fasst die Ergebnisse im Hinblick auf die sozialtheoretischen Konsequenzen für eine Theorie sozialen Wandels der modernen Gesellschaft zusammen.
Leseprobe zu "Diskontinuität der Moderne" von Kurt Imhof
2 Transformation (S. 109-110)
Hier wird das moderne Weltbild über seine sozialgeschichtlichen Bestimmungsfaktoren soweit konkretisiert, dass die Entwicklungs- und Fortschrittserwartung der Moderne mitsamt ihrer Angewiesenheit auf weltanschauliche Stabilisierung dargestellt werden kann. Dies führt die Argumentation in die Übergangsperiode von traditionalen zu modernen Gesellschaften und damit hinein in eine Schwellenzeit-Diskussion, in der die Weberschen Protestantismusaufsätze sowohl in der Soziologie als auch in der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte eine zentrale Rolle spielen. Zusätzlich sind die Aufsätze von großer Bedeutung innerhalb des Weberschen Gesamtwerks und von außerordentlicher Wichtigkeit für die Entwicklung der Sozialtheorie überhaupt: Während die Erstarrungsthese in Gestalt einer vereinseitigten »instrumentellen Vernunft« das Grundaxiom der Frankfurter Schule darstellt, ist der Webersche Rationalisierungsbegriff – maßgeblich über seine Rezeption durch Talcott Parsons – neben den dazu in Bezug gesetzten Termini der Individualisierung, der funktionalen Differenzierung und der Universalisierung zum Entwicklungsaxiom moderner Gesellschaften in der soziologischen Makrotheorie geworden. Hier wie dort haben wir es mit einer Perspektive zu tun, die die Sozialtheorie auf eine evolutionstheoretische Basis stellt, diese dadurch dem Entwicklungs- und Fortschrittsdiktum der Aufklärungsphilosophie unterwirft und die Fragilität und Innovativität der Moderne verfehlt. In der Geschichte der Sozialtheorie hat sich diese Entwicklungsaxiomatik verdinglicht. Während unsere Klassiker im Spannungsfeld von Struktur und Kultur, Basis und Überbau, Materia lismus und Idealismus, Handlungs- und Strukturtheorie noch schwankend um die Begründung dieser später ›systemtheoretischen‹ und funktionalistischen Entwicklungsaxiome rangen, und dies in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellten, verschoben sich maßgeblich im Kontext der Modernisierungstheorie die Gewichte: In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verwandelte sich die zur Gänze bereits bei den Klassikern angelegte Entwicklungsaxiomatik der Makrotheorie zu vortheoretischen Konstruktionsprinzipien weitgehend außerhalb des Diskurshorizontes der jeweiligen Schulen.
Die an der Schwelle zur Moderne angelegte geschichtsphilosophische Forschrittsorientierung, die bereits die Sozialtheorie des 19. Jahrhunderts einfärbte, aber noch in der Zwischenkriegszeit Begrifflichkeiten und Sensibilitäten für kontingente Zäsuren behielt, verdinglichte sich vorab im zeitgenössischen Horizont des Ost-West-Dualismus, der die ganze Welt in zwei Entwicklungsmodelle unterteilte. Insbesondere in den westlichen Zentrumsnationen wähnte man sich auf der Basis eines weitgehend konsensuellen sozialmarktwirtschaftlichen Gesellschaftsmodells im Stadium eines sozialtechnologisch-keynesianischen ›fine tuning‹ sozialen Wandels. Dieser Pfad sollte auch den ›Entwicklungsländern‹ vermittelt werden. Dieser Kontext begünstigte den selektiven Anschluss an die Klassiker, die Sozialwissenschaft als Aufklärungswissenschaft betrieben und damit die Fortschrittsorientierung der Aufklärung auf die eine oder andere Weise fortschrieben.
Inhaltsangabe
- Inhalt
- Vorwort 7
- Einleitung 10
Kapitel 1 Entzauberung 135
1.1 Mythos und Magie 26
1.2 Ethische Rationalisierung 36
1.3 Kognitive Rationalisierung 42
1.4 Expressive Rationalisierung 57
1.5 Resümee I: Entzauberung und Sozialtheorie 65
1.5.1 Gesellschaftstheoretischer Ertrag: Eigenlogische Sphären Wissenschaft, Religion und Kunst 70
1.5.2 Lebenswelttheoretischer Ertrag: Weltbezüge, Reflexivität, Unsicherheit und Verdinglichung 72
1.5.3 Handlungstheoretischer Ertrag: Unsicherheit und Kreativität 88
Kapitel 2 Transformation 107
2.1 Frühmoderne 120
2.2 Entwicklungsdivergenzen und -konvergenzen 128
2.2.1 Entwicklungsdivergenzen und Gesellschaftsmodelle 129
2.2.2 Entwicklungskonvergenzen und Revolution 150
2.3 Resümee II: Fragilität und Innovativität der Moderne 160
2.3.1 Öffentlichkeit als Bedingung der Vernunft 163
2.3.2 Dynamisierung der Zeit 173
Kapitel 3 Moderne: Öffentlichkeit und sozialer Wandel 185
3.1 Brüche sozialtheoretischer Reflexion über Öffentlichkeit und sozialen Wandel 191
3.2 Öffentlichkeit als Zugangsportal zur modernen Gesellschaft 201
3.2.1 Verknüpfung von Gesellschafts- und Handlungstheorie 201
3.2.2 Entdeckungs- und Orientierungszusammenhang 203
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