Rund 18 Monate nach dem letzten Abenteuer geht es in Drakensang 2 - Am Fluss der Zeit wieder auf nach Aventurien. Lohnt sich das Wiedersehen mit Forgrimm und Konsorten?
Am Großen Fluss
Es war einmal - 23 Jahre vor den Ereignissen aus Drakensang um genau zu sein - ein junger Schurke, der sich im Lande Aventurien auf dem Großen Fluss auf eine Bootsfahrt begab, um in die Stadt Nadoret zu gelangen und dort seine Ausbildung zum Dieb abzuschließen. Dieser von uns kreierte Jüngling namens Orlando von der Blumenwiese war nicht nur gut aussehend, sondern betörte auch die hiesige Damenwelt. Leider half ihm diese Fertigkeit nicht, als das Lager der 'Stern von Ferdok', seines bezüglich des Komforts nicht gerade glänzenden Transportschiffes, des Nachts angegriffen wurde. Wild entschlossen kämpfte unser junger Held - ein angehender Fechtmeister und Messerwerfer - Seite an Seite mit der Besatzung und den Passagieren gegen die angreifenden Piraten. Erst ein feiger Streitkolben-Hieb auf seinen Hinterkopf verdunkelte dem tapferen Orlando die Sinne.
Als der glänzend aussehende Schurke ohne nennenswerte Schrammen wieder erwachte, blickte er in die Gesichter dreier Gestalten: des Kriegers Ardo, des Diebes Cuano und des Zwerges Forgrimm. Zu diesem Zeitpunkt ahnte Orlando noch nicht, dass diese ihm Fremden im folgenden Abenteuer seine Gefährten werden sollten und die Gruppe einer Verschwörung aus Verrat und Gier auf die Schliche kommen würde. Doch wie gelangte Orlando von seiner Blumenwiese bis in diese Lage? War es Schicksal oder eine höhere Macht?
Wir bauen einen Helden
Diese höhere Macht - sprich der Spieler - hat zu Beginn verschiedene Möglichkeiten, den Helden seiner Wahl zu generieren. Aus verschiedenen Archetypen wählen wir zunächst eine Klasse (Krieger, Magier etc.) aus. Danach wird das Geschlecht bestimmt und mit einer Handvoll Einstellungsmöglichkeiten das Aussehen unseres Alter Ego festgelegt. Eine umfangreiche Auswahl an Talenten in den Bereichen Körper, Natur, Wissen, Gesellschaft und Handwerk erlaubt es zudem, unseren Charakter individuell zu gestalten. Erschaffen wir einen gutaussehenden Schurken wie Orlando, der sein Inventar durch Taschendiebstähle erweitert? Oder einen kraftstrotzenden Kleiderschrank auf zwei Beinen, der über viel Erfahrung im Schmieden verfügt und die Gegner mit seinen selbst hergestellten Schwertern zu Schaschlik verarbeitet?
Für erledigte Quests und Gegner gibt es Erfahrungspunkte, mit denen die Talente gesteigert werden. Ebenso können diese Punkte in Kampffertigkeiten oder Zaubersprüche investiert werden. So legen wir fest, ob unser Held zum zielsicheren Bogenschützen, zirkusreifen Messerwerfer oder zum holz- und monsterfällenden Axtkämpfer wird. Die Zaubersprüche müssen zunächst bei Lehrmeistern gegen Bares und Erfahrungspunkte erlernt werden und lassen sich danach ebenfalls steigern. Auch bestimmte Talente wie das oben erwähnte Schmieden müssen genauso wie die Sonderfertigkeiten (Kampfmanöver wie Finte, Gezielter Stoss etc.) erst auf diese Weise freigeschaltet werden. Insgesamt ist die Charakterentwicklung logisch und übersichtlich aufgebaut.
Informationsüberfluss
Anders verhält es sich mit den Eigenschaften etwa von Waffen oder Zaubersprüchen. Da Drakensang 2 das DSA-Regelwerk nutzt, werden wir mit Infoboxen, die teilweise mathematischen Formeln ähneln, zugetextet. Einsteiger dürften hiermit überfordert sein.
