Der Philosoph Alfarabi (um 870 950 n. Chr.) wirkte in der Blütezeit
der islamischen Philosophie im 9. und 10. Jahrhundert. Seine
politische Philosophie war bestimmt von der Frage: Soll die
Philosophie oder die Religion, die natürliche Vernunft oder die
übernatürliche Offenbarung leitend bei der öffentlichen
Organisation des Staates und der privaten Organisation des
individuellen Lebens wirken?
Der griechischen Tradition verpflichtet setzte er zum
philosophischen Brückenschlag zwischen Orient und Okzident an mit
nachhaltigen Wirkungen auch in der abendländischen
Philosophiegeschichte. Alfarabi scheute nicht den Gegensatz zu
konservativen Tendenzen der damaligen muslimischen Theologie, wenn
er in politischen Fragen den Vorrang der Philosophie vor der
Religion behauptete. Letztere bringt ihm zufolge die Wahrheit immer
nur in einer partikularen Form zum Ausdruck, die dem jeweiligen
Volk, an das sie sich wendet, angepasst ist. Demgegenüber stellt
die Philosophie die Wahrheit in ihreruniversellen Form dar.
Unter anderem ist es diese These des Vorrangs des Universellen vor
dem Partikularen, wobei Letzteres nicht einfach ignoriert wird, die
Alfarabi auch für die heutige Epoche interessant und wichtig macht.
Norbert Campagna, Prof. Dr., ist professeur-associé an der Université du Luxembourg und Philosophielehrer am Lycée de Garçons Esch. Er hat zahlreiche Monographien veröffentlicht, hauptsächlich zu Fragen der Staats- und Rechtsphilosophie und der Sexualethik.
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