Der verbotene Schlüssel - Isau, Ralf
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Ralf Isau 

Der verbotene Schlüssel

Gebundenes Buch
 
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Der verbotene Schlüssel

"Manche Dinge bleiben besser für immer unentdeckt." Nur kurz denkt die 14-jährige Sophia an diesen Rat, als sie das Erbe ihres geheimnisvollen Großvaters annimmt: Der alte Mann, den sie nie selbst gekannt hat, vermacht ihr eine komplexe kleine Maschine, die wie ein Uhrwerk voller Zahnrädchen und Halbkugeln aussieht. Und dazu einen Schlüssel - vor dem ein Brief des Großvaters eindringlich warnt. Der verbotene Schlüssel - Sophia kann ihm nicht widerstehen: Sie zieht das Uhrwerk auf und findet sich in einem bizarren, gefährlichen Reich wieder. Mekanis, das perfekte, gefühllose Land, erwacht durch sie zu neuem Leben. Und Sophia ist keineswegs allein: Theo, ein ebenso rätselhafter wie anziehender Junge, ist seit Jahrhunderten in dieser Welt gefangen. Und der dunkle Herrscher des fremden Reichs lauert mindestens ebenso lange auf die unheilvolle Chance, die Sophia ihm jetzt eröffnet.

- Ein Schlüssel - eine fantastische Welt - und zwei Jugendliche im Kampf gegen ein uraltes Unheil

- Ein Buch über die Macht der Fantasie und die Kraft der menschlichen Seele

"Genau das Richtige für Jugendliche!" -- Kölner Stadt-Anzeiger

"Ein verboten gutes Lesevergnügen, bei dem man die Zeit und alles um sich herum vergisst." -- Die Rheinpfalz

"Rundum gelungener, origineller und ungemein spannender Fantasyroman." -- Frankfurter Stadtkurier


Produktinformation

  • Verlag: Cbj
  • 2010
  • Ausstattung/Bilder: 2010. 505 S.
  • Seitenzahl: 505
  • Altersempfehlung: ab 12 Jahren
  • Deutsch
  • Abmessung: 234mm x 163mm x 44mm
  • Gewicht: 833g
  • ISBN-13: 9783570138342
  • ISBN-10: 3570138348
  • Best.Nr.: 31337776
"Rundum gelungener, origineller und ungemein spannender Fantasyroman."

"Rundum gelungener, origineller und ungemein spannender Fantasyroman."
Ralf Isau, geboren 1956 in Berlin, arbeitete lange als Informatiker. In seinen Büchern entwirft der mehrfach preisgekrönte Autor detailreiche Welten und gilt als großer Erzähler phantastischer Literatur. Seine Romane werden in 14 Sprachen übersetzt.

Leseprobe zu "Der verbotene Schlüssel" von Ralf Isau

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Leseprobe zu "Der verbotene Schlüssel" von Ralf Isau

Für mehr als ein zaghaftes Klopfen brachte Sophia nicht den Mut auf. Ihre schmale Hand legte sich auf die kühle, verschnörkelte Klinke aus Messing. Während sie auf ein Lebenszeichen aus dem Büro wartete, musterte sie lustlos ihr Spiegelbild in den milchigen Glasfüllungen der hohen rotbraunen Holztür. Es ließ nur erahnen, wer davor mit klopfendem Herzen stand: ein schlankes, vierzehnjähriges Mädchen mit leicht schräg stehenden, traurigen, hellblauen Augen, ausgeprägten Wangenknochen, Sommersprossen um die Nase und honiggelben schulterlangen Haaren. Hatte sie schon wieder abgenommen? Anscheinend ging ihr die neuerliche Hiobsbotschaft mehr an die Nieren, als sie sich eingestehen wollte.

Hinter der Tür blieb es still. Unschlüssig drehte sich Sophia zu der Sekretärin um, eine Frau Ende vierzig mit fest eingebautem Lächeln, kastanienrot kolorierter Turmfrisur, knallig geschminkten Lippen und einer weißen, viel zu engen, vermutlich bretthart gestärkten Baumwollbluse. Unter der hohen, stuckverzierten Decke der zweckentfremdeten Berliner Altbauwohnung wirkte die dralle Notariatsgehilfin etwas verloren. Wenigstens lächelte sie und bedeutete der jungen Klientin, es noch einmal zu versuchen. Sophia hätte zu gerne gewusst, warum die Vorzimmerdame nicht einfach ihren Chef anrief und ihm die Besucherin meldete. Wahrscheinlich lag es daran, dass Erwachsene oft unter Ausschaltung ihres Verstandes nur nach Schema F handelten. Das Mädchen wollte keine Spielverderberin sein und klopfte abermals.

Von drinnen ertönte endlich ein festes, nicht unfreundliches "Herein!"

Die Klinke quietschte vernehmlich, als sie heruntergedrückt wurde, und derweil die Tür aufschwang, quietschte diese noch mehr. Sophia wäre lieber davongelaufen, doch sie trat ein. Das Gewicht ihres Rucksacks schien sich bei jedem Schritt zu verdoppeln. Er enthielt neben dem Gepäck für den Kurztrip nach Berlin auch ihren Laptop - sie hatte während der Zugfahrt am Buch für ein Theaterstück gearbeitet.

Über knarzende Dielen schlich sie in das große Büro von Doktor Anton Sibelius. Schüchternheit gehörte normalerweise nicht zu ihrem Wesen. Als Zweitbeste ihres Jahrgangs im Internat brauchte sie sich vor niemandem zu verstecken. Nein, die für sie untypische Zurückhaltung wurzelte eher in einem tief sitzenden Argwohn. In den vergangenen zwei Jahren hatte sie viel durchgemacht. Sie traute dem Leben nicht mehr. Und die Umstände, denen sie ihr Hiersein verdankte, bestärkten sie in dieser Haltung.

