Leckere Düfte ziehen durchs Haus, auf den Plätzchentellern türmt sich der Spekulatius, der Hosenbund wölbt sich schon jetzt bedrohlich nach außen. Vielleicht ist es da eine gute Idee, sich zwischendurch gänzlich kalorienfreien Genüßen zu widmen. Man nehme einen Zauberer, eine Diebin und einen Ritter, gebe eine ordentliche Kelle Hüpferei hinzu und würze das Gericht mit einer tüchtigen Prise Rätsel - das schmackhafte Ergebnis nennt sich Trine und wird uns passend zur Weihnachtszeit ein zweites Mal kredenzt. Wohl bekomm´s.
Alte Bekannte
Das namensgebende Artefakt Trine entführt die drei bereits bekannten Helden in ein weiteres Abenteuer, das aber keine Kenntnisse des ersten Teils voraussetzt. Nur bei seltenen Anspielungen auf vorangegangene Ereignisse haben Veteranen einen kleinen Vorteil. Jeder Hauptdarsteller hat seine ganz eigene Einstellung zum neuen Ausflug - während Rittersmann Pontius für jede Schlacht zu haben ist, kommt Zauberer Amadeus nur widerwillig mit und Diebin (Entschuldigung: 'Unternehmerin') Zoya hofft auf reiche Beute. Ab und an werden Situationen von ihnen entsprechend kommentiert. So findet Amadeus manche Gestalten sogar furchterregender als seine Frau oder Pontius freut sich angesichts eines gigantischen Drachen, dass endlich mal ein würdiger Gegner auftaucht. Genau wie Zoyas bissige Sprüche sind diese Aussagen angenehm vertont, man kann dabei, wie auch für die Bildschirmtexte, diverse Sprachen wählen. Sehr gut hat mir in diesem Bereich der Erzähler gefallen, der das laufende Geschehen und vor allem die auf Bilderbuchseiten präsentierte Geschichte zwischen den 13 Kapiteln in typischer Märchenonkel-Manier begleitet.
Für Einzelgänger und Teamplayer geeignet
Auf den ersten Blick wirkt Trine 2 schlicht wie ein farbenfrohes Jump&Run im klassischen Stil. Man bewegt sich von links nach rechts durch einen Geschicklichkeit erfordernden Parcours aus Abgründen, beweglichen Plattformen, Stacheln, Unterwasserpassagen oder Pilz-Trampolinen, gibt zwischendurch frechen Kobolden eins auf die Mütze und sammelt leuchtende Energieteilchen, Artwork-Bilder oder seltsame Kindergedichte. Die besondere Note des Spiels kommt durch allerlei Rätsel-Einlagen bzw. den zum Lösen benötigten Einsatz der individuellen Helden-Fähigkeiten zustande. Solisten wechseln die gerade gesteuerte Figur mit einfachem Tastendruck, es ist immer nur dieser aktuelle Held auf dem Bildschirm zu sehen.
Wer am gleichen PC oder online Begleiter zusammentrommelt, darf mit einem Trio die märchenhaften Landschaften durchstreifen. Der Start in die Partie geht schnell von der Hand, wer keine Lust mehr hat, steigt ebenso schnell wieder aus. Durch die Kooperation entfällt der ständige Figurenwechsel und der Spielablauf wird, zumindest bei eingespielten Teams, noch etwas flüssiger. Je nach genutztem Modus dürfen die gleichen Charakterklassen übrigens auf Wunsch auch mehrmals vorkommen.
Vernünftig springen, Hebel umlegen oder Zeug durch die Gegend schieben können alle Pappenheimer, Zoya erreicht mit eleganten Enterhaken-Schwüngen (das Hilfsmittel findet an hölzernen Oberflächen Halt) aber z.B. höhere Regionen oder überwindet breite Klüfte. Außerdem ist die Langfingerin eine Meisterin der Schießkunst. Der Flitzebogen kommt nicht nur als Waffe zum Einsatz, sondern abgefeuerte Pfeile durchtrennen beispielsweise auch Stricke, an denen Gegenstände baumeln.
Pontius ist mit Schwert und Schild der Nahkämpfer der Truppe, sein Kriegshammer als Zweitwaffe zertrümmert darüber hinaus Hindernisse wie Geröll-Blockaden.
Amadeus kann Objekte durch Gedankenkraft manipulieren, um etwa Blöcke an andere Stellen zu bewegen, und sogar Kisten aus dem Nichts erscheinen lassen, indem man mit der Maus oder dem rechten Stick bei gedrücktem linkem Trigger ein Quadrat zeichnet (es muss nicht einmal besonders viereckig aussehen - ein hingeschmierter Kringel tut´s auch). So stapelt man etwa mehrere Kisten zu einer behelfsmäßigen Treppe.
