Die rote Antilope - Mankell, Henning

Henning Mankell 

Die rote Antilope

Roman

Aus d. Schwed. v. Verena Reichel
Broschiertes Buch
 
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Die rote Antilope

Ende des 19. Jahrhunderts reist ein junger Mann aus Schweden nach Südafrika. Der gescheiterte Student und Abenteurer Hans Bengler hofft, mit einem unbekannten Insekt zurückzukommen, das ihn berühmt machen soll. Stattdessen entdeckt er bei einem Großwildjäger am Rande der Kalahariwüste einen verwaisten Buschmannjungen und beschließt, ihn nach Europa mitzunehmen.
Obwohl Daniel, wie Bengler ihn nennt, die schwedische Sprache bald leidlich versteht, wird er sich auf dem weißen Kontinent nie richtig heimisch fühlen. Er muss Schuhe tragen, an Türen anklopfen und sich pausenlos anstarren lassen, denn die meisten Schweden haben noch nie einen Schwarzen gesehen. Er wird wissenschaftlich untersucht und von seinem neuen Vater wie von einem Schausteller dem Publikum vorgeführt...
In seinen Träumen aber sieht er die rote Antilope, die sein leiblicher Vater in den afrikanischen Felsen geritzt hat. Wie sie will er zum Sprung ansetzen, weit zurück über das Meer, und nachts probiert er heimlich, s nicht möglich ist, mit bloßen Füßen über das Wasser zu gehen.
Wer war dieser kleine schwarze Junge, der auf einem Friedhof in Schonen begraben liegt? Welches Drama hat sich in seinem kurzen Leben abgespielt? Und was geschah zwischen ihm und dem weißen Mädchen, das eines Tages aus seinem Elternhaus verschwand und einem Mord zum Opfer fiel?
Es ist ein spannender, ergreifender Roman und zugleich ein wunderbares Gleichnis, das der schwedische Schriftsteller, der selbst "mit einem Fuß im Schnee und mit einem Fuß im Sand" steht, hier erzählt.


Produktinformation

  • Verlag: DTV
  • 2003
  • Ausstattung/Bilder: 2003. 380 S.
  • Seitenzahl: 384
  • dtv Taschenbücher Nr.13075
  • Deutsch
  • Abmessung: 194mm x 122mm x 22mm
  • Gewicht: 310g
  • ISBN-13: 9783423130752
  • ISBN-10: 342313075X
  • Best.Nr.: 11197201
kulturnews - RezensionBesprechung
Bereitgestellt von kulturnews.de
(c) bunkverlag
Stop! Alle Krimifans müssen das Buch wieder zurücklegen: Kein Wallander, ja nicht einmal ein Mord kommen in diesem Buch vor. Mankell erzählt eine andere Geschichte: Ende des 19. Jahrhunderts reist der schwedische Student Hans Bengler nach Südafrika auf Safari. Doch statt wertvoller und seltener Insekten findet er einen schwarzen Waisenjungen. Hans nimmt den Jungen mit nach Schweden, nennt ihn Daniel und zieht ihn bei sich auf. Obwohl Daniel schnell die Sprache seines neuen Heimatlandes lernt, bleibt er ein Fremder in der europäischen Kultur. Zu stark sind die afrikanischen Wurzeln, zu groß ist die Sehnsucht nach dem naturnahen Leben in der Savanne. In seinen Träumen sieht er, wie sein leiblicher Vater eine rote Antilope in die Felsen ritzt, die Antilope wird zu Daniels Sinnbild der verlorenen Heimat. - Kein Zweifel, dass Mankell ein außerordentlicher Erzähler ist. Und so glückt auch dieser für den schwedischen Bestsellerautoren so ungewöhnliche Roman. Die traurige Geschichte von Daniel hat Mankell sichtbar ergriffen, seine Schilderung ist mitfühlend und zutiefst ergreifend. Der Roman erscheint am 7. 8. (am)

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 29.01.2002

Laßt die innere Antilope heraus!
Helle Freude für düstere Gemüter: Henning Mankell trifft Rousseau