"Du bist Sophia, nicht wahr?", rief Sibelius von der anderen Seite des überdimensionierten Arbeitszimmers. Es war mit ein paar Perserteppichen ausgelegt und roch nach Wachs, Mottenkugeln und altem Papier. Zur Rechten wetteiferten Aktenordner mit diversen ledergebundenen Nachschlagewerken um den Platz in einem deckenhohen Regal. Links gegenüber reihten sich vier sonnendurchflutete Fenster aneinander.

"Sophia Kollin", erwiderte das Mädchen nickend. "Wollen Sie, dass ich mich ausweise?"

"Darum kümmern wir uns später. An dem Kleiderständer da kannst du erst mal deine Jacke aufhängen. Den Tornister stellst du am besten daneben. Dann komm bitte her, damit ich nicht so schreien muss."

Sie entledigte sich des Rucksacks, hängte ihre schwarze Steppjacke an einen freien Haken und zog kurz den Saum ihres dünnen schwarzen Alpakapullovers gerade. Hätte sie für diesen offiziellen Anlass anstelle ihrer Lieblingsjeans doch lieber einen Rock anziehen sollen?

"Nun komm schon, Kind. Ich beiße nicht", rief Sibelius vom anderen Ende des Raums.

Sie leistete den Anweisungen des Notars Folge. Auf dem Weg zu dessen schweren Eichenholzschreibtisch musterte sie den vielleicht sechzig Jahre alten Mann. Er war eine Ehrfurcht einflößende Persönlichkeit. Obwohl er gut im Futter stand, spannte die Weste über seinem enormen Bauch erkennbar weniger als die Bluse der Sekretärin. Sein grauer Flanellanzug war vermutlich maßgeschneidert, das weiße Hemd makellos und die weinrote Krawatte, dem Klubabzeichen nach zu urteilen, das Erkennungszeichen irgendeines elitären Zirkels, in dem er zweifellos eine maßgebliche Rolle spielte. Aus dem steifen Hemdkragen quoll ein Doppelkinn hervor, das beiderseits des dicklippigen Mundes in zwei Hängebacken überging. Die krumme, breite Nase erinnerte Sophia an eine Delikatessgurke. Seine drohende Kahlheit kaschierte er durch einen weitgehend ungestutzten Resthaarbestand, der in kunstvollen Windungen auf der spiegelnden Kopfhaut ausgelegt war. Umso üppiger spross das grauschwarze Haar aus seinen Ohren, der Nase und über den braunen Augen, die der nahenden Besucherin geduldig entgegenblickten.

Als Sophia vor dem Schreibtisch eintraf, hievte Sibelius seinen schweren Körper aus dem monströsen Ledersessel und streckte ihr seine fleischige Rechte entgegen, die ein schwerer Siegelring schmückte. Sie schüttelte ihm die Hand.

"Herzlich willkommen in meinem bescheidenen Reich. Bitte setz dich."

Sie nickte und ließ sich in einen braunen Besuchersessel mit blanken Steppnägeln sinken. Als sie endlich das Polster unter dem Hintern spürte, reichten ihr die Armlehnen fast bis zu den Schultern. Sie kam sich vor wie in einem Schraubstock.

"Möchtest du etwas trinken? Kaffee? Tee?", fragte der Notar.

"Cola bitte."

"Haben wir nicht."

"Dann eine Limo."

"Haben wir auch nicht."

Ihr Magen knurrte, weil sie im Zug nichts gegessen hatte. "Kekse?"

"Ich könnte dir Selters anbieten. Das Gebäck bekommst du gratis dazu." Er lächelte schelmisch.

"Na gut." Sie lächelte zurück. Sibelius gab sich alle Mühe, nicht so bärbeißig herüberzukommen, wie er aussah. Sie wollte ihn nicht entmutigen.

Der Notar erteilte seiner Sekretärin per Telefon ein paar knappe Anweisungen, legte wieder auf und setzte sein Lächeln fort.

Sophia räusperte sich. Sie hatte sich schon lange nicht mehr so unwohl gefühlt.

Hinter ihr flog die Tür auf, und jemand trippelte über das Parkett, das trotz der Teppichinseln bei jedem Schritt vernehmlich knarzte. Die Sekretärin stellte vor Sophia ein Tablett auf den Schreibtisch.

"Mineralwasser und Gebäck", sagte sie wie eine Bedienung im Restaurant und trat nach einem kurzen Dank ihres Chefs den Rückzug ins Vorzimmer an.

Sibelius stützte die Ellenbogen auf den Tisch, verschränkte seine Finger wie zum Gebet und lächelte abermals. Geduldig beobachtete er, wie seine Klientin einen winzigen Schluck trank, sich einen Keks schnappte und hineinbiss.

"Wie ist das Wetter in der Schweiz, Sophia?"

"Es regnet."

Er warf an den gefalteten Händen vorbei einen Blick in die Akte, die aufgeschlagen vor ihm lag. "Du besuchst das Mädcheninternat des Lyceum Alpinum im schweizerischen Zuoz, nicht wahr?"

"Ja."

"Gefällt es dir dort?"

Sie zuckte mit den Achseln. "Weiß nicht." Warum kam der Mann nicht zur Sache?

"Der Grund deines Hierseins ist dir bekannt?"

Na endlich! "Das haben Sie mir doch geschrieben. Weil mein Großvater vor genau einer Woche gestorben ist. Es geht um sein Testament."

