Die Sichtbarkeit des Bildes - Wiesing, Lambert

Lambert Wiesing 

Die Sichtbarkeit des Bildes

Geschichte und Perspektiven der formalen Ästhetik

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Die Sichtbarkeit des Bildes

In seinem zuerst 1997 erschienenen Band, mittlerweile ein Standardwerk der Bild- und Kunstwissenschaft, rekonstruiert Lambert Wiesing die philosophischen Grundlagen für die Entstehung neuer Bildformen im 20. Jahrhundert. Er zeichnet den Weg nach vom Alten Meister zum Videoclip, von der abstrakten Collage zur digitalen Simulation. Dabei betrachtet er ausschließlich die sichtbaren Strukturen von Bildern und Kunstwerken: Bilder müssen keine Zeichen sein, sie lassen sich um ihrer reinen Sichtbarkeit willen betrachten. Mit diesem Rückgriff auf die formale Ästhetik des 19. und 20. Jahrhunderts liefert Wiesing die begrifflichen Kategorien für die aktuelle Bildtheorie.


Produktinformation

  • Verlag: Campus Verlag
  • 2008
  • Neuaufl.
  • Ausstattung/Bilder: Neuaufl. 2008. 318 S.
  • Seitenzahl: 331
  • Campus Bibliothek
  • Deutsch
  • Abmessung: 217mm x 140mm x 21mm
  • Gewicht: 420g
  • ISBN-13: 9783593386362
  • ISBN-10: 3593386364
  • Best.Nr.: 23334550
25.09.2009, Journal of Literary Theory "Wiesings beeindruckende Untersuchung hat bis heute nichts an Aktualität verloren und sei all jenen zur (Re-)Lektüre empfohlen, die in den Bereichen Bildtheorie, Intermedialität und visual culture arbeiten."
Lambert Wiesing ist Professor für Vergleichende Bildtheorie an der Universität Jena.

Leseprobe zu "Die Sichtbarkeit des Bildes" von Lambert Wiesing

Aus heutiger Sicht ist es für mich fast unverständlich: In der Sichtbarkeit des Bildes verwende ich gerade zwei Mal den Ausdruck "Bildtheorie" - ganz beiläufig und ohne ihn in irgendeiner Form zu thematisieren (S. 30 und 229); von einer Theorie des Bildes spreche ich ebenso nur zwei Mal (S. 59 und 169). Die kaum vorhandene Verwendung dieser Begriffe irritiert mich, da ich mir sicher bin, ich würde Dutzende Male auf sie zurückgreifen, hätte ich das Buch heute zu schreiben. Gegenwärtig sehe ich keinen anderen Begriff, mit dem sich der Inhalt und die Absicht dieses Buches prägnanter beschreiben ließe: In der Sichtbarkeit des Bildes versuche ich, eine Bildtheorie zu entwerfen. Doch als ich das Buch Anfang der neunziger Jahre schrieb - es kam November 1996 erstmals in den Buchhandel -, war "Bildtheorie" in der deutschen Wissenschaftslandschaft kein gängiger Begriff. In diversen Wissenschaften wurde intensiv über Bilder in allen ihren Erscheinungsformen geforscht und nachgedacht, aber es war nicht gerade üblich, in diesem Zusammenhang von "Bildtheorie" zu sprechen. Wenn überhaupt, so findet man den Begriff "Bildtheorie" zumeist in einem ganz anderen Sinne, nämlich für Wittgensteins frühes Verständnis von Aussagen. Die Begriffe "Bildwissenschaft" und "Bildsemiotik" waren noch nicht annähernd so geläufig, wie dies heutzutage der Fall ist, aber durchaus schon zu finden. Dass man in den achtziger und neunziger Jahren von "Bilderkunde" sprach, ist heute nahezu vergessen. Doch welche Begriffe auch immer kursierten: Der Ausdruck "Bildtheorie" mischte nicht richtig mit - zumindest gehörte er nicht zu meinem Wortschatz. Wenn "Bildtheorie" überhaupt vor der Jahrtausendwende benutzt wurde, so meine ich sagen zu können, dann nur unspezifisch: nicht in zentraler Position, nicht in einem Titel oder einer Definition.