Henning Mankell ist eine Meister der Dosierung. Die Gliederung seiner langen Romane in leicht überschaubare Erzählabschnitte und der wohlabgewogene Rhythmus ihrer unterschiedlichen Länge dürfte ein ebenso wichtiger Grund für den großen Erfolg dieses Schriftstellers sein wie die Angebote an Spannung, Psychologie und schlichter Lebenserfahrung. Fast möchte man Mankell den Erfinder des "doppelten Zeilenabstands als Romanelement" nennen: Innerhalb der Kapitel von zehn bis zwölf Seiten präparieren sich Miniaturkapitel heraus, die sich, anders als normale Absätze, durch einen doppelten Zeilenabstand voneinander abheben; sie sind manchmal nur eine halbe Seite, ja nur ein paar Zeilen lang. Jede dieser Miniaturen ist eine in sich geschossene Einheit: einmal führt der Autor darin die Erzählung einen wichtigen Schritt weiter, einmal umfaßt die Einheit eine Landschaftsschilderung oder das Ambiente, in dem die nächste Szene spielt, manchmal sogar bietet sich eine Reflexion über das Geschehen oder die Figuren an.

In seinen Kriminalromanen kann …

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»Es ist ein Buch, das einen mit abgrundtiefer Traurigkeit erfüllt und zugleich eines, das man nicht aus der Hand legen kann. ... Mankell erzählt diese Geschichte mit betörender Eindringlichkeit, in Bildern und Sequenzen von jener durchsichtigen Klarheit, wie Träume sie haben.« (Susanne Mayer, Die Zeit, 32/01)

"Mit seinem poetischen Realismus vermittelt Henning Mankell mehr vom wahren Kern Afrikas als mehrere Wochen Tagesberichterstattung." (Elmar Krekeler, Die Welt)


"Es ist ein Buch, das einen mit abgrundtiefer Traurigkeit erfüllt und zugleich eines, das man nicht aus der Hand legen kann. ... Mankell erzählt diese Geschichte mit betörender Eindringlichkeit, in Bildern und Sequenzen von jener durchsichtigen Klarheit, wie Träume sie haben."
Susanne Mayer, Die Zeit 32/01

»Es ist ein Buch, das einen mit abgrundtiefer Traurigkeit erfüllt und zugleich eines, das man nicht aus der Hand legen kann. ... Mankell erzählt diese Geschichte mit betörender Eindringlichkeit, in Bildern und Sequenzen von jener durchsichtigen Klarheit, wie Träume sie haben.« Susanne Mayer, Die Zeit 32/01

"Es ist ein Buch, das einen mit abgrundtiefer Traurigkeit erfüllt und zugleich eines, das man nicht aus der Hand legen kann. ... Mankell erzählt diese Geschichte mit betörender Eindringlichkeit, in Bildern und Sequenzen von jener durchsichtigen Klarheit, wie Träume sie haben." Susanne Mayer, Die Zeit, 32/01

"Das Buch ist eine Geschichte über das Heimweh. Über die Sehnsucht, zu seinen Wurzeln zurückzukehren, dort zu sein, wo man zu Hause ist. (...) Das Buch hat für mich eine ganz besondere Bedeutung (...) Ich erkannte plötzlich, dass die Geschichte dieses einsamen Buben meine eigene war. Ich hatte über mich selbst geschrieben, ohne es zu merken." Henning Mankell

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Henning Mankell, der schwedische Bestseller-Autor, hat sich einen Traum erfüllt und verbringt die Hälfte des Jahres in Maputo in Mosambik und leitet dort ein Theater, informiert Christine Holliger. Die Zweigeteiltheit des Lebens spiegelt sich auch in Mankells neuem Roman. Der schwedische Insektenforscher Hans Benglen begibt sich 1877 auf eine Reise in die Kalahari nach Deutsch-Südwestafrika, findet dort in einem Verschlag einen verwahrlosten Waisen, den er Daniel nennt, adopiert und mit nach Schweden zurücknimmt. Dort stirbt der Junge an Heimweh, erzählt die Rezensentin über den Inhalt. Der Vorstellungskraft von Mankell mochte Holliger nicht ganz folgen, denn vieles ist ihr zu klischeehaft: Mankell beschwöre hier eine Exotik, die einer seriösen Vorstellung entbehre. So kritisiert Holliger drastisch zugespitzte Beispiele, die der Autor wählt, um die kulturelle Differenz zwischen den Schweden und dem afrikanischen Jungen zu illustrieren, etwa wenn Daniel in die Kirche als Opfergabe in den Klingelbeutel eine Kreuzotter legt, weil die Schlange in Afrika als Nahrungsmittel etwas Positives ist. Einzig die Zeichnung der Figur Benglers findet Holliger nachvollziehbar.

