Schattenpfade / Moorehawke Bd.1 - Kiernan, Celine

Celine Kiernan 

Schattenpfade / Moorehawke Bd.1

Übersetzung: Finke, Astrid
Broschiertes Buch
 
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Schattenpfade / Moorehawke Bd.1

'Zum Mitfiebern! (...) Mystisch-magischer Fantasy-Roman mit Suchtfaktor!' -- Lea

'Spannender Auftakt einer Fantasy-Trilogie ohne übernatürliche Kräfte, aber mit viel Spannung und Potenzial zum Mitleiden.' -- Magazin "Bücher"

'Diese Autorin ist eine wahre Freude! Eine literarische Entdeckung, wie sie vielleicht nur alle zehn Jahre vorkommt.' -- Irish Times

Erstmals im Taschenbuch: Celine Kiernans grandiose High Fantasy.Als die fünzehnjährige Wynter, Tochter des Hohen Protektors Moorhawke, nach einer langen Reise in ihre Heimat zurückkehrt, ist nichts mehr, wie es einmal war. Der junge Prinz Alberon ist verschwunden und sein Vater, der früher so gütige König, hat sich in den Dienst dunkler Mächte gestellt und will seinen illegitimen Sohn, Wynters besten Freund Razi, zwingen, den Platz seines Bruders einzunehmen. Wynter sieht sich vor eine schicksalhafte Wahl gestellt: Soll sie sich dem Willen des Königs und ihres Vaters unterordnen - oder gemeinsam mit Razi und dessen geheimnisvollem Gefährten Christopher gegen die dunklen Mächte im Reich kämpfen?


Produktinformation

  • Verlag: Cbt
  • 2010
  • Ausstattung/Bilder: 2010. 495 S. 206 mm
  • Seitenzahl: 495
  • cbt Taschenbücher Bd.30679
  • Altersempfehlung: ab 13 Jahren
  • Deutsch
  • Abmessung: 208mm x 136mm x 37mm
  • Gewicht: 555g
  • ISBN-13: 9783570306796
  • ISBN-10: 3570306798
  • Best.Nr.: 27949653
"Zum Mitfiebern! (...) Mystisch-magischer Fantasy-Roman mit Suchtfaktor!" (Lea)

"Diese Autorin ist eine wahre Freude! Eine literarische Entdeckung, wie sie vielleicht nur alle zehn Jahre vorkommt."

"Diese Autorin ist eine wahre Freude! Eine literarische Entdeckung, wie sie vielleicht nur alle zehn Jahre vorkommt." (Irish Times)

"Diese Autorin ist eine wahre Freude! Eine literarische Entdeckung, wie sie vielleicht nur alle zehn Jahre vorkommt."
Celine Kiernan, geboren und aufgewachsen in Dublin, hat lange Jahre in der Filmbranche gearbeitet, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Ihr Debütroman Schattenpfade, der Auftakt zu einer Fantasy-Trilogie, hat auf Anhieb international für Furore gesorgt. Celine Kiernan lebt mit ihrer Familie im County Cavan nördlich von Dublin.

Leseprobe zu "Schattenpfade / Moorehawke Bd.1" von Celine Kiernan

Die Wache wollte sie nicht passieren lassen. Selbst als Wynters Vater ihre Papiere vorwies und erklärte, dass man sie bei Hofe erwartete, blieb der Posten spöttisch und unfreundlich und weigerte sich, das Tor zu öffnen. Schließlich machte er die Pforte des Wachhäuschens wieder zu, und Wynter und ihr Vater mussten draußen warten, während der Soldat "sich umtun" ging.

Bereits ein gesamtes Viertel der Schatten - zwei Stunden auf der nördlichen Uhr - verharrten sie nun dort vor der geschlossenen Tür des Wachpostens und Wynter spürte ihr Blut allmählich vor Zorn aufwallen.

Die Männer, die Shirken dafür bezahlt hatte, ihnen Geleit aus dem Norden zu geben, waren lange fort. Wynter machte ihnen deshalb keinen Vorwurf. Ihre Aufgabe war es gewesen, sie und Lorcan sicher von einem Königtum ins andere, sie beide nach Hause zu bringen, und das hatten sie getan. Wynter hegte keinen Groll gegen sie. Ihre Führer waren auf der langen Reise nach Süden höflich und achtungsvoll gewesen, und Wynter zweifelte nicht daran, dass sie gute und ehrliche Männer waren. Doch sie waren keine Freunde, sie waren nicht treu ergeben - außer Shirken und der Aufgabe, für deren Erledigung sie von ihm ihren Sold erhalten hatten.

