Schwarzes Herz - Gercke, Stefanie

Stefanie Gercke 

Schwarzes Herz

Roman

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Schwarzes Herz

Der neue große Afrika-Roman von Stefanie Gercke
Die kritische TV-Journalistin Lisa Darling gilt in Südafrika als das "Gewissen der Nation". Ihre Welt droht zusammenzubrechen, als der Verdacht aufkommt, dass ihr Vater zur Zeit der Apartheid bei der Geheimpolizei war. Lisa, die ihren Vater über alles liebt, will die Wahrheit herausfinden... und macht eine grausame Entdeckung.
Das moderne Südafrika und die Schatten der Vergangenheit: ein epischer Afrika-Roman, wie ihn nur Stefanie Gercke so authentisch schreiben kann.


Produktinformation

  • Verlag: Heyne
  • 2010
  • Ausstattung/Bilder: 2010. 782 S. 187 mm
  • Seitenzahl: 784
  • Heyne Bücher Nr.40636
  • Deutsch
  • Abmessung: 189mm x 135mm x 45mm
  • Gewicht: 463g
  • ISBN-13: 9783453406360
  • ISBN-10: 3453406362
  • Best.Nr.: 29516225
"Ein Liebesroman mit Thrillercharakter, spannend und sinnlich!"
Stefanie Gercke wurde auf einer Insel des Bissagos-Archipels vor Guinea-Bissau, Westafrika, als erste Weiße geboren und wanderte mit 20 Jahren nach Südafrika aus. Politische Gründe zwangen sie Ende der Siebzigerjahre zur Ausreise und erst unter der neuen Regierung Nelson Mandelas konnte sie zurückkehren. Sie liebt ihre regelmäßigen kleinen Fluchten in die südafrikanische Provinz Natal und lebt ansonsten mit ihrer großen Familie bei Hamburg.

Leseprobe zu "Schwarzes Herz" von Stefanie Gercke

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Leseprobe zu "Schwarzes Herz" von Stefanie Gercke

Israel Mabaso war glücklich. Er raste mit seinem Motorrad über die gewundene Küstenstraße am Fuß des Tafelbergmassivs. Der Himmel leuchtete wie aus blauem Kristall, das Meer schimmerte, und Kapstadts Silhouette flimmerte im Licht der aufgehenden Sonne. Israel hatte die Straße für sich allein und gab Vollgas. Neunzig ungezügelte Pferdestärken röhrten auf, die Tachonadel schnellte auf 150 Stundenkilometer. Überschäumend vor Lebensfreude, schrie er sein Glück in den starken Südoststurm, der über Nacht aufgekommen war - jener Sturm, den die Kapstädter den Kap-Doktor nannten.

Tief über den Lenker geduckt, nahm Israel eine scharfe S-Kurve, verlagerte dabei mit Schwung sein Gewicht nach rechts, wobei sich die schwere Maschine gefährlich schräg legte, so dass zwischen seinen jeansbehosten Beinen und der Straßenoberfläche nur wenige Zentimeter Luft blieben. Israel besaß das Motorrad erst seit zwei Tagen und hatte zuvor auch noch nie auf einem gesessen. Als ihm der Kap-Doktor jetzt jählings eine tückische Orkanbö in die Seite schleuderte, verlor er die Kontrolle. Der Metallkoloss bockte unter seinen Händen, kam ins Schlingern, kippte um und begrub dabei sein rechtes Bein unter sich. Unrettbar festgeklemmt, schlitterte Israel über den Asphalt. Metall kreischte, Funken sprühten, der Motor heulte, und Sekunden später krachte die Maschine in die Felswand, die die Straße begrenzte.

Der linke Handgriff des Lenkers bohrte sich durch die viel zu dünne Lederjacke tief in Israels Brust, brach ihm etliche Rippen und drückte sie nach innen, wo sie mehrere große Blutgefäße zerrissen. Der Motorengeräusch stoppte abrupt, nur das Ticken der überhitzten Maschine war noch zu hören. Israel lag als blutiges Bündel eingeklemmt zwischen der Felswand und dem zerfetzten Metall und gab keinen Laut mehr von sich.

Aber Israel Mabaso starb nicht. Jedenfalls nicht gleich, nicht hier auf der Straße. Er schaffte es, lange genug am Leben zu bleiben, um auf seinem Weg in die Hölle eine Lawine von Ereignissen loszutreten, die ihre Opfer so gierig verschlang wie ein Löwe seine Beute.

