Hesmats Flucht - Böhmer, Wolfgang

Wolfgang Böhmer 

Hesmats Flucht

Eine wahre Geschichte aus Afghanistan

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Produktbeschreibung zu Hesmats Flucht

Packend, bewegend, aufrüttelnd: Flucht aus Afghanistan

Seine Mutter ist gestorben, sein Vater wurde umgebracht: Hesmat hat keine Wahl, er muss aus Afghanistan fliehen! Zu Fuß geht es über den Hindukusch, weiter mit dem Zug nach Moskau und von dort in den Westen. Er landet immer wieder in Gefängnissen, er wird bestohlen, gequält und misshandelt. Manchmal ist er kurz davor, aufzugeben. Aber der Traum von einem besseren Leben treibt ihn weiter -
- Basierend auf den Erlebnissen eines afghanischen Jungen, der heute in einem österreichischen SOS-Kinderdorf lebt
- Ausführliche Unterrichtserarbeitung erhältlich
- Mit einer kurzen "Geschichte Afghanistans" im Anhang

Produktinformation


  • Verlag: Cbt
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 283 S.
  • Seitenzahl: 288
  • cbt Taschenbücher Bd.30549
  • Altersempfehlung: ab 12 Jahren
  • Deutsch
  • Abmessung: 182mm x 126mm x 29mm
  • Gewicht: 300g
  • ISBN-13: 9783570305492
  • ISBN-10: 357030549X
  • Best.Nr.: 23823945

Perlentaucher-Notiz zur Sueddeutsche Zeitung-Rezension

Spürbar bewegt ist Birgitt von Maltzahn von der Geschichte Hesmats, dem als 11-jähriger Waise die Flucht aus Afghanistan in ein SOS-Kinderdorf in Innsbruck gelungen ist. Die fesselnde Geschichte des Jungen, die der Journalist Wolfgang Böhmer zunächst in einem Radio-Interview festgehalten hat, habe den österreichischen Innenminister so berührt, dass er dem von Abschiebung bedrohten Jungen das Bleiberecht in Österreich zugesagt habe, teilt die Rezensentin mit, die sich im Buch abgedruckte Landkarten gewünscht hätte, damit der abenteuerliche Weg des Jungen nachvollziehbar geworden wäre.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 28.10.2008

Endlose Fußmärsche
Die einjährige Flucht eines afghanischen Waisenjungen
Der Mensch kann mehr ertragen, als sich irgendjemand vorstellen kann.” Diese Erfahrung seines Vaters kann Hesmat inzwischen bestätigen. Im Laufe seiner einjährigen Flucht aus Afghanistan hat er tausendmal geglaubt, dass ihn das letzte Körnchen Kraft schon lange verlassen hat, aber irgendwann vergisst er die Schmerzen, den Hunger, das Leid. Allein macht sich der 11-jährige Waisenjunge auf den Weg, weg von den fundamentalistischen Taliban, mit dem Ziel Europa, wo er sich ein sicheres Leben und eine Chance auf Bildung erhofft. Seine Eltern wollten ihn zu einem weltoffenen, gebildeten Menschen erziehen, doch die Verhältnisse in seiner Heimat haben das unmöglich gemacht. Die Mutter starb früh, und der Vater, der mit den russischen Besatzern zusammengearbeitet hatte, wurde von wütenden Landsleuten umgebracht. Der Großvater hielt nichts von westlichen Werten. Deshalb will Hesmat sein Glück in London suchen.
Er ahnt nichts von den körperlichen Strapazen, die ihm bevorstehen: endlose Fußmärsche durchs Gebirge ohne warme Kleidung und ausreichende Nahrung, immer in der Angst, …

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"Ein fantastisches Buch - das eine beeindruckende Ahnung vom Schicksal vieler afghanischer Jugendlicher gibt."

