Leseprobe zu "Aufklärung 2.0" von Manfred Spitzer
11 Fettnäpfchen und weiße Bären (S. 102-103)
„Wenn etwas schief gehen kann, dann wird es auch schief gehen!" – So lautet das nach dem USamerikanischen Ingenieur Edward Murphy benannte Gesetz (Murphy’s law). Hierzulande spricht man davon, dass man ins Fettnäpfchen tritt, also etwas tut, was man eigentlich nicht will und noch dazu ganz gezielt: das Näpfchen (es ist kein „Napf "!) ist klein, und eigentlich würde man gar nicht hineintreten, sondern es verfehlen. Aber zuweilen machen wir eben nicht nur einfach Fehler, nein, wir machen genau das, was wir nicht wollen und aktiv zu vermeiden suchen. Jetzt bitte nicht an grüne Elefanten denken! – Wenn Sie versuchen, dieses Denkverbot zu befolgen, wissen Sie, wovon ich rede ...
Kein geringerer als Sigmund Freud war fasziniert von Fettnäpfchen. Wer seine FreudLektüre ganz ordentlich mit dem Anfang des ersten Bandes der 18bändigen Gesamtausgabe beginnt, der stößt schon im Titel der Arbeit auf einen eigenartigen Begriff: den Gegenwillen (2). Der sorge dafür, so Freud, dass wir zuweilen genau die Dinge tun, die wir nicht tun wollen. Seine Beispiele: Eine Mutter will ihr Kind stillen, will auf keinen Fall dabei versagen – und versagt prompt. Eine andere Mutter, will ihr Kind keinesfalls aufwecken – und schnalzt laut mit der Zunge. „Es wird mir nicht gelingen, meinen Vorsatz auszuführen, weil dies oder jenes für mich zu schwer ist, ich dafür ungeeignet bin" (2).
Versagensängste wie diese kennt jeder. Freud bezeichnet sie als „peinliche Kontrastvorstellungen" und geht davon aus, dass wir sie normalerweise hemmen, aber bei Ermüdung oder Erschöpfung dazu nicht fähig sind. Und dann passiert genau das, was nicht geschehen soll. Ganz am Schluss seiner Erörterung findet sich noch die Anmerkung „dass es lohnend sein dürfte, der Objektivierung des Gegenwillens auch außerhalb der Hysterie [...] nachzuspüren, wo sie im Rahmen der Norm so häufig vorkommt". Gut zehn Jahre später widmete Freud genau diesem Thema ein ganzes, bis heute sehr unterhaltsames Buch, Zur Psychopathologie des Alltagslebens (3), in dem der Gegenwille zur Erklärung vielerlei psychischer Fehlleistungen herangezogen wird: „Verlegen – Zer­, brechen – Vergessen – als Ausdruck eines zurückgedrängten Gegenwillens". Und ein gutes Jahrzehnt später taucht er in der vierten Vorlesung zur Einführung in die Psychoanalyse bei der Erörterung von Fehlleistungen wieder auf, vom Versprechen bis zum Vergessen der Bezahlung von Rechnungen (4).
So viel Spaß es auch heute noch macht, Freud in seinen Gedankenspielen zu folgen, so willkürlich erscheinen sie dem kritischen Verstand aber auch: „die Unterdrückung der Absicht, etwas zu sagen", ist beispielsweise aus heutiger Sicht keineswegs, wie Freud meinte, „die unerlässliche Bedingung dafür [...], dass ein Versprechen zustande kommt" (4), sondern ein eher seltener Fall, wie linguistische Studien zu Versprechern zeigen (5). Es gibt also zwar die mittlerweile so bezeichneten Freud’schen Versprecher, aber sie sind selten, und nicht jeder Versprecher ist ein Freud’scher Versprecher. Wie also kommt es, dass wir ins Fettnäpfchen treten und manchmal wider bessere Absicht genau das Falsche tun?
Warum planen wir Handlungen und stellen uns vor allem bestimmte Fehler und Fallstricke vor, nehmen also Dinge vorweg, um unser Verhalten besser zu kontrollieren und um Fehler zu vermeiden – und machen sie dann prompt? Warum tun wir gelegentlich genau das, was wir bewusst und kontrolliert zu vermeiden suchten? In den vergangenen Jahren ist sehr viel experimentelles Wissen über die Wirkungsweise unbewusster Prozesse zu Tage gefördert worden (8–11), womit auch die Entstehung der hier diskutierten Fehlleistungen der wissenschaftlichen Aufarbeitung zugänglicher wurden. Sehr viele Dinge geschehen in unserem Gehirn, ohne dass wir davon normalerweise etwas mitbekommen.
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