Das Auge des Leoparden - Mankell, Henning

Henning Mankell 

Das Auge des Leoparden

Roman

Dtsch. v. Paul Berf
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Produktbeschreibung zu Das Auge des Leoparden

»Der weiße Mann arbeitet schnell und hart, aber Eile und Ungeduld sind in den Augen der Schwarzen ein Zeichen fehlender Intelligenz.« – Eigentlich hatte der junge Mann nur eine kurze Reise nach Afrika machen wollen, aber dann war er neunzehn Jahre geblieben. In Lusaka übernimmt er die Hühnerfarm einer weißen Engländerin und verfolgt ehrgeizige Reformpläne: Er will neue Häuser für die Schwarzen bauen, ihnen höhere Löhne bezahlen und ihren Kindern eine Schule einrichten.

Er sorgt für die Witwe eines schwarzen Handwerkers und ihre vier Töchter, deren jüngste für ihn wie eine eigene Tochter ist. Doch bald mehren sich die Zeichen, daß sich die Zustände nicht so rasch in seinem Sinne ändern lassen. Seine weißen Nachbarn werden massakriert. Und der Mann, den er für seinen einzigen Freund hält, rät ihm, für immer wegzugehen ...

»Mankell ist ein im besten Sinne spannender Roman gelungen, eine Beschreibung Afrikas ohne jede Romantisierung und Idealisierung. Selten ist menschliches Scheitern beeindruckender beschrieben worden als von Henning Mankell.« Walter Wuttke im ›Rheinischen Merkur‹



Produktinformation


  • Verlag: DTV
  • 2006
  • Ausstattung/Bilder: 2006. 378 S.
  • Seitenzahl: 384
  • dtv Taschenbücher Bd.13424
  • Deutsch
  • Abmessung: 194mm x 121mm x 25mm
  • Gewicht: 320g
  • ISBN-13: 9783423134248
  • ISBN-10: 3423134240
  • Best.Nr.: 14163657
kulturnews - RezensionBesprechung
Bereitgestellt von kulturnews.de
(c) bunkverlag
Der gescheiterte schwedische Jurastudent Hans kommt nach Afrika, übernimmt dort eine Hühnerfarm und erkennt, dass sein Idealismus nichts weiter ist als naive Dritte-Welt-Romantik. Henning Mankell macht es sich nicht einfach: "Das Auge des Leoparden" lacht all jenen höhnisch ins Gesicht, die Mankells Afrika-Romane als Gutmenschen-Literatur abtun, als harmlose Nebenbeschäftigung eines erfolgreichen Krimiautors, der seine Popularität dafür nutzt, den Blick auf die verdrängten Probleme Afrikas zu lenken. Allerdings: Mankell reproduziert damit auch einen rassistischen Blick, der Afrika nur als Kontinent des Chaos, des Zerfalls und der allgegenwärtigen Korruption sehen kann. "Das Auge des Leoparden" ist zudem ein Frühwerk, auf Schwedisch schon 1990 erschienen und damit längst nicht so sprachsicher wie Mankells jüngst veröffentlichter Roman "Tea Bag", der der Gefahr des eurozentristischen Blicks mit bitterem Sarkasmus begegnet. Stattdessen gibt es wilde Zeit- und Ortsprünge, was einerseits für literarische Qualität bürgen, andererseits die Verhältnisse geraderücken soll: Die kalte Finnmark der Sechziger ist keinen Deut angenehmer als das fieberkranke Afrika der Achtziger. Viel guter Wille steckt in "Das Auge des Leoparden", aber dabei bleibt es auch: Der politischen Korrektheit als Moralist einen Spiegel vorhalten, das konnte Mankell schon 1990. Dass ein Roman über eine moralische Erörterung hinaus interessant sein kann, musste er erst lernen. (fis)

"Mankell ist ein im besten Sinne spannender Roman gelungen, eine Beschreibung Afrikas ohne jede Romantisierung und Idealisierung. Selten ist menschliches Scheitern beeindruckender beschrieben worden als von Henning Mankell."
Walter Wuttke, Rheinischer Merkur