© Perlentaucher Medien GmbH

"Es ist ein Buch, das einen mit abgrundtiefer Traurigkeit erfüllt und zugleich eines, das man nicht aus der Hand legen kann. ... Mankell erzählt diese Geschichte mit betörender Eindringlichkeit, in Bildern und Sequenzen von jener durchsichtigen Klarheit, wie Träume sie haben."
Susanne Mayer, Die Zeit 32/01
Henning Mankell geboren 1948 in Härjedalen, ist einer der angesehensten und meistgelesenen schwedischen Schriftsteller, vor allem bekannt durch seine Wallander-Krimis. Er lebt als Theaterregisseur und Autor abwechselnd in Schweden und in Maputo/Mosambique. Seine Taschenbücher erscheinen bei dtv.

Leseprobe zu "Die rote Antilope" von Henning Mankell

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Leseprobe zu "Die rote Antilope" von Henning Mankell

Bengler schenkte sich ein Glas Portwein ein, um sich selber für die Zukunft Mut zu machen und um zu feiern, daß der Kohlenschlepper auf der Reise von Rouen nicht untergegangen war. Von draußen hörte man ein zischendes Geräusch und Kinder, die lachten. Er saß mit dem Glas in der Hand auf dem knarrenden Bett, als Daniel plötzlich aufstand und zum Fenster ging. Bengler war schon halb auf dem Sprung, weil er fürchtete, Daniel würde sich hinausstürzen. Aber der Junge ging ganz langsam, fast schleichend, als wäre er auf der Jagd und nähere sich vorsichtig einer Beute. Bengler sah, wie er am Fenster stehenblieb, halb hinter der Gardine versteckt, und beobachtete, was auf dem Hof geschah. Er stand da und rührte sich nicht. Behutsam erhob sich Bengler vom Bett und stellte sich neben ihn. Unten auf dem Hof hüpften zwei Mädchen seil. Sie waren ungefähr im gleichen Alter wie Daniel. Eins von den Mädchen war dick, das andere sehr schmal. Sie hatten ein Seil, vielleicht eine Schot von einem Segelboot, die sie in der passenden Länge abgeschnitten hatten. Sie wechselten sich beim Hüpfen ab, lachten, wenn sie stolperten, und fingen dann wieder von vorn an. Lange stand Daniel ganz still, wie erstarrt. Bengler beobachtete ihn und versuchte sein aufmerksames Betrachten des Spiels auf dem Hof zu deuten. Dann drehte sich Daniel zu ihm um, sah ihm direkt in die Augen, und in seinem Gesicht sprang ein Lächeln hervor.

