Leseprobe zu "Drei Engel für den Weihnachtsmann" von Wolfram Hänel
1. Dezember
Alles fängt damit an, dass ich meine Augen nicht aufkriege. Obwohl ich längst wach bin, mindestens schon seit zwei Minuten oder so. Ich habe genau gehört, wie erst Jasper aufgestanden ist, um ins Bad zu gehen, und dann Moritz. Meine beiden kleinen Brüder. Gleich darauf sind sie wieder zurückgekommen und noch mal ins Bett gekrochen. Erst Jasper und dann Moritz. Weil das Bad nämlich mal wieder wie üblich besetzt war. Von Caro, meiner großen Schwester. Deshalb hat Kalle auch gerade mal wieder auf dem Flur draußen herumgebrüllt. Vor der Tür zum Badezimmer, was Caro aber nicht im Geringsten stört. Wahrscheinlich hört sie Kalle noch nicht mal, weil sie seit Neuestem sogar schon zum Zähneputzen den Stöpsel von ihrem iPod im Ohr hat!
Kalle ist übrigens mein Vater. Das heißt, eigentlich ist er nur der Vater von Caro, und Sabine ist die Mutter von Jasper, Moritz und mir, aber dafür nicht von Caro. Während wiederum Kalle und Sabine beide die Eltern von dem Baby sind. Wir sind nämlich so was wie eine Patchworkfamilie. Patchwork ist Englisch und heißt, dass irgendwas zusammengeflickt ist. Aus völlig verschiedenen Teilen, die eigentlich gar nicht zusammenpassen. Aber bei uns passt es zum Glück ganz gut.
Nur morgens nicht, da passt gar nichts. Was aber auch klar ist, wenn sich sechs Leute ein Badezimmer teilen müssen. Und alle zur gleichen Zeit reinwollen. Weil alle zur gleichen Zeit in der Schule sein müssen. Auch Kalle. Obwohl er nur Kunstlehrer ist, aber er muss trotzdem pünktlich sein.
Na gut, Sabine könnte natürlich einfach im Bett liegen bleiben. Aber Sabine ist fest davon überzeugt, dass dann gar nichts mehr klappen würde. Sie behauptet, wenn sie sich nicht um die Organisation kümmern würde, würden wir wahrscheinlich alle im Schlafanzug und ohne Frühstück losrennen und kämen trotzdem noch zu spät. Kann sogar sein, dass sie recht hat. Aber deswegen sind wir eben leider auch noch einer mehr, der ins Bad muss.
Nur Friedolin nervt nicht rum. Friedolin liegt zusammengerollt hinter der Haustür auf dem Fußboden und schnarcht. Manchmal glaube ich, Friedolin kriegt überhaupt nichts mit! Oder er ist echt schlau. Und denkt sich, dass es am besten ist, wenn er einfach so tut, als wäre er gar nicht da. Kann durchaus sein, dass er so schlau ist, schließlich ist er ja auch der Älteste von uns allen. Schon fast hundert!
In Hundealter gerechnet natürlich. Friedolin ist nämlich nicht unser Großvater oder so was, sondern unser Hund. Ein Cockerspaniel mit ein bisschen Dackel drin und noch irgendwas, wovon keiner weiß, was es sein könnte. Wahrscheinlich irgendeine Sorte, die viel schläft.
"Los, Leute, aufstehen! Kalle ist längst fertig im Bad!"
Sabine! Bei ihrer Lieblingsbeschäftigung, Stichwort: "Organisation"!
Ich höre, wie sich Jasper und Moritz wieder aus ihren Betten quälen und ins Bad rüberrennen.
Ich bleibe einfach liegen. Wie Friedolin. Als ob ich gar nicht da wäre. Sabine versucht, mir die Bettdecke wegzuziehen.
"Ich kann nicht", sage ich, "ich krieg die Augen nicht auf ..."
Sabine lacht nur.
"Wirklich", sage ich noch mal, "es geht nicht."
"Schade, dass deine Augen ausgerechnet heute nicht funktionieren", flüstert sie. "Dann kannst du ja gar nicht sehen, was über Nacht passiert ist ..."
Sie will mich reinlegen, so viel ist klar! Sie will nur, dass ich die Augen aufmache. Und wahrscheinlich ist gar nichts passiert ...
"Sag erst, was passiert ist", verlange ich.
"Nein", sagt Sabine. "Das musst du dir selber angucken."
"Aber ich krieg die Augen nicht auf", wiederhole ich. "Hier, siehst du?"
Ich zucke ein bisschen mit meinem Gesicht rum, als würde ich mir wirklich alle Mühe geben. Und kneife dabei die Augen so fest zusammen, dass es schon fast wehtut.