Nachdem er Israel zur Strecke gebracht hatte, fegte der Kap-Doktor durch die Vororte der Stadt, wo er Lisa Darling erfasste, die eben aus der Haustür trat, bereit, auch mit ihr seinen Schabernack zu treiben. Sie allerdings verlor nicht die Balance, sondern lachte und breitete ihre Arme aus, nutzte den Schwung und wirbelte in einer Pirouette über den schmalen Gehweg. Sekundenlang hatte sie das berauschende Gefühl, fliegen zu können, dass der Sturm sie mit sich tragen würde, hinauf in die funkelnde Freiheit des Himmels. Für Lisa Darling gehörte der Kap-Doktor zu Kapstadt wie der Nebel zu London.

Begonnen hatte alles etwa zwei Wochen zuvor in den Brüllenden Vierzigern, den sturmgepeitschten subantarktischen Breiten, wo die eisigen Wasser des Südatlantiks auf die wärmeren des Indischen Ozeans prallten. Dort war das Zuhause des Kap-Doktors. Meist vergnügte er sich damit, um die Felsspitzen der kargen Inseln zu fegen, die wie Fliegenkot die Landkarte sprenkelten, die Wellenkämme zu weißem Schaum zu schlagen und das Gefieder der Pinguine zu zerzausen.

In den im Hochsommer vorherrschenden Wetterverhältnissen seiner Heimat jedoch gelang es ihm in regelmäßigen Abständen, sich zu einem Sturm aufzublähen. Gierig verschlang er dann die Energie, die sich aus dem Temperaturunterschied zwischen den zwei Ozeanen ergab, wuchs, wurde stärker und immer ungestümer, bis ihn der Übermut packte und er sich auf den Weg nach Norden zum Südzipfel Afrikas machte, um dort als Kap-Doktor sein Unwesen zu treiben. In der "Mother-City" Südafrikas angekommen, heulte er durch die Häuserschluchten, fuhr bis in die kleinsten Ecken und trug den Schmutz fort ins Meer, bis die Luft wieder kristallklar war.

Heutzutage war es der stinkende Smog, den er wegblies, früher beseitigte er den Pesthauch, der aus den mit Fäkalien verseuchten Straßen aufstieg und Krankheit und Tod verbreitete, und das brachte ihm seinen Namen ein.

Im Januar 2009 waren die Verhältnisse über der Ile de la Possession, die ungefähr dreitausendfünfhundert Kilometer südsüdöstlich des Kaps der Guten Hoffnung im frostigen Süden des Indischen Ozeans wie ein Trutzturm aus den Wellen ragte, ideal. Noch allerdings war der Kap-Doktor nur ein harmloser Wind, noch ging seine Stimme in dem brüllenden Chaos unter, das im Elefanten-Teich herrschte, wie Wissenschaftler die seichte Meerwasserlagune nannten, die sich im Laufe der Jahrtausende zwischen den schroffen Klippen an der nördlichen Küste der Insel gebildet hatte.

Hunderttausende von Pinguinen schnatterten aufgeregt durcheinander, Möwen flatterten in kreischenden weißen Wolken über der Insel, See-Elefantenbullen trieben röhrend ihren Harem zusammen. Die Paarungszeit lag hinter ihnen, und sie waren ausgehungert und übellaunig. Der Alpha-Bulle - der Sultan, dessen Harem fünfundzwanzig Kühe und fast die doppelte Anzahl glänzend schwarzer Jungtiere umfasste - maß über sechs Meter. Vor der Paarungszeit hatte er noch dreieinhalb Tonnen gewogen. Jetzt waren seine sonst so prachtvoll glänzenden Speckfalten verschwunden. Die Flanken waren eingefallen und das Fell mit einer rostig braunen Kruste seiner Exkremente überzogen. Während er bei seinen Kühen emsig für Nachwuchs sorgte, hatte er es nicht gewagt, sie auch nur für einen einzigen Tauchgang im Meer den jüngeren Bullen, die ihm ständig brüllend den Anspruch auf den Thron streitig machten, preiszugeben. Seit Beginn der Saison hatte er deshalb nichts mehr gefressen und auch keine Gelegenheit gehabt, sein Fell im Wasser zu säubern.

Jetzt endlich, nach getaner Arbeit, robbte er müde ins eisige Meer, tauchte ab in die klaren Tiefen und machte sich hungrig auf die Suche nach Fischschwärmen und Tintenfischen.

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