Wie hat sich die Situation geändert! Man braucht sich nur oberflächlich für Bilder zu interessieren, um ständig auf den Begriff "Bildtheorie" zu stoßen: Aufsätze, Bücher, Kongresse und Forschungsprojekte verwenden den Begriff in ihren Titeln und Programmen - und dies zumeist ganz selbstverständlich. Es gibt explizite Arbeitsstellen, Studiengänge und Professuren für Bildtheorie; alles Phänomene etwa der letzten zehn Jahre. Der Begriff "Bildtheorie" hat sich in kurzer Zeit von einem randständigen Wort zu einer viel verwendeten programmatischen Kategorie entwickelt. Wohlgemerkt: Ich denke an die Begriffsgeschichte, nicht an die mit diesem Begriff gemeinten Überlegungen. Diese sind zweifelsohne viel älter, um nicht zu sagen, fast so alt wie die Philosophie selbst: Platon hatte eine Bildtheorie - aber sie wurde nicht als solche bezeichnet. Stattdessen war es üblich, von Platons Ästhetik, seiner Mimesis- oder Kunsttheorie zu sprechen. Man hat also die Situation, dass ausführliche und reichlich vorhandene Überlegungen erst später als einer neuen Disziplin zugehörig identifiziert werden - und dies ist in der Philosophie gar nicht so selten. Das Aufkommen und die plötzliche Beliebtheit des Begriffs "Bildtheorie" hat enorme Ähnlichkeit mit der Geschichte des Begriffs "Erkenntnistheorie": Auch dieser Begriff setzte sich erst spät, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als eine Bezeichnung für eine selbständige philosophische Disziplin durch, deren Beiträge bis in die Antike zurückgehen. Mit dem Aufkommen der Bildtheorie scheint sich diese Situation zu wiederholen, nur dass diese Entwicklung sich gerade erst vollzogen hat.

Inhaltsangabe

Vorwort zur Neuausgabe

Einleitung

Die Anfänge der formalen Ästhetik: Robert Zimmermann (1824-1898)

1. Die formale Logik als Vorbild der formalen Ästhetik
Der Verlust des Werks und seine Reflexion 27
Die Strömung der nichtspekulativen Ästhetik im 19. Jahrhundert 30
Das vergessene Programm von Robert Zimmermann 34

Das Programm: eine Strukturtheorie der Bildoberfläche
Formalismus und Herbartianismus 36
Formalismus versus Idealismus 37
Formale Ästhetik: die Betrachtung der sichtbaren Form 40
Der relationale Formbegriff des Herbartianismus 44

3. Perspektiven und Probleme des Herbartianismus
Vorbemerkung 47
Die Perspektive: ein nicht-idealistischer Werkbegriff 47
Das Problem der Anfänge: der Objektivismus der Schönheit 51
Die Gefahr des Logizismus 53

Formale Ästhetik und RelationenLogik: Alois Riegl (1858-1905)

1. Die Übergänge auf der Bildoberfläche
Vorbemerkung 57
"Stil" statt "Schönheit" 58
Malerisch und haptisch 60
Grenzen für Darstellungsweisen 64

2. Kunstwollen: das Gleichsetzen des Nichtgleichen
Die Doppelerscheinung aller Naturdinge 67
Sichtbarkeit und Kunstwollen 72
Phänomenologie der Relationen 76
Sichtbarkeit vorbegrifflicher Rationalität 77

3. Intensionale und extensionale Relationenlogik
Vorbemerkung 80
Die Relationenlogik und ihr Ergänzungsbedarf 80
Sinn und Bedeutung bei Bildern 83
Typen der Relationenlogik 87
Ästhetische Fundierung der Relationenlogik 89

Die Logik der Sichtweisen: Heinrich Wölfflin (1864-1945)