"Ach, du Ärmster", kichert Sabine, "komm, ich helfe dir. Ich führe dich." Sie zieht mich vom Bett hoch und legt mir den Arm um die Schulter. "So", sagt sie. "Und jetzt einen Schritt nach links und dann noch einen ..."
Es ist komisch, geführt zu werden und nichts zu sehen. Und an der Türschwelle ramme ich mir prompt die Zehen. Aber ich gebe nicht auf! Obwohl mich Sabine jetzt nicht zum Badezimmer führt, sondern den Flur runter und an der Küche vorbei.
"Hä?", macht Caro vom Küchentisch her, "ist was?"
"Ich krieg die Augen nicht auf", sage ich.
"Er kriegt die Augen nicht auf", wiederholt Sabine.
"Haha", macht Caro nur.
Und Kalle fragt: "Kann es vielleicht sein, dass das was mit der Englischarbeit zu tun hat, die ihr heute schreibt?"
Typisch! Entweder nehmen sie einen nicht ernst, oder sie unterstellen einem, dass man irgendwelche billigen Tricks versuchen würde. Obwohl das gar nicht stimmt. Die Englischarbeit hatte ich total vergessen. Was die Sache jetzt allerdings nicht unbedingt besser macht. Vielleicht ist es wirklich das Beste, wenn ich die Augen nicht aufmache. Nie wieder! Oder zumindest heute nicht mehr, bis sie einen Arzt geholt haben, der mich dann ins Krankenhaus einweist. Und kurz bevor sie mich operieren wollen, kann ich die Augen ja immer noch aufmachen und sagen: "Alles okay, Leute, keine Panik, es geht wieder." Oder so ähnlich ...
Wir müssen jetzt im Wohnzimmer sein! Ich kann den Holzboden unter meinen Füßen fühlen. Ich höre, wie Sabine die Terrassentür öffnet. Ein kalter Luftzug weht herein. Langsam ist mir das Ganze nicht mehr geheuer. Vor allem als Sabine mich jetzt am Ellbogen fasst und auf die Terrasse führt. Ein Glück, dass wir nicht in irgendeinem Hochhaus wohnen, denke ich noch, und sie mich vielleicht vom Balkon kippen will! Was natürlich Quatsch ist, das würde Sabine nie machen, aber trotzdem, als Blinder kommt man irgendwie auf komische Gedanken ...
Im nächsten Moment springe ich vor Schreck in die Höhe! Da war was unter meinen Füßen und das war kalt und nass! Ehe ich noch lange überlegen kann, habe ich beide Augen aufgerissen - und muss sie gleich wieder zumachen! Vor mir ist alles weiß! Entweder ich spinne oder ... es hat geschneit! Und es schneit immer noch. Ich spüre ganz deutlich, wie eine Schneeflocke in meinem Gesicht landet. Und dann noch eine. Ich muss die Augen wieder aufmachen ...
Sabine steht neben mir und lacht. Und im nächsten Moment kommen Jasper und Moritz an uns vorbeigestürmt und schreien: "Es schneit! Es schneit!"
Und zack!, kriege ich auch schon den ersten Schneeball ab. Natürlich bücke ich mich und mache selber einen Schneeball, obwohl meine Füße sich anfühlen, als wären sie aus Eis. Und obwohl wir ja eigentlich gar keine Zeit haben, weil wir schnellstens frühstücken und in die Schule müssen. Aber das ist jetzt egal. Wir machen die erste Schneeballschlacht in diesem Jahr! Und sogar Sabine macht mit! Bis es plötzlich an der Haustür klingelt, Friedolin bellt und das Baby anfängt zu schreien ...
Wer klingelt an der Haustür?
Lies morgen weiter.
2. Dezember
Wir rennen alle zur Haustür. Bis auf Caro, die natürlich mal wieder nichts mitgekriegt hat. Und bis auf Sabine, die erst mal zu dem schreienden Baby rennt. Aber an der Haustür ist keiner.
"Sehr merkwürdig", meint Kalle.
"Da sind Spuren", sagt Moritz und zeigt auf ein paar Stiefelabdrücke im Schnee. Die Stiefelabdrücke führen vom Fußweg zu unserer Haustür und zurück. Jasper rennt zum Gartentor und guckt links und rechts die Straße runter.
"Nichts", sagt er dann. "Keiner da."
"Vielleicht der Weihnachtsmann", meint Kalle.
"Echt? Meint ihr echt, der Weihnachtsmann war da?", fragt Moritz aufgeregt.
