Reportage Iran - Hoffmeister, Carola

Carola Hoffmeister 

Reportage Iran

Schwarze Schleier, grüne Fahnen

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Reportage Iran

Weißbärtige Ayatollahs und schönheitsoperierte Nasen, Märchen aus 1001 Nacht und ein Atomprogramm, rauschende Kokspartys und Ahmadinedschads Unterdrückungspolitik. In kaum einem anderen Land sind die Gegensätze größer als im Iran. Während die Mullahs an der Diktatur des Gottesstaats festhalten, gehen Studenten, Hausfrauen und das Mädchen aus der Bäckerei auf die Straße und hissen hoffnungsgrüne Fahnen für ein Leben in Freiheit. Carola Hoffmeister hat sich ein Kopftuch umgebunden und ist in den Iran gereist. Sie schreibt über die Gastfreundschaft der Perser und findet heraus, warum Europäer das iranische Pingpongspiel der Höflichkeiten niemals gewinnen können. Sie schaut dem ehemaligen Hofzauberer des Schah in seine Spielkarten und spricht mit einem Koch, einer streng religiösen Mama und der transsexuellen Roxana über die Liebe. Sie fährt mit zwei jungen Männern auf einem Motorroller durch den Vatikan der Schiiten und trifft einen Professor von der Koranschule, der nebenbei als Orakel jobbt. Die Autorin spürt den Träumen und Sehnsüchten der Iraner nach und berichtet von der Aufbruchsstimmung in einem Land auf der angeblichen Achse des Bösen, in dem sich sogar Erholungsurlaub machen lässt.


Produktinformation

  • Verlag: Picus Verlag
  • 2010
  • 1. Auflage.
  • Ausstattung/Bilder: 2010. 132 S.
  • Seitenzahl: 132
  • Deutsch
  • Abmessung: 206mm x 116mm x 20mm
  • Gewicht: 220g
  • ISBN-13: 9783854529866
  • ISBN-10: 3854529864
  • Best.Nr.: 29925459
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 21.10.2010

Das Land hinter dem Schleier

Für Touristen, die kommen und gehen können, wie es ihnen beliebt, ist Iran ein wunderbares Land. Doch Carola Hoffmeister konzentriert sich in ihrem Buch auf die Bewohner, jene Menschen vor allem, die vom Revolutionsregime unterdrückt oder verfolgt werden. Ihre Beiträge sind mutig und politisch, oft geben sie jenen eine Stimme, die in Iran schweigen müssen. Manchmal überlässt sie ihnen komplett das Wort, ein Anhänger des Oppositionsführers Mussawi etwa berichtet in E-Mails von den Unruhen in Schiraz während der Wahlen 2009. Oder sie porträtiert einen Schwulen aus Teheran, der das Ausleben seiner Sexualität via Internet organisiert und mit einem Zweithandy das Risiko der Todesstrafe zu minimieren versucht. Sie schreibt über einen armenischen Christen, der Glaubensgenossen in privaten Clubs der Hauptstadt trifft. Dort stoßen sie mit selbst mitgebrachtem Alkohol auf ihr Durchhaltevermögen in Iran an. Carola Hoffmeister, Hamburger Journalistin, berichtet bildhaft und szenisch von der iranischen Gesellschaft der Gegenwart. Die bewegte Geschichte des Landes erzählt sie nicht trocken nach, sondern anhand einer Familientragödie, …

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Carola Hoffmeister arbeitet seit dem Studium der Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft als freischaffende Journalistin und Autorin in Hamburg. Ihre Reportagen führen sie in den Iran, nach Israel/Palästina, Syrien, Italien und immer wieder in ihre Heimat, das Ruhrgebiet. Ihre Geschichten und Porträts erscheinen u.a. in der "FAZ", der "NZZ", der "EMMA" oder im "Deutschlandradio Kultur".