Es war das erste Mal, daß Bengler seinen Adoptivsohn lächeln sah. Ein Lächeln, das kein Grinsen war, keine aufgesetzte Maske, sondern ein Lächeln, das von innen kam. Für Bengler war es, als wäre ein lange erwartetes Wunder endlich geschehen. Jetzt hatte Daniel endlich die unsichtbaren Trosse gekappt, die ihn an den Verschlag in Anderssons Handelsstation banden. Trosse, die ihn an Erinnerungen fesselten, von denen Bengler nichts wußte, außer daß Blut und Grauen darin vorkamen, tote Menschen, zerhackte Gliedmaßen, verzweifelte Schreie und danach die Stille, in der nur der Sand zu hören war, der in der Wüste rieselte. Sie gingen hinunter auf den Hof. Die Mädchen hörten sofort mit dem Seilhüpfen auf, als sie Daniel erblickten. Bengler wurde klar, daß sie noch nie einen schwarzen Menschen gesehen hatten. Er wußte, daß es eine Schuhcreme gab, deren Deckel ein Mohr mit dicken Lippen und einem Grinsen im Gesicht schmückte. Aber jetzt entdeckten die kleinen Mädchen, daß es den schwarzen Menschen in Wirklichkeit gab. Auf diesem schmutzigen Hinterhof dämmerte es Bengler, daß er gerade Zeuge von etwas wurde, das vielleicht eine neue Aufgabe für ihn bereit hielt. Den unaufgeklärten Schweden zu zeigen, daß es tatsächlich Menschen gab, die schwarz waren. Lebende Menschen, keine Dosendeckel. Sogleich fing er ein Gespräch mit den Mädchen an. Sie waren ärmlich gekleidet, und vom emsigen Hüpfen rochen sie stark nach Schweiß. Er fragte, wie sie hießen, und verstand nur mit Mühe, was sie sagten. Die eine, die Magere, hieß Anna, und die Dicke hieß vielleicht Elin oder möglicherweise Elina. Bengler erklärte, der Junge neben ihm heiße Daniel, komme aus einer fernen Wüste in Afrika und sei gerade erst in Simrishamn eingetroffen. - Was macht er hier? fragte das Mädchen, das Anna hieß. Bengler blieb ihr die Antwort schuldig. Auf diese simple Frage wußte er plötzlich nichts zu erwidern. - Er ist vorübergehend in Schweden zu Besuch, sagte er schließlich. Er war sich unsicher, ob die Mädchen überhaupt verstanden, was er sagte. Er sprach einen ausgeprägten småländischen Dialekt. - Wieso hat er so krause Haare? Hat er sie gekräuselt? Es war immer noch das Mädchen namens Anna, das fragte. - Sie sind von Natur aus kraus, erwiderte Bengler. - Darf man sie anfassen? Bengler betrachtete Daniel. Er lächelte immer noch. Dann nickte Bengler. Vorsichtig näherten sich die Mädchen und berührten Daniels Kopf. Bengler war ständig auf der Hut, als würde er auf einen Hund aufpassen, der ohne Vorwarnung aggressiv werden und beißen könnte. Aber Daniel lächelte. Als das dicke Mädchen, das vielleicht Elin hieß, ihm die Hand auf den Kopf legte, streckte er selber die Hand aus und zog vorsichtig an ihren mausfarbenen Haaren. Sie stieß einen spitzen Schrei aus und machte einen Satz zur Seite. Daniel lächelte weiter. - Er möchte euch gern beim Seilhüpfen zusehen, sagte Bengler. Könnt ihr es ihm nicht zeigen? Die Mädchen hüpften. Als die Dicke stolperte, fing Daniel an zu lachen. Es war ein heftiges Lachen, das tief aus dem Inneren aufstieg, ein aufgestauter Vulkan, der endlich zum Ausbruch kam. - Kann er hüpfen? Bengler nickte Daniel zu und deutete auf das Seil. Ohne zu zögern nahm Daniel es in die Hand. Er sprang federleicht, machte Doppelsprünge und schlug in raschem Tempo das Seil vorwärts und rückwärts. Bengler war völlig verblüfft. Er wäre nie darauf gekommen, daß Daniel seilhüpfen konnte. Dieses Erlebnis erfüllte ihn mit Scham. Hatte er sich eigentlich vorgestellt, daß Daniel etwas anderes beherrsch-te als Schweigen und Verschlossenheit? Hatte er ihn nicht selbst eher als Tier betrachtet denn als Menschen? - Er schwitzt ja nicht mal, schrie die Dicke. Daniel hüpfte weiter. Und er schien nicht müde zu werden. Bengler überkam ein Gefühl, als würde Daniel nicht wirklich auf und ab hüpfen, sondern als sei er irgendwohin auf dem Weg, als würde er in Wirklichkeit rennen. Er ist zurück in der Wüste, dachte Bengler. Dort ist er. Nicht hier, auf einem verdreckten Hinterhof in Simrishamn.