"Klar", sagt Jasper. "Aber dann ist ihm eingefallen, dass noch gar nicht Weihnachten ist."
"Und da ist er schnell wieder nach Haus gerannt", nickt Kalle.
"So ein Mist!", ärgert sich Moritz.
"Mann, das war ein Witz!" Jasper verdreht die Augen.
"Weiß ich selber. Ich bin ja nicht blöd!", verteidigt sich Moritz. Obwohl schon klar ist, dass er den Blödsinn echt geglaubt hat!
"Und du hast auch nichts gesehen?", frage ich Friedolin. Aber Friedolin antwortet mal wieder nicht. Sondern wedelt nur kurz mit dem Stummelschwanz und kaut weiter auf irgendwas rum, das aussieht wie ... ein Brief! Ein nasser, halb zerkauter Brief!
"Ein Brief", stellt Kalle im selben Moment fest. "Aus!", sagt er zu Friedolin, "gib her!"
Friedolin knurrt und versucht, den Brief schnell runterzuschlucken. Aber Kalle ist schneller. Er zerrt den Brief wieder aus Friedolins Schnauze. Friedolin bellt empört. Kalle hält den Brief hoch. Jetzt ist er nicht nur nass und halb zerkaut, sondern auch noch eingerissen. Der Brief natürlich, nicht Kalle.
Sabine kommt mit dem schreienden Baby auf dem Arm dazu. "Was ist los? Wer war da?", will sie wissen.
"Jemand, der einen Brief eingeworfen hat", erklärt Moritz und zeigt auf den Briefschlitz in unserer Haustür.
"Und?", will Sabine wissen, während ihr das Baby zufrieden den Pullover vollsabbert.
Kalle streicht den Brief glatt und versucht, die Anschrift zu entziffern. "Für ... Phillip", liest er.
"Und sonst nichts?", fragt Jasper.
"Sonst nichts", erklärt Kalle. "Kein Absender, nichts. Und Phillip mit F!"
Ich greife nach dem Umschlag.
FÜR FILLIP.
"Los, mach auf!", ruft Jasper.
"Ja, mach auf!", verlangt auch Moritz.
"Hast du vielleicht irgendeine heimliche Verehrerin?", fragt Kalle grinsend.
Ich merke, dass ich rot werde.
"Quatsch, natürlich nicht", sage ich. Aber ich muss sofort an Karlotta denken. Ich weiß auch nicht, wieso. Aber Karlotta sitzt in der Schule neben mir. Und besonders gut schreiben kann sie auch nicht. Das würde also schon mal passen. Außerdem fände ich es ganz schön, einen Brief von Karlotta zu kriegen. Weil Karlotta nämlich irgendwie toll ist. Auch wenn sie nicht besonders gut schreiben kann ...
"Phillip hat eine Freundin!", brüllt Jasper los. "Guckt mal, er ist ganz rot geworden!"
"Phillip ist verlieiebt", singt Moritz und hüpft auf einem Bein um mich rum.
"Quatsch", sage ich noch mal.
Manchmal ist es echt nicht leicht mit zwei kleinen Brüdern, die keine Gelegenheit auslassen, um einen zu ärgern. Jetzt versuchen sie auch noch, mir den Brief wegzunehmen! Aber zum Glück hilft mir Sabine.
"Hört auf mit dem Blödsinn", sagt sie. "Habt ihr noch nie was vom Briefgeheimnis gehört? Der Brief ist für Phillip und geht euch gar nichts an!"
"Ist er nicht", erklärt Moritz. "Phillip schreibt man mit Ph und nicht mit F! Also ist er für gar keinen und wir können ihn uns alle angucken!"
"Hä?", mache ich, weil mir Moritz' Logik echt zu viel ist.
"Stimmt, da hat Moritz recht", nickt Jasper und will schon wieder nach meinem Brief greifen.
"Es reicht, Leute", mischt sich jetzt Kalle ein. "Ihr verschwindet in die Küche zum Frühstück und Phillip pellt sich jetzt endlich mal aus seinem Schlafanzug!"
Ich strecke meinen beiden Brüdern noch schnell die Zunge raus und schließe mich im Badezimmer ein. Den Brief nehme ich natürlich mit. Ich überlege kurz, ob ich ihn lesen soll, während ich auf dem Klo sitze. Aber irgendwie kommt mir das nicht so ganz passend vor. Also, ich meine, wenn er wirklich von Karlotta ist und sie mich nachher in der Schule fragt, ob ich ihn schon gelesen habe, dann kann ich ja schlecht sagen: Ja, klar, vorhin auf dem Klo ... Nein, das geht nicht. Auf keinen Fall!
