Leseprobe zu "Riff" von Julia Whitty
Den ganzen Tag über haben wir beobachtet, wie die Doktorfi sche,die von den Tahitianern maroa und von den Franzosen chirurgiensgenannt werden, dicht an dicht in einzelnen Reihen über die Abhängedes äußeren Riff s strömten. Jetzt, in der letzten Stunde des Tageslichts,fi nden sie sich gruppenweise zusammen, bilden Banner aus gelben undblauen Flossen, fl ießen in bunter Pracht über die Konturen des Korallenriffs zur Passage von Tiputa. Zu aufgeregten Schwärmen verbunden,ziehen sie zu Hunderten über die Riff e davon, jagen und stoßen sich ineinem scheinbaren Chaos ganz unterschiedlicher Zielrichtungen.
Angeregt vom Aufgang eines abnehmenden Mondes über dem Südpazifik, drängen sich die Doktorfi sche aneinander, steigen nach oben,stoßen zusammen, sinken zurück auf das Riff , stieben auseinander, kreisen,gruppieren sich erneut, steigen wieder empor. Ein dutzend Mal vollführensie diese Bewegungen, und jede Runde trägt sie weiter nach oben,fort vom sicheren Korallenriff . Das Vorspiel fi ndet seinen Höhepunktin dem, was die Wissenschaftler Laichen nennen und die französischenTaucher, mit denen ich zusammen bin, charmant als Liebemachen bezeichnen - ein Doktorfischpärchen löst sich aus der Menge und schießtin unglaublich rasantem Bogen nach oben, wo es Sperma und Eier ineiner milchigen Wolke ins off ene Wasser spritzt. Ohne innezuhalten,schnellt das Paar mit einer für das menschliche Auge fast nicht wahrnehmbarenGeschwindigkeit zum Riff zurück. Weitere Paare folgen.
"Und noch weitere. Auf dem Höhepunkt eines jeden Ausbruchs hängt der ejakulierte weiße Bausch ruhig im Wasser, doch im Innern spielensich, da die Chemie der Befruchtung beginnt, wildeste Bewegungen ab,denn den Spermien bleibt für die kurze Reise zum Ei nur ein Augenblick,bis die Gameten vom Wasser, das aus der Passage herausströmt,erfasst, auseinandergerissen und in die tiefe See hinausgetragen werden.
Jetzt, da es zu dunkel wird, um unter Wasser noch etwas sehen zukönnen, fahren wir im Licht eines Sonnenuntergangs, der so sanft undfl ießend ist wie ein Aquarell, mit dem Motorboot zurück ans Ufer. Währendwir unsere Gerätschaften am Pier abspülen, leuchten die Gesichtermeiner Mittaucher vor Seligkeit. Das ist immer so, egal, wer sie sind oderwie sie heißen oder wo das Korallenriff liegt. Jetzt, da wir von der Tiputa-Passage des zu Französisch-Polynesien gehörenden Rangiroa-Atolls zurückkehren,sind es die Gesichter zweier junger Franzosen. Beide führenhier, an diesem fragilen Saum zwischen Land und Meer, professionelleTauchkurse durch, und sie hätten alles Recht der Welt, erschöpft zu sein.
Aber das Gegenteil ist geschehen. Das Riff hat diese zähen jungen Männerin einen Zustand der Verzückung versetzt, sodass sie in diesem Augenblickschön wie Engel erscheinen.
Nur selten kann man im freien Wasser diesen Moment der Befruchtungbeobachten, und so sind wir freudig und erleichtert, als hätten wirunter Lebensgefahr einen Gipfel erklommen. Die beiden Franzosen sindbeglückt, dass ihnen dieser Tag ein so schönes Geheimnis off enbarte. Inmeinem fare (Bungalow) kontrolliere ich meine wasserdichte Schreibtafel,um die Notizen in mein Tagebuch zu übertragen - muss aber lachen,als ich nur ein einziges Ausrufezeichen darauf entdecke.