»Was als Zufallsspiel und Tagtraum begonnen hatte, wird zu einer Lebensaufgabe - und angesichts der dort herrschenden politischen Verhältnisse allmählich zu einem Kampf um Leben und Tod. Henning Mankells neuer Afrika-Roman erzählt von den Gegensätzen zwischen Afrika und Europa, von den Folgen des Kolonialismus in einem jungen, unabhängig gewordenen afrikanischen Staat, dessen Bewohner zwischen Korruption und Terror auf der einen und Freiheitsdrang und Idealismus auf der anderen Seite leben. Ein spannender und kluger, keineswegs pessimistischer Roman, der in eindrücklichen Bildern über die Faszination und die Fremdheit des >dunklen Kontinents< reflektiert.« Neue Zürcher Zeitung

"Mankell ist ein im besten Sinne spannender Roman gelungen, eine Beschreibung Afrikas ohne jede Romantisierung und Idealisierung. Selten ist menschliches Scheitern beeindruckender beschrieben worden als von Henning Mankell." (Walter Wuttke, Rheinische Merkur 13.02.04)

Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Susanne Mayer fordert, dass Henning Mankells Bücher als Suchtmittel akzeptiert werden, mit schwarzgerandeter Warnung: "Lesen könnte zu einer melancholischen Grundstimmung führen und Herzschmerz verursachen." Die mit 14 Jahre Verspätung erschienene "Parabel über die schuldhafte Verstrickung in Ignoranz und Stümperei" ist für die Rezensentin da keine Ausnahme. 18 Jahre versteckt sich der Held der Geschichte, natürlich ein Schwede, in Afrika vor sich selbst, wird träge und fast wahnsinnig, bevor er sich wieder in das Land seiner Geburt begibt, auf eine Art Bildungsreise zu sich selbst. Die Personen des Romans bleiben für Mayer im "Schemenhaften", die Weißen karikiert als Ausbeuter, die Schwarzen "unnahbar" in ihrer stillen Würde. Und auch von einer Handlung könne nicht wirklich die Rede sein. Vielmehr bestimmten die "Wucherungen der Angst" das Buch, glaubt Mayer, die Fieberträume und Halluzinationen ergeben für sie am Ende "ein plastischeres Bild als alle Menschen".

© Perlentaucher Medien GmbH

"Mankel ist ein im besten Sinne spannender Roman gelungen, eine Beschreibung Afrikas ohne jede Romantisierung und Idealisierung. Selten ist menschliches Scheitern beeindruckender beschrieben worden als von Henning Mankell."
Walter Wuttke, Rheinische Merkur, 13.02.04

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 23.08.2004

Der Malaria-Mörder
Henning Mankells Roman „Das Auge des Leoparden”
„Warum bin ich ich, denkt er. Ich und kein anderer?” Hans Olofson ist zwölf, als ihn diese Frage zum ersten Mal überfällt. Erik, sein Vater, war früher Seemann, jetzt ist er ein trunksüchtiger Holzfäller in den Wäldern Südschwedens. Seine Mutter hat er nie gekannt. Hans hat keine leichte Kindheit und Jugend. Er ist ein Grübler, der das Unglück magisch anzuziehen scheint: Sture, sein einziger Freund, bricht sich bei einer Mutprobe das Rückgrat; Janine, seine erste große Liebe, ertränkt sich im Fluss. Nach Abbruch seines Jurastudiums findet Hans sich im Jahre 1969 als Verwalter einer Hühnerfarm in Sambia wieder. Aber je länger er in Afrika lebt, desto weniger findet er sich in seiner Wahlheimat zurecht, die ihm immer fremder und bedrohlicher erscheint.
„Das Auge des Leoparden”, im Original bereits 1990 erschienen, zeichnet zugleich das Porträt eines unglücklichen, zerrissenen Menschen und eines unglücklichen, zerrissenen Kontinents. Das Talent, das Henning Mankell seit Jahren an die Spitze der Bestsellerlisten führt, bewährt sich auch hier. Der Autor versteht es, …

