Ausgangspunkt dieses geistreichen satirischen Romans ist das
gigantische Bauvorhaben Marching to Heaven , ein moderner Turmbau
zu Babel, das dem despotischen Herrscher der fiktiven Freien
Republik Aburiria Weltgeltung verschaffen und ein monumentales
Denkmal setzen soll.
Der Herrscher ist umgeben von persönlichen Beratern, allen voran
den Ministern Machokali und Sikiokuu, die ständig darum bemüht
sind, dem gottgleichen Herrscher ihre Ergebenheit zu beweisen und
sich eine vorteilhafte Position zu sichern. Das Bauprojekt Marching
to Heaven jedoch kann nur mit einem Kredit der Global Bank in New
York realisiert werden.
Als Titus Tajirika zum ersten Vorsitzenden des Baukomitees für
Marching to Heaven ernannt wird, bilden sich vor dessen Büro zwei
endlose Warteschlangen eine aus denjenigen, die auch ein Stück vom
Kuchen abbekommen wollen (indem sie Umschläge voller Bargeld
zurücklassen), und eine, die sich aus den zahllosen Arbeitslosen
des Landes speist. Diese Menschenschlangen entwickeln sich bald zu
einer landesweiten Epidemie.
Während der Herrscher und sein Außenminister Machokali in die USA
reisen, um positiv auf die Vertreter der Global Bank einzuwirken,
gerät Tajirika ins Blickfeld von Staatsminister Sikiokuu. Die
Delegation in New York hingegen sieht sich einer plötzlich
auftretenden, rätselhaften Krankheit des Herrschers gegenüber.
Hoffnung verspricht allein der unfreiwillig zu Ruhm und Ansehen
aufgestiegene Herr der Krähen ein Zauberer, Heiler und
Wahrsager...
"Herr der Krähen" ist eine lebendige, ausdrucksstarke
Satire über den Prototyp des afrikanischen Despoten, die mit
tiefgründigem Humor die Lebensbedingungen in einer zunehmend
globalisierten Welt thematisiert. Ngugi wa Thiong o gelingt mit
diesem Roman eine umfassende Parabel auf die sozialen, politischen
und kulturellen Verhältnisse auf dem afrikanischen Kontinent und
dessen Beziehung zum Westen.
Zufrieden zeigt sich Angela Schader mit dem fast 1000 Seiten umfassenden, nun auf deutsch vorliegenden Roman „Herr der Krähen“ des kenyanischen Schriftstellers Ngugi wa Thiong'o. Die opulent und phantasievoll ausgearbeitete Geschichte um einen afrikanischen Diktator und dessen Handlanger bietet in ihren Augen eine Fülle von grotesken Einfällen, unerwarteten Wendungen und satirischen Seitenhieben, die für eine amüsante Lektüre sorgen. Allerdings vermisst sie eine tiefer gehende Analyse der gesellschaftlichen Entwicklung. Zudem findet sie einige Passagen, in denen es der Autor zu gut meint. Mit Lob bedenkt sie dagegen die überaus sorgfältige deutsche Übersetzung des Werks von Thomas Brückner.
Ngugi wa Thiong o wurde 1938 als Sohn einer Bauernfamilie in Kamirithu/Limuru in Kenia geboren. 1967 wurde er Dozent für Literatur an der University of Nairobi, wo er bis 1977 lehrte. Wegen seiner kritischen Auseinandersetzung mit dem postkolonialen Kenia und eines regierungskritischen Theaterstücks wurde er 1977 ohne Anklage inhaftiert und erst nach einer Kampagne von Amnesty International ein Jahr später aus dem Gefängnis entlassen. Nachdem sein Leben unter dem Regime von Daniel arap Moi bedroht wurde, ging er 1982 ins Exil nach London. 1989 übersiedelte er in die USA, wo er heute an der University of California in Irvine Englische und Vergleichende Literaturwissenschaften lehrt.
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