Zweifellos hatten Shirkens Männer von der Spitze der Anhöhe aus beobachtet, wie Wynter und ihr Vater am Fuße des Hügels anlangten und die aus dicken Balken gefertigte Brücke über den Burggraben querten. Und sie hatten gewartet, bis die ihnen Anvertrauten unbeschadet den schützenden Schatten des Torbogens erreichten, bevor sie sich in die finsteren Kiefern zurückzogen und auf den Heimweg machten. Auftrag ausgeführt.

Wynters Pferd Ozkar scharrte ungeduldig neben ihr. Er roch das warme Gras, das hinter ihnen in der Sonne dörrte, und das dunkle, klare Wasser des Grabens. Er war durstig und hungrig, und Wynter konnte ihm nicht verübeln, dass er schnaubte und mit den Hufen stampfte. Dennoch zupfte sie an seinem Zügel, um ihn zur Ruhe zu mahnen. Dann verlagerte sie ihr Gewicht unauffällig von einem Bein aufs andere. Auch sie war erschöpft, wundgeritten, des Reisens bis auf die Knochen müde. Doch mit ihren fünfzehn Jahren war ihr das höfische Zeremoniell bereits vertraut, und so blieb sie äußerlich gleichmütig, als machte ihr dieses endlose Warten in der Hitze nicht das Geringste aus.

Zwar mochte die geübte Unbewegtheit ihrer Miene nichts verraten, in Wahrheit allerdings konnte sie ihre Ungeduld kaum zügeln: Sie wollte nichts sehnlicher, als ihre Stiefel von sich schleudern und barfuß über die Wiesen rennen, sich ins hohe Gras werfen und den Himmel betrachten.

Sie hatten so lange Zeit in der grauen Kälte des Nordens zugebracht, dass die flirrende Hitze und das helle Licht ihrer Heimat wie weißer Wein für sie waren. Sie sehnte sich danach, in diesem Licht zu baden. Sie sehnte sich danach, ihren Vater an der Hand zu nehmen und ihn in die Sonne zu zerren, damit ihm der heiße Sommer wieder etwas Wärme in die Knochen glühte.

Er hatte also gut daran getan, nicht von seinem Pferd abzusteigen. Dort saß er, so still, dass sich Wynter durch einen verstohlenen Seitenblick vergewisserte, ob er noch wach war. Ja, war er. Sie konnte seine Augen im Schatten der Hutkrempe schimmern sehen. Er sah weder nach rechts noch nach links, sein Blick war nach innen gewandt - während er auf die Erlaubnis wartete, nach Hause zu kommen. Sein großer Körper jedoch war vor Erschöpfung gebeugt, und die Lähmung in seinen Händen, dort, wo sie geduldig auf dem Sattelknauf verschränkt lagen, wirkte schlimmer als sonst.

Sorgenvoll betrachtete Wynter seine zuckenden Finger. Alte Männer zitterten so, nicht breitschultrige Handwerker von dreiunddreißig. Schluss damit, schalt sie sich, wandte den Kopf wieder nach vorn und drückte den Rücken durch. Eine erholsame Nachtruhe und eine anständige Mahlzeit, und er ist wiederfrisch wie der junge Frühling! Sie rieb die Fingerspitzen aneinander, fühlte die tröstliche Taubheit von Narbe und Schwiele. Würdige Hände. Sie beide hatten würdige Hände. Hände, mit deren Hilfe man jede schwierige Situation meistern konnte. Aus Gewohnheit schielte Wynter zu der Werkzeugrolle auf dem Rücken ihres Pferdes und von da zu dem ähnlichen Bündel hinter dem Sattel des Vaters. Alles an Ort und Stelle.

Unmerklich trat sie wieder von einem schmerzenden Fuß auf den anderen und wünschte sich zum ersten Mal in ihrem Leben, statt der engen Reithose und der kurzen Jacke Frauenkleider zu tragen. Man konnte Füße und Beine so viel einfacher bewegen, wenn sie unter einem Rock verborgen waren. Wieder stieß sie einen Seufzer aus ob ihrer törichten Begeisterung, die sie übereilt vom Pferd hatte springen lassen. Unmittelbar bei ihrer Ankunft hatte sie einen Satz von Ozkars Rücken hinunter gemacht, in Erwartung weit geöffneter Tore und einer stürmischen Begrüßung. Welch kindische Eitelkeit! Nun stand sie hier, und Stolz und Zeremoniell hinderten sie daran, wieder aufzusteigen - sie musste warten wie ein niederer Page, bis der Soldat mit ihrer Erlaubnis zum Passieren zurückkehrte.