Leseprobe zu "Reportage Iran"

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Leseprobe zu "Reportage Iran" von Carola Hoffmeister

Auf der anderen Seite (S. 82-83)

Im »Tärafik« von Teheran

Peugeots hüpfen wie Springmäuse über die Fahrbahn. Motorräder schneiden Bussen den Weg ab. Japanische Geländewagen sichern sich mit chromblitzenden Kühlerhauben das Revier. Dreieinhalb Millionen Autos sind jeden Tag auf Teherans Straßen unterwegs, und sie fahren genau an der Stelle vorbei, an der ich gerade stehe. So zumindest kommt es mir vor. Ich bin an grüne Ampeln gewöhnt. Reihenhaussiedlungen mit Tempo-dreißig-Zone und Zebrastreifen, über die Kinder mit dem Fahrrad radeln. Lieber laufe ich zehn Kilometer zu Fuß, als diese vierspurige Straße zu überqueren. Auch wenn auf der anderen Seite der Tulpenpark lockt. Eine grüne Oase, in der Fontänen kleine Regenbogen in die Luft zaubern und Magnolienbäume blühen.

Der Ort erscheint mir wie das Paradies: unerreichbar fern. Tärafik, wie Einheimische den Verkehr im Iran nennen, gleicht Russischem Roulette und beschert selbst asienerprobten Touristen Nahtod-Erlebnisse. Das schreibt der »Lonely Planet«, der Reiseführer, mit dem sich die wenigen Abenteurer aus dem Ausland durch die Stadt kämpfen. Seit dem 20. Jahrhundert zerlegen schnurgerade Straßen die Hauptstadt in ein Schachbrettmuster, doch die Geometrie der Bauplaner verliert sich im Chaos der Karosserien. Die Iraner lieben Autos. Sie erledigen sogar den Einkauf beim Bäcker um die Ecke mit ihrem rostigen Paykan, dem Nationalvehikel des Landes und Wesensbruder des ostdeutschen Trabbis. Aber Benzin ist ein knappes Gut.

Die Raffinerien stellen vierzig Millionen Liter Benzin her. Die persischen Motoren verbrauchen täglich siebzig Millionen, also bald doppelt so viel. Präsident Ahmadinedschad ließ deshalb den Kraftstoff rationalisieren. Hundert Liter dürfen die Iraner seitdem pro Monat tanken. Das reicht für den Weg zur Arbeit, nicht aber für ausgedehnte Spritztouren in die Berge oder ans Kaspische Meer. Die Teenager protestierten. Sie warfen Steine auf Zapfsäulen und steckten Busse in Brand. Das Auto ist für sie ein Ort der Zuflucht. In der religiösen Diktatur des Iran leben sie ihre Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung in Hupkonzerten aus, rasanten Überholmanövern und gemütlichen Spazierfahrten. Ein froschgrüner Peugeot rauscht vorbei. Aus seinen geöffneten Scheiben hört man »Like a Virgin« scheppern, den Achtziger-Jahre-Hit von Madonna.

Der Fahrer ist ein Junge mit zu Igelspitzen gegeltem Haar. Er hat den Song illegal aus dem Internet heruntergeladen oder bei einem Schwarzhändler gekauft, denn westlicher Pop ist im Iran verboten. Selbst einer der beiden Verkehrspolizisten, die mitten auf der Fahrbahn stehen, wippt für einen Moment im Takt der Musik. Würden die Ordnungshüter dafür sorgen, dass alle islamischen Regeln und Verbote befolgt werden, würde gar nichts mehr funktionieren. Deshalb schauen die Polizisten nicht so genau hin. Sie übersehen auch den Macho mit einer dicken Goldkette um [109]den Hals, der den Fuß vom Gas genommen hat. Er flirtet ein Mädchen im Wagen auf der anderen Spur an. Sie erwidert seinen Blick, bis sich ein roter Twingo zwischen die beiden drängelt und dem verbotenen Speed-Dating ein Ende setzt.

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