Er nickte mit betrübter Miene. Offenbar waren ihm nicht nur die Pflichten eines Testamentsvollstreckers vertraut, er besaß auch Routine im Heucheln von Mitgefühl. "Herzliches Beileid, Sophia."

"Danke."

"Mit den Gefühlen ist das so eine Sache. Die heutige Testamentseröffnung wird hoffentlich nicht zu früh für dich kommen. Mich würde es nicht minder "Ich kannte diesen Menschen überhaupt nicht", schnitt sie ihm das Wort ab. Sie hasste es, wenn sie so patzig war; ohne dieses Ventil konnte sie die innere Anspannung nicht ertragen. Was den Vater ihres Vaters anbelangte, so hatte sie zwar von ihm gehört, ihn aber nie kennengelernt - zwischen den beiden Männern herrschten unüberbrückbare Meinungsverschiedenheiten. Der "alte Sturkopf" - so hatte Sophias Vater ihr berichtet - sei eines Tages untergetaucht wie ein Bankräuber auf der Flucht. Gelegentlich hatte er der Familie ein Lebenszeichen nach Pforzheim geschickt. Immer unter einem anderen Namen.

Der Notar blickte erneut auf seinen Spickzettel. "Es tut mir leid, dass du im Verlauf von so kurzer Zeit schon zum zweiten Mal einen Trauerfall in der Familie hast. Laut meinen Aufzeichnungen bist du seit fast zwei Jahren Vollwaise?"

"Seit zweiundzwanzig Monaten und neunzehn Tagen", antwortete Sophia gereizt. Ihre Eltern waren unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen. Während einer Reise zu einer Schmuckmesse in München hatten sie angeblich so gut wie gleichzeitig einen Herzstillstand erlitten. Ihr Auto war einen Abhang hinuntergerast und an einer Mauer explodiert. Eigentlich hatte die ganze Familie in die bayerische Hauptstadt fahren wollen, aber Sophia war an dem Wochenende krank geworden und unter der Obhut befreundeter Nachbarn in Pforzheim geblieben. Wahrscheinlich hatte sie nur deshalb überlebt.

Abgesehen von ihr war anscheinend niemand misstrauisch geworden. Der Gerichtsmediziner hatte für den offenbar gar nicht so ungewöhnlichen Vorfall eine Virusinfektion verantwortlich gemacht. Sie habe bei Rasmus Kollin und seiner Ehefrau Alisa Kollin, geborene Jumsuren, den Herzmuskel geschädigt, hieß es im Obduktionsbericht. Vermutlich hätten sich die beiden gegenseitig infiziert. Sophia hatte sich nie mit dieser Erklärung abfinden können.

"Du kommst mir etwas angespannt vor", bemerkte Sibelius.

Sie ballte im Schoß die Fäuste, bis sie in den Handballen den Schmerz spürte, den die sauber gefeilten Fingernägel verursachten. "Ich mag nur keine Vollstrecker."

"Testamentsvollstrecker", stellte der Notar klar. Er blätterte geschäftig in seiner Akte herum und brummte: "Sei unbesorgt, du wirst diesen Raum nicht ärmer verlassen, als du ihn betreten hast. Wir bringen diese Formalie so zügig wie möglich hinter uns, sobald ich _ Ah! Hier haben wir ihn ja, den letzten Willen von Ole Kollin! Sagte ich schon, dass er der Vater deines Vaters war?"

Sophias Antwort bestand in einem verhaltenen Stöhnen.

"Nun ja, er war also dein Opa väterlicherseits", bekräftigte Sibelius. Sein Finger folgte einer Zeile im Kopf der vor ihm liegenden Urkunde. "Geboren am 14. September 1924 in Helsinki als Sohn des Uhrmachers und Goldschmieds Jesse Kollin und seiner Ehefrau Nelli Kollin, geborene Lauren. Hier in Berlin hat er unter dem Namen Otto Konrad gelebt. Ich habe für deinen Großvater im Laufe der Jahre verschiedene Dinge aufbewahrt und ihn geschätzt. Warum ein Finne allerdings mit falscher Identität in eine fremde Stadt zieht, das hat er mir nie gesagt. Er meinte nur, er sei kein flüchtiger Bankräuber oder sonstiger Krimineller."

Sophia spürte ein Kribbeln im Nacken. Seltsam, dass dieser ge- heimnistuerische Opa Ole fast dieselben Worte benutzt hatte wie ihr Vater. "Gibt es noch andere Verwandte außer mir?"

"Du meinst, andere Erben? Nein. Er hat alles dir vermacht."

So hatte Sophia ihre Frage eigentlich nicht gemeint. Sie zog die Stirn kraus. "Warum mir? Er kannte mich doch nicht einmal."

"Da bin ich mir nicht so sicher. Er zeigte mir mal ein Foto von dir als Baby. Ich glaube, er hat an deinem Leben aus der Entfernung Anteil genommen."

"Wieso?"

"Das müsstest du besser wissen als ich. Vielleicht lag es an den Differenzen, die er mit seinem Sohn, deinem Vater, hatte."

"Davon hat er Ihnen auch erzählt?"

"Nur andeutungsweise." Sibelius sah beirrt in seine Akte. "Wo war ich stehen geblieben?"

"Bei der Erbschaft."

