Wo vor hundert Jahren noch Löwen, Büffel und Elefanten durch den
Busch zogen, da quälen sich nun Blechlawinen durch die Straßen.
Damals war "Enkare Nyrobi", der "Ort des kühlen
Wassers", kaum mehr als ein Camp für den Bau der
Eisenbahnlinie zwischen dem Indischen Ozean und dem Viktoriasee.
Heute leben fünf Millionen Menschen in der kenianischen Hauptstadt
Nairobi. Kaum eine Autostunde entfernt scheint die Zeit stehen
geblieben zu sein. Immer noch beschneiden Maasai ihre Töchter, um
sie für den Preis von ein paar Kühen zu verheiraten. Statussymbol
der stolzen Krieger ist gleichzeitig ein Mobiltelefon. Wim
Dohrenbusch beschreibt Kenia als ein Land voller Gegensätze. Er
trifft Straßenfußballer aus einem Slum, die es in die
Nationalmannschaft und an die Universität geschafft haben, und
einen Mann mit hundertdreißig Ehefrauen. Er hat mit
Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai gesprochen und einen
Gelähmten begleitet, der nach vierunddreißig Jahren als Bettler von
Nairobi in sein Heimatdorf zurückgekehrt ist. Es sind die
Widersprüche Kenias, die Wim Dohrenbusch faszinieren: die Schönheit
der Natur und der Fortschritt, die Sorgen der Menschen und ihre
Herzlichkeit, der Spagat zwischen Tradition und Moderne.
Wim Dohrenbusch, 1954 in Bottrop geboren, hat in Essen Sozialarbeit und -pädagogik studiert und war Redakteur bei der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung". Von einem privaten Kenia-Aufenthalt war er so fasziniert, dass er sich 1985 als freier Afrika-Korrespondent in Nairobi niederließ. Als WDR-Redakteur war er regelmäßig in Afrika unterwegs. Ab 2003 berichtete er sechs Jahre lang als ARD-Hörfunk-Korrespondent von Kenia aus über rund 20 Länder Ost- und Zentralafrikas.
Leseprobe zu "Reportage Kenia"
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Leseprobe zu "Reportage Kenia" von Wim Dohrenbusch
(S. 92-93)
Fünf von sieben Geschwistern musste Alex Odero in den letzten Jahren beerdigen. »Drei meiner Brüder sind tot, zwei Schwestern sind tot«, zählt der Achtzehnjährige auf. »Alle sind an Aids gestorben.« Zwei HIV-positive Schwägerinnen und ein knappes Dutzend Enkelkinder werden von Alex’ Mutter versorgt. Die Familie lebt auf einem kleinen Bauernhof in Migori, in der Nähe des Viktoriasees, kurz vor der Grenze zu Tansania. Es gibt kaum eine Familie, in die sich das Virus nicht eingeschlichen und dort seine tödlichen Spuren hinterlassen hat. In der westkenianischen Nyanza-Provinz sind die Zahlen im Vergleich zum Landesdurchschnitt mehr als doppelt so hoch, erklärt John Odira vom kenianischen Gesundheitsministerium. »Hier in Nyanza liegt die Verbreitung immer noch bei 14,6 Prozent.
Das ist vor allem eine Folge der wirtschaftlichen Lage, also der Armut. Aber die Leute hier sind auch sehr konservativ und halten an alten Sitten und Gebräuchen fest. All das führt zu der hohen Zahl an Aids-Infektionen.« Um den Teufelskreis aus Armut, Ignoranz und Tod zu durchbrechen, setzt John Odira vor allem auf die Jugendlichen der Umgebung. Der Sozialarbeiter bildet in Migori »Peer Educater« aus – junge Leute, die Gleichaltrige aufklären und beraten sollen.
Zwei Dutzend Mädchen und Jungen wollen an dem dreimonatigen Training teilnehmen. Jetzt sitzen sie im Kreis auf der Wiese hinter dem Gesundheitsamt, stellen sich einander vor und berichten von ihren Erfahrungen. Auch Alex Odero ist dabei: »Ich weiß, wie tödlich Aids ist und was das für die Familien bedeutet. Deshalb ist die Ausbildung hier eine gute Sache. Denn als Aids-Berater kann ich unseren Leuten sicher helfen.« Um mitzuarbeiten, bräuchte natürlich jeder ein eigenes Fahrrad und ein Handy, wünschen sich die Jugendlichen. Ein eigenes Projektbüro mit Computern und Internetanschluss. Gut wäre außerdem eine Musikanlage für Disco-Veranstaltungen. Solche Ideen sollten sie sich ganz schnell abschminken, macht Odira den Jugendlichen klar. Jeder bekommt ein T-Shirt, eine Baseball-Kappe und eine Umhängetasche mit dem Logo des Projekts, und sonst gar nichts.
»Damit und mit eurem Wissen könnt ihr in der Gegend zu wichtigen Persönlichkeiten werden. Wer das akzeptiert, kann wiederkommen.« Auch die siebzehnjährige Quinta Awino will Peer Educator werden. Sie hat gerade die Secondary School abgeschlossen. In der Schule war Quinta eine, zu der die anderen Mädchen mit ihren Problemen gekommen sind. Eine, die zuhören und Ratschläge geben konnte. Aber jetzt sei sie hier, weil es so viele Fragen gibt, auf die sie keine Antworten hat. »Ich will viel mehr lernen. Über Sex, übers Heiraten und Kinderkriegen, über das ganze Leben«, sagt Quinta. »Nur wenn ich selbst mehr weiß, kann ich auch den anderen helfen.« Fast alle haben einen festen Freund oder eine Freundin. Aber über Sex zu reden, Erfahrungen auszutauschen, das ist auch im Kurs wie Stochern im Nebel.
Alex zum Beispiel ist seit drei Monaten mit der siebzehnjährigen Maureen zusammen. »Wir machen alles, was Verliebte so tun«, lacht er verlegen. »Wir küssen uns und spielen aneinander herum. Ach, ich kann es ruhig sagen, wir machen es. Wir haben Sex zusammen.« Obwohl das Aids-Drama sein ständiger Begleiter ist, obwohl der Großteil seiner Familie krank oder tot ist, hat Alex selbst jedoch nie einen HIV-Test gemacht: »Immer wenn ich zum Test gehen wollte, hat mich die Panik gepackt. Ich habe Angst, dass der Test positiv sein könnte. Was wird dann aus mir, und was wird aus meinen Eltern?« Kondome kennt natürlich jeder. Aber um die Gummis ranken sich aberwitzige Mythen: Kondome seien nicht sicher. Sie könnten reißen, könnten in der Vagina stecken bleiben.
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