Groß war meine Enttäuschung, als die Konsolenversion von The Witcher beerdigt wurde, umso größer ist die Freude, dass es mit der Umsetzung des Nachfolgespiels so gut geklappt hat. Denn die Xbox-Fassung kann sich nicht nur wegen der gleich darin enthaltenen 'Enhanced Edition'-Extras absolut sehen lassen, so viel sei direkt verraten (angesichts der Einträge im Pressespiegel kommt das aber auch wohl kaum überraschend).
Wer das Original aus dem letzten Jahr noch nicht kennt, sollte sich zuerst den dazugehörigen Test zu Gemüte führen, denn im folgenden Artikel werde ich längst nicht auf alle dort erwähnten Details eingehen, sondern mich hauptsächlich mit den Besonderheiten der aktuellen Variante beschäftigen.
Hilfe gefällig?
Eingeleitet von einer nagelneuen und verdammt spektakulären Introsequenz, beginnt das Abenteuer jetzt auf Wunsch mit einer zusätzlichen Tutorialmission, in der die Grundlagen von Steuerung, Kampfsystem und Alchemie anschaulich erklärt werden. Aufgrund doch recht komplexer Abläufe ist das Training für Neulinge auf jeden Fall zu empfehlen.
Nach dem Absolvieren des bereits bekannten spielbaren Prologs macht sich der Titelheld an die Verfolgung eines Königsmörders und versucht nebenbei weiterhin, seine Gedächtnislücken bezüglich der Zeit zwischen Ende der Buchreihe und Beginn der Spieleserie zu stopfen.
Nicht zuletzt dank zahlreicher Entscheidungsmöglichkeiten, durch die etwa der komplette mittlere der drei Akte beeinflusst wird, ist dabei ein hoher Wiederspielwert gegeben. Auch die Achievements lassen sich nur vervollständigen, wenn man sich bei mindestens einem Durchgang auf die Seite des Elfenrebellen Iorweth, bei einem anderen auf die des Geheimdienstchefs Roche schlägt. Geralt trifft außerdem auf machthungrige Adlige, intrigante Zauberinnen, rachsüchtige Geister und andere gefährliche Zeitgenossen, deren Ausdrucksweise oftmals ähnlich krass ist wie ihre Methoden zum Erreichen der persönlichen Ziele.
Generell ist diese Fantasywelt ja für ihre erwachsenen Nuancen bekannt und beliebt, was sich natürlich auch in der Umsetzung nicht geändert hat. Im Spiel werden u.a. Themen wie Rassismus angeschnitten, der sich hier in Gewalt gegenüber Nichtmenschen äußert. Der Umgangston ist häufig mittelalterlich rau bis vulgär. Da wird gesoffen, gehurt, gegrölt und literweise an Hauswände gepinkelt - ich muss immer wieder an unseren Nachbarn und seine Zechkumpane denken...
So düster die Witcher-Welt zwischen Bruchbuden und aufgeknüpften Verbrechern auch wirken kann, kommt trotzdem der Humor nicht zu kurz, passend zur alles andere als politisch korrekten Einstellung der Charaktere gern mal etwas derb.
Dark Mode und Arena
Die prächtigen Wälder könnten zu erholsamen Spaziergängen einladen, wenn nicht überall Banditen- und Monstergesocks lauern würde. Schon bei der PC-Version wurde ja der Xbox-Controller unterstützt, mit der 'richtigen', nochmals überarbeiteten Steuerung managt man die verschiedenen Schwertmodelle für Untier- bzw. Menschenbekämpfung, die magischen Hexerzeichen, all die fiesen Fallen und Sprengsätze sowie die vor Kampfbeginn einzunehmenden Tränke nun sogar noch besser.
Kleine Macken beim Anvisieren von Gegnern sowie die leichte Verzögerung beim Ziehen der Schwerter können aber noch lästig werden und Geralt schlimmstenfalls einen Teil seiner Lebensenergie kosten. Auch bei der Übersichtskarte samt Quest-Markierungen gäbe es noch Verbesserungsbedarf, da hat sich leider seit dem damaligen Release nichts getan.
Der als zu kurz kritisierte letzte Akt erhält durch ein paar neue Quests, auch wieder abhängig von den gewählten Verbündeten, etwas mehr Substanz, erreicht nach wie vor aber nicht ganz die Qualität der anderen Kapitel.
Echte Haudegen dürfen ihr Glück nun im anspruchsvollen Dark Mode-Schwierigkeitsgrad versuchen, neben dem Storymodus enthält die Xbox-Version außerdem schon gleich die beim PC ebenfalls erst später nachgereichte, separate Arena für geübte Kämpfer, in der man gegen Gegnerwellen antritt und weitere Erfolge erzielen kann.
Auch auf der Xbox schön
Trotz zu beobachtender Framerate-Einbrüche und Popups sieht TW 2 für einen Titel auf der betagten Xbox 360 noch mehr als schick aus. Filigran texturierte Mauern, das Spiel von Licht und Schatten unterm dichten Blätterdach oder einzelne Poren der ungewaschenen Visagen kommen auf modernen PCs selbstverständlich am allerbesten zur Geltung, Konsolisten müssen in diesem Bereich aber erfreulich wenige Abstriche hinnehmen. Die Entwickler mussten die Umgebungen wohl für die angestaubte Hardware in verdaulichere Häppchen verpacken, was aber zumindest bei installiertem Spiel im laufenden Geschehen kaum auffällt. Meistens gibt es nur beim Durchschreiten von Türen kurze Ladepausen.
Ein kleines aber feines Detail, das schon manchem Game gut getan hätte, ist die Möglichkeit, von der HD-Schrift zu größeren Buchstaben für Besitzer veralteter Fernseher (oder schlechter Augen...) zu wechseln.
Fazit: Umzug geglückt - The Witcher 2 ist auch auf der Konsole ein echtes Highlight des Rollenspielgenres und die Abenteurer müssen kaum Nachteile gegenüber der PC-Fraktion hinnehmen. Natürlich erstrahlt das Spiel nur auf potenten Rechnern in seiner vollen Pracht, auch auf der guten alten Xbox 360 kann es sich aber wunderbar sehen lassen.
Und alle inhaltlichen Stärken wie die spannende Atmosphäre oder die interessanten Entscheidungsmöglichkeiten haben die Portierung sowieso unbeschadet überstanden. Durch einige Zusatzinhalte ist die Enhanced Edition gleich noch runder als die ursprüngliche Version, auch wenn ein paar Macken wie die unpraktische Übersichtskarte nicht behoben wurden.
Wertung: 90 von 100 Punkten (Christina Schmitt/GameCaptain.de)
Quelle/Copyright: Captain-Fantastic-Besprechung