"Richtig! Ich glaube, deshalb sitzen wir beide hier." Er brachte ein verunglücktes Lächeln zustande, drehte rasch seinen monströsen Sessel zur Seite und beugte sich weit vor. Dabei verschwand sein Kopf hinter der Schreibtischkante. Er begann zu ächzen wie ein Gewichtheber. Als er sich wieder aufrichtete, hielt er einen grauen Pappkarton in den Händen, der den Dimensionen nach ein Paar Skischuhe hätte enthalten können. Sibelius entfernte ein Siegelband, und während er den Deckel abnahm, sagte er: "Um es gleich vorwegzunehmen: Ole Kollin hat zuletzt in bescheidenen Verhältnissen gelebt. Sein Vermögen war so gut wie aufgezehrt, abgesehen von "Warum sagen Sie das?", entfuhr es Sophia. Sie fühlte sich plötzlich verletzt, so als habe der Notar sie eine Erbschleicherin genannt. Im nächsten Moment schämte sie sich für ihre Unbeherrschtheit. "Es wäre mir lieber, ich müsste nicht andauernd jemanden aus meiner Familie beerben", sagte sie zu ihrer Entschuldigung. Offenbar hatte der Brief des Testamentsvollstreckers ihre seelische Stabilisierung während der vergangenen zwei Jahre im Nu wieder zunichtegemacht. Seitdem glaubte sie, Gevatter Tod sei zu ihrem ständigen Begleiter geworden.

"Ist schon gut, Kind", beruhigte sie Sibelius. "Ich wollte nur keine allzu großen Erwartungen wecken. Mir ist durchaus bewusst, dass deine Eltern dich alles andere als mittellos hinterlassen haben. Welches Mädchen in deinem Alter besitzt schon eine florierende internationale Juwelierladenkette? Und die Marke R. K. ist in der Schmuckbranche nach wie vor ein Synonym für noble Eleganz. Die Initialen deines Vaters schmücken übrigens auch meine Armbanduhr." Zum Beweis entblößte er sein linkes Handgelenk.

Sophia würdigte das goldblitzende Kleinod mit einem kleinen Nicken. "Abgesehen von was?"

Er blinzelte irritiert. "Wie bitte?"

"Sie sagten eben, das Vermögen meines Opas sei so gut wie aufgezehrt gewesen, abgesehen von Sibelius reckte seinen möhrenhaften Zeigefinger in die Höhe und schmunzelte verschmitzt. "Abgesehen von drei Dingen. Wohl eher von ideellem Wert ist ein Brief oder vielmehr ein handgeschriebenes Buch, das du bitte unverzüglich lesen musst." Er holte Letzteres aus der Kiste. Es war schwarz mit einem weißen Sprenkelmuster, hatte wie ein Schulheft ein beschriftetes Namensschild und erinnerte Sophia an die Kladden, in denen Kaufleute früher ihre Einnahmen und Ausgaben aufgelistet hatten.

"Warum die Eile?", fragte sie.

"Das verrate ich dir gleich. In der Nachlassliste rangiert an Nummer zwei das hier." Er entnahm dem Karton etwas Kleines, Flaches und legte es vor Sophia auf den Tisch.

"Ein Schlüssel?", fragte sie verwundert.

"Der Schlüssel zu seiner Eigentumswohnung. Von heute ab zu deiner Wohnung. Ich bin allerdings als Treuhänder eingesetzt, bis du volljährig bist. Alles darin gehört dir. Eine Kopie der Liste sämtlicher Möbel und sonstigen Gegenstände liegt in der Kiste. Die Wohnung befindet sich in der Bergstraße 70. Du kannst sie dir gleich nachher ansehen. Ist gar nicht weit von hier. Sei aber bitte nicht enttäuscht. Sie ist ziemlich alt."

Sophia nickte. Andere an ihrer Stelle hätten vermutlich Freudensprünge gemacht. Ihr verursachte die "Formalie" Magendrücken. Es kam ihr vor wie Leichenfledderei. Andererseits - einen Blick konnte sie ja in die Wohnung werfen. Sie wollte ohnehin in der Stadt übernachten. Vielleicht erfuhr sie dort mehr über ihren geheimnisvollen Großvater.

"Und nun kommen wir zum Höhepunkt", sagte Sibelius feierlich. Er stemmte sich aus dem Sessel hoch, schob umständlich das Tablett mit dem Wasser und den Keksen zur Seite und griff erneut in die Kiste. Es ließ sich unschwer erkennen, dass er diesmal einen größeren Gegenstand zutage fördern würde. Und so war es auch.

Der Notar hob einen rubinroten, glänzenden Würfel aus dem Karton. Vorsichtig stellte er ihn vor Sophia auf den Tisch. Eine Schatulle, dachte sie sogleich. In einem Bildband ihres Vaters über Juwelierkunst hatte sie ähnliche, wenn auch kleinere Behältnisse gesehen: Pillen- und Schnupftabakdosen, Kassetten für Schmuck und sogar eine für ein Glasauge. Der Kasten hier barg offenbar etwas anderes, Größeres. Auf allen sechs Seiten zierten ihn Quadrate, die ungefähr bis auf Fingerbreite an die Außenkanten heranreichten und mit einem goldenen Rautenmuster ausgefüllt waren. Unter der rot glasierten Schicht jedes dieser Felder bemerkte Sophia ein Strahlenmuster, in dem das einfallende Licht sich fing und in unterschiedlichen Schattierungen reflektiert wurde.

Sibelius nickte ihr zu. "Mach ihn ruhig auf."

Sie beugte sich vor, klappte die obere, mit rotem Samt ausgeschlagene Hälfte des Würfels auf, und zum Vorschein kam . ' Sophia fuhr erschrocken zurück und starrte mit großen Augen auf das blaue Ei.

"Nein!" Ihre Stimme war nur ein Hauch.

Der Notar schmunzelte. Die Überraschung seiner Klientin bereitete ihm sichtliches Vergnügen. "Mehr hast du dazu nicht zu sagen?"

"Ist es das, wonach es aussieht?", fragte Sophia leise.

"Nimm es heraus und schau es dir genau an. Du bist die Expertin."