Ich putze mir die Zähne und renne ins Zimmer zurück. Aber aus der Küche ruft schon wieder Sabine, dass ich mich beeilen soll. Also schiebe ich den Brief nur ganz unten in meine Schultasche und zieh mir meine Jeans an und den neuen Pullover mit der Kapuze. Auf dem vorne ganz groß I LOVE YOU steht. Und hinten FOREVER.
Als ich in die Küche komme, nimmt Caro ihren iPod-Stöpsel aus dem Ohr und mustert mich interessiert. Ungefähr so, wie unser Biolehrer einen seltenen Schmetterling betrachten würde, den er gerade aufgespießt hat.
"Und?", fragt Caro. "Wer ist es? Doch nicht etwa die Kleine mit den roten Haaren, mit der ich dich neulich auf dem Pausenhof gesehen habe?"
Schon klar, meine Brüder haben mal wieder ihren Mund nicht halten können!
"Quatsch", sage ich nur. Aber so schnell gibt Caro nicht auf.
"Du weißt, dass sie zu kurze Beine hat, oder?", fragt sie und zeigt mit den Händen, wie kurz. Ungefähr zehn Zentimeter.
"Immer noch länger als deine", antworte ich mit vollem Mund. Was zweifellos die einzig richtige Antwort war. Aber wenn Kalle Caro nicht schnell festgehalten hätte, hätte ich jetzt wahrscheinlich ein Loch im Kopf. Ich habe es ganz deutlich gesehen. Caro hatte schon die Hand nach dem Frühstücksbrett ausgestreckt, um mich damit k.o. zu schlagen! Ich mache, dass ich wegkomme. Meine beiden Brüder natürlich hinter mir her. Und obwohl ich renne wie verrückt, kleben sie an mir dran wie zwei alte Kaugummis unter der Schuhsohle.
"Hast du den Brief schon gelesen?", fragt Jasper, während er neben mir herkeucht. "Nun sag schon, von wem ist er?"
"Hat sie echt zu kurze Beine?", keucht Moritz. "So kurz, wie Caro gezeigt hat?"
Ich habe keine Chance, ihnen zu entkommen. Und ich bin richtig froh, als wir endlich in der Schule sind und ich in meiner Klasse verschwinden kann. Wo mir Karlotta schon entgegenwinkt und wahrscheinlich darauf wartet, dass ich irgendwas sage. Wegen dem Brief, meine ich. Den ich ja aber immer noch nicht gelesen habe. Und jetzt ist es natürlich zu spät ...
Ist der Brief wirklich von Karlotta?
Lies morgen weiter.
3. Dezember
Als unsere Klassenlehrerin zusammen mit der Klasse überlegt, welche Lieder wir dieses Jahr auf der Weihnachtsfeier singen könnten, stoße ich Karlotta vorsichtig an. "Ich bin noch nicht dazugekommen", flüstere ich.
"Hä?", macht Karlotta und guckt mich irritiert an.
"Ich meine, ich hab's noch nicht gelesen", wiederhole ich, "aber danke schon mal."
Karlotta verzieht ihr Gesicht, als würde sie gar nichts kapieren. Dann guckt sie wieder nach vorne.
"Deinen Brief, meine ich", versuche ich es noch mal. "Aber ich hab mich echt drüber gefreut! Und es war ein ganz schönes Chaos bei uns zu Hause, nachdem du geklingelt hast. Muss ich dir in der Pause unbedingt erzählen! Vor allem als Friedolin versucht hat, deinen Brief aufzufressen ..."
Karlotta zeigt mir einen Vogel.
"Ich meine, der Brief ist doch von dir, oder?", frage ich ein wenig verunsichert.
"Warum sollte ich dir einen Brief schreiben?", zischt Karlotta. "Quatsch! Ich hab dir keinen Brief geschrieben."
"Aber ich dachte ..."
"Falsch gedacht", unterbricht mich Karlotta. "Und jetzt hör auf, hier rumzunerven."
"Was ist los bei euch dahinten?", will die Lehrerin im gleichen Augenblick wissen. "Karlotta? Phillip?"
"Irgendjemand hat Phillip einen Brief geschrieben", erklärt Karlotta. "Ich weiß auch nicht, was er will. Ich hab jedenfalls nichts damit zu tun."
"Könnt ihr bitte eure Privatangelegenheiten in der Pause klären", sagt die Lehrerin. "Und Phillip ..."
"Ja?"
"Wiederholst du noch mal, was ich eben gesagt habe?""Ich hab nicht hingehört", sage ich. "Tut mir leid."
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