Quelle/Copyright: Game-Captain-Besprechung
1987 erschien <strong>Pirates!</strong> von Sid Meier, das sich mit seiner Mischung von Rollenspiel-, Wirtschaftssimulations- und Strategieelementen, der Entscheidungsfreiheit, der dynamischen Spielwelt sowie der motivierenden Piratenkarriere eine große Fangemeinde aufbaute. Von <strong>Pirates!</strong> haben sich vermutlich auch die Entwickler von TaleWorlds inspirieren lassen, als ihnen die Idee für ihren Genremix <strong>Mount & Blade</strong> in den Sinn kam. Allerdings schufen sie nicht ein Szenario in der Karibik der Neuzeit, sondern verlegten das Geschehen kurzerhand ins europäische Mittelalter...<br/><br/><strong>Als Abenteurer in Calradia</strong><br/><br/>Zwar kommt Mount & Blade völlig ohne Orks, Elfen und sonstige Fantasy-Elemente aus, doch um ein absolut realistisches Abbild des Mittelalters handelt es sich dennoch nicht. Das Abenteuer beginnt in Calradia, das sich in fünf zu Beginn des Spiels gleichstarke Königreiche unterteilt. Dessen Könige befehligen wiederum etliche Fürsten bzw. Vasallen, die wiederum die Herrschaft über Dörfer, Städte und Burgen innehaben.<br/><br/>Bevor sich man sich ins Abenteuer stürzt, kann man sich in einem Tutorial, das lediglich Basiswissen für die späteren Kämpfe vermittelt, mit der Steuerung vertraut machen. Danach geht's an die Charaktergenerierung des eigenen Helden. Zunächst wählt man seine Vorgeschichte aus. Aus welchen Verhältnissen kommt der eigene Held, welche Ausbildung hat er erhalten etc.? Je nach den ausgewählten Antworten hat der Charakter schon verschiedene Schwerpunkte in den Bereichen Eigenschaften, Fertigkeiten und Fähigkeiten. Durch abgeschlossene Quests und gewonnene Kämpfe gibt es rollenspieltypisch Erfahrungspunkte, durch die man nach einem Levelaufstieg Punkte auf die drei genannten Bereiche verteilen kann. Je nach eigenem Geschmack bastelt man sich so etwa einen charismatischen Anführer, der eine große Truppe in den Kampf schickt und sich selbst zurückhält oder aber einen hervorragenden Reiter, der seine Feinde hoch zu Ross mit der Lanze niederstreckt.<br/><br/><strong>Die Qual der Wahl</strong><br/><br/>Nach der Generierung des Alter Ego findet man sich sofort in Calradia wieder. Ein Intro sucht man ebenso vergebens wie eine Story. Nur das Streben nach Ruhm und Macht soll den Spieler motivieren, sein Glück zu versuchen. Dass dies weitgehend funktioniert, liegt unter anderem an der großen Entscheidungsfreiheit, die am Anfang noch erdrückend ist, später jedoch für Abwechslung sorgt und verschiedene Strategien ermöglicht.<br/><br/>Zunächst hat man also die Qual der Wahl, wenn man sich bzw. seinen Helden, symbolisiert durch einen Reiter, auf der Karte von Calradia wiederfindet. Hier läuft das Geschehen in simulierter Echtzeit sowie Tag- und Nachtwechseln ab. Ereignisse, von denen es jedoch viel zu viele gibt, um den Überblick zu behalten, laufen in einer Art Nachrichtenticker auf der linken Seite des Bildschirms herunter. Entweder per Tastatur oder Mausklick auf die Buttons am unteren Bildschirmrand, lassen sich die Menüs öffnen. Hier können laufende Quests und Fraktionsbeziehungen eingesehen, der Trupp verwaltet und zahlreiche andere Verwaltungsaufgaben erledigt werden. Die Menüs passen sich dem insgesamt optisch biederen Aussehen des Spiels an. Zudem sind einige Informationen unnötig kompliziert abzurufen oder regelrecht versteckt worden. Beispielsweise findet man allgemeine Infos über die Orte von Calradia im Quests-Menü. Übrigens veralten sämtliche Informationen im Laufe der Zeit, da sich die Spielwelt ständig weiterentwickelt und die KI-Gegner ebenfalls sehr aktiv sind.<br/><br/>Nach einem Linksklick auf einen beliebigen Punkt der Karte, wechselt das Spiel vom Pausenmodus in besagte Echtzeit, und die eigene Figur macht sich auf den Weg zum Zielort. Je nachdem wie sich die eigene Truppe zusammensetzt (Reiter oder Fußtruppen, Gepäck, Anzahl, Tageszeit, Truppen-Moral), reist man schneller oder langsamer.<br/><br/>Doch wohin soll man eigentlich zu Beginn des Spiels reisen? Sinnvoll erscheint es zunächst, Geld zu verdienen, um Söldner anzuwerben und die eigene Ausrüstung zu verbessern. Möglichkeiten gibt es viele: Handel, Quests, Banditen bekämpfen, Karawanen oder Bauern überfallen, Vieh stehlen und verkaufen, Karawanen eskortieren, Steuern eintreiben usw. Quests erhält man in Ortschaften und Burgen oder aber von freundlichen gesinnten Truppen, die man auf der Übersichtskarte getroffen hat. Dies können recht simple wie das Überbringen eines Briefes von einem König in der Burg Maras zu einem Fürsten in der Stadt Veluca sein. Eine andere Quest wäre etwa, dass man den Auftrag eines Dorfältesten erfüllt und eine bestimmte Anzahl an Rekruten für die Verteidigung des Dorfes gegen Banditen ausbildet. In diesem Fall kämpft man nacheinander gegen die Rekruten. Wird der Kampf vom Alter Ego gewonnen, gilt der jeweilige Rekrut als ausgebildet. Werden alle <em>Gegner</em> besiegt, ist die Quest erfüllt.<br/><br/>Die Aktionen des Spielers ziehen immer Konsequenzen nach sich. Hilft man einigen Bauern, ihr Dorf gegen Banditen zu verteidigen, so steigt das eigene Ansehen in diesem Dorf. Überfällt man hingegen eine Ortschaft und stiehlt dort das Vieh oder die Vorräte, verscherzt man es sich mit den Dorfeinwohnern und dem Fürsten, der über die Ortschaft regiert. Schlimmstenfalls greift dieser Fürst die eigene Truppe bei nächster Gelegenheit an.<br/><br/><strong>Hoch zu Ross</strong><br/><br/>Treffen zwei Truppen auf der Karte zusammen, stehen verschiedene Optionen zur Verfügung, je nachdem wie ihre Beziehung zueinander ist. Feindliche Banditen etwa kann man angreifen oder ihnen einen <em>Wegzoll</em> zahlen, um passieren zu dürfen. Mit einem freundlich gesonnenen Fürsten und seiner Truppe kann der Abenteurer z.B. einen Plausch halten, nach Quests und anderen Infos fragen. Trifft man jedoch auf einen feindlichen Trupp, bei dessen Königreich man ein sehr negatives Ansehen hat, weil man vielleicht gerade einen Pakt mit der Gegenseite eingegangen ist, kommt es definitiv zum Kampf, in dem man seine Truppe anführen oder aber sie die Sache selbst erledigen lassen kann.<br/><br/>Wahlweise aus der 3rd-Person- oder der Ego-Perspektive steuert man seinen Helden, der hoch zu Ross, wenn man denn eins hat, in die Schlacht reitet. Den eigenen Soldaten gibt man rudimentäre Befehle wie <em>Position halten</em> oder <em>Mir folgen</em>. Diese Order lassen sich auch für die einzelnen Truppengattungen (Infanterie, Bogenschützen, Kavallerie) geben.<br/><br/>Stürzt man sich mit seinem Pferd ins Geschehen, so bedarf es schon einiger Übung und/oder verbesserter Ausrüstung und hoher Fähigkeitswerte, um einen Feind mit der Fern- oder Nahkampfwaffe zu treffen. Will man gar vom Pferd absteigen, um sich zu Fuß ins Schlachtengetümmel zu werfen, dauert es ewig, bis man schließlich von seinem Gaul runter ist und die Waffe gezogen hat. Man sollte daher bei solch einer Aktion einen großen Sicherheitsabstand zu den Feinden einhalten.<br/><br/>Alternativ kann man auch versuchen, Gegner einfach umzureiten und ihnen auf diese Weise Schaden zuzufügen. Hier besteht jedoch insbesondere bei viele Feinden die Gefahr, dass man sich in ihnen verkeilt und nicht mehr frei kommt, was zwangsläufig das Ausscheiden des Alter Ego (man kann jedoch nicht <em>sterben</em>) aus dem Kampf zur Folge hat. Dies bedeutet zumeist auch die Niederlage, da die eigene Truppe seltsamerweise schon haushoch überlegen sein muss, um allein einen Kampf siegreich zu gestalten.<br/><br/>Endet die Schlacht mit einer Niederlage, wird man gefangen genommen und kann nach einiger Zeit (durch ein automatisches Ereignis ausgelöst) fliehen. Geld- und Inventarverlust sind die Folge. Bei einem Sieg hingegen kann man dem Gegner Ausrüstung und Gegenstände abnehmen sowie Gefangene machen (die entsprechende Fertigkeit vorausgesetzt). Den Sieg trägt man zumeist jedoch nur davon, wenn der Schwierigkeitsgrad runtergeschraubt wird, da sich das Spiel vornehmlich an Fortgeschrittene und Profis richtet. Im normalen Schwierigkeitsgrad kann anfangs bereits der Pfeilschuss eines Gegners reichen, um den eigenen Helden bewusstlos vom Pferd purzeln zu sehen.<br/><br/><strong>Calradias Ortschaften</strong><br/><br/>Nach dem siegreichen Kampf müssen zunächst die Wunden geleckt werden, weshalb man entweder ein Lager aufschlägt oder aber in eine Ortschaft reist (dort gegen Bares) und regeneriert. In größeren Ortschaften kann die Beute schließlich verkauft werden. Für Gefangene zahlen die Lösegeldvermittler und Sklavenhändler ordentliche Preise. Auch kann man hier Equipment, Waffen und Pferde kaufen, mit denen man sein Alter Ego und individuelle <em>Helden</em>, die in der Schänke ebenso wie Söldner gegen Bares angeworben werden, ausrüstet. Zum einen verbessert man seine Charaktere auf diese Weise, zum anderen müssen Gegenstände und Pferde nach einer Zeit ausgewechselt werden, da sie verschleißen. Um die eigene Truppe bei Laune zu halten, lassen sich beim Warenhändler verschiedene Lebensmittel einkaufen, die ebenso wie die gewonnenen Schlachten, das Charisma des Alter Ego sowie sein Ansehen Einfluss auf die Moral der Truppe haben.<br/><br/>Darüber hinaus kann man einfach nur im Ort spazieren gehen, Waren einkaufen (um diese woanders zu verhökern), Quests annehmen, Soldaten anwerben etc. Das Spiel bietet unzählige Möglichkeiten. Nervig ist im Zusammenhang mit zahlreichen Quests jedoch, dass man Ortschaften erst mit dem Spielcharakter betreten und einen potentiellen Questgeber suchen muss, nur um dann oftmals zu erfahren, dass es momentan keine Aufgaben zu erfüllen gibt.<br/><br/>Doch warum sind die Quests eigentlich wichtig? Werden diese abgeschlossen, steigt das Ansehen bei der jeweiligen Fraktion. Schließlich wird man selbst ein Fürst und Vasall eines Königs, darf für seinen Lehnsherr fremde Ortschaften einnehmen und in diesen Steuern eintreiben. Zudem kann man als erfolgreicher Fürst schönen Burgfräuleins den Hof machen. König kann man zwar nicht werden, dafür jedoch versuchen, einen der überall im Land verstreuten (und natürlich rechtmäßigen, ja wirklich!) Thronanwärter mittels einer Revolte auf den Thron zu bringen und durch den Einfluss auf diesen königliche Macht auszuüben.<br/><br/>Zieht man sich schließlich aus seinem Abenteuer in Calradia zurück, erhält man eine Bewertung, die noch einmal die eigenen Taten Revue passieren lässt.<br/><br/><strong>Zeitreise?</strong><br/><br/>Grafisch macht Mount & Blade keinen guten Eindruck. Die Calradia-Karte mit ihren wenigen Farben und Details erinnert an die Pirates!-Version aus seligen C64-Tagen. Auch die Grafik in den Ortschaften und den Schlachten gewinnt keinen Schönheitspreis, sondern bekommt höchstens das Prädikat <em>zweckmässig</em>. Die Animationen sind ebenfalls nicht besonders gelungen. Zudem treten gelegentlich Clipping- und Übersetzungsfehler auf.<br/><br/>Die Musikstücke sind hingegen ganz ordentlich und passen zum Geschehen. Die nicht vorhandene Sprachausgabe (Ausnahme: das Grunzen der Banditen) sowie die schwachen Sounds runden das Urteil ab, dass Mount & Blade in puncto Präsentation zwar nicht dem Zeitalter der mittelalterlichen Spielwelt zu entstammen scheint, den heutigen technischen Möglichkeiten jedoch völlig hinterher hinkt.<br/><br/><span class="center"><object width="425" height="344"><param name="movie" value="http://www.buecher.de/go/redirect_extern/do/q/aHR0cDovL3d3dy55b3V0dWJlLmNvbS92L3VUVVZmbUUyVmlRJmhsPWVuJmZzPTE=/hash/db490ae8105364ac40f6bdad3c8eb01b"><param name="allowFullScreen" value="true"><embed src="http://www.buecher.de/go/redirect_extern/do/q/aHR0cDovL3d3dy55b3V0dWJlLmNvbS92L3VUVVZmbUUyVmlRJmhsPWVuJmZzPTE=/hash/db490ae8105364ac40f6bdad3c8eb01b" width="425" height="344"></embed></object></span><br/><br/><strong>Fazit</strong>: Mount & Blade bringt zahlreiche Stärken mit, die mir bereits damals bei Pirates! viel Spaß gemacht haben: ein Genremix, der eine große Entscheidungsfreiheit, eine dynamische, sich verändernde und manipulierbare Spielwelt sowie eine motivierende Karriere bietet. Dazu kommen zahlreiche Rollenspielelemente sowie ein hoher Abwechslungsreichtum, den es in dieser Form auch nicht beim großen Vorbild gegeben hat.<br/><br/>Allerdings hat das Spiel auch mit Schwächen zu kämpfen: Zum einen ist die Präsentation von gestern und zum anderen fehlt Mount & Blade eine Story sowie interessante Dialoge, die ein Eintauchen in die Spielwelt ermöglichen könnten. Das kostet wiederum eine Menge Atmosphäre. Sinnvoller wäre es in diesem Zusammenhang gewesen, dann gleich auf ein Mittelalter-Szenario mit einer realistischen Europa-Karte und realen Fraktionen zu setzen. Letztendlich drücken auch kleinere Abstriche in der Handhabung hin und wieder auf den Spielspaß.<br/><br/>Ruhmsüchtige und rücksichtslose Abenteurer, die einem interessanten Genremix nicht abgeneigt sind, können aber auf jeden Fall einen Blick riskieren. Ich gehe jetzt erst einmal ein Dorf plündern...<br/><br/><strong>Wertung</strong>: 73 von 100 Punkten<br/><br/>(Stephan Petersen/GameCaptain.de)
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