In diesem Moment sah Wynter, wie eine orangefarbene Katze anmutig am Sockel der Mauer entlangschlich. Als das Tier den Schatten verließ, leuchtete es auf wie ein glühendes Stückchen Kohle. Beim Anblick der Katze vergaß Wynter die höfische Zurückhaltung und gestattete sich ein Lächeln und ein Nicken. Mit einer Drehung des Kopfes verfolgte sie ihren Weg. Das Tier blieb stehen, eine Pfote an die weiße Brust erhoben, und musterte Wynter mit gekränkter Neugier. Schon durch ihre bloße Haltung sagte die Katze: Soll ich meinen Augen trauen? Hast du gewagt, mich anzusehen?

Wynters Lächeln wandelte sich zu einem Grinsen angesichts der so vertrauten katzenhaften Geringschätzung, und sie fragte sich, wie viele Generationen von Katzenbrüdern und Katzenschwestern wohl in den fünf Jahren ihrer Abwesenheit geboren worden waren. Vor Antritt ihrer Lehrzeit hatte Wynter das Amt der Königlichen Katzenhüterin bekleidet und all ihre Schützlinge beim Namen gekannt. Wessen Ururenk^elk^ätz^chen mag das sein?, überlegte sie.

Sie neigte den Kopf und murmelte: "Ich grüße dich an diesem schönen Tag, Mäuse-Verderben", in Erwartung der üblichen Entgegnung: "Umso schöner nun für dich, da du mich gesehen hast." Doch stattdessen riss das Tier die grünen Augen vor Schreck und Verwirrung auf, huschte unvermittelt davon, stob über die Brücke und verschwand unten auf dem losen Kies des jenseitigen Ufers - eine Flamme im Sonnenlicht.

Ratlos blickte Wynter ihr nach. Kaum zu glauben: eine Katze mit solch abscheulichen Manieren und derart leicht zu erschütterndem Gemüt! Irgendetwas stimmte hier nicht.

Das Klappern der Pforte lenkte Wynters Blick wieder nach vorn. Die Schatten unter dem Fallgitter wurden von einer scharfen Klinge aus Sonnenlicht durchschnitten, als sich die Pforte öffnete und der Sergeant des Wachpostens den Kopf herausstreckte. Er betrachtete sie beide ohne jede Achtung, als wäre er überrascht, sie noch immer hier vorzufinden. Gewandt setzte Wynter wieder ihre höfische Miene auf.

Ohne ein weiteres Wort zog der Sergeant den Kopf wieder zurück und ließ das Schloss der Pforte geräuschvoll einschnappen. Dann, wenige Sekunden später, begannen sich die schweren Ketten des Tors mit einem knirschenden Quietschen von Metall auf Stein zu rühren - irgendwo im Inneren der Mauern kurbelte der Torhüter an dem großen Rad, das die Ketten auf ihre Spulen wickelte.

Ja!, dachte Wynter. Man hat uns Einlass gewährt!

Langsam, langsam wurden die Schatten unter der Brücke von Sonnenlicht aufgefressen, als das schwere Pferdetor aufschwang und den Blick auf die inneren Gärten und den Palast des Königs freigab.

Mit flatternder Robe eilte Heron, der Kämmerer, über den breiten Kiespfad auf sie zu. Er musste geradewegs aus seiner Amtsstube kommen, da er so formell gekleidet war, und tatsächlich entdeckte Wynter Tintenflecke auf seinen Fingern. Sein faltiges altes Gesicht war von Freude erfüllt, wie ein großer, liebenswürdiger Vogel näherte er sich, als wollte er sich auf ihren Vater mitsamt Pferd herabsenken und ihn in eine Umarmung schließen, die beide den Blicken entzog. "Lorcan!", rief er im Laufen, "Lorcan!", und seine Ungezwungenheit löste eintausend bange Knoten in Wynters Kopf. Manche Dinge wenigstens waren noch in Ordnung.

Ihr Vater beugte sich aus der Höhe des Sattels herab und lächelte seinen alten Freund müde an. Sie gaben einander die Hand, die schaufelförmige Pranke ihres Vaters fest umschlungen von den langen, geschmeidigen Fingern Herons. Ihre lächelnden Augen verweilten lange auf dem Gesicht des anderen.

"Freund Heron", sagte Lorcan, die warme, kratzende Stimme eine Art Umarmung; das Gefühl darin ging weit über die Worte hinaus.