"Ein fantastisches Buch - das eine beeindruckende Ahnung vom Schicksal vieler afghanischer Jugendlicher gibt."
Wolfgang Böhmer wurde 1970 in Innsbruck (Österreich) geboren. Er ist seit 14 Jahren als Journalist für den österreichischen Rundfunk im In- und Ausland tätig. Für den ORF berichtete er aus Afghanistan, Pakistan, dem Kosovo, aus Bürgerkriegs- und Katastrophengebieten. Seit Jahren arbeitet er eng mit dem SOS-Kinderdorf zusammen und besuchte für SOS auch die Kriegsregion in Somalia. Wolfgang Böhmer ist verheiratet, hat einen Sohn und lebt derzeit in Tirol.

Leseprobe zu "Hesmats Flucht" von Wolfgang Böhmer

Hesmat hatte sich nicht umgedreht. Erst als das Auto die Ebene nördlich von Mazare Sharif in Richtung Osten durchschnitt, wurde ihm bewusst, dass er wohl nie mehr zurückkehren würde. Er hatte auf der zerfetzten Rückbank einen Platz bekommen, eingepfercht zwischen drei fremden Männern, die sich unruhig hin und her schoben und nach jedem Schlagloch von Neuem begannen, ihren Platz zu verteidigen.

Sobald sie Mazar verlassen hatten, leerten sich die Straßen, und sie kamen schneller voran. Sie waren zu sechst in dem Wagen, in dem Tuffon ihm einen Platz organisiert hatte. Tuffon, der Freund seines Vaters, hatte Hesmat lange umarmt, dann hatte er ihn in das Auto gesetzt. Jetzt flatterte der Fluchtplan in Hesmats Händen im Fahrtwind des offenen Fensters, und er wiederholte noch einmal die Nummern, Adressen und jeden Punkt auf dem Plan, den Tuffon nächtelang entworfen hatte und den er längst auswendig kannte.

"Ich weiß nicht, ob du alles noch so vorfinden wirst, wie ich es in Erinnerung habe", hatte Tuffon gesagt. "Vieles hat sich wahrscheinlich verändert, aber das meiste wird dir doch nützlich sein." Er hatte einen ganzen Tag an der improvisierten Karte gezeichnet. Stundenlang war er in seinem Geschäft auf und ab gegangen und hatte versucht, sich Details der Route wieder in Erinnerung zu rufen. Immer wieder hatte er der Karte einen weiteren Hinweis, einen weiteren wichtigen Punkt hinzugefügt. Er hatte alles aufgezeichnet, was für Hesmat von Bedeutung sein konnte. Wege, die er meiden sollte, Dörfer, die er umgehen musste. Er hatte ihm gezeigt, wo er Menschen treffen würde, die ihm möglicherweise weiterhalfen. Er hatte auch von Schluchten gesprochen, die den sicheren Tod bedeuteten.

"Du darfst auf keinen Fall den direkten Weg nehmen", hatte er gesagt. "Egal wie verlockend die Sache auch aussieht, du musst zuerst nach Osten, hinein in die Berge. Es ist ein sehr langer Umweg, aber es ist der einzig sichere Weg. Die Grenze im Norden, hinüber nach Tadschikistan, ist dicht. Man wird ständig kontrolliert, außerdem wird dort gekämpft. Hör mir gut zu", sagte er dann. "Du wirst viele Leute auf deinem Weg treffen. Sind es Flüchtlinge, ist es gut. Wenn du Schmuggler triffst, kannst du dich ihnen für ein paar Tage anschließen, musst aber vorsichtig sein. Du darfst nicht zu lange bei ihnen bleiben. Schlaf nicht in ihrem Zelt. Sag ihnen, du wärst auf dem Weg nach Hause. Sag, du warst bei deinen Verwandten in Kabul und du bist jetzt auf dem Weg zurück zu deinem Vater. Sie werden dich nichts Genaueres fragen. Lass dich nicht täuschen. Und vergiss nicht, du musst zuerst in die Berge! Lass dich von niemandem dazu überreden, direkt über die Grenze zu gehen!"