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Henning Mankell, 1948 als Sohn eines Richters in Stockholm geboren, wuchs in Härjedalen auf. Als 17-jähriger begann er am renommierten Riks-Theater in Stockholm, das Regiehandwerk zu lernen. 1972 unternahm er seine erste Afrikareise. Sieben Jahre später erschien sein erster Roman "Das Gefangenenlager, das verschwand". In den kommenden Jahren arbeitete er als Autor, Regisseur und Intendant an verschiedenen schwedischen Theatern. 1985 wurde Henning Mankell eingeladen, beim Aufbau eines Theaters in Maputo, Mosambik, zu helfen. Er begann zwischen den Kontinenten zu pendeln und entschied sich schließlich, überwiegend in Afrika zu leben. Dort ist auch der größte Teil der Wallander-Serie entstanden. Außerdem schrieb Henning Mankell Jugendbücher, von denen mehrere auch in Deutschland ausgezeichnet wurden. 2009 erhielt er den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis.

Leseprobe zu "Das Auge des Leoparden" von Henning Mankell

Der Tod ist in Afrika immer gegenwärtig«, sagt Werner Masterton. »Ich weiß nicht, woran es liegt. An der Hitze, an allem, was hier verwest, an den Afrikanern, bei denen die Wut gleich unter der dünnen Haut verborgen liegt. Es braucht hierzulande nicht viel, um eine Menschenmenge aufzuwiegeln, und dann erschlagen sie jeden, der ihnen in die Quere kommt, mit einer Keule oder einem Stein.«
»Dennoch leben Sie beide hier«, sagt Hans Olofson.
»Vielleicht gehen wir nach Rhodesien«, antwortet Werner Masterton. »Aber ich bin schon vierundsechzig. Ich bin müde, habe Probleme beim Pinkeln und schlafe schlecht. Vielleicht hauen wir trotzdem ab.«
»Wer würde die Farm kaufen?«
»Vielleicht sollte ich sie in Brand stecken.«
Sie kehren zu dem weißen Haus zurück. Wie aus dem Nichts taucht ein Papagei auf und setzt sich auf Hans Olofsons Schulter.
Anstatt Bescheid zu sagen, daß seine Weiterreise nach Mutshatsha sich erübrigt hat, betrachtet er den Papagei, der nach der Naht seines Hemds hackt.
Manchmal ist Feigheit meine auffallendste Charaktereigenschaft, denkt er resigniert. Ich traue mich nicht einmal, Menschen die Wahrheit zu sagen, die mich überhaupt nicht kennen.
Die tropische Nacht senkt sich wie ein schwarzes Tuch herab. Die Dämmerung ist nicht mehr als ein flüchtiger, eilig entschwindender Schatten. Er hat das Gefühl, daß die Dunkelheit ihn in die Vergangenheit zurückversetzt.
Auf der großen Terrasse, die sich über die gesamte Vorderseite des Hauses erstreckt, trinkt er Whisky mit Ruth und Werner Masterton. Sie haben sich gerade erst mit ihren Gläsern niedergelassen, als das Licht von Autoscheinwerfern über den Weiden flackert, und er hört das Ehepaar Vermutungen darüber anstellen, wer das sein könnte.
Ein Wagen hält unterhalb der Terrasse, und ein Mann unbestimmten Alters kommt zu ihnen hinauf. Im gedämpften Licht der Petroleumlampen sieht Hans Olofson, daß der Mann rote Brandwunden im Gesicht hat. Sein Schädel ist völlig kahl, und er trägt einen schlechtsitzenden Anzug. Er stellt sich als Elvin Richardson vor, Farmer wie die Mastertons.
Wer bin ich, denkt Hans Olofson. Eine zufällige Reisebekanntschaft aus dem Nachtzug von Lusaka nach Kitwe?
»Viehdiebe«, sagt Elvin Richardson und läßt sich mit einem Glas in der Hand schwer auf einen Stuhl fallen.
Hans Olofson hört zu, als wäre er ein Kind, das gebannt einem Märchen lauscht.
»Gestern nacht haben sie unten bei Ndongo den Zaun durchschnitten«, fährt Elvin Richardson fort. »Ruben White haben sie drei Kälber gestohlen. Die Tiere wurden an Ort und Stelle geschlachtet. Die Wachposten haben wie üblich nichts bemerkt. Wenn das so weitergeht, müssen wir Patrouillen organisieren und ein paar Diebe erschießen, damit sie sehen, daß wir es ernst meinen.«
Die Konturen schwarzer Diener sind in den Schatten auf der Terrasse zu erkennen.
Worüber reden die Schwarzen, fragt sich Hans Olofson. Wie beschreibt Louis mich, wenn er mit seinen Freunden am Feuer zusammensitzt? Hat er meine Unsicherheit bemerkt? Wetzt er ein Messer, das ganz allein für mich bestimmt ist?
Schwarze und Weiße scheinen sich in diesem Land nicht miteinander zu unterhalten. Ihre Welt ist gespalten, es fehlt an gegenseitigem Vertrauen. Über den Abgrund hinweg werden Befehle erteilt, das ist alles.
Er verfolgt das Gespräch und stellt fest, daß Ruth Masterton aggressiver ist als ihr Mann. Während Werner meint, daß sie noch abwarten sollten, ist sie dafür, gleich zu den Waffen zu greifen.
Er zuckt zusammen, als einer der schwarzen Diener sich über ihn beugt, um sein Glas aufzufüllen. Schlagartig wird ihm bewußt, daß er Angst hat. Die Terrasse, die blitzschnell einbrechende Dunkelheit, das sorgenvolle Gespräch; all das verunsichert ihn. Er empfindet die gleiche Hilflosigkeit wie als Kind, wenn die Balken im Haus am Fluß sich bei Kälte bogen.