Herons Augen verengten sich, und er senkte das Kinn ein wenig, während sich sein Druck um Lorcans Hand verstärkte. "Ich fürchte, man ließ Euch warten." Beinahe unmerklich warf er einen Blick auf die Wachen.

Etwas in seiner Miene veranlasste Wynter, ebenfalls zu den Soldaten hinüberzuschielen, und was sie sah, ließ ihr Herz einen merkwürdigen Satz vollführen. Die Männer starrten Heron und ihren Vater unverhohlen an. Ja, sie lümmelten sich regelrecht auf ihrem Posten, trotz der Anwesenheit des Kämmerers. Wynter schluckte einen Kloß aus Unsicherheit herunter und wandte sich wieder ihrem Vater und Heron zu, die einen vielsagenden Blick wechselten.

Dann, ganz plötzlich, richtete sich ihr Vater im Sattel auf, so dass seine volle Größe und die wahre Breite seiner mächtigen Schultern zur Geltung kamen. Wynter sah seine Gesichtszüge völlig reglos werden: Die Lider fielen herab, um das leuchtende Katzengrün seiner Augen zu verhüllen, die geschwungenen Lippen wurden schmal und zogen sich auf einer Seite nach oben.

Es war jener Ausdruck, den Wynter im Stillen Die Maske nannte oder manchmal auch den Mantel. Trotz seiner ehrfurchtgebietenden Wirkung schmerzte es sie, ihn an diesem Ort zu erleben, und sie dachte erschöpft: Ach, Vater, selbst hier?

Selbst hier müssen wir das schreckliche Spiel spielen? Andererseits konnte sie das vertraute Gefühl von Stolz nicht unterdrücken, das bei seiner Verwandlung stets in ihr aufstieg, und in ihrem Lächeln lag ein Hauch von grausamem Vergnügen, als sie beobachtete, wie er sich im Sattel umwandte und das ganze Gewicht seines nun gebieterischen Blicks auf die unmanierlichen Soldaten herabsenkte.

Einen Augenblick lang schwieg Lorcan, und so lange begegneten die Wachen seinem Blick als Ebenbürtige, da sie die Veränderung vom einfachen Handwerker zu etwas Gefährlicherem noch nicht bemerkt hatten. Hoheitsvoll saß er im Sattel, drehte lediglich den Kopf, um jeden der Männer zu mustern, bedächtig ihre Gesichter zu erkunden, eins nach dem anderen, als fügte er sie in einem dunklen Winkel seines Kopfes einer Liste hinzu.

Sein langer, geflochtener Zopf, Merkmal seiner Zunft, fiel ihm wie ein schweres Pendel auf den Rücken, über siebzehn Jahre gewachsen, nicht mehr geschnitten seit dem Tag, an dem er zum Meister seines Handwerks erklärt wurde. Erst in jüngster Zeit wurde das tiefe Rot von grauen Fäden durchzogen, was ihm die Aura eines Anklägers, Richters, Schöffen und Vollstreckers verlieh. Nun sah Wynter, wie sich ein Anflug von Zweifel in die Mienen der Soldaten schlich, sah Eisen ihre Wirbelsäulen emporkriechen. Noch immer sagte Lorcan kein Wort, und unter Wynters Augen nahmen die Wachen nach und nach die Gestalt einer militärischen Einheit an. Einfach so. Im einen Moment noch ein ungeordneter Haufen Flegel - im nächsten eine Soldatenformation in respektvoller Habachtstellung.

"Bring mir einen Schemel", sagte ihr Vater schließlich zu einem von ihnen. Es war unmissverständlich, dass dies ein Befehl war. Und dieser eine Mann, der Sergeant der Wache persönlich, lief unverzüglich über die Wiese und verschwand schnellen Schrittes um die Ecke in die Stallungen.

Mein Gott, dachte Wynter, noch weiß er nicht einmal, wer mein Vater ist, und schon saust er los. Ein Tischler - womöglich der Sohn eines Tieflandschäfers, der Bastard eines Fischers oder ein sonst wie gearteter Niemand - hat ihm gerade aufgetragen, einen Schemel zu holen, und nun seht ihn euch an! Fort ist er! Ehrfürchtig sah sie ihren Vater an. Und das alles durch die bloße Macht seines Blicks!

Im Nu kehrte der Sergeant zurück, den Schemel vor sich hertragend wie einen innig geliebten Säugling. Sorgfältig platzierte er ihn unter Lorcans Pferd und trat ehrerbietig zurück, als dieser aus den Steigbügeln schlüpfte. Falls ihm das Absteigen Schmerzen bereitete, dann verbarg er es geschickt, selbst vor Wynter, die gewohnt war, darauf zu achten.

