Quelle/Copyright: Game-Captain-Besprechung
Ihr habt wahrscheinlich schon so viel über <strong>Arcania</strong> gehört und gelesen, da fange ich mal einfach ohne große Einleitung und Anmerkungen zur Entstehungsgeschichte des Spiels an.<br/><br/><strong>Von der Weide in den Kampf</strong><br/><br/>chon unzählige Male mussten unschuldige Jungbauern als unfreiwillige Helden in Videospielen herhalten. Auch der Protagonist von Arcania gehört als Schäfersbursche zuerst der Agrar-Fraktion an, ging aber nebenher bei keinem Geringeren als Schlitzohr Diego in die Lehre, weiß sich also zu verteidigen. Das nützt ihm allerdings nichts, als während seiner Abwesenheit Soldaten von Rhobar III - ehemals besser bekannt als 'der Namenlose Held' - sein Heimatdorf überfallen und alle niedermetzeln. Der junge Mann sinnt auf Rache, wird von Diego aber zumindest noch davon abgehalten, sich blindwütig in den Kampf gegen die Übermacht zu stürzen. Stattdessen soll er nun Rhobars Männern bei der Suche nach einem geheimnisvollen Tempel zuvorkommen...<br/><br/>Für die Story hat man, wie unschwer zu erkennen ist, allerhand Klischees aus der Mottenkiste gegraben, schwerer wiegt aber eher <em>wie</em> die Geschichte erzählt wird. Nämlich oftmals recht lieb- und zusammenhanglos, so dass man etwa schon gleich zu Beginn kaum die Möglichkeit hat, zu Herzblatt Ivy oder dem Helden selbst eine emotionale Bindung aufzubauen. Das kriegen andere RPGs wie <strong>Dragon Age</strong> weitaus besser hin.<br/><br/>Nichtsdestotrotz kann der Titel bei der Atmosphäre durchaus noch ein paar Pluspunkte sammeln, indem er etwa das Geschehen mit stimmungsvoller orchestraler Musik untermalt und zu den Quests recht nette, teils ein wenig skurrile Begebenheiten auffährt. Da zoffen sich beispielsweise diverse NPCs um ein Holzbein mit ideellem Wert. Außerdem kann auch die Sprachausgabe überzeugen, vor allem dem Hauptdarsteller mit seiner Leonardo DiCaprio-Stimme höre ich gern zu. Was während der Dialoge mit gewohnt rauem Umgangston störend ins Auge fällt, ist aber auf jeden Fall die unpassende Mimik, insbesondere die gewöhnlich absolut nicht synchronen Lippenbewegungen. Noch dazu haben gerade die Frauen oft Gesichter, die nicht einmal eine Mutter lieben könnte...<br/><br/><strong>Gnädiger als früher</strong><br/><br/>an beginnt mit einem fertigen Charakter, dessen Können, Startwerte und Aussehen das Spiel vorgibt. Und einen Namen hat er ja sowieso wieder nicht. Individualisiert wird der Gute dann zum einen mithilfe zahlloser Ausrüstungsgegenstände aus Truhen und dem Gepäck toter Feinde, die dekorativ auf den Muskelkörper wandern. In Gesprächen ist der Heldenschädel übrigens trotzdem immer ohne Helm zu sehen.<br/><br/>Das durchaus spaßige Kampfsystem ist actionreich und sehr 'Klick-lastig'. Mit der linken Maustaste/dem X-Button des Controllers lässt man Hiebe auf den anvisierten Gegner prasseln, wenn die Waffe aufleuchtet, gilt es im richtigem Moment zu drücken, damit durchschlagende Serien entstehen. Spätestens sobald man lernt, generell mehr Attacken aneinander zu reihen, ist so viel Raffinesse gegen die dümmliche KI jedoch kaum von Nöten und die Klickorgie beginnt. Alternativ stehen einem auch Fernwaffen samt Zielcursor und drei Magierichtungen (Feuer, Blitz, Eis) mit Nebeneffekten wie Lähmung zur Verfügung.