Leseprobe zu "Das Auge des Leoparden" von Henning Mankell

Aus dem Schwedischen von Paul Berf

Der Tod ist in Afrika immer gegenwärtig«, sagt Werner Masterton. »Ich weiß nicht, woran es liegt. An der Hitze, an allem, was hier verwest, an den Afrikanern, bei denen die Wut gleich unter der dünnen Haut verborgen liegt. Es braucht hierzulande nicht viel, um eine Menschenmenge aufzuwiegeln, und dann erschlagen sie jeden, der ihnen in die Quere kommt, mit einer Keule oder einem Stein.«

»Dennoch leben Sie beide hier«, sagt Hans Olofson.

»Vielleicht gehen wir nach Rhodesien«, antwortet Werner Masterton. »Aber ich bin schon vierundsechzig. Ich bin müde, habe Probleme beim Pinkeln und schlafe schlecht. Vielleicht hauen wir trotzdem ab.«

»Wer würde die Farm kaufen?«

»Vielleicht sollte ich sie in Brand stecken.«

Sie kehren zu dem weißen Haus zurück. Wie aus dem Nichts taucht ein Papagei auf und setzt sich auf Hans Olofsons Schulter.

Anstatt Bescheid zu sagen, daß seine Weiterreise nach Mutshatsha sich erübrigt hat, betrachtet er den Papagei, der nach der Naht seines Hemds hackt.

Manchmal ist Feigheit meine auffallendste Charaktereigenschaft, denkt er resigniert. Ich traue mich nicht einmal, Menschen die Wahrheit zu sagen, die mich überhaupt nicht kennen.

Die tropische Nacht senkt sich wie ein schwarzes Tuch herab. Die Dämmerung ist nicht mehr als ein flüchtiger, eilig entschwindender Schatten. Er hat das Gefühl, daß die Dunkelheit ihn in die Vergangenheit zurückversetzt.

Auf der großen Terrasse, die sich über die gesamte Vorderseite des Hauses erstreckt, trinkt er Whisky mit Ruth und Werner Masterton. Sie haben sich gerade erst mit ihren Gläsern niedergelassen, als das Licht von Autoscheinwerfern über den Weiden flackert, und er hört das Ehepaar Vermutungen darüber anstellen, wer das sein könnte.

Ein Wagen hält unterhalb der Terrasse, und ein Mann unbestimmten Alters kommt zu ihnen hinauf. Im gedämpften Licht der Petroleumlampen sieht Hans Olofson, daß der Mann rote Brandwunden im Gesicht hat. Sein Schädel ist völlig kahl, und er trägt einen schlechtsitzenden Anzug. Er stellt sich als Elvin Richardson vor, Farmer wie die Mastertons.

