Leseprobe zu "Die reden - Wir sterben"
Kapitel 2
Der Krieg im Kopf
Wenn die Seele verblutet
Die Straßenkreuzung gleicht einer Verkehrsinsel, auf der gerade ein Basar abgehalten wird. Die kleinen und alten Autos sind eher in der Minderzahl und versuchen sich einen Weg durch die Massen der übrigen Transportmittel zu bahnen. Menschen auf Eseln, Fahr-radfahrer, Mofas und Mopeds, überfüllte Busse, Lastwagen mit buntem Zierrat behangen, Kamele als Lastentiere mit riesigen Heuballen oder vielköpfigen Familien auf dem Rücken - alles drängt sich auf der einzigen geteerten Straße in der Mitte von Kun-dus um diesen Verkehrsknotenpunkt. Wer über eine funktionieren-de Hupe verfügt, der betätigt sie oft und scheinbar automatisch. Überall dazwischen bewegen sich Fußgänger durch die staubige Sommerhitze. Die blauen Burkas afghanischer Frauen setzen sich deutlich von dem sandigen, lehmfarbenen Straßenbild ab. Zusam-men mit der bunten Auslage der Obst- und Gemüsestände am Straßenrand wirken sie, als wollten sie bewusst Farbe in dieses triste Land bringen.
In der Mitte der Kreuzung befindet sich eine Polizeiwache. Et-was erhöht gebaut, mit matten dünnen Scheiben in allen Richtun-gen, versucht dieses Gebäude so etwas wie Staatsmacht oder Ordnung darzustellen. Alle Straßen, die auf diese Kreuzung zulau-fen, sind von dieser Polizeiwache aus zu sehen. Der ursprüngliche Verputz der Betonwände hatte irgendwann einmal rot-weiße Strei-fen zur besseren Erkennung getragen. Eifrig versuchen die örtli-chen Polizeikräfte, durch schwer zu deutende Handzeichen oder mit lauten Trillerpfeifen so etwas Ähnliches wie Verkehrsregeln durchzusetzen.
Ich folge meinen Kameraden zu Fuß durch das Getümmel der Menschen. Wir haben ein Treffen mit dem örtlichen Polizeichef, wollen mit ihm über die Sicherheit in der Stadt Kundus sprechen, auch über die Verkehrssicherheit. Unsere Militärpolizisten sind ebenso dabei wie der deutsche Polizist, der sich um die Ausbil-dung der afghanischen Kollegen kümmert.
Wir haben zuvor aus Kreisen des Geheimdienstes die Warnung erhalten, dass sich zwei Selbstmordattentäter in der Stadt aufhal-ten sollen - mindestens einer von ihnen soll in einem mit Spreng-stoff gefüllten weißen Toyota auf uns warten. So dankbar wir über solche Warnmeldungen auch sind, bleiben wir verunsichert. In dem Durcheinander des Straßenverkehrs in Kundus ist fast jedes zweite Auto ein weißer Toyota.
Ich stehe beim ersten Treffen etwas abseits von unseren Solda-ten und den afghanischen Polizisten. Herzliche Begrüßungen, höfliche Wortwechsel, die Sprachmittler tun ihr Bestes.
Plötzlich erfasst mich eine gewaltige Woge der Angst. Zum ers-ten Mal während meines Einsatzes habe ich Todesangst, die ich nicht einordnen kann. Ich kenne diese Angst von verschiedenen Anschlägen, vom direkten Beschuss, ich lag schon einmal in einem Feuergefecht und sah die Panzerfaustraketen auf mich zufliegen. Aber da hatte ich eine konkrete Bedrohung vor mir, sah einen Feind. Jetzt sehe ich ihn nicht und spüre dennoch die gleiche Angst. Sie ist gewaltig, ich kann mich nicht dagegen wehren. Keine militärische Ausbildung, keine Waffe, keine Schutzweste und kein Stahlhelm, kein Drill und kein Training kann mich davor schützen - sie ist einfach da.