Die rote Antilope. von Henning Mankell. Copyright © by dtv / Zsolnay

Leseprobe zu "Die rote Antilope" von Henning Mankell

Bengler schenkte sich ein Glas Portwein ein, um sich selber für die Zukunft Mut zu machen und um zu feiern, daß der Kohlenschlepper auf der Reise von Rouen nicht untergegangen war. Von draußen hörte man ein zischendes Geräusch und Kinder, die lachten. Er saß mit dem Glas in der Hand auf dem knarrenden Bett, als Daniel plötzlich aufstand und zum Fenster ging. Bengler war schon halb auf dem Sprung, weil er fürchtete, Daniel würde sich hinausstürzen. Aber der Junge ging ganz langsam, fast schleichend, als wäre er auf der Jagd und nähere sich vorsichtig einer Beute. Bengler sah, wie er am Fenster stehenblieb, halb hinter der Gardine versteckt, und beobachtete, was auf dem Hof geschah. Er stand da und rührte sich nicht. Behutsam erhob sich Bengler vom Bett und stellte sich neben ihn. Unten auf dem Hof hüpften zwei Mädchen seil. Sie waren ungefähr im gleichen Alter wie Daniel. Eins von den Mädchen war dick, das andere sehr schmal. Sie hatten ein Seil, vielleicht eine Schot von einem Segelboot, die sie in der passenden Länge abgeschnitten hatten. Sie wechselten sich beim Hüpfen ab, lachten, wenn sie stolperten, und fingen dann wieder von vorn an. Lange stand Daniel ganz still, wie erstarrt. Bengler beobachtete ihn und versuchte sein aufmerksames Betrachten des Spiels auf dem Hof zu deuten. Dann drehte sich Daniel zu ihm um, sah ihm direkt in die Augen, und in seinem Gesicht sprang ein Lächeln hervor.