Wer bin ich, denkt Hans Olofson. Eine zufällige Reisebekanntschaft aus dem Nachtzug von Lusaka nach Kitwe?

»Viehdiebe«, sagt Elvin Richardson und läßt sich mit einem Glas in der Hand schwer auf einen Stuhl fallen.

Hans Olofson hört zu, als wäre er ein Kind, das gebannt einem Märchen lauscht.

»Gestern nacht haben sie unten bei Ndongo den Zaun durchschnitten«, fährt Elvin Richardson fort. »Ruben White haben sie drei Kälber gestohlen. Die Tiere wurden an Ort und Stelle geschlachtet. Die Wachposten haben wie üblich nichts bemerkt. Wenn das so weitergeht, müssen wir Patrouillen organisieren und ein paar Diebe erschießen, damit sie sehen, daß wir es ernst meinen.«

Die Konturen schwarzer Diener sind in den Schatten auf der Terrasse zu erkennen.

Worüber reden die Schwarzen, fragt sich Hans Olofson. Wie beschreibt Louis mich, wenn er mit seinen Freunden am Feuer zusammensitzt? Hat er meine Unsicherheit bemerkt? Wetzt er ein Messer, das ganz allein für mich bestimmt ist?

Schwarze und Weiße scheinen sich in diesem Land nicht miteinander zu unterhalten. Ihre Welt ist gespalten, es fehlt an gegenseitigem Vertrauen. Über den Abgrund hinweg werden Befehle erteilt, das ist alles.

Er verfolgt das Gespräch und stellt fest, daß Ruth Masterton aggressiver ist als ihr Mann. Während Werner meint, daß sie noch abwarten sollten, ist sie dafür, gleich zu den Waffen zu greifen.

Er zuckt zusammen, als einer der schwarzen Diener sich über ihn beugt, um sein Glas aufzufüllen. Schlagartig wird ihm bewußt, daß er Angst hat. Die Terrasse, die blitzschnell einbrechende Dunkelheit, das sorgenvolle Gespräch; all das verunsichert ihn. Er empfindet die gleiche Hilflosigkeit wie als Kind, wenn die Balken im Haus am Fluß sich bei Kälte bogen.

Man rüstet sich hier für einen Krieg, denkt er. Aber was mir wirklich angst macht ist die Tatsache, daß die Mastertons und der fremde Mann dies überhaupt nicht zu merken scheinen.

Beim Abendessen wendet sich das Gespräch anderen Themen zu. Hans Olofson fühlt sich wohler, seit sie in einem Zimmer sitzen, in dem elektrisches Licht die Schatten vertreibt, Licht, in dem sich die schwarzen Bediensteten nicht verbergen können.

Das Gespräch bei Tisch kreist um alte Zeiten und um Menschen, die längst nicht mehr leben.

»Wir sind nun einmal, wie wir sind«, meint Elvin Richardson. »Es ist sicher verrückt von uns, auf unseren Farmen zu bleiben. Nach uns kommt nichts mehr. Wir sind die Letzten.«

»Nein«, widerspricht Ruth Masterton. »Da irrst du dich. Eines Tages werden die Schwarzen an unseren Türen betteln und uns anflehen zu bleiben. Die junge Generation sieht doch, wohin die Entwicklung geht. Die Unabhängigkeit war ein bunter Stoffetzen, der an eine Stange gehängt wurde, eine feierliche Proklamation leerer Versprechungen. Heute sehen die jungen Menschen, daß in diesem Land nur noch das funktioniert, was nach wie vor in unseren Händen ist.«

Hans Olofson fühlt sich auf einmal betrunken und glaubt, etwas sagen zu müssen. »Sind hier eigentlich alle so gastfreundlich?« fragt er. »Ich könnte doch auch ein steckbrieflich gesuchter Verbrecher sein. Gott weiß wer mit einer rabenschwarzen Vergangenheit.«

»Sie sind ein Weißer«, erwidert Werner Masterton. »In diesem Land reicht das als Garantie.«

Elvin Richardson verabschiedet sich nach dem Abendessen, und Hans Olofson versteht, daß die Mastertons zeitig zu Bett gehen. Vergitterte Türen werden sorgfältig abgeschlossen, Schäferhunde bellen draußen in der Dunkelheit, und Hans Olofson erhält Instruktionen, damit er keinen Alarm auslöst, falls er nachts in die Küche gehen sollte. Gegen zehn liegt er in seinem Bett.

