Leseprobe zu "Der andere Jakobsweg" von Peter Westrup
Allein über die Causse de Gramat (S. 55-56)
Donnerstag, der 27. Juni, von Figeac nach Cajarc,
31,5 Kilometer, gesamt 288,1 km
12. Wandertag
Am Morgen Abschied ohne Gruß. George murmelt noch etwas wie „Gute Reise, und Dank für alles“, mir ist der Hals wie zugeschnürt. Ich bringe kein Wort heraus. Ich habe einen Freund verloren. 800 Kilometer sind wir gemeinsam durch Spanien gewandert, durch Hitze, Kälte, Regen. Freude, Leid und Entbehrungen haben wir geteilt, haben beide geweint in der Kathedrale von Santiago unter dem riesigen Botafumeiro, der gewaltig durch das Kirchenschiff schwang, haben vor zehn Tagen noch Lieder gesungen auf der einsamen Höhe des Aubrac, und nun dieser Abschied. Ich fühle mich verraten, verlassen, allein gelassen. Einen Freund verloren, nur weil andere schneller waren, jünger, oberflächlicher. Ich verstehe es nicht. Bedrückt schleiche ich mich aus dem stillen Hotel in die Morgennebel des Flußtals.
Wir sollten uns bald wieder vertragen. Es war eine Mißstimmung nur, ein paar Tage Mißklang in einer dreißigjährigen Harmonie, die nicht lange währte. Zurück in Deutschland verzieh ich ihm alles und er ist nicht nachtragend. Nun sind wir wieder gute Freunde. Aber gewandert sind wir seither nicht mehr zusammen. Damals ist etwas zerbrochen, unsere Wege gehen seitdem auseinander. Er geht mit seinen Wanderfreunden „Strecke machen“, das Ziel so schnell wie möglich und auf direktem Wege zu erreichen, ich gehe den kontemplativen Weg, für mich ist der Weg das Ziel oder wie Bagwan, mein großer Lehrer sagte:
„Mein Weg, der Weg der Weißen Wolke.“ George ist ein Marschierer geworden, ich ein Pilger. Und Pilgern muß man allein. Traurig und in mich versunken, laufe ich längs des Célé durch die Morgennebel aus der großen Stadt heraus und erklimme die Hochfläche, wo mich wieder die Sonne empfängt. Ich bin jetzt auf der Causse de Gramat, einem weiten ebenen Kalksteinplateau, trocken, von wasserlosen kleinen Tälern durchzogen, schüttere dünne Eichenwäldchen, die keinen rechten Schatten geben, schon morgens eine glühende Sonne, 35 Grad. Rechts und links des Weges die kleinen Mäuerchen aus aufgeschichteten weißen Kalksteinen, die alte Straße zeichnet sich wieder ab. Die letzten Tage war sie unter den Asphaltstraßen zugedeckt.
Es regnet nicht viel in dieser Gegend. Der poröse weiche Kalk vermag das Wasser nicht zu halten, es versickert in Spalten und unterirdischen Höhlen. Endlos weit geht der Blick unter dem stahlblauen Himmel. Heute treffe ich wohl keine Menschen. Selten kreuzt der Weg eine Straße. Die einzeln stehenden Bauerngehöfte gleichen Festungen. Von dicken mannshohen Mauern umgeben, die Wände fensterlos nach außen, abgesperrt mit kräftigen hölzernen Toren. In einer Ecke ein quadratischer oder runder Festungsturm mit gotischem Spitzdach, ebenfalls fensterlos, dem Donjon einer Burg gleichend.
Auch hier die letzte Zuflucht der Bewohner vor den Feinden. Es war eine gefährliche Zeit im Mittelalter, hier war immer Krieg, Franzosen gegen Engländer, Franzosen gegen Spanier, Franzosen gegen Franzosen, marodierende Räuberbanden, der Schutz einer Burg oder einer befestigten Stadt war weit weg. Sie heißen Mas de Boreis, Mas Daynac, Mas-de-Pech. Die wenigen Örtchen sind eine lose Ansammlung von Häusern längs der Straße, ohne Reihe und Ordnung, die Dächer nun rot gedeckt mit den Ziegeln des Südens: Mönch und Nonne, zwei oben, eine unten, die alte römische Deckung des Mittelmeeres.
Sitemap: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20