"Bring unsere Pferde in die Hauptstallungen und übergib sie der Obhut des Oberstallknechts. Sag ihm, sie seien Eigentum des Hohen Protektors Lorcan Moorehawke und seines Lehrlings. Sag ihm, ich werde mich später persönlich von ihrem Wohlbefinden überzeugen." Selbst wenn die leise gekrächzten Befehle den Stolz des Sergeants verletzten, ließ sich der Mann doch nichts anmerken, ja es ehrte ihn, dass er bei der Nennung des mächtigen Titels dieses einfachen Tischlers nicht einmal mit der Wimper zuckte. Er salutierte lediglich stramm und nahm Lorcan ohne weitere Feindseligkeit die Zügel ab.

Wynter begegnete dem Blick ihres Vaters. Er würde jetzt mit Heron gehen, sprach es aus seinen Augen. Offenkundig gab es einiges zu klären. "Bleib bei ihnen", sagte er und deutete mit sanftem Kopfnicken auf die Pferde. "Gib gut acht auf das Werkzeug. Iss etwas und ruh dich aus." Er legte ihr die Hand auf die Schulter - doch nur kurz.

Wie gern hätte sie ihn gebeten, sich hinzulegen, auszuruhen, sich zu stärken. Aber sie hatten jetzt die Masken aufgesetzt, sie beide. Und statt töchterliche Besorgnis an den Tag zu legen, senkte sie respektvoll den Kopf, wie es ein Lehrling vor dem Meister eben tat, und sah ihm nach, als ihn Heron über den breiten Kiesweg mit sich fortnahm - in die königlichen Gemächer, hinein in die Geheimnisse des Reichs.

ShcaringJ Geist s war so still. Mittagszeit im Hochsommer, alle ruhten sich aus oder suchten Kühlung im Fluss am Rande der Ländereien. Wynter wusste, dass die Gärten erst am Abend wieder zum Leben erwachen würden, wenn die Temperaturen erträglich geworden waren. Im Augenblick hatte sie das ganze Schloss für sich allein - ein seltenes Glück.

Sie ließ die Pferde in ihrem angenehm dämmrigen Stall zurück und durchmaß die flirrende Hitze des von roten Backsteingebäuden umgebenen Innenhofs. Ihre Schritte wurden von den Mauern der Stallungen zurückgeworfen. Zarte Schwalben durchschnitten flatternd die Sonnenstrahlen, warfen kurze Schatten in der Luft. Das Schnauben zufriedener Pferde und der süße, träumerische Geruch von Dung taten ihr wohl.

Zu Hause, endlich zu Hause! Alles schien ihr zuzurufen: Du bist zu Hause!

Am gelben Taubenschlag wandte sie sich nach links, kürzte durch die schattigen Bäume ab und kreuzte den Eibenpfad auf dem Weg in den Küchengarten. Die Luft war hier kühler und roch nach Harz. Mit breitem Lächeln spazierte sie über die verschlafenen, von der Sonne beschienenen Wege und Säulengänge, nahm die altvertrauten Ecken und Winkel in sich auf, ließ sich ausgiebig Zeit.

All die Jahre im grauen, feuchten Norden hatte sie im Stillen Heimweh gelitten, und zur Linderung dieses unausgesprochenen Sehnens hatte sie jeden Abend in ihrem Herzen ebendiesen Spaziergang aufleben lassen, hatte Nacht für Nacht in süßen Träumen genau diese Strecke von den Stallungen zur Küche abgeschritten. Und nun war sie wirklich und wahrhaftig hier, folgte auf inzwischen älteren Füßen dem fröhlichen Pfad ihrer Kindheit. Wie gern hätte sie Razi und Alberon bei sich gehabt oder vielleicht die Katzen, die ihr wie früher, warmem Rauch gleich, um die Knöchel streichen und Gesellschaft leisten würden.

Als sie in den hellen Kalksteinhof bog, sah sie sich zu ihrer Überraschung zwei Mädchen am Brunnen gegenüber. Unbekannte Gesichter - oder womöglich waren sie einfach nur erwachsen geworden. Das unbefangene Plätschern ihrer Stimmen stockte bei Wynters Anblick, und die beiden drehten sich zu ihr um. Ohne sich etwas anmerken zu lassen, schob Wynter die Werkzeugrolle höher auf die Schulter und ging mit unveränderter Geschwindigkeit weiter.

