 | Besprechung von 08.01.2011 |
Nur im Krieg fühlen sich die Kampfsüchtigen vor dem sozialen Scheitern sicherEin Jahr lang hat der Reporter Sebastian Junger auf einem amerikanischen Stützpunkt an den Kämpfen in Afghanistan teilgenommen. Warum sein Buch aus der Fülle der Kriegsliteratur heraussticht.
Jungers Buch handelt von dem, was in der deutschen Politik bis vor kurzem nicht beim Namen genannt werden durfte: vom Krieg in Afghanistan. Es berichtet nicht von endlos langem Warten in Camps, gelegentlichen Patrouillen in gepanzerten Fahrzeugen, Sprengfallen der Taliban am Straßenrand und schwerverwundeten Kameraden, wie das sonst in der anschwellenden Afghanistan-Literatur der Fall ist, sondern hier geht es vor allem um Kämpfen und Töten.
Dementsprechend sind die drei Kapitel von Jungers Buch auch überschrieben: Angst, Töten, Liebe. Und mit Letzterem ist nicht etwa die Sehnsucht nach der Heimat und dem Familienleben in einer friedlichen Umgebung gemeint, sondern das Verhältnis der Soldaten untereinander, ihre Angewiesenheit aufeinander, das Füreinandereinstehen im Gefecht, schließlich das gemeinsame Trauern um die getöteten Kameraden.
Ein richtiges …
Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
Beeindruckt zeigt sich der bekannte Politologe Herfried Münkler von Sebastian Jungers Buch, das aus der Fülle der Kriegsliteratur positiv hervorrage. Er hebt hervor, dass der Reporter die Soldaten ein Jahr auf einem amerikanischen Stützpunkt begleitet und auch die Kämpfe miterlebt hat. Das Kämpfen und Töten sieht er denn auch hier im Zentrum des Buchs: mit "kalter Sachlichkeit" schildere der Autor die Adreanlinschübe im Nahkampf, physische Gewalt, Massaker, Langeweile zwischen Einsätzen. Das Buch zeichnet sich für Münkler einerseits durch Nähe zum Geschehen aus, andererseits durch Jungers Reflexion über sein Berichten, die auch deutlich macht, dass Objektivität für ihn als "embedded correspondent" nicht möglich ist. Zudem findet er in dem Buch zahlreiche erhellende Beobachtungen, etwa, dass Sieges- und Durchhaltewillen kaum von Ideologien und politischen Zielen, sondern vom Zusammenhalt und Akzeptanz in der Gruppe abhängen. In diesem Zusammenhang betont Münkler auch, dass der Autor seine Beobachtungen stets mit kriegsgeschichtlichen, militärsoziologischen, psychologischen Studien abgleicht. Das für ihn eigentlich Provozierende an vorliegendem Buch, ist für ihn die Erkenntnis, dass der Krieg die Soldaten vom sozialen Scheitern schützt und der Kampf ihnen zur Sucht wird.
© Perlentaucher Medien GmbH
"Wenn jemand eine überwältigende Erfahrung macht, mit etwas konfrontiert wird, das größer ist als er, dann kann es sein, dass er religiös wird, aus Staunen und Dankbarkeit, und es kann andererseits sein, dass er versucht, die Macht dieser Erfahrung mit wissenchaftlichem Klimbim zu rationalisieren. Und dann kommt es gar nicht so selten vor, dass jemand ein Buch schreibt, das stark ist und mächtig und klar und selber eine Erfahrung wird. Für den Schreibenden und für den Lesenden. ... Sebastian Junger hat ein starkes, hartes, zärtliches Buch geschrieben. Ich wünschte mir, dass möglichst viele Leute seinen Bericht lesen und weitergeben." (Günter Ohnemus, Die Zeit)
"Dass Krieg schlecht ist, ist bekannt. Junger aber interessieren nicht die Wertungen von Menschen, die nicht dabei waren. Ihn interessiert, was geschieht, wenn Menschen in Gefahr sind, unter Adrenalin stehen, nur als Gruppe überleben können, wenn jeder einzelne bereit ist, für den anderen zu sterben. Das ist der patriotische Teil dieses tief skeptischen Buchs. Junger bleibt offen, moralisch, militärisch. Aber im Grunde erzählt er, dass der Krieg in Afghanistan für Amerika nicht zu gewinnen ist. Wie es Junger dabei gelingt, Interpretation aus Erzählung zu formen, ist ein wesentlicher Triumph dieses Buches. Es geht bei alldem letztlich auch um die Rolle, die Journalisten und Schriftsteller spielen, als Wirklichkeitsbeschaffer oder Besserwisser."
"Dass Krieg schlecht ist, ist bekannt. Junger aber interessieren nicht die Wertungen von Menschen, die nicht dabei waren. Ihn interessiert, was geschieht, wenn Menschen in Gefahr sind, unter Adrenalin stehen, nur als Gruppe überleben können, wenn jeder einzelne bereit ist, für den anderen zu sterben. Das ist der patriotische Teil dieses tief skeptischen Buchs. Junger bleibt offen, moralisch, militärisch. Aber im Grunde erzählt er, dass der Krieg in Afghanistan für Amerika nicht zu gewinnen ist. Wie es Junger dabei gelingt, Interpretation aus Erzählung zu formen, ist ein wesentlicher Triumph dieses Buches. Es geht bei alldem letztlich auch um die Rolle, die Journalisten und Schriftsteller spielen, als Wirklichkeitsbeschaffer oder Besserwisser."
