Leseprobe zu "Lesereise Israel" von Gil Yaron
Toskana im Wilden Westen (S. 73-74)
Jenseits der Grenzanlagen im Westjordanland leben Hunderttausende israelische Siedler. Manche sehen sie als das größte Hindernis auf dem Weg zum Frieden
Friedlich rascheln die Zweige der grünen Olivenhaine auf den sanft rollenden Hügeln, die seit Menschengedenken bebaut werden. Ortsnamen wie Schilo – einst das religiöse Zentrum der Israeliten – inspirieren Bibelromantik. Das Mittelmeer, das im Hintergrund unter der heißen Mittagssonne schimmert, ließe Ferienstimmung aufkommen, wären da nicht die Wachtürme, der Stacheldraