Das ist bei "Guild Wars 2" aber nicht der Fall. Die Auswahl unter acht Charakterklassen mit einer persönlichen Story für jeden Spieler; eine räumlich wie zeitlich gigantische Spielwelt mit PVP-Schlachten oder die Arenakämpfe gegen andere menschliche Gegner - die Macher von ArenaNet liefern Material für Hunderte Spielstunden. Schauplatz ist wieder das Fantasyland Tyria, das Kennern des Vorgängers bereits vertraut ist. Weil die Geschichte aber 250 Jahre später angesiedelt ist, gibt es auch für die noch vieles neu zu entdecken. Ein gewichtiges Verkaufsargument für "Guild Wars 2" ist der Verzicht auf Abogebühren. Wer den Kaufpreis einmalig gezahlt hat, kann unbegrenzt spielen, lediglich auf Wunsch weiteres Echtgeld im Itemshop ausgeben. Das Gesamtpaket des Onlinerollenspiels spricht dafür, dass der Titel sich im umkämpften MMORPG-Markt mit einem Paukenschlag festsetzen wird. Ob das zum Königsmord im Genre an "World of Warcraft" reicht, wird sich erst im Langzeitvergleich zeigen, die Voraussetzungen waren aber wohl nie besser.
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Nach gut sechs Jahren bringt Arenanet mit Guild Wars 2 (GW2) den Nachfolger des erfolgreichen Online-Rollenspiels und geht dabei zum Teil neue Wege. Dabei bleiben die Macher allerdings dem Grundsatz treu, das Spiel ohne Abogebühren zu finanzieren.
Wer bin ich?
Bevor wir uns in die Welt Tyria stürzen können, müssen wir erst mal einen Server wählen und unser Alter Ego erstellen. Es gibt rein deutsche Server, aber auch multilinguale EU-Server. Zu Release gibt es die Möglichkeit den Server einmalig und kostenlos zu wechseln, wie lange dies so sein wird, bleibt abzuwarten.
Fünf Völker (Asura, Sylvari, Menschen, Norn und Charr) und acht verschiedene Klassen, vom Dieb bis zum Krieger und vom Elementarmagier bis zum Nekromant, stehen zur Auswahl. Haben wir uns mithilfe der kurzen Infotexte für etwas entschieden, werden wir mit einem kleinen Fragebogen zur Geschichte unserer Spielfigur befragt. Die Antworten, die wir hier wählen, wirken sich unmittelbar auf das danach startende Spiel und die Hauptgeschichte aus. Eine sehr schöne Idee.
Wo sind all die Questgeber hin?
Wer auch immer ein Fragezeichen über dem Kopf hat, wird abgeklappert, um dann beim nächsten Mal dort die Belohnung für die erfüllte Aufgabe abzuholen. So und kaum anders ist es seit Jahren Standard in Online-Rollenspielen. Mit dieser Tradition bricht GW2 komplett, denn das bekannte Quest-System gibt es in dieser Art überhaupt nicht. Viel mehr stolpern wir an allen Ecken über dynamische Events. Sobald wird in einen größeren Radius eines Events treten, erklärt ein kurzer Bildschirmtext, was die Aufgabe ist und wir können entscheiden, ob wir das erledigen oder das Event ignorieren. Da sind Kühe zu füttern, Möhren zu ernten, Gebüsche zu untersuchen und Zentauren zu besiegen und immer spielen wir mit anderen Spielern gemeinsam und jeder bekommt die gleichen Erfahrungspunkte. So kann sich niemand gegenseitig die Monster 'klauen' und wenn wir mit 20 Leuten eine Karawane vor angreifenden Horden verteidigen, ohne das wir vorher irgendeine Gruppe suchen mussten, dann kommt echtes Gemeinschaftsgefühl auf. Wir sind mit unseren Aufgaben, mit Ausnahme unserer Hauptgeschichte, niemals auf uns alleine gestellt. Der Server berechnet automatisch die optimale Gegnerstärke unter Berücksichtigung der teilnehmenden Spieler. Dazu erhalten selbst Spieler noch Erfahrungspunkte, deren Level schon viel zu hoch für das entsprechende Gebiet ist, denn das Spiel rechnet den Spieler automatisch herunter. Betritt also jemand mit Charakterlevel 80 ein Gebiet, welche für Level 10-17 gedacht ist, werden alle seine Werte auf Level 19 heruntergerechnet, sodass die Events dort auch dann noch reizvoll und herausfordernd bleiben. So wird auch verhindert, dass überstarke Spieler den schwächeren Spielern die Spannung an den Events nehmen, in dem sie alles mit einem Schlag umhauen. Prima Idee, die in der Praxis tadellos funktioniert.