Das ist das Paradox des Riff s: eine Welt, die von reiner und außergewöhnlicherSinnlichkeit zu sein scheint, doch größtenteils außerhalb desuns eigenen Sinnenbereichs existiert. Wir riechen unter Wasser nichts(obwohl das Meer voller Gerüche ist), schmecken nur das metallischeSchwirren komprimierter Luft, sehen kaum etwas und sind auf ein Gehörbeschränkt, das keine Richtungen zu unterscheiden vermag; wir sind,alles in allem, behindert. Auch miteinander reden können wir nicht.
Ohne Sprache, ohne die richtigen Worte ist der menschliche Taucherauf einen präverbalen Geisteszustand zurückgeworfen. So ist der Tauchgang,den man gerade gemacht hat, eher ein Gefühl als eine tatsächlicheErinnerung, und die kleine Plastiktafel, die man pfl ichtschuldigst mitsich führt, um Notizen zu machen, zeigt nur Kritzeleien oder seltsameHieroglyphen, die umso schwieriger zu entziff ern sind, da die Spuren,die sich angeblich durch Reiben mit Sand entfernen lassen sollen, niemalsganz verschwinden, sodass man immer mit den geisterhaften Umrissenaller früheren, ebenso rätselhaften Tauchgänge zu kämpfen hat.
Das ist der Kampf, oder zumindest mein Kampf, bei der Arbeit unterWasser: Wie kann ich die jenseitigen Wunder unter der Oberfl äche verstehenund dann in die fremde Welt da oben übertragen?
Auf dem ganzen Planeten gibt es nur dreihundertunddreißig Korallenatolle(malaiisch atolu: Riff , von adal: zusammenschließen, vereinen),jene halskettenförmigen Inseln, die aus sandigen Eilanden rund umeine tropische Lagune bestehen. Rangiroa ist eines der siebenundsiebzigAtolle des Tuamotu-Archipels, der seinerseits zu den fünf ArchipelenFranzösisch-Polynesiens gehört. Zusammengenommen bedeckenalle Inseln Französisch-Polynesiens im Südpazifi k ein Gebiet, das größerist als Westeuropa, und die Tuamotus umfassen ein Meeresgebiet,das größer ist als Kalifornien.
Vor Jahrmillionen wurde der Tuamotu-Archipel von häufi gen Vulkanausbrüchenheimgesucht, deren geballtes Magma aus einem Hotspotunter der Pazifi kplatte emporstieg. Heute liegen diese Inseln aufdem verwerfungsreichen Boden eines Seegebiets, das als Tuamotu-Rückenbezeichnet wird. Es markiert den östlichen Rand des von Vulkanenwie mit Narben übersäten Westpazifi ks. In Richtung Osten bis hinzu Amerika erstreckt sich eine völlig andere Zone, ein relativ merkmalloserMeeresboden, der von einer Reihe ost-westlich verlaufender tektonischer Bruchzonen durchzogen ist. Die Tuamotus liegen zwischen derMarquesas-Zone im Norden und der Oster-Bruchzone im Süden - dieNamen verweisen auf einige der nächstgelegenen Nachbarn der Tuamotus.
Die Kontinente sind fern. Das nächste Festland liegt sechstausendvierhundertKilometer südlich; es ist das Mary-Byrd-Land in der Antarktis.
Das nächstgelegene bewohnte Land von nennenswerter Größeist, siebentausend Kilometer westlich, die Halbinsel Cape York an dernördlichsten Spitze von Australien. In entgegengesetzter Richtung mussman achttausend Kilometer zurücklegen, um auf bewohntes Gebiet zustoßen, nämlich Peru. Kaum ein Ort auf dem Erdball ist weiter von denkontinentalen Landmassen entfernt, woraus folgt, dass die Welt unterwie auch über dem Wasser vom Pazifi k beherrscht wird."
Sitemap: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20