Mit den Fingerspitzen umfasste sie das Ei und hob es aus dem Kasten. Sie merkte, wie ihre Hände zitterten.

"Da müsste noch ein Ständer drin sein", erklärte Sibelius.

Sophia förderte auch den ans Tageslicht: einen Ring mit drei Füßen, die in kleinen Adlerklauen mündeten, alles offenbar aus ziseliertem Gold. Vorsichtig setzte sie das blaue Ei darauf ab und lehnte sich erschöpft zurück. Sie war überwältigt. "Das ist ein Faberge-Ei, nicht wahr?"

Er nickte zufrieden. "Das Zwielicht-Ei. Einmal hat dein Großvater es auch Nacht-Ei genannt. Ich habe mich ein wenig für dich umgehört. In der New Yorker Forbes Collection befinden sich ähnliche Stücke. Ihr Wert beläuft sich auf zehn Millionen Dollar und mehr."

"Zehn _?" Sophia verschlug es die Sprache. Das war selbst für sie eine Menge Geld. "Ist es echt?"

Sibelius entnahm seinem Aktendeckel einen Zettel. "Hier ist das Zertifikat, das mir dein Großvater bei der Hinterlegung überlassen hat, eine Art Steckbrief des Eies. Warte, da sind einmal die Materialien aufgelistet - Lapislazuli, Gold, Diamanten, Mondsteine und sternförmige Goldpaillons - dann die Ausführung . ^ Jetzt hab ich's! Da steht: >Es handelt sich um das erste Osterei, das der Goldschmied Carl Peter Faberge für den russischen Zaren anfertigen ließ. Die Arbeit wurde von seinem leitenden Juweliermeister ausgeführt.<" Sibelius blickte über den Rand des Blattes hinweg. "Du weißt sicher, von wem ich spreche."

Sie nickte benommen. "Erik August Kollin. Mein Ururgroßvater . Sagten Sie nicht, Opa Ole lebte in bescheidenen Verhältnissen?"

"Ja. Was nicht heißen muss, dass er arm war. Er hat mir das Ei schon vor etlichen Jahren zur Aufbewahrung übergeben. Ab und zu holte er es wieder ab und brachte es nach nur ein paar Tagen zurück. Er sagte, er müsse gelegentlich mit dem Ei reden. Dein Großvater konnte recht merkwürdig sein, weißt du? Ich habe ihn oft gefragt, warum er das Faberge-Ei nicht verkauft. Es hätte ihn zu einem sehr vermögenden Mann gemacht. Seine Antwort war immer die gleiche: ein hektisches Kopfschütteln und die Bemerkung, im Verborgenen sei es am besten aufgehoben."

Sophia beugte sich erneut vor, um das Ei genauer zu betrachten. Es war nicht so bunt und überladen wie andere Werke Faberges, die sie schon gesehen hatte. Aber in ihren Augen machte gerade seine schlichte Schönheit es zu einem unübertrefflichen Meisterstück der Goldschmiedekunst.

Es stellte unverkennbar den Nachthimmel dar. Den Hintergrund bildeten dunkelblaue Lapislazulisteine, die es wie ein Mosaik bedeckten. Die Sterne waren eine Einlegearbeit aus Goldfolie, Paillons, wie die Experten sagten. Obenauf saß eine Krone aus einem großen und mehreren kleinen Diamanten. An der breitesten Stelle ließ sich das Ei augenscheinlich öffnen; die aufeinanderstoßenden Kanten waren ebenfalls in Gold eingefasst. An der Vorderseite befand sich ein goldenes Tor, wie es die Zufahrt zum Zarenpalast geschmückt haben mochte. Mittig darüber, noch unterhalb des goldenen Nahtringes, saß eine weitere Rosette aus einem großen und zehn kleineren Diamanten.

Sophia überkam plötzlich ein unbeschreibliches Hochgefühl. Es war weniger der materielle Wert des Faberge-Eies, der sie taumeln machte, als vielmehr dessen atemberaubende Schönheit. Sie schüttelte den Kopf. "Das muss doch schon vor hundertzwanzig Jahren unbezahlbar gewesen sein. Und Papa hat mir erzählt, sein Urgroßvater sei nur Mitarbeiter, nicht Partner von Carl Faberge gewesen. Wie ist das Ei in unseren Familienbesitz gelangt?"

"Darüber hat sich dein Großvater mir gegenüber ausgeschwiegen. Vielleicht findest du in seinen Aufzeichnungen die Antwort darauf." Sibelius deutete auf das Schreibbuch, das neben der Archivkiste lag. "Im Testament steht übrigens, ich soll dich ausdrücklich und in aller Deutlichkeit warnen, das Faberge-Ei zu öffnen, bevor du die Einleitung des Buches gelesen hast."

Sie nickte abwesend. "Also darf ich es mitnehmen?"

"Ja!!! Mit drei Ausrufungszeichen geschrieben. Ich habe versucht, deinem Großvater auszureden, ein Zehn-Millionen-Dollar-Ei in die Hände einer Minderjährigen zu legen, aber er bestand darauf. Wenn Chronos ihm das Leben abschneide, schärfte er mir ein, dann soll ich keinen Tag zögern, dir das Ei und das Notizbuch auszuhändigen."

"Chronos?"

"Der griechische Gott der Zeit." Sibelius kräuselte die Lippen. "Wie gesagt, Ole Kollin war ein liebenswerter und manchmal recht seltsamer Mann."

Sophia musterte ihr Gegenüber nachdenklich. Der Notar war wohl doch nicht so abgebrüht, wie sie gedacht hatte. "Wie ist mein Opa eigentlich gestorben?"