Ich bin von Zäunen umgeben, denkt er. Das Haus ist ein weißes Gefängnis in einem schwarzen Land. Was denken die Schwarzen, wenn sie unsere Schuhe und ihre eigenen Latschen sehen? Was halten sie von der Freiheit, die sie erlangt haben?

Er sinkt in einen unruhigen Schlaf.

Plötzlich wird er von einem Geräusch geweckt, und in der Dunkelheit weiß er für einen Moment nicht, wo er ist.

Afrika, denkt er. Noch weiß ich nichts von dir. Vielleicht hat Afrika in Janines Träumen so ausgesehen? Auf einmal kann ich mich nicht mehr erinnern, worüber wir an ihrem Küchentisch gesprochen haben. Aber ich ahne, daß meine Wertmaßstäbe und Denkmuster hier weder ausreichen noch gelten. Hier ist ein anderes Sehen erforderlich …

Er lauscht in die Dunkelheit und fragt sich, ob er sich nun die Stille oder aber die Geräusche einbildet, und bekommt wieder Angst.

Ruth und Werner Mastertons Freundlichkeit ist umgeben von einer Katastrophe, denkt er. Diese Farm, das weiße Haus ist umzingelt von Angst und Wut, die sich schon viel zu lange aufgestaut haben.

Er liegt wach und stellt sich vor, Afrika wäre ein verletztes Raubtier, das noch zu Kräften kommen muß, um sich zu erheben. Der Atem der Erde und des Tieres sind eins, das Gestrüpp, in dem es sich verbirgt, ist undurchdringlich. War das nicht Janines Vorstellung von diesem verletzten und versehrten Kontinent? War er nicht wie ein Büffel, den man zwar in die Knie gezwungen hat, in dem aber noch so viel Kraft steckte, daß die Jäger auf Distanz blieben?

Vielleicht konnte sie dank ihres Einfühlungsvermögens tiefer in die Wirklichkeit eindringen als ich, der ich mich auf afrikanischem Boden bewege? Vielleicht machte sie in ihren Träumen eine Reise, die ebenso wirklich war wie meine sinnlose Flucht zur Missionsstation in Mutshatsha.

Vielleicht gibt es auch noch eine andere Wahrheit. Könnte man nicht sagen, daß ich hoffe, eine andere Janine auf dieser Missionsstation zu treffen? Einen lebendigen Menschen, der sie, die Tote, ersetzen kann?

Er liegt wach, bis die Dunkelheit rasch dem nahenden Morgen weicht. Durch das Fenster sieht er die Sonne wie einen roten Feuerball am Horizont aufgehen.

Auf einmal entdeckt er Louis, der neben einem Baum steht und ihn beobachtet. Obwohl es bereits sehr heiß ist, läuft ihm ein Schauer über den Rücken. Wovor habe ich Angst, denkt er. Vor mir selbst oder vor Afrika? Was hat Afrika mir zu sagen, das ich nicht hören will?

Um Viertel nach sieben verabschiedet er sich von Ruth Masterton und klettert neben ihren Mann auf den Beifahrersitz des Jeeps.

»Kommen Sie wieder«, sagt Ruth Masterton. »Sie sind uns immer herzlich willkommen.«

Als sie durch das große Tor der Farm fahren, an dem die beiden Afrikaner linkisch salutieren, bemerkt Hans Olofson einen alten Mann; er steht am Straßenrand im hohen Elefantengras und lacht. Halb verborgen huscht er vorbei. Viele Jahre später wird ihm dieses Bild wieder in den Sinn kommen.

Ein Mann, halb versteckt, der am frühen Morgen lautlos lacht …

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