Der Journalist Sebastian Junger, geboren 1962, ausgezeichnet mit dem National Magazine Award, veröffentlichte die Reportagensammlung "Feuer" und den Weltbestseller "Der Sturm", der mit George Clooney und Mark Wahlberg verfilmt wurde, bevor er mit "Tod in Belmont" abermals in die Top Ten der Bestsellerliste und in die Debatte um nationales Selbstverständnis in den USA vorstieß. Sein auf den in "War" beschriebenen Erlebnissen beruhender Dokumentarfilm "Restrepo" erhielt den Grand Jury Prize des renommierten Sundance Film Festival.
Leseprobe zu "War" von Sebastian Junger
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Leseprobe zu "War" von Sebastian Junger
– 2 – (S. 94-95)
Morgengrauen auf dem Abas Ghar, Soldaten eingerollt auf dem Boden, zugedeckt mit Ponchofutter-Steppdecken oder in Schlafsäcke gehüllt. Der Platoon kampiert in einem Wald aus niedrigen Fichten, nachdem die Männer den größten Teil der Nacht marschiert sind, um Wärmesichtungen auf den oberen Kämmen nachzuspüren.
Die Sichtungen erwiesen sich als Holzscheite, die nach dem Artilleriefeuer vor Tagen noch immer glommen. Als die Männer sich aus ihren Schlafsäcken befreien, steht die Sonne bereits über dem östlichen Kamm, und die Afghanen haben auf einem Stück freien Gelände ein Reisigfeuer entfacht, um sich die Hände zu wärmen. Überall stehen die Stümpfe riesiger Bäume, die vor Jahren gefällt worden sind, an den Berghängen lodert das brusthohe Dickicht der Jahreszeit entsprechend gelb, und die Trampelpfade sind so hart, dass Füße kaum Abdrücke hinterlassen. Die Männer wechseln ihre Socken und schnüren ihre Stiefel und rauchen die erste Zigarette des Tages und nehmen Aufstellung. Dann brechen sie auf.
Die Männer gehen langsam und vorsichtig unter ihren schweren Lasten, bleiben stehen, wenn die Reihe sich staut, und gehen dann wortlos weiter. Voran geht ein Vier-Mann-Team aus Macs 1st Squad, dessen Aufgabe es ist, das Terrain vor der Hauptgruppe zu räumen und eventuelle Hinterhalte aufzudecken. Die 1st Squad ist die Führungseinheit des Platoons, der wiederum als Speerspitze der gesamten Company fungiert, die den Hauptvorstoß des Battalions repräsentiert. Dazu zu gehören ist eine große Ehre und bedeutet ungemeine Verantwortung. Die Männer schwitzen bereits und bewegen sich bergauf, der aufgehenden Sonne entgegen, durch verkohlten Holzabfall und stille, dichte Nadelwaldstücke. Zum Süden hin rauchen die Berge immer noch von den Luftangriffen auf Yaka Chine.
Kurz vor Mittag lässt Piosa anhalten, weil Prophet feindliche Kämpfer dabei abgehört hat, wie sie amerikanische Truppenbewegungen besprechen, und dann wird auf einem südwestlichen Bergkamm etwas entdeckt, das ein Bunker sein könnte. Rougles Scharfschütze feuert drei Schüsse darauf ab, aber nichts geschieht. Also schickt Piosa die 1st Squad, den Bau zu sichern und Koordinaten aufnehmen. Danach geht es weiter.
Es hat zwar den Anschein, als seien sie allein auf dem Berg, aber das sind sie mit ziemlicher Sicherheit nicht. Prophet hört Funkgespräche, in denen davon die Rede ist, dass Aufständische einen afghanischen Soldaten gefangen genommen haben und vorhaben, ihn zu köpfen. Die Amerikaner zählen in aller Hektik ihre Soldaten und kommen zum Ergebnis, dass es sich nur um einen Akt psychologischer Kriegsführung handelt, der sie irreführen soll. Kearney lässt schließlich einen südlichen Grat – eine mutmaßliche Stellung – von Mörsern beschießen, aber selbst das ruft keine Reaktion hervor.
Irgendwann wandert ein Hirte mit seinen Ziegen durch die Stellung; später hört Prophet Männer tuscheln. Die Aufständischen haben noch nie an ihren Funkgeräten geflüstert, und niemand denkt sich etwas dabei, bis viel später die Gründe dafür nur allzu klar werden. Die zweite Nacht wird wieder in dichten Fichtenwäldern hoch oben auf einem Ausläufer des Abas Ghar namens Sawtalo Sar verbracht. Der 2nd Platoon orientiert sich Richtung Norden, die ANA nach Süden, Headquarters nach Westen und Rougle und seine Wildcat-Einheit nach Osten.
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