Er zögerte. "Es gehört an und für sich nicht zu meinen Aufgaben ."

"Anscheinend haben Sie ihn gemocht. Sein Tod kann Sie unmöglich kaltlassen."

"Wer behauptet das?", entfuhr es ihm. Auf seiner Stirn glänzten Schweißperlen. "Es ist nur . _ Ich bin kein Arzt und will dir nichts Falsches sagen."

"Doktor Sibelius, Sie brauchen nicht zu denken, dass Sie mir unangenehme Wahrheiten vorenthalten müssen. Ich bin kein kleines Kind mehr. Was hat den Tod meines Großvaters verursacht?"

Er brachte ein großes Stofftaschentuch zum Vorschein und wischte sich damit Stirn und Nacken ab. "Na schön. Wenn du unbedingt darauf bestehst. Dein Großvater war Uhrmacher - alte Familientradition, wie er zu sagen pflegte. Ich habe ihn einmal in seiner Wohnung besucht. Es ist ein regelrechtes Uhrenmuseum, in jedem Raum tickt es. So sei es auch am Tag vor seinem Ableben gewesen, hatte mir Frau .." Sibelius blätterte hektisch in seinen Unterlagen. "Frau Erna Waczlawiak. Eine Nachbarin. Ich habe sie nach der Freigabe der Wohnung durch die Kriminalpolizei gesprochen. Sie schaute fast täglich bei deinem Großvater nach dem Rechten - mit seinen sechsundachtzig war er ja nicht mehr der Jüngste. Als man ihn fand, standen sämtliche Uhren still. Merkwürdig, nicht wahr? So seltsam wie vieles im Leben von Ole Kollin. Jedenfalls wurde sein Leichnam gerichtsmedizinisch untersucht, weil die Kripo einen Tod durch Fremdeinwirkung nicht ausschließen konnte. Dabei stellte man fest, dass die Netzhaut deines Großvaters Verbrennungen aufwies, so als hätte er zu lange in die Sonne geblickt."

Sophia war in den letzten Sekunden eiskalt geworden. "Daran stirbt man doch nicht."

Sibelius schüttelte den Kopf. "Nein, daran stirbt man nicht. Der ermittelnde Kommissar hat mir den Obduktionsbericht gezeigt. Darin heißt es, das Herz deines Großvaters sei einfach stehen geblieben. Wie bei einer Uhr, deren Pendel angehalten wird."

D as Haus in der Bergstraße Nummer 70 war mindestens schon hundert Jahre alt. Sophia stand auf dem Kopfsteinpflaster des Trottoirs, den unscheinbaren Karton mit ihrer Millionenerbschaft unter dem Arm, und sah an der hübsch renovierten Fassade empor. Von einem Fries über der Tür blickten mehrere Gesichter zurück. Ob sie Engel oder Dämonen darstellten, hätte sie nicht sagen können. Schwungvoll stemmte sie sich gegen den rechten der beiden Türflügel und verschaffte sich dadurch Zugang zu einer dämmrigen Durchfahrt. Jenseits des Zwielichts sah sie einen Innenhof. Von dort kam ein junger Mann auf sie zu. Er schleppte ein ungerahmtes Ölgemälde - die Leinwand war nur auf einem Holzgestell aufgeblockt. Sophia lief ihm entgegen. Am Ende der Passage trafen beide zusammen.

"Hallo", sagte sie. "Ich hätte eine Frage."

"Klar. Frag mal", antwortete er und blieb stehen. Sie schätzte ihn auf Anfang oder Mitte zwanzig. Er trug ein Leinenhemd über den zerschlissenen schwarzen Jeans, war etwas untersetzt, hatte strubbeliges rotblondes Haar und wirkte auch sonst so unkonventionell, dass sie auf das förmliche Sie verzichtete.

"Ist das Bild von dir?" Das war ihr spontan in den Sinn gekommen. Sie deutete auf das Gemälde. Es zeigte ein Einhorn in einem Wald mit mächtigen Bäumen.

"Ja." Er lächelte. "Kunstliebhaberin?" "Irgendwie schon."

"Dann ist in dem Karton da wohl deine Sammlung." Er deutete mit dem Kinn auf ihre Erbschaft.

"Nicht direkt. Mein Fach ist das Theater. Ich suche die Wohnung von Ole Kollin. Hast du eine Ahnung, wo ich sie finde?"

Er schob die Unterlippe vor und schüttelte den Kopf. "Nee. Sagt mir überhaupt nichts."

"Er war Uhrmacher und ist vor Kurzem gestorben." Mit einem Mal fiel ihr ein, was der Notar über die neue Identität ihres Großvaters gesagt hatte. "Kann sein, dass er hier unter seinem . Künstlernamen gelebt hat. Otto Dingsbums - er fällt mir bestimmt gleich wieder ein ."

"Du meinst Otto Konrad?"

"Ja, genau!"

"Und du bist .?"

"Sophia Kollin. Seine Enkelin zu Besuch aus der Schweiz." Sie zückte den Wohnungsschlüssel, den ihr der Notar überlassen hatte, hielt ihn neben ihr Gesicht und lächelte dazu, wie es ihrer Ansicht nach nur arglose Mädchen tun konnten.

Der junge Mann klemmte sich das Bild unter die linke Achsel und streckte ihr die Hand entgegen. "Ich bin Oliver Pollock. Tut mir leid, das mit deinem Großvater. Ich war selbst geschockt, als mir Frau Waczlawiak von seinem Tod erzählte."

"Dann hast du meinen Opa gekannt?"

