Leseprobe zu "Munzinger Pascha" von Alex Capus
29 (S. 167-168)
Massaua, 3. Januar 1868. Wie so oft reitet Werner Munzinger auf seinem Maultier südlich von Massaua der Küste entlang. Aber diesmal hat er einen seltsamen Begleiter zur Seite. Weit über ihm sitzt hoch aufgereckt ein Mann auf einem Rappen. Die goldbetreßte Uniform glänzt in der Sonne, der Schnurrbart ist schwarz gewichst, die kniehohen Reitstiefel blitzen. Der Mann heißt Sir Robert Napier und ist Marschall der britischen Kolonialtruppen. Er hat Munzinger als Führer, Berater und Dolmetscher engagiert; denn in London hat man von der Expedition zur Auffindung Doktor Vogels gehört und weiß, daß kein Europäer sich am Horn von Afrika so gut auskennt wie der Sohn des ehemaligen Schweizer Finanzministers.
»Sie werden sehen, Mister Munzinger, die Expedition ist bestens vorbereitet. Es wird uns keinerlei Schwierigkeiten bereiten, die Gefangenen aus den Klauen von Theodoros zu befreien.« Werner nickt und schweigt. Ihm ist, als hörte er das Grollen eines fernen Gewitters am Horizont. Wäre er nicht gescheiter hübsch und leise in Massaua geblieben, statt sich an einen Mann mit goldbetreßter Uniform und gewichstem Schnurrbart zu verdingen? Andererseits hat ihm der Schnurrbart ein schönes Honorar versprochen; genug, um endlich wieder nach Olten zu Familie und Freunden zu fahren, die er vier Jahre nicht gesehen hat.
Werner und Marschall Napier sind unterwegs zur Zula-Bucht, die südlich von Massaua hinter dem nächsten Hügelzug liegt. In der Mittagshitze reiten sie eine Geröllhalde hoch, kommen auf der Krete an, schauen hinunter auf die Bucht. Im stillen Wasser liegen dick und träg an die fünfzig Dampfschiffe. Grellrote Bojen markieren die Fahrrinne. Am Strand, der bisher ganz den Muscheln und Krabben gehörte, stehen zwei transportable Leuchttürme und nagelneue Landedocks, an denen die Dampfer einer nach dem andern anlegen. Aus den Bäuchen der Schiffe quellen Soldaten, dann Pferde und Elefanten, Kamele und Kanonen, Branntweinfässer und Mehlsäcke. Werner ist fassungslos. »Was soll das! Wollen Sie ganz Abessinien erobern? «
Der Schnurrbart lächelt. »Nur keine Angst. Wenn der Feldzug vorbei ist, verladen wir das alles wieder auf unsere Schiffe und fahren zurück nach Indien.« In der einst stillen Bucht entsteht eine Garnisonsstadt; die Soldaten rammen Zeltstangen in den Wüstensand, fliegende Tabak- und Schnapshändler bauen behelfsmäßige Kioske, und niemand weiß, woher die bunt geschminkten Damen kommen, die in dem Zelt dort hinten wohnen und frech den vorbeischlendernden Offizieren zuzwinkern.
Nah am Strand bauen britische Techniker gewaltige Wasserentsalzungsanlagen, die täglich 190 000 Liter Trinkwasser liefern; weiter gegen die Berge zu verlegen Arbeiter dreißig Kilometer Schienen für die Dampflokomotive, die geduldig bei den Docks wartet, und parallel dazu wird ein Telegrafendraht landeinwärts gezogen. Werner bezieht gottergeben das Zelt, das neben dem Hauptquartier des Marschalls für ihn bereitsteht. Am Nachmittag schickt Marschall Napier Meldeläufer ins Landesinnere, um Flugblätter an die Bevölkerung zu verteilen. Munzinger läßt sich ein Blatt geben und liest:
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