Seit zwanzig Jahren besteht in Bolivien die vom Autoren gegründete
Wohngemeinschaft ?Tres Soles?; für sozial benachteiligte Kinder und
Jugendliche. Dieses Buch versucht, an-hand von Einzelschicksalen
und Anekdoten ?manche spannender als Romanstorys? ihre
Entstehungsgeschichte darzustellen. Ebenso spannend ist ohne
Zweifel die geschilderte Suche nach neuen, erzieherischen Wegen, in
einem Land, wo nach jahrhundertalter Unter-drückung durch die
spanischen Kolonialherren und langen Militärdiktaturen noch immer
äußerst autoritäre Gesellschaftsstrukturen herrschen, sowohl in den
Familien, in den Schu-len als auch in den Firmen. Außerdem ist von
der weißen Minderheit ein Apartheid-Staat geschaffen worden, der
die großen indianischen Mehrheiten praktisch von allen
Entschei-dungen ausgeschlossen hat und der erst vor Kurzem durch
die Wahl des ersten indigenen Präsidenten, Evo Morales, in Frage
gestellt worden ist. Man kann sich natürlich vorstellen, dass diese
Suche in einem solchen Umfeld sehr schwierig ist und auf viele,
teilweise heftige Widerstände stößt. Auch ist die Verführung groß,
wieder in - diesmal moderne-kolonialistische oder übermäßig
traditionelle Verhaltensweisen der Urbevölkerung zu ver-fallen. Das
Resultat ist ein faszinierende, manchmal auch heikle Mischung aus
indianischen Gemeinschafts- und Selbstverwaltungsmustern und
westlichen Erziehungsmethoden, vor allem Spiel und Theater, mit
denen versucht wird, den Kindern und Jugendlichen ein neues
Bewusstsein und ein kritisches Denkvermögen zu ermöglichen. Auf
alle Fälle ist die Arbeit mit solchen Jugendlichen immer
problematisch, und so manch einer kommt mit einem blauen Auge
davon, nicht nur im körperlichen Sinn; aber das mag der Leser bei
der Lektüre selbst erfahren.
Stefan Gurtner, geboren 1962 in Bern. Arbeitete als Wohnausstatter, Schiffsjunge, Gartenbauer und Hotelangestellter, begann sich aber früh für Literatur und die Probleme der "Dritten Welt" zu interessieren. Mitarbeit bei Amnesty International, lebt seit 1987 in Bolivien. Mitbegründer der Kinder- und Jugendwohngemeinschaft "Tres Soles" ("Drei Sonnen"). Sie verfolgt den Zweck, sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche aufzunehmen, sie mittels alternativer Bildungsaktivitäten von ihren Problemen abzubringen und ihnen eine Berufsausbildung zu ermöglichen. Aus ihr ging die Theatergemeinschaft "Ojo Morado" hervor. Gemeinsam schreiben sie sozialkritische Stücke, die viel Aufsehen sowohl in Bolivien als auch im Ausland erregt haben. Während die bolivianische Regierung mit massiven Anfeindungen gegen Stefan Gurtner reagierte, erhielt der Schauspieler und Theaterregisseur national und international große Anerkennung. Mehrere Theaterstücke wurden bereits unter dem Namen der Gruppe auf Spanisch veröffentlicht. 1996 erhielt er eine Auszeichnung für seine geleistete Theaterarbeit mit schwer erziehbaren Jugendlichen durch die Vereinigung Bolivianischer Theaterregisseure. Stefan Gurtner ist Mitglied und Schatzmeister bei PEN-Bolivien.
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