Heute strick' ich, morgen koch' ich
Berufe sind ein elementarer Bestandteil guter Rollenspiele und so gibt es das sogenannte Crafting natürlich auch in GW2. Den Sammelberufen können wir parallel und gleichzeitig nachgehen, während wir nur zwei der verarbeitenden Berufen gleichzeitig ausüben dürfen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn auch hier lassen die Macher dem Spieler alle Freiheiten. Wir können den Beruf jederzeit wechseln, indem wir einen anderen verlernen. Unser Fortschritt in dem vorherigen Beruf bleibt aber erhalten und kann später wieder weitergeführt werden. So kann man theoretisch in allen Berufen, egal ob Koch, Schneider, Juwelier oder Schmied auf Maximallevel gelangen. Jeder kann also wild drauflos probieren, was ihm gut gefällt und was nicht. Neben den Standard-Rezepten, die wir automatisch bekommen, wenn wir bestimmte Levelgrenzen erreichen, liegt der Hauptfokus auf selbst erforschten Rezepten. Für das Entdecken von Rezepten/Plänen und das Herstellen guter Items bekommen wir auch Erfahrungspunkte, sodass wir leveln können, ohne zu kämpfen - es ist theoretisch sogar möglich, durch das Ausüben aller Berufe den Maximallevel 80 zu erreichen, ohne groß in Kämpfe gezwungen zu werden. Seltene Zutaten finden sich allerdings oft in Gebieten, die eben auch gefährliche Monster bewohnen.
Die so erstellen Items, aber auch so ziemlich alles was wir in der Welt finden, können über einen Ingame-Marktplatz an andere Spieler verkauft werden, einfach per Rechtsklick aus dem Inventar heraus. Dort wird dann automatisch verglichen, wie der Artikel derzeit gehandelt wird und wir können uns an den Preis angleichen oder ihn eben unter- oder überbieten. Artikel, die aktuell nicht angeboten werden, können wir vorbestellen, in dem wir einfach unseren Wunschpreis angeben. Sobald jemand ihn zu diesem Preis anbietet, gehört er uns. Das alles ist möglich ohne einen Marktplatz-NPC persönlich aufzusuchen, das wird nur notwendig, wenn wir gekaufte Artikel oder Verkaufserlöse abholen.
Server gegen Server gegen Server
In riesigen Grenzgebieten treten immer drei Server gegeneinander an und kämpfen 14 Tage um die Vorherrschaft um Burgen, Lager und Gebiete. Danach werden die Sieger-Server gegen Sieger-Server antreten, Zweitplatzierte gegen Zweitplatzierte und Letztplatziere gegen Letztplatzierte. So bleibt das PvP-Erlebnis stets fair und die unterschiedliche Bevölkerungsdichte der Server wird berücksichtigt. Hier entfaltet GW2 dann sein komplettes Potenzial. Unglaublich wie viel Spaß es macht gleichzeitig mit mehreren Dutzend Spielern eine Burg zu stürmen, die von Spielern der anderen Seite versucht wird zu halten. Dazu gibt es aber auch die normalen Quest-Events im PvP-Gebiet, sodass dort sehr gut Erfahrungspunkte gesammelt werden können.
Erinnerungen an PvP-Klassiker wie Dark Age of Camelot werden wach und dazu kommt, dass dieses Erlebnis nicht nur den High-Level-Spielern vorbehalten bleibt, sondern alle Spieler im Grenzgebiet auf den Maximallevel hoch gerechnet werden. Doch höherstufige Spieler haben dennoch etwas von ihrem Vorsprung, denn die Boni der Waffen und Rüstungen werden nicht angepasst. Besonders hier steht natürlich das Teamplay im Vordergrund. Ohne etwas Absprache, wohin es gehen soll, verlaufen die Angriffe schnell im Sand. Die Koordination unter den Spielern funktioniert in der Praxis allerdings wirklich sehr gut.
Dazu kommt, dass jeder Spieler, egal welcher Rasse und Klasse er angehört, andere Spieler wiederbeleben kann, was den Zusammenhalt und die Hilfsbereitschaft untereinander sehr fördert. Selbst wenn wir im Spiel zu Boden gehen, sind wir einige Sekunden lang durchaus noch wehrhaft und können uns mit verschiedenen Fähigkeiten sogar selbst wieder heilen. Werden wir dann allerdings erneut attackiert, sind wir geschlagen und können nur noch von anderen Spielern 'aufgeweckt' werden oder an Portalpunkten wieder ins Spiel einsteigen.
Das Reisen durch die Welt von Tyria wird zu Fuß oder eben mittels dieser Portalpunkte bewältigt. Diese Punkte finden sich sehr zahlreich, so etwa alle drei Gehminuten, und wir können zu beliebigen Punkten per Klick reisen, sobald die Portale einmal entdeckt wurden. Hier wird je nach Entfernung mal mehr, mal weniger Kleingeld fällig.
Das Leveln geht in GW2 sehr schnell und bequem vonstatten und ab Level 10 dürfen wir nach jedem Levelaufstieg einen Skillpunkt in verschiedene Fähigkeiten investieren. Die Anzahl der Skills ist dabei einsteigerfreundlich überschaubar. Alles findet auf der einen Aktionsleiste Platz. Im Kampfsystem geht es mehr um cleveren Einsatz der Fähigkeiten und rechtzeitiges, manuelles Ausweichen, was das Spiel deutlich actionbetonter macht, als viele andere MMO-Vertreter.