Der Weg würde sie bis auf sechs oder sieben Fuß an die Mädchen heranführen, bevor er sich mit der nächsten Biegung wieder entfernte. Keine von beiden ließ Wynter aus den Augen. Sie waren ungefähr in ihrem Alter oder ein, zwei Jahre jünger, dreizehn vielleicht, rosig und drall, mit rundlichen Armen, die Gesichter durch die breiten Krempen ihrer Strohhüte abgeschirmt. Das größere Mädchen war eine Brunnenmagd und hier, um Wasser zu holen. Ihre Kübel standen leer auf dem Brunnenrand, das Tragjoch balancierte sie auf einer Schulter. Das andere Mädchen war jünger, als Wynter anfänglich angenommen hatte, etwa zehn Jahre alt. Sie war eine Gänsehirtin, und während sie Wynter von Kopf bis Fuß musterte, klopfte sie sich versonnen mit einer Rute auf den gestreiften Rock.

Nicht Wynters Männerkleidung fesselte die Mädchen so. Frauen reisten häufig in Hosen und kurzen Jacken, und es war offensichtlich, dass sie bis vor kurzem noch unterwegs gewesen war, der durchdringende Geruch nach Pferdeschweiß und Lagerfeuer verriet es. Auch lag es nicht so sehr daran, dass Wynter eine Fremde war; im Palast gingen stets Besucher ein und aus. Nein, es war das Lehrlingsgewand, das ihre Neugier weckte.

Wynter sah, wie die Augen der Mädchen über sie glitten, von den straff zum Zopf gebundenen Haaren bis zu dem roten Hemd mit dem aufgestickten Tischlerwappen. Beides verriet ihnen, dass Wynter bereits seit vier Jahren in der Lehre war. Dann sank ihr Blick auf die Stiefel und blieb erstaunt bei den grünen Schnürsenkeln hängen - nur die begabtesten Lehrlinge erhielten die Erlaubnis für Grün. Nun suchten die Mägde nach dem Anhänger, der die Zulassung der Zunft bezeugte, und fanden ihn um Wynters Hals. Sie hatte sich also das Recht verdient, für Lohn zu arbeiten, statt nur gegen Kost und Logis, wie es Lehrlingen gemeinhin zustand.

Als die Mädchen die Köpfe wieder hoben, entdeckte Wynter in ihren Mienen Argwohn und Mutmaßungen. Hier haben wir also etwas Neues, sagte ihr Blick. Eine Frau, die sich in einem Männerhandwerk bewährt. Wynter konnte beinahe hören, wie die Zahnrädchen in ihren Köpfen knirschten, während sie überlegten, was davon zu halten war.

Da lächelte die Ältere der beiden plötzlich - ein aufrichtiges Lächeln, bei dem sich Grübchen bildeten - und senkte den Kopf zu einem achtungsvollen Gruß. Wynters Herz flatterte wie ein in die Freiheit entlassener Vogel. Anerkennung! Sie gestattete sich einen etwas sanfteren Gesichtsausdruck und schenkte den Mädchen im Vorbeigehen ebenfalls ein flüchtiges Lächeln und ein kurzes Nicken.

Sobald sie ihnen den Rücken zugewandt hatte, stieß Wyn- ter ein leises Juchzen aus, und schon bald plauderten die Mägde lebhaft weiter.

Erneut in den rettenden Schatten, nun auf der Kastanienallee. Erwartungsvoll sah sich Wynter um, und ihr Grinsen vertiefte sich, als sie ihn endlich erspähte: Shearings Geist.

Das schlaksige Gespenst schimmerte im Zwielicht vor ihr. Sie hätte es nicht für möglich gehalten, doch es erschien ihr noch zerlumpter als in ihrer Erinnerung. Die zerschlissene Kavallerieuniform war an Schultern und Knien zerfetzt und insgesamt so abgetragen, dass sie geradezu eine Beleidigung seiner ruhmreichen Soldatenlaufbahn darstellte. Den Kopf nachdenklich gesenkt, durchstreifte der Geist die Bäume. Wynter beschleunigte, um ihn einzuholen. Er folgte dem Weg, wie er es immer tat, schlängelte sich die Allee hinunter, flackerte im Dämmerlicht auf, verschwand immer wieder, wenn er ins durch das Geäst fallende Sonnenlicht tauchte.

"Rory", rief sie leise. "Rory. Ich bin es. Ich bin wieder zu Hause!"