Monster quälen leicht gemacht
Für jeweils 50 gesammelte Energie-Fläschchen erhalten die Helden außerdem einen Fähigkeitspunkt zum Kauf neuer Skills. Die Diebin kann sich so z.B. unsichtbar durchs Feindesland bewegen oder per Feuerpfeil Barrieren zerstören, Pontius schmeißt den Monstern seinen Hammer gegen die kariöse Fresslade und Amadeus darf auch Planken malen oder erhöht die Zahl der gleichzeitig nutzbaren Magie-Konstrukte. Für Kurzweil mit dem zögerlichen Zauberer sorgt dann auch die Fähigkeit, nicht nur unbelebte Materie sondern ebenso Widersacher schweben zu lassen. Die Bösewichte können damit in die Reichweite von Umweltgefahren oder Fallen verfrachtet und so knusprig gebraten, von hungrigen Pflanzen gefressen oder zermalmt werden. Ach so: Ziemlich wasserscheu sind die Stinkfüße auch noch...
Das Herumspielen mit dem Physik-System und den Fähigkeiten der Protagonisten macht Laune, zumal viele Situationen mehrere Lösungen zulassen. Ob man dann etwa durch gestapelten Kram oder Enterhaken-Akrobatik ans Ziel kommt, bleibt jedem selbst überlassen.
So simpel sind die Aufgaben aber längst nicht immer. Unter anderem soll man Quellwasser über kippbare Rinnen auf funkelnde Stellen fließen lassen, aus denen neue Riesenpilze und damit Plattformen sprießen, Luftströme durch verschobene Rohrteile an die gewünschte Stelle lenken oder sich mit den interessanten, paarweise auftretenden Portalen vergnügen. Was zum einen Tor hineingeht, kommt zum anderen wieder heraus - seien es Charaktere, Kisten oder auch Stichflammen. Mit Hebeln bringt man die Portale in die richtige Position. Hat das geklappt, fliegt z.B. eine hineingeworfene Kiste ständig von einem Durchgang zum anderen und kann als Zwischenstation beim Überqueren von Abgründen dienen. Kreative Kombinationen solcher Puzzles bringen den Spieler immer wieder ins Grübeln, auch wenn sich manche Elemente des öfteren wiederholen.
Wer fürchtet, sich an einzelnen Stellen festzubeißen, kann das Tipp-System aktivieren. Nach zwei oder fünf Minuten Rätselraten folgt dann ein Wink mit dem Zaunpfahl. Die Dauer der Wartezeit kann man jederzeit im Menü ändern und selbstbewusste Entdecker dürfen natürlich auch gern ganz auf die Hinweise verzichten.
Der Schwierigkeitsgrad regelt dagegen lediglich die Kampfstärke der Angreifer. Durch überall zu findende Rücksetzpunkte, welche die Gesundheit komplett auffüllen, wird es sowieso nicht allzu hart, zumal Kobolde und Co. nicht die hellsten Lichter am Christbaum sind.
Wie gemalt
Komfortabel ist auch das Speichersystem - möchte man das aktuelle Spiel fortsetzen, geht es damit direkt am erreichten Ort weiter, alternativ kann man außerdem gezielt bereits besuchte Kapitel ansteuern, um auch noch die letzten Geheimnisse zu entdecken. Das erhöht die Spielzeit ein wenig, die für einfache Durchgänge sonst nur ca. fünf oder sechs Stunden beträgt, was selbstverständlich auch davon abhängt, wie oft man auf dem Schlauch steht.
Für Freunde bunter Urwälder, Sümpfe und Hexenhäuser ist Trine 2 ein echter Augenschmaus. Trotz 2D-Bewegungen bietet das Spiel sehr räumlich wirkende Schauplätze, die bestimmt auch mit der integrierten 3D-Unterstützung einiges hermachen. Alles sieht sehr organisch auch, statt nur schnöden Holzplattformen bekommt man etwa federnde Blätter, wuchernde Ranken, eklige Spinnennetze mit ihren bösartigen Bewohnern und überall wirklich prächtige Hintergründe sowie schicke Lichteffekte und Spiegelungen zu Gesicht. Zum vollen Präsentations-Glück fehlen mir eigentlich fast nur noch aufwendigere Zwischensequenzen samt komplexerer Story, aber das kann man einem solchen, doch eher kleinen Projekt zum fairen Preis gut verzeihen.
Fazit: Trine 2 macht mit seinen unterhaltsamen Geschicklichkeitpassagen und raffinierten Rätseln jede Menge Spaß und sieht dank seiner im wahrsten Sinne des Wortes zauberhaften Grafik auch noch sehr ansprechend aus. Einzelspieler und Koop-Fans kommen dabei gleichermaßen auf ihre Kosten (die dank des günstigen Preises noch dazu wirklich fair ausfallen).
Die Spielzeit könnte etwas länger, die Story komplexer sein, aber das ist Meckern auf hohem Niveau und sollte bitte keinen Interessenten vom Kauf abhalten.
Wertung: 87 von 100 Punkten (Christina Schmitt/GameCaptain.de)
Quelle/Copyright: Captain-Fantastic-Besprechung