Abhängig davon, welchen Archetyp wir zu Beginn des Abenteuers gewählt haben, erlebt unser Held einen unterschiedlichen Ausbildungsweg. Das Tutorial erklärt das Notwendigste, präsentiert aber auch immer wieder Abkürzungen und Begriffe, die nur DSA-Erfahrenen bekannt sind. Ganz gleich, für welche Klasse wir uns entschieden haben, führt unser erster Weg an das am Grossen Fluss gelegene Nadoret. Hier lernen wir unsere weiteren Party-Mitglieder kennen und erledigen die ersten Quests. Während es sich bei den Nebenquests nicht selten um banale Botengänge handelt, sind die Hauptaufgaben gut in die motivierende Story eingebunden. Je nach Charakterklasse und eigenem Gusto können wir die Aufgaben unterschiedlich lösen. Unser Orlando etwa betört eine örtliche Prostituierte, damit sie einen Hafenarbeiter verführt. Daraufhin macht sich die Hafenaufseherin auf den Weg, um den Hormongesteuerten zu suchen und lässt für kurze Zeit eine Kiste, auf die wir unser Augenmerk geworfen haben, unbeaufsichtigt. Freie Bahn für unsere Helden!
Warte mal, ich muss einen Zauber sprechen!
Doch nicht immer lassen sich die NPCs von Orlando umgarnen. Dann muss er schließlich zum Argumentationsverstärker in Form eines Degens greifen. Die Kämpfe laufen rundenbasiert ab und können jederzeit pausiert werden. Das funktioniert ganz ähnlich wie in Dragon Age: Origins. Wir geben unserer Party Befehle, erfreuen uns an ihrer Ausführung, pausieren erneut den Kampf usw. Weniger erfreulich ist hingegen der Ablauf der bewaffneten Konflikte. Diese ziehen sich teils ewig hin und sind so unterhaltsam wie die Formel 1 ohne Boxenstopp. Oft hat man das Gefühl, dass Befehle erst mit großer Verzögerung ausgeführt werden. So schaut sich Orlando etwa die Radieschen bereits von unten an, als die Halbelfe Fayris endlich einen Heilzauber spricht. Doch keine Angst. Orlando und Genossen sterben erst dann endgültig, wenn die gesamte Truppe aus ihren Lederschuhen gekippt ist. Solange zumindest noch ein wackerer Recke steht, geht der Kampf weiter. Partymitglieder, die während des Kampfes Bekanntschaft mit dem Boden gemacht haben, bekommen allerdings eine Strafe in Form einer Verwundung.
KI-Schnitzer
Negativ fallen in den Kämpfen ebenfalls gelegentliche Balanceprobleme auf. Der erste Endgegner beispielsweise, ein Schrottgolem, stellt für Schurke Orlando und Halbelfin Fayris kein ernstzunehmendes Problem dar, weil der Golem unsere Helden schlicht und einfach nicht trifft. Unsere Treffer hingegen verursachen kaum Schaden, so dass sich der Kampf ewig hinzieht bis der wandelnde Schrotthaufen fachgerecht in seine Einzelteile zerlegt wurde. Teilweise stören auch KI-Schnitzer das Vergnügen. Das ist insbesondere dann unerfreulich, wenn wir uns für den Weg durch die Hintertür entschieden haben. Im Normalfall folgen uns die KI-Kollegen. Mit zuverlässiger Regelmäßigkeit bleiben sie jedoch stehen. Ob sie nur einmal austreten müssen oder anderen menschlichen Bedürfnissen nachgehen wollen, erschließt sich nicht so recht. Unvorteilhaft ist dieses unkollegiale Verhalten auf jeden Fall, wenn wir uns durch ein Kellerverlies schleichen und die Gefährten plötzlich auf der Patrouillenroute eines Wächters eine unfreiwillige Pause einlegen. Der darauf folgende Alarm hetzt uns das ganze feindliche Pack auf den Hals. Na toll, da hätten wir doch auch gleich mit Forgrimm zur Vordertür reinstürmen und uns das Geschleiche ersparen können!