Shearings Geist schrak zusammen und wirbelte auf dem Absatz herum, seine durchsichtige Gestalt funkelte wie Hitzeflimmern. Er entdeckte Wynter, verknüpfte das ältere Gesicht mit der vertrauten Stimme und erkannte in ihr seine junge Freundin und Spielgefährtin. Ein entzücktes Lächeln stahl sich auf seine bleichen Lippen, schon hob er halb die Hand, während sie unter dem Laubdach auf ihn zuging. Da verdüsterten sich seine Gesichtszüge unvermittelt, und Besorgnis verdrängte die Freude. Wynters Grinsen schwand, als Shearings Geist rückwärts schwebte, eine Hand abwehrend vorgestreckt. Furchtsam blickte er sich um, ob auch niemand sie beobachtete.

Wynter blieb stehen. Ihr war plötzlich kalt. Shearing hatte Angst - Angst, mit ihr gesehen zu werden! Noch nie hatte sie erlebt, dass sich ein Gespenst so benahm. Im Allgemeinen kümmerten sie sich nicht darum, was die Lebenden über sie dachten, und gerade Shearing hatte mit Palastpolitik nichts zu schaffen. Entweder war man sein Freund oder nicht - damit hatte es sich. Zumindest war es so gewesen, bevor sie fortgegangen war.

Reglos wie eine Statue stand sie da, während sich Shearing vergewisserte, dass niemand anderes in der Nähe war. Dann erst wandte er sich ihr zu - das vornehme Gesicht ein Ausbund des Bedauerns - und hielt sich einen Finger an die Lippen. Schschsch, sagte diese Geste, wir sind hier nicht sicher. Und dann entschwand er, die mitfühlende Miene nur noch ein Echo in der dunstigen Luft.

Wie lange sie dort mit wild pochendem Herzen gestanden hatte, wusste Wynter nicht zu sagen, doch es musste eine ganze Weile gewesen sein, denn die Brunnenmagd holte sie auf dem Weg zurück in den Palast ein. Wynter hörte ein Räuspern hinter sich, erschrak und drehte sich um.

Sie trat zur Seite und ließ das Mädchen vorbei. Als sie auf gleicher Höhe waren - und Wassertröpfchen aus den schaukelnden Eimern auf die Spitzen von Wynters staubigen Stiefeln spritzten -, musterte die Magd Wynter, offenkundig verwirrt durch den plötzlichen Wandel in ihrem Auftreten. Wo war die kühle Selbstbeherrschung geblieben? Und was hatte die innere Ruhe der Fremden so erschüttert? Wynter wusste, sie würde heute Abend für ausgiebigen Klatsch und Tratsch im Gesindetrakt sorgen.

Sie zwang sich, eine unbewegte Miene aufzusetzen und ihren Atem zu beruhigen. Gefasst nickte sie dem Mädchen zu und wartete, bis sie außer Sichtweite war, dann erst spiegelte sich die Bestürzung in ihrem Gesicht.

Shearings Geist hatte sie wirklich aus der Fassung gebracht! Es war, als hätte sich die Welt plötzlich zur Seite geneigt, und Wynter rutschte geradewegs auf die Kante zu. Was war hier nur geschehen, dass Katzen eine höfliche Begrüßung nicht erwiderten und sich Gespenster fürchteten, mit einer alten Freundin zu plaudern?

In ihren fünfzehn Lebensjahren hatte sich Wynter schon damit abgefunden, dass die meisten Menschen unberechenbar und kaum vertrauenswürdig waren, treu nur, solange der Wind günstig stand. Aber Geister? Geister und Katzen hatten immer ihren eigenen Kopf gehabt. Und wenn man auch nie damit rechnen durfte, dass eine Katze anderen Zwecken als ihren eigenen diente, so wusste man bei ihnen stets, woran man war. Die orangefarbene Katze auf der Brücke jedoch war über Wynters Gruß verängstigt und bestürzt gewesen, genau wie eben Shearings Geist. Und das brachte alles durcheinander - alles, worauf sich Wynter ihr ganzes Leben lang verlassen hatte, verlor jäh seine Grundlage und ließ sie unsicher und verwirrt zurück.

Sie blickte sich um. Niemand zu sehen; im Augenblick drohte keine Gefahr. Dann holte sie tief Luft und schloss kurz die Augen. Das Gewicht der Werkzeugrolle ihres Vaters gab ihr Sicherheit, die Dorne und Deichseln, Hobel und Meißel - erworben und gepflegt im Laufe seiner zweiundzwanzig Jahre als Lehrling, Geselle und Meister seines Handwerks. Und daneben ihr eigenes Werkzeug, weniger zahlreich noch, da sie erst das fünfte Jahr sammelte. Sie verlagerte das Gewicht, fand ihren Schwerpunkt, spürte die Festigkeit des Bodens unter den Stiefeln. Gute Stiefel, feste Reitstiefel, für die Ewigkeit gemacht. Sie spürte eine Regung der trägen Luft auf ihrem Gesicht, lauschte dem schläfrigen Tschilpen der Spatzen, die in den Kastanien auf die Abendkühle warteten, und dem steten Rauschen der Blätter.