"Ja. Wie sich gute Nachbarn eben kennen. Seit ich bei meinen Eltern aus- und auf die andere Straßenseite in unsere frühere Wohnung eingezogen bin, haben er und ich uns fast täglich gesehen. Manchmal hat er mich auf einen Kaffee eingeladen. Ich durfte sogar Otto zu ihm sagen. Er war schon etwas wacklig auf den Beinen, aber geistig noch auf Zack."

Sophia hielt nochmals den Schlüssel hoch. "Den habe ich geerbt. Wo finde ich das passende Schloss dazu?"

"Otto hat in der Wohnung unter mir gewohnt: drittes Hinterhaus, rechter Aufgang, dritter Stock, rechte Tür."

"Danke." Sie zeigte auf das Gemälde. "Willst du das verkaufen?"

"Wieso? Bist du interessiert?"

"Vielleicht."

"Nee, lass mal. Ich bring's nur zu Jessica. Das ist meine Schwester. Als Leihgabe, weil's in meiner Bude allmählich zu eng für meine ganzen Bilder wird. Noch kann ich mich nicht davon trennen. Hängen zu viele Erinnerungen dran. Also, man sieht sich." Er hob die Hand zum Abschied und schleppte sein Kunstwerk weiter in Richtung Straße.

Kurz darauf hatte Sophia das Haus am Ende des zweiten Hinterhofs gefunden. Wie beschrieben wählte sie den rechten Eingang. Als sie im Treppenhaus nach oben stieg, begegnete ihr eine pummelige alte Frau mit Kopftuch und Kittelschürze, die gerade mit großer Gründlichkeit das Podest vor ihrer Wohnungstür fegte. Auf dem goldenen Schild über der Klingel stand: Erna Waczlawiak.

"Grüß Gott", sagte Sophia höflich, wie sie es aus ihrer badischen Heimat gewohnt war.

Die Alte fuhr ruckartig herum, sah erst das Mädchen und dann den Karton an. "Tach. Wohl zu Besuch hier. Oder ziehen Sie gerade ein?"

"Ja und nein." Sophia lief einfach weiter. Bestimmt hätte Frau Waczlawiak ihr gerne die Geschichte vom unheimlichen Leichenfund erzählt, aber die Schilderungen von Doktor Sibelius genügten der Enkelin des Verblichenen fürs Erste.

Leseprobe zu "Der verbotene Schlüssel" von Ralf Isau

18 (S. 179-180)

Und ich sage, es ist zu gefährlich. Wir könnten damit die ganze Welt zerstören.« Geminos lief, aufgeregt mit den Armen in der Luft herumfuchtelnd, vor Poseidonios und mir auf und ab. Wir saßen im licht- und luftdurchfluteten Arbeitszimmer eines gemieteten Hauses in Alexandria. Ein Blick aus dem Fenster hätte uns den Gute-Heimkehr-Hafen mit seinem himmelstürmenden Leuchtturm gezeigt – der Pharos Alexandrinos war immerhin eines der sieben Weltwunder. Aber keinem stand der Sinn danach. Gerade war die Kunde von einer riesigen Flutwelle an der illyrischen Adreaküste eingetroffen. Die Naturkatastrophe hatte viele Menschenleben gekostet.

Geminos empfand sie als persönliche Niederlage, was ich nur zu gut verstand. Mir ging es mit Hyrkan ähnlich. Mein Herz übertönte den Freispruch der Vernunft, die Obal des Mordes für schuldig befunden hatte. Es verurteilte mich als Komplizen. Wenn du wirklich mein Freund bist, dann lässt du mich jetzt nicht im Stich. Mit diesen Worten hatte ich Hyrkan nach Alba Longa gelockt, zu Pompeius. In den Tod.

Mamik war über den Verlust Obals schneller hinweggekommen als über den Schmerz seiner gebrochenen Nase und des abgebrochenen Schneidezahns. »Hyrkans Vermächtnis«, nannte er spöttisch die Verunstaltungen, während er mit mir nach Ostia ritt. Im dortigen Hafen brachte er mich auf ein Schiff, wo ich meinen Mentor und dessen Lieblingsschüler wiedersah. Die Kilikier verschleppten uns nach Alexandria, in die Stadt der Gelehrsamkeit mit ihrer gewaltigen, unvergleichlichen Bibliothek. Mittlerweile arbeiteten Poseidonios und Geminos seit drei Jahren unter strenger Bewachung an dem kosmischen Mechanismus. In dieser Zeit hatten wir Höhen und Tiefen erlebt.

Bereits kurz nach der Ankunft in Ägypten schlug das Schicksal unbarmherzig zu. Der Leibdiener des Philosophen war ja mit einem Tonabdruck des Diskus nach Kreta geschickt worden, um Nachfahren der Minoer zu finden. Sie sollten bei der Entzifferung missverständlicher Schriftzeichen helfen. Auf der Rückreise wurde Agamemnons Schiff – was für eine Ironie! – von Seeräubern versenkt. Seitdem fehlte jede Spur von ihm.

Und nun dieser neuerliche Rückschlag. Waren all die Mühen vergebens gewesen? Die zahllosen Entwürfe und Skizzen, die man erstellt und wieder verworfen hatte? Die erduldeten Widrigkeiten, während das große Ziel – der Bau einer Weltenmaschine – immer näher kam? Niemand im Raum vermochte die Betroffenheit über die mörderische Flutwelle an der illyrischen Adriaküste zu verbergen.

Die spätsommerliche Hitze war dem Gefühl eisiger Kälte gewichen. Geminos hatte dem kosmischen Mechanismus ohnehin stets skeptisch gegenübergestanden. Mir kamen die letzten Worte meines Freundes Hyrkan in den Sinn. Du musst deinen Meister aufhalten, Junge! Lass nicht zu, dass er die Weltenmaschine baut, hörst du? Leider war mir das nicht gelungen. Poseidonios hatte seinen Plan trotz aller Widrigkeiten unbeirrt weiterverfolgt. Wie ein Besessener. Und auch jetzt war er es, der die Unglücksbotschaft am leichtesten wegsteckte."