Ein weiterer Clou ist das Wechseln der Waffensets per Tastendruck. So können wir von Einhand- auf Zweihandwaffe mit einer Taste wechseln und es stehen uns völlig andere Fähigkeiten zur Verfügung. Selbst im Kampf lassen sich so die Skills aus verschiedenen Waffengattungen frei kombinieren.
Wieviele Gilden braucht der Mensch?
Was wäre GW2 ohne Gilden? Folglich bietet das Spiel natürlich auch ein umfassendes Gildensystem. Auch hier wartet Arenanet mit einem neuen Ansatz auf, denn jeder Spieler kann mit einem einzigen Charakter in so vielen Gilden Mitglied sein, wie er möchte. Er muss lediglich im Spiel entscheiden, welche Gilde er gerade repräsentiert, was sich jederzeit im Spiel umstellen lässt. Das hat den Hintergrund, dass die Gildenwährung 'Einfluss' ist und den erhalten wir für so ziemlich alle Aktivitäten in Tyria. Je nach Schwierigkeit, mal mehr mal weniger. Burg-Eroberungen im PvP bringen entsprechend viele Einflusspunkte, aber auch wenn man alleine ein paar Events questet, wird die repräsentierte Gilde mit Einflusspunkten belohnt. Diese können dann wieder gegen nützliche Dinge wie diverse Boni und Booster eingetauscht werden.
Schwächen?
Natürlich hat auch GW2 seine schwächeren Seiten. So ist die Qualität der Vertonung der Hauptquests recht schwankend. Manche Sprecher und Dialoge wirken schon ziemlich seltsam und unfreiwillig komisch. Von der Inszenierung eines Star Wars: The Old Republic ist GW2 doch recht weit entfernt. Außerdem fehlte mir etwas die Einführung. Man wird in die Welt geworfen ohne große Worte. Vieles was für das Spiel wichtig ist erfuhr ich erst Ingame von anderen Spielern. So wunderte ich mich, dass ich nach Level 10 keine Skillpunkte erhielt und erfuhr, dass ich bei meinem Klassentrainer erst ein entsprechendes Buch erwerben muss. Personen, wie die Trainer werden nicht in der Hauptgeschichte eingebunden, sodass wir darauf selbst kommen müssen. Zwar gibt es eine inhaltlich interessante Ingame-Texthilfe, aber heutzutage, will ich so etwas während des Spiels erfahren und nicht auf unzähligen Seiten nachlesen.
Natürlich gab es zum Release auch ein paar Bugs, aber dabei handelt es sich lediglich um Kleinigkeiten und Arenanet bringt beinahe täglich Patches und Korrekturen.
Elementarmagier im Wunderland
Wie bei vielen Spielen zuvor, werden sich an der Comicstil-Optik die Geister scheiden. Sie ist zu Beginn in der Tat etwas gewöhnungsbedürftig, erweist sich aber schnell als passend und detailliert. Auch die Animationen sind butterweich und die Lichteffekte fordern euren Rechner ausgiebig. Man braucht schon einen recht leistungsfähigen PC, um in großen Schlachten mit all ihren Effekten flüssig und auf höchster Stufe spielen zu können. Aber auch in den niedrigeren Grafikeinstellungen ist GW2 noch schön anzusehen.
Die Regionen auf Tyria bieten alles was das Herz begehrt, von der Wüste bis hin zu üppigen Waldgebieten. Dabei wirkt die Welt sehr lebendig, denn überall kreucht und fleucht etwas. Besonders hervorzuheben sind hier die großartigen Unterwasserwelten, denn hier gibt es eine wirklich tolle Flora und Fauna zu entdecken. Nett, dass die Macher uns von einem lästigen Atem-Timer verschonen. Ohne Zeitdruck lassen sich die großen Wasserflächen deutlich stressfreier erkunden.
Fazit: Guild Wars 2 ist ein wirklich gelungenes MMO, das an den richtigen Stellen spannende Innovationen bietet, ohne gleich alles auf den Kopf zu stellen. Nie zuvor hatte ich in einem Online-Rollenspiel soviel Spaß mit anderen gemeinsam zu questen, was an dem sehr gut umgesetzten Event-System liegt. Hab ich darauf mal keine Lust, entdecke ich neue Rezepte und koche leckere Gerichte, was mir soviel Erfahrung bringt, dass es dem aktiven Questen schon sehr nahe kommt. Dann bleibt noch das PvP als Spaßgarant. Dazu gibt sich das Spiel technisch keine Blöße, die Grafik ist hübsch und die Server laufen weitgehend ruckelfrei. MMO-Herz was willst du mehr?
Guild Wars 2 ist damit das derzeit beste MMO auf dem Markt und bekommt natürlich unseren Award.
Wertung: 91 von 100 Punkten (Jörg Großmüller/GameCaptain.de)
Quelle/Copyright: Captain-Fantastic-Besprechung