Ich versuche zu sortieren, bemühe mich, die Kontrolle über die Situation zu behalten. Ich handle als Soldat, beginne mit der Lage-beurteilung. Wo sind meine Kameraden, wo meine linken und rech-ten Nachbarn? Wo könnte die Bedrohung sein? Woran könnte ich sie erkennen? Wie ist der Ladezustand meiner Waffe? Welche Maßnahmen könnte ich ergreifen? Alles läuft in Sekunden ab. Ich erfasse mit schnellen Blicken mein Umfeld und sehe plötzlich einen Mann in typisch afghanischen Gewändern. Unter seinem Umhang zieht er ein Mobilfunktelefon hervor. Er beobachtet aufmerksam die Umgebung und schaut wiederholt in die Richtung einer Straßen-einmündung in die Kreuzung. Ich finde es merkwürdig, dass der Mann nicht auf sein Handy schaut. Er kl
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Kapitel 3 Versorgung der Veteranen (S. 118-119)
Auf den Feind folgen die Formulare – Antragsteller und ihr mühevoller Weg zum Recht Ob ein Soldat nach seinem Einsatz in einer PTBS-Statistik erfasst ist oder nicht, ändert zunächst einmal nichts an seiner Krankheit. Sein Leid, die Belastungen für seine Familie, seine intimen Erlebnisse, seine Tränen, seine Ängste, seine Nächte, seine Träume – all das kann in einer Statistik ohnehin nicht gewichtet werden. Was die Politiker sagen, was die Bundeswehr ausrechnet und sich vormacht, all das kann den Betroffenen ziemlich egal sein.
Mit meinen Bildern im Kopf, mit den Albträumen, die mich verfolgen, mit dem Tod, der mich so oft holen wollte, mit all den Kameraden, die ich sterben sah, da lebt es sich schwer genug. Ich habe genug mit mir selbst zu tun. Ein Jahr nach meinem Afghanistaneinsatz sitze ich bei meinem Truppenarzt. Ich bin Oberstleutnant der Bundeswehr, trage meine Uniform, erfülle meine Aufträge, meine Termine, ich muss und will funktionieren. Aber der Arzt sagt plötzlich zu mir: »Nein, so geht das nicht weiter mit Ihnen, ich ziehe Sie jetzt aus dem Verkehr.« Er schreibt mich krank. Mitten im Geschehen. Dabei habe ich nur kleine Beschwerden angedeutet, Schmerzen im Rücken, schlaflose Nächte, ich wollte einige Massagen, vielleicht ein paar Schlaftabletten.
Nein, sagt er, es geht nicht mehr. Das ist der Anfang eines langen Weges, ich werde zum »PTBS-Fall«, zum Antragsteller in einem jahrelangen formalen Verfahren. Aber das weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ich fühle mich, als säße ich auf meinem Mountainbike, raste in voller Fahrt den Berg hinunter – und plötzlich blockiert das Vorderrad. STOPP, krankgeschrieben! Was soll ich jetzt meinem Chef erzählen, was meinen Kameraden? Der Arzt möchte mich in ein Bundeswehrkrankenhaus überweisen, in die Abteilung Psychiatrie. Sachlich kühl höre ich mich fragen, was man in so einer Abteilung mit mir machen würde. Innerlich bin ich alles andere als ruhig. Ich habe nur vage und schreckliche Vorstellungen von einer Psychoklinik: Da sind doch nur die völlig Irren, die ans Bett gefesselt werden und Tabletten fressen müssen, damit sie ruhig sind.
Dem Arzt gegenüber versuche ich, meinen Schock zu verbergen. Also gut, ich habe Bedenkzeit, es wird nichts gegen meinen Willen passieren, es ist eine Sache der Absprache, keine Zwangseinweisung – so viel habe ich jetzt kapiert. Als Vorgesetzter habe ich einige Soldaten erlebt, die völlig fertig waren durch Drogenkonsum, Alkohol, Beziehungsstress, Selbstmordversuch. Dann kam ihre Einweisung in die Psychiatrie. Damals habe ich eng mit den jeweiligen Ärzten zusammengearbeitet, habe mich um die Soldaten gekümmert. Aber ich selbst? Tage später stimme ich zu.
Ich weiß, dass der Arzt Recht hat, dass es so nicht mehr weitergeht. Ich stelle mich dieser Krankheit, versuche, sie als Herausforderung und Chance zugleich zu begreifen. Wenige Wochen später fahre ich mit sehr gemischten Gefühlen das erste Mal in ein Bundeswehrkrankenhaus, stationäre Aufnahme in die Abteilung VI, Psychiatrie und Neurologie. Über zwanzig Jahre habe ich in der Truppe meinen Mann gestanden, war Vorbild, habe in Einsätzen mein Leben riskiert, Leben gerettet, mein eigenes verteidigt – und jetzt bin ich Patient in der Psychiatrie! Ich kann es immer noch nicht fassen.
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