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Bewertung von Manuela2205 am 21.07.2009 ***** sehr gut
Schattenpfade spielt in einem fiktiven, mittelalterlichen Europa, aufgeteilt in kleine Königreiche. Speziell im Königreich der Südländer, angesiedelt zwischen Lyon und Marseille.
Hierher kehren nach etlichen Jahren im kalten Norden Wynter Moorehawke und ihr Vater Lorcan zurück.
Doch nichts ist mehr wie es war, die Katzen schweigen, niemand beachtet mehr die Geister und plötzlich sind Religion und Hautfarbe wichtig geworden. Aufgewachsen ist Wynter mit ihren Spielgefährten Alberon und Razi, dem ehelichen bzw. unehelichem Sohn von König Jonathon.
Doch Alberon ist verschwunden, soll sogar für "mortuus in vita" erklärt werden, seine Platz als Thronfolger soll entgegen aller Widerstände Razi einnehmen. Der König scheint wie ausgetauscht, Willkür, der Galgen und sogar Folterungen sind plötzlich an der Tagesordnung. Nur - warum?

Dieses Warum verfolgt einen das ganze Buch hindurch. Immer neue Rätsel türmen sich auf und nur wenige werden aufgelöst. Was wissen die Katzen, das es rechtfertigt, sie alle zu vergiften? Warum ist es bei Todesstrafe verboten, mit Geistern zu reden? Ja, man darf sie nicht einmal mehr wahrnehmen und wenn sie einem den Kuchen vom Teller klauen.
Celine Kiernan zeichnet meisterhaft eine bedrückende Atmosphäre. Jeder an Jonathons Hof trägt eine Maske vor sich her - und sei es aus dem Grund nicht angreifbar zu sein. Informationen kann man nicht offensichtlich einholen, denn man könnte an den Falschen geraten, auch wenn er vor etlichen Jahren noch ein Freund war.
Erzählt wird aus der Sicht von Wynter. Für ihre 15 Jahre ist sie bereits sehr erwachsen und steht am Ende ihrer Lehrzeit als Tischler. Den ganzen Hofintrigen und Machtspielchen steht sie ziemlich allein gegenüber, denn ihr Vater ist sterbenskrank. Unterstützung erfährt sie von Razis Freund Christopher - soweit das einem Fremden möglich ist, der zudem wie ein Verbrecher verstümmelt ist. Razi ist mit seinen eigenen Problemen beschäftigt - eigentlich Arzt will er nichts weniger als Thronfolger sein, der Platz der seinem Bruder Alberon zusteht. Damit seine Freunde nicht als Druckmittel gegen benutzt werden können, sieht er sich gezwungen, sich von ihnen zurück zu ziehen. Bleibt König Jonathon. Manchmal hat er durchaus menschliche Züge, nur um im nächsten Augenblick wieder den Tyrannen raushängen zu lassen.
Meine Befürchtungen, das Buch könne zu kindlich sein, haben sich nicht bewahrheitet. Wynter ist wie bereits gesagt für ihr Alter sehr erwachsen, was vor dem mittelalterlichen Hintergrund aber nicht groß verwundert. Die Folterszenen sind - wenn auch nur angedeutet - durchaus saftig: Herausgerissene Augäpfel, die noch am Sehnerv hängen - lecker! Stellt sich die Frage, ob die arme Sau noch was gesehen hat damit...
Sprachlich ist das Buch ausgereift (hier auch ein Lob an die Übersetzung), ich habe förmlich die lauernden Blicke und den tyrannischen König im Nacken sitzen gespürt.
Ein Kritikpunkt sind die überreichlich vorhandenen Geheimnisse. Selbst Wynters Pläne durchschaut man erst, wenn sie sie ausführt, obwohl man quasi hinter ihr steht und ihr über die Schulter guckt.
Übrigens finde ich den englischen Titel "The poison throne" wesentlich passender - Jonathon wirkt, als hätte man ihm etwas eingeworfen. Aber vermutlich sollen die deutschen Titel eindeutig als Reihe erkennbar sein, die Nachfolgebände schimpfen sich Geisterpfade und Königspfade.

Ich vergebe gute vier Sterne und eine Kaufempfehlung für alle, die nicht nur High-Fantasy in die Finger nehmen.

Diese Bewertung bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundenes Buch

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