Es war eine sehr genaue Karte und Hesmat fasste Mut. Er würde damit über die Grenze kommen. Von dort würde er mit dem Zug einfach nach Moskau fahren, wo Tuffon Freunde hatte. "Sie werden auf dich warten", hatte er gesagt, "ich gebe ihnen Bescheid. Du kannst ihnen vertrauen. Du musst sie unbedingt finden. Ohne Freunde hast du in Moskau keine Chance." Immer wieder waren Tuffon Zweifel gekommen. Es war Selbstmord, sagte er sich, aber der Junge hatte den Willen seines Vaters geerbt.

Zwei Tage nach dem Streit mit seinem Großvater war Hesmat, noch bevor die Sonne aufgegangen war, in das Auto nach Kunduz gestiegen. Jetzt holperte der Wagen über die schlechte Straße und ließ die Stadt in einer Staubwolke verschwinden, die der Wagen hinter sich herzog. Die Dollarscheine, die nicht mehr in seinen Gürtel gepasst hatten, hatte er in seine Unterhose gestopft. Jetzt zwickten die Scheine in seinem Schritt. Das große Tuch seiner Mutter, das er zu einer Schultertasche gebunden hatte, lag auf seinen Knien. Nachdem sich der Großvater am vergangenen Abend schlafen gelegt hatte, hatte er Brot, ein Stück getrocknetes Fleisch und vier Eier in das Tuch gepackt und alles hinter dem Haus versteckt. Er konnte kein Auge zumachen, so groß war seine Aufregung und vor allem die Angst.

Sein kleiner Bruder Hasip schlief ruhig neben ihm und lachte ihn im Schlaf an. Vielleicht würde Hesmat ihn nie wiedersehen. Niemand glaubte daran, dass er die Flucht überleben würde. Welche Chance hatte ein Elfjähriger schon, allein aus Afghanistan nach London zu flüchten? Er drückte Hasip einen letzten Kuss auf die Stirn, drehte sich um und versuchte, nicht zu weinen. Dann packte er das Tuch mit dem Essen, das er in einer Kiste vor den streunenden Hunden versteckt hatte, und rannte, so schnell ihn seine Füße trugen, zu Tuffon.

"Lass dein Geld stecken", hatte Tuffon gesagt, als er Hesmat auf die Rückbank des alten Jeeps setzte und den Fahrer bezahlte, "du wirst es brauchen." Dann warf er die Autotür zu, klopfte auf das Dach des Wagens und ging davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Die Taliban hatten sie aus dem Auto gezogen, und sie mussten sich aufstellen, während die Männer mit den Gewehren die Papiere kontrollierten. Dann prüften die Taliban die vorgeschriebene Bartlänge, warfen einen Blick in die leeren Taschen und scheuchten sie fluchend zurück in den Wagen. Weiter bis zur nächsten Kontrolle, den nächsten Schikanen, dem nächsten Beweis dafür, dass sie wertlose Geschöpfe waren, die wie Tiere gehalten, gezählt, kontrolliert und bei Bedarf geschlachtet wurden.

Es waren immer die gleichen Lügen, die Hesmat weiterhalfen. Er sei unterwegs zu seinem Vater. Er habe die letzten Monate in der Stadt verbracht und wolle jetzt wieder zurück. Ein abgemagerter und für seine elf Jahre viel zu kleiner Junge: Welche Gefahr konnte von ihm schon ausgehen? Meistens schubsten die Taliban ihn kurzerhand auf die Seite und konzentrierten sich auf die Erwachsenen. Dieses Mal hatten sie ihre Ruten im Zaum gehalten, und als sie wieder im Wagen saßen und endlich weiterfuhren, fiel die Anspannung von ihnen ab, und sie begannen zu reden. Hesmat war der Letzte, der von seinem Ziel erzählte.

"London? Ein Zwerg wie du in London? Du bist wohl nicht ganz dicht im Kopf."

Leseprobe zu "Hesmats Flucht" von Wolfgang Böhmer

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