Old School
Die Interaktion mit unserer Party ist im Vergleich mit Dragon Age eher enttäuschend. Hier warten keine Geheimnisse, die gelüftet werden müssen, und keine zwischenmenschlichen (-elfischen, -zwergischen etc.) Probleme, in denen wir als großer Vermittler auftreten dürfen. Allerdings sind sich Zwerg Forgrimm und Dieb Cuano nicht ganz grün und streiten sich konstant über die weitere Vorgehensweise. Dann dürfen wir entscheiden, ob wir den draufgängerischen Weg des Zwergs einschlagen oder aber den vermeintlich eleganteren Pfaden Cuanos folgen. Solche grundsätzlichen Entscheidungen gibt es kontinuierlich.
Trotz solcher Wahlmöglichkeiten gibt es kein Gut-/Böse-System wie in anderen aktuellen Top-Rollenspielen. Drakensang 2 bietet eher etwas für die Old-School-Fans. Eine klassische Fantasy-Welt, die von unseren strahlenden Helden gerettet werden will. An die Fans haben die Entwickler auch bei der Implementierung kleinerer Verbesserungen gedacht. Gebiete können nun erneut besucht werden. Zudem gibt es ein praktisches Schnellreisesystem. Weniger komfortabel ist hingegen das Marschieren durch Aventurien. Immer wieder bleiben wir aufgrund der Levelarchitektur irgendwo hängen und müssen große Umwege in Kauf nehmen. Klettern und springen kann unser Held nicht.
Wunderschönes Aventurien
Die lebendige Spielwelt ist das große Plus von Drakensang 2. Bei Waldspaziergängen treffen wir auf die unterschiedlichsten vierbeinigen Bewohner. Die Ortschaften sind sehr abwechslungsreich und mit etlichen Passanten, die ihrem Tagesgeschäft nachgehen, bevölkert. Herrliche Licht- und Wassereffekte laden zum Verweilen in Aventurien ein. Die sehr gelungene Soundkulisse - von sehr guten Sprechern bis hin zu der atmosphärischen Musik - rundet den positiven Eindruck ab. Allerdings kann auch die Qualität der Synchronsprecher nicht über die nur mittelmäßigen Dialoge hinwegtäuschen.
Fazit: Auf das Gut-/Böse-System wie es beispielsweise ein Dragon Age bietet, kann ich in diesem Fall verzichten. Auch die damit verbundene Einschränkung bei der Entscheidungsfreiheit kann ich verschmerzen. Drakensang 2 ist ein Old School-Rollenspiel im besten Sinne des Wortes. Allerdings stören gelegentliche KI-Aussetzer, kleinere Balanceprobleme sowie die doch arg lahmen Kämpfe stellenweise das Vergnügen.
Trotz dieser Macken bin ich gerne in Aventurien gewesen, da mich die Spielwelt mit ihren wunderschönen Landschaften und ihrer motivierender Geschichte in ihren Bann gezogen hat. Kenner des Vorgängers sowie Old School-Fans können zugreifen und einen Trip nach Aventurien wagen.
Wertung: 80 von 100 Punkten (Stephan Petersen/GameCaptain.de)
Quelle/Copyright: Captain-Fantastic-Besprechung
Wer die Voreinstellungen nicht übernehmen möchte, kann seinen Charakter noch bis ins Detail seinen Vorlieben anpassen. Im Lauf des Abenteuers trifft der Spieler auf alte Bekannte und neue Charaktere, die sich der Heldengruppe anschließen. Insgesamt präsentiert sich der Titel deutlich stimmiger als noch der erste Teil. Große Neuerungen gibt es zwar keine, dafür wurden einige Ecken und Kanten behoben. Die Geschichte wirkt spannender und atmosphärischer, wozu die vollständige vertonte Sprachausgabe einen wesentlichen Teil beiträgt. Einmal besuchte Schauplätze dürfen nun endlich wieder aufgesucht werden, als Navigationsmittel dient ein Schiff, auf dem der "Große Fluss" Aventuriens bereist wird. Auch an der Optik sind einige Detailverbesserungen zu erkennen. Fazit: "Drakensang - Am Fluss der Zeit" bietet ein runderes Spielerlebnis als der Vorgänger und sollte entsprechend wieder für gute Abverkäufe sorgen.
Quelle/Copyright: Entertainment Media Verlag