Es war das erste Mal, daß Bengler seinen Adoptivsohn lächeln sah. Ein Lächeln, das kein Grinsen war, keine aufgesetzte Maske, sondern ein Lächeln, das von innen kam. Für Bengler war es, als wäre ein lange erwartetes Wunder endlich geschehen. Jetzt hatte Daniel endlich die unsichtbaren Trosse gekappt, die ihn an den Verschlag in Anderssons Handelsstation banden. Trosse, die ihn an Erinnerungen fesselten, von denen Bengler nichts wußte, außer daß Blut und Grauen darin vorkamen, tote Menschen, zerhackte Gliedmaßen, verzweifelte Schreie und danach die Stille, in der nur der Sand zu hören war, der in der Wüste rieselte. Sie gingen hinunter auf den Hof. Die Mädchen hörten sofort mit dem Seilhüpfen auf, als sie Daniel erblickten. Bengler wurde klar, daß sie noch nie einen schwarzen Menschen gesehen hatten. Er wußte, daß es eine Schuhcreme gab, deren Deckel ein Mohr mit dicken Lippen und einem Grinsen im Gesicht schmückte. Aber jetzt entdeckten die kleinen Mädchen, daß es den schwarzen Menschen in Wirklichkeit gab. Auf diesem schmutzigen Hinterhof dämmerte es Bengler, daß er gerade Zeuge von etwas wurde, das vielleicht eine neue Aufgabe für ihn bereit hielt. Den unaufgeklärten Schweden zu zeigen, daß es tatsächlich Menschen gab, die schwarz waren. Lebende Menschen, keine Dosendeckel. Sogleich fing er ein Gespräch mit den Mädchen an. Sie waren ärmlich gekleidet, und vom emsigen Hüpfen rochen sie stark nach Schweiß. Er fragte, wie sie hießen, und verstand nur mit Mühe, was sie sagten. Die eine, die Magere, hieß Anna, und die Dicke hieß vielleicht Elin oder möglicherweise Elina. Bengler erklärte, der Junge neben ihm heiße Daniel, komme aus einer fernen Wüste in Afrika und sei gerade erst in Simrishamn eingetroffen. - Was macht er hier? fragte das Mädchen, das Anna hieß. Bengler blieb ihr die Antwort schuldig. Auf diese simple Frage wußte er plötzlich nichts zu erwidern. - Er ist vorübergehend in Schweden zu Besuch, sagte er schließlich. Er war sich unsicher, ob die Mädchen überhaupt verstanden, was er sagte. Er sprach einen ausgeprägten småländischen Dialekt. - Wieso hat er so krause Haare? Hat er sie gekräuselt? Es war immer noch das Mädchen namens Anna, das fragte. - Sie sind von Natur aus kraus, erwiderte Bengler. - Darf man sie anfassen? Bengler betrachtete Daniel. Er lächelte immer noch. Dann nickte Bengler. Vorsichtig näherten sich die Mädchen und berührten Daniels Kopf. Bengler war ständig auf der Hut, als würde er auf einen Hund aufpassen, der ohne Vorwarnung aggressiv werden und beißen könnte. Aber Daniel lächelte. Als das dicke Mädchen, das vielleicht Elin hieß, ihm die Hand auf den Kopf legte, streckte er selber die Hand aus und zog vorsichtig an ihren mausfarbenen Haaren. Sie stieß einen spitzen Schrei aus und machte einen Satz zur Seite. Daniel lächelte weiter. - Er möchte euch gern beim Seilhüpfen zusehen, sagte Bengler. Könnt ihr es ihm nicht zeigen? Die Mädchen hüpften. Als die Dicke stolperte, fing Daniel an zu lachen. Es war ein heftiges Lachen, das tief aus dem Inneren aufstieg, ein aufgestauter Vulkan, der endlich zum Ausbruch kam. - Kann er hüpfen? Bengler nickte Daniel zu und deutete auf das Seil. Ohne zu zögern nahm Daniel es in die Hand. Er sprang federleicht, machte Doppelsprünge und schlug in raschem Tempo das Seil vorwärts und rückwärts. Bengler war völlig verblüfft. Er wäre nie darauf gekommen, daß Daniel seilhüpfen konnte. Dieses Erlebnis erfüllte ihn mit Scham. Hatte er sich eigentlich vorgestellt, daß Daniel etwas anderes beherrsch-te als Schweigen und Verschlossenheit? Hatte er ihn nicht selbst eher als Tier betrachtet denn als Menschen? - Er schwitzt ja nicht mal, schrie die Dicke. Daniel hüpfte weiter. Und er schien nicht müde zu werden. Bengler überkam ein Gefühl, als würde Daniel nicht wirklich auf und ab hüpfen, sondern als sei er irgendwohin auf dem Weg, als würde er in Wirklichkeit rennen. Er ist zurück in der Wüste, dachte Bengler. Dort ist er. Nicht hier, auf einem verdreckten Hinterhof in Simrishamn.

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Kundenbewertungen zu "Die rote Antilope" von "Henning Mankell"

2 Kundenbewertungen (Durchschnitt 4 von 5 Sterne bei 2 Bewertungen ***** sehr gut)
***** ausgezeichnet
 
(1)
***** sehr gut
***** gut
 
(1)
***** weniger gut
***** schlecht
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Bewertung von Eva am 15.11.2006 ***** gut
Ich habe bisher nur Bücher von Henning Mankell gelesen aus der "Kommissar Wallander-Serie" und habe sie förmlich verschlungen. Dieses Buch ist so komplett anders und war für mich nicht spannend genug. Dennoch war es sehr lehrreich und regte zum Nachdenken an.

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Bewertung von Becker aus Bad Nenndorf am 16.02.2003 ***** ausgezeichnet
Jeder Mankell ist spannend, bis zur letzten Seite. Der Rassenkonflikt kommt hier besonders deutlich zu Tage. Es ist erschütternt, wie die Menschen sich immer noch gegenüber
"anderen Hautfarben" verhalten. Mankell hat dies bis ins Detail verdeutlicht. Ich habe beim Lesen die große Wut bekommen. Hoffentlich trägt dieses Buch zu etwas mehr Verständnis und Toleranz auf der Welt bei!

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