Leseprobe zu "Alte Wege nach Siebenbürgen" von Alfred Schuster
Der erste Tag
Mir war klar: Ich werde auf einer Fahrradreise nach Sieben-
bürgen nicht genau den Karren- und Fußspuren meiner
Ahnen folgen können. Doch ich wollte zumindest auf einigen Stra-
ßen fahren, die schon im Mittelalter Reise- und Handelswege ge-
wesen waren. Ich hatte vor, meine Reise so zu planen, dass ich so-
weit wie möglich in "Korridoren" fahre, in denen es im Mittelalter
mit Sicherheit Wege gab.
Ich suchte, suchte nach Wegen, die aus Franken und Lothrin-
gen, aus Flandern und Wallonien, aus Sachsen und Thüringen, aus
Schwaben und Bayern nach Osten führten. Bis Regensburg waren
es viele, denn es war im Hochmittelalter nicht nur das Tor zum
Osten, sondern auch Umschlagplatz der Waren, die Händler aus
Byzanz und von noch weiter östlich her nach Mittel- und Westeu-
ropa brachten, und der Güter, die aus Europa in den Nahen Osten
exportiert wurden. Mein Weg durch Ostarrichi, wie Österreich da-
mals genannt wurde, war vorgegeben. Er folgte der alten, einst gut
ausgebauten Römerstraße über Passau, Wels, St. Pölten, Kloster-
neuburg bis Wien und Hainburg.
Doch ab da wurde es schwierig: Genaue Hinweise zu Wegen
durch das römische Pannonien, das spätere Ungarn, gibt es für
das Hochmittelalter nicht. Alle auffindbaren Beschreibungen von
Burgen oder Zollstationen entlang der Handelswege stammen aus
späteren Jahrhunderten. Also machte ich mich auf die Suche nach
anderen Hinweisen über den Verlauf möglicher Wege in meinem
Richtungskorridor nach Siebenbürgen.
Erstaunlich, dass einige Historiker, die sich mit der Besiedlung
Siebenbürgens im Hochmittelalter beschäftigt haben, die Ansicht
vertreten, die Siedler, die sich in den südlichen Gebieten Sieben-
bürgens niedergelassen haben, seien die Donau herunter- und den
Mieresch hinaufgezogen. Die Bergleute aus Sachsen und der Zips
sollen über die Karpaten gekommen sein, dann die Theiß und den
Großen Somesch entlang bis ins nördliche Siebenbürgen. Bei so
pauschalen Aussagen, die angeblich auf Fakten beruhen, die aber 8
in keiner Quelle zu finden sind, scheint die Frage, ob im 12. Jahr-
hundert in der Großen Ungarischen Tiefebene, an der Theiß und
dem Somesch entlang entsprechende begehbare Wege existiert ha-
ben, nicht gestellt worden zu sein.
Archäologische Beweise existieren nicht. Dass es zumindest
einen Römerweg entlang des Mieresch gegeben hat, ist der Peu-
tingerischen Tafel zu entnehmen. Heute jedoch wird die Existenz
vieler der in diesem "Reiseatlas" eingezeichneten Wege angezwei-
felt. Dazu gehört meines Erachtens auch der Weg am unteren Mie-
resch von Arad bis zu seiner Mündung in die Theiß.
Die römischen Hauptwege durch Dakien zu den Goldberg-
werken des Erzgebirges und den Salzgruben in Nordsiebenbürgen
sind bekannt und belegt. Hinweise über Wege im heutigen Ungarn
fand ich in quellengestützten Büchern, in denen über Truppen-
bewegungen und kriegerische Auseinandersetzungen berichtet
wird, die ungarische Könige geführt haben.
In älteren Geschichtsbüchern ist viel über die Herkunft der
Siebenbürger Sachsen geschrieben worden. Doch wie sind sie ge-
reist? Wo sind sie gegangen? Vieles ist der Phantasie von Histori-
kern oder Schriftstellern entsprungen, vage gestützt auf Quellen,
die für einige unumstößliche Fakten enthalten, für andere nur die
Ausgangslage von Theorien sind, die im Bewusstsein der sieben-
bürgisch-sächsischen Bevölkerung zu Mythen wurden.
Haben meine Ahnen wirklich Pferde vor ihre Wagen gespannt?
Einige wohl schon, doch das waren sicherlich die wenigsten. Ein
Mann von bescheidenem Wohlstand konnte sich im Hochmittel-
alter bestenfalls einen Esel oder ein Maultier leisten, ein Pferd
sicherlich nur Wohlhabende, Adlige, Ritter und vermögende Händ-
ler. Die Zugtiere der Ärmeren waren Maultiere und Esel, manch-
mal wurden Ochsen oder Kühe vorgespannt. Und wer kein Zugtier
hatte, musste selbst vor den Karren.
Niemand wird behaupten, nur A
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