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Kundenbewertungen zu "Der verbotene Schlüssel" von "Ralf Isau"

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Bewertung von lbs.6cr aus Birkenau am 31.05.2011 ***** ausgezeichnet
In diesem Buch geht es um ,Sophia die ein Erbe bekommt von ihrem Onkel. Das Erbe ist : Eine Wohnung mitten in Berlin und ein Uhrenei mit einem kleinen Schlüssel der sehr verlockend aussieht. Aber ihr Onkel wahrnt sie ausschließlich in einem Buch den Schlüssel nicht aufzuziehen ,ohne bevor das Buch ganz durch gelesen zu haben. Aber Sophia hört nicht auf die Warnung von ihrem Onkel. Sie steckt den Schlüssel in das Uhrenei und dreht ihn um. Sie wird kurzerhand in eine andere Welt gezogen.
Das Buch hat mir gut gefallen, weil es um Liebe und Freundschaft geht ,zusammenhalten mit einer Prise Fantasy.

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Bewertung von kleinfriedelchen aus Berlin am 01.11.2010 ***** gut
Die vierzehnjährige Vollwaise Sophia ahnt nicht, welches Abenteuer sie erwartet, als sie von ihrem Opa ein wertvolles Fabergé-Ei erbt, in dessen Inneren sich ein merkwürdiger Mechanismus befindet, zusammen mit einem kleinen Schlüssel. Vor der Benutzung warnt ihr Opa sie aber ausdrücklich in einem Buch, dass er ihr ebenfalls hinterlassen hat. Durch dieses erfährt Sophia vom Herrscher der Zeit, Oros, dessen von ihm erschaffene mechanische Welt Mekanis in eben jenem Mechanismus, einer Weltenmaschine, stecken soll. Völliger Quatsch, denkt sich Sophia anfangs, bevor sie auf der Straße den unheimlichen alten Mann trifft, der seine strahlenden Augen, die so hell wie die Sonne sind, hinter einer dunklen Sonnenbrille verbirgt. Soll der beschriebene Oros nicht genau solche Augen haben? Und warum ist ihre Uhr in seiner Gegenwart stehengeblieben?

Um sich selbst zu beweisen, dass die Geschichte um den Herrscher der Zeit doch nur ein Hirngespinst ihres Opas ist, steckt Sophia wenig später den Schlüssel in den kleinen Mechanismus - und landet prompt in der mechanischen Welt Mekanis. Dort trifft sie auf Theo, der seit zweitausend Jahren in dem Ei gefangen ist. Er hilft ihr bei der Flucht vor den seelenlosen, mechanischen Wesen, die Mekanis bevölkern, zurück in die Menschenwelt. Und von ihm muss sie auch erfahren, dass Oros, der es vor Jahrhunderten ebenfalls geschafft hat, in die Menschenwelt zu entkommen, offenbar für den Tod ihrer Eltern und ihres Opas verantwortlich ist. Nun will er die Menschenwelt für immer erstarren lassen, um seine Schöpfung Mekanis dadurch zum Leben zu erwecken. Nur Theo scheint zu wissen, wie man den Herrscher der Zeit aufhalten kann. Doch dazu muss Sophie erst Theos ganze Geschichte erfahren. Derweil rücken Oros und seine Spione immer näher...

Die Idee zum Buch lieferten Isau die zehn fehlenden Tage zwischen dem 4. und 15. Oktober 1582 im gregorianischen Kalender. Was wäre, wenn der Herrscher der Zeit diese Tage gelöscht hatte, um seine Existenz zu verbergen?

Die Idee klingt gut, aber vom Buch habe ich mir mehr erwartet. Ralf Isau mag durchaus ein sehr guter Autor sein, aber bei diesem Buch ist der Funke einfach nicht übergesprungen. Das mag daran liegen, dass ich nicht richtig mitfiebern konnte mit den Charakteren. Sie wuchsen mir einfach nicht sonderlich ans Herz, wie ich es bei einem Jugendbuch erwarten würde. Vielleicht lag das daran, dass bei der ständigen Flucht vor Oros nicht allzu viel Zeit für die Charakterentwicklung geblieben ist.
Auch war das Buch streckenweise sehr langatmig. Besonders die Rückblicke in Theos Vergangenheit waren trotz des interessanten Schauplatzes Mekanis eher langweilig und unterbrachen die Handlung in der Menschenwelt immer genau dann, wenn es gerade spannend wurde. Manchmal bekam ich auch das Gefühl, Ralf Isau wollte all sein Wissen über Mechanik, Uhren und antike Schätze in ein Buch quetschen, so überhäuft wurde man mit Begriffen aus der Kunsthandwerkerwelt. Dass das für den jungen Leser so verständlich und interessant ist, bezweifle ich.

Trotzdem ist "Der verbotene Schlüssel" natürlich kein schlechtes Buch. Es ist flüssig geschrieben, streckenweise ziemlich spannend, und die Idee der mechanischen Welt, die in dem Ei-Mechanismus gefangen ist und nur lebendig wird, wenn die Menschenwelt dafür stehenbleibt, ist wirklich schön und regt die Fantasie an. Vielleicht verlangt das Buch ja einfach nach dem passenden Leser. Daher würde ich das Buch eher Isau-Fans empfehlen, die über die Schwächen des Buches sicherlich hinwegsehen können. Ich konnte es leider nicht.

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