1. Die Relationenlogik des Bildes
Vorbemerkung 95
Fläche - Tiefe 96
Die Abstraktionsgrenzen des Bildes 97
Geschlossene Form - offene Form 99
Vielheit - Einheit 100
Klarheit-Unklarheit 101
Relationenlogische Bildgesetze 102
Kunstgeschichtliche Grundbegriffspaare als Regler eines Computers 105
Grundbegriffe der Farbrelationen: Farbkontrast-Farbangleichung 111

2. Formale und transzendentale Ästhetik
Vorbemerkung 117
Die Identität von Darstellungs- und Anschauungsformen 118
Die relationale Struktur der Anschauung 121
Die Raumanschauungsform 123

3. Die Zuständlichkeit der Anschauung
Interessenunterschiede 126
Lebendige Spiegel 127
Die Zustände des Auges 131
Lebensphilosophische Interessen 133
Ästhesiologie 136
Die Emanzipation der nutzlosen Anschauung 138

Von der Sichtweise zur Sichtbarkeit: Konrad Fiedler (1841-1895)

1. Die Paradigmen der formalen Ästhetik
Vorbemerkung 145
Von der Schönheit zur Sichtweise 146
Darstellung von Sichtweisen 149
Erfindung von Sichtweisen 151
Von der Sichtweise zur reinen Sichtbarkeit 154
Reine Sichtbarkeit versus anhängende Sichtbarkeit 160
Reine Sichtbarkeit und Ornament 164

2. Die technisch produzierten Bilder: "nur um ihrer Sichtbarkeit willen"
Vorbemerkung 168
Avantgardistische Experimente zur reinen Sichtbarkeit 169
Vom Stummfilm zum Videoclip 171
Der Videoclip 172
Vier Formen reiner Sichtbarkeit: das Tafelbild, der Film, das digitale Bild und die Simulation 174
Die Zwischenstellung der Fotografie 181
Medienwollen 183
Virtuelle Realität und Cyberspace 186
Nicht-symbolische Kommunikation 190

3. Das Schwinden künstlerischer Wahrheitsansprüche
Vorbemerkung 193
Probleme bildnerischer Wahrheit 194
adaequatio imaginis ad rem perceptam 195
Information statt Ausdruck 197
Künstlerische Wahrheit als Oberflächenstimmigkeit 199
Künstlerische Wahrheit als rhetorischer Erfolg 202
Das Fehlen der Möglichkeit, wahr zu sein 204

Phänomenologische Reduktion und Bildliche Abstraktion: Maurice Merleau-Ponty (1908-1961)

1. Formale Ästhetik und Reduktion
Vorbemerkung 209
Phänomenologische Reduktion 210
Das Bild als Objekt einer phänomenologischen Reduktion 211
Die Oberfläche des Bildes 214

2. Sichtbarkeit als Eigentlichkeit
Das Problem der phänomenologischen Reduktion 219
Zwischen Subjekt und Objekt: die Bildoberfläche 222
Intra-ontologie 223

3. Das abstrakte Bild
Vorbemerkung 228
Das Brandopfer aus Gegenständen 229
Das abstrakte Bild: der Teil eines abwesenden Ganzen 233

Von der Formel zum Formativen Diskurs: Charles William Morris (1901-1979)

1. Bilder über Bilder
Vorbemerkung 239
Bilder für Sichtweisen: Das ‹Wie› wird zum ‹Was› 239
Das Problem: Wie wird das ‹Wie› zum ‹Was›? 241
Metabilder: Strukturzeichnungen, Röntgenbilder und Galeriebilder 242

2. Bilder als Formeln
Designation ohne Denotation 245
Die Formel: eine Sonderform der Designation ohne Denotation 248
Formeln und das Horizontbewußtsein 250
Das Bild in der Funktion einer Nachahmungsformel 252

3. Der formative Diskurs schneller Bildsequenzen
Der formative Diskurs der formalen Logik und Mathematik 255
Von der Nachahmungsformel zum Videoclip 257
Die verinnerlichte Programmlosigkeit 261
Die Frage nach dem medialen Status 264
Das Nullmedium 266

Anmerkungen
Bildquellennachweis
Literatur
Namensregister
Sachregister

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