<br/><br/>Die rechte Maustaste/Y ist fürs Blocken zuständig, als noch praktischer entpuppt sich allerdings die durch Kombination mit Seitwärtsbewegungen aktivierte Ausweichrolle, weil nur dadurch der komplette Schaden vermieden wird. Schnelltasten für Items oder Waffenwechsel erlauben dynamische Aktionen. Ansonsten lässt sich das Spiel aber auch durch Aufrufen des Inventars pausieren und der Held kann sich einen Brocken Fleisch, sonstige Lebensmittel oder Tränke zwischen die Kiemen schieben. Auf den niedrigeren Schwierigkeitsgraden ist das allerdings kaum mal nötig, wer mehr Herausforderung sucht, entscheidet sich also lieber für die höchsten beiden der insgesamt vier Stufen. Zwischendurch regeneriert sich die Lebensenergie übrigens selbst, durch das jederzeit mögliche Speichern wird Frust noch zusätzlich vermieden.<br/><br/><strong>Nur zur Dekoration</strong><br/><br/>rainer gibt es nicht mehr, die meisten Dinge beherrscht der Ex-Schäfer schon von allein. Diverse handwerkliche Tätigkeiten werden in einem passenden Menü abgewickelt. Zwar stehen z.B. Schleifsteine in der Gegen herum, deren Benutzung hat aber keinerlei Effekt. Genauso ist es auch bei Betten - unser Pappenheimer legt sich zwar auf Kommando hin, gepennt (und dabei neue Energie gewonnen oder Zeit totgeschlagen) wird aber nicht. Hätte man doch gleich streichen können...<br/><br/>Im Menü kann man unter anderem anhand gefundener Pläne oder Rezepte Ausrüstung schmieden und Zeug aus den überall massenhaft herumstehenden Pflanzen brauen. Wirklich etwas dazugelernt wird dann wenigstens beim Aufleveln. Skillpunkte dürfen auf acht Bereiche verteilt werden, um etwa die generelle Nahkampfkraft oder den Zauberschaden zu erhöhen bzw. neue Fertigkeiten freizuschalten. So kann man sich später hinter nichtsahnende Feinde schleichen, eine Zoom-Funktion zum Bogenschießen erhalten oder durch mit Ausdauer aufgeladene mächtige Schläge einen Blockversuch überwinden.<br/><br/>Das hätte ruhig alles etwas komplexer sein können, mit dem vorliegenden System entstehen kaum bemerkenswert unterschiedliche Charaktere. Die Entscheidungsmöglichkeiten vieler anderer Rollenspiele trifft man in Arcania sowieso nicht an, unter anderem gibt es hier auch keine Gilden oder andere Fraktionen, denen man sich anschließen kann, um von besonderen Quests oder sonstigen Exklusivitäten zu profitieren. So stellen abgesehen von der Entdeckung neuer Orte meist die zusammengeklaubten Beutestücke die größte Motivation dar und zumindest auf diesem Gebiet zeigt sich das Spiel ja auch recht großzügig. Schön wären neben all den Schilden, Anhängern und Knüppeln aber auch einige zusätzliche Schriftstücke wie Bücher zur Ausschmückung der Spielwelt und ihrer Legenden gewesen.<br/><br/><strong>Keine grenzenlose Freiheit</strong><br/><br/>as Missionsdesign weicht gerade bei den Nebenaufträgen nur selten von Standardaktivitäten wie 'Hol mir dies und das' und 'Schaff mir dieses und jenes vom Hals' ab. Zwar bereist man eine auf den ersten Blick durchaus umfangreiche Spielwelt, die Wanderung verläuft aber überwiegend linear, weil erst bestimmte Aufgaben gelöst werden müssen, um den Durchgang zum nächsten Gebiet zu öffnen. Bisweilen gerät man an unsichtbare Barrieren, die manchmal sogar dazu führen, dass die Spielfigur beispielsweise reichlich seltsam automatisch Hänge hinabgleitet, um wieder in einem begehbaren Bereich zu landen (teils schmerzhaft).<br/><br/>Das Tagebuch verschafft dem Spieler einen Überblick der aktuellen Quests, die an sich löbliche Minimap taugt dagegen nicht immer viel - Zielmarkierungen sieht man erst, wenn der Held eh schon fast über das jeweilige Objekt der Begierde stolpert. So bleibt einem bis zu diesem Punkt nur, sich die Wegbeschreibungen durch Questgeber zu merken oder auf gut Glück der Nase nach zu laufen (und bei der Gelegenheit vielleicht die eine oder andere hübsche Schatztruhe auf Umwegen zu entdecken).<br/><br/>Ansonsten zeigt sich Arcania aber wirklich einsteigerfreundlich, sei es bei den unteren Schwierigkeitsgraden, dem simplen Missionsaufbau, fein säuberlich durch putzige Schmetterlinge markierten Sammelobjekten oder der praktisch narrensicheren Charakterentwicklung. Neulinge wird es freuen, Veteranen sind not amused.<br/><br/><strong>Was fürs Auge</strong><br/><br/>iebstähle und Schlägereien werden nicht geahndet, ja nicht einmal kommentiert. Auch sonst besitzt Arcania kein Moralsystem. Die Mehrzahl der Figuren kann leider noch nicht mal angesprochen werden, ihre spärlichen Sprüche beim Vorbeilaufen sind zudem nicht immer treffend. Lustig fand ich beispielsweise den Wegelagerer mit einem einzigen Kumpan, dem er was von 'Umzingelt ihn!' zubrüllte.<br/><br/>Unter den fehlenden Interaktionsmöglichkeiten und Reaktionen leidet die Lebendigkeit bzw. Glaubwürdigkeit der an sich schönen Spielwelt mit ihren beeindruckenden Ausblicken, mittelalterlichem Flair, gelegentlichen prächtigen Wolkenbrüchen und fast ohne Ladezeiten. Eine leistungsstarke Hardware vorausgesetzt, zaubert Gothic 4 wirklich ansehnliche Landschaften, Bauten und Effekte auf den Bildschirm. Allerdings springen manche Objekte unvermittelt ins Bild, dafür verschwindet plötzlich Grünzeug, sobald man sich den Büschen und Bäumen nähert. So wird zwar verhindert, dass einem ständig Blätter in der Fresse hängen hat, die kahlen Stängel sehen aber nicht wirklich schön aus und vor allem ist eben der Übergang reichlich abrupt.<br/><br/>In der Konsolen-Version habe ich keine Option gefunden, diesen Effekt zu deaktivieren - überhaupt gibt es dort deutlich weniger Einstellungsmöglichkeiten. Xbox-Spieler müssen ohnehin einige Abstriche bei der Grafik in Kauf nehmen. Zwar bleibt Arcania auch dort landschaftlich hübsch, doch mancherorts sind z.B. die Texturen komplett verwaschen, es kommt zu ausgeprägten Slowdowns und die nächtlichen Schatten flackern wild herum. Zu allem Übel ist die Schrift im Inventar selbst auf vernünftigen Fernsehern winzig, da ähnelt das Spiel seinem Stiefbruder <strong>Risen</strong> auffallend. Praktischer als am PC ist dafür immerhin die direkte Gegenüberstellung der Werte von Ausrüstungsgegenständen gelöst.<br/><br/><strong>Fazit</strong>: Während <strong>Gothic 3</strong> vor allem mit seinen Bugs zu kämpfen hatte, sind solche Technikmängel beim offiziellen Nachfolger eigentlich kaum ein Problem. Stattdessen hakt es beim Rest. Die Geschichte ist über weite Strecken wenig fesselnd, die Quests laufen meist nach Schema F ab, der Umfang des recht linearen Abenteuers kann nicht an Glanzzeiten der Serie anknüpfen, wichtige Entscheidungen gibt es nicht zu treffen und die Charakterentwicklung zeigt sich ziemlich simpel. Nicht zuletzt angesichts hochkarätiger Konkurrenten, die eben genannte Dinge deutlich besser machen, wirkt das Spiel oftmals altbacken und verschenkt viel Potenzial.<br/><br/>Wer gern ohne großes Kopfzerbrechen eine überwiegend hübsch anzusehende, abwechslungsreiche Fantasywelt samt schöner Soundkulisse bereist und Spaß an unkomplizierten Beutezügen mit ausgeprägtem Hack&Slay-Anteil hat, kann an <strong>Arcania</strong> trotzdem Gefallen finden, und nicht zuletzt auch Einsteiger werden angesprochen. Ein echtes Gothic ist es aber nicht geworden.<br/><br/>Wer kann, legt sich die PC-Version zu, welche dem Xbox-Pendant grafisch deutlich überlegen ist.<br/><br/><strong>Wertung</strong>: 74 von 100 Punkten (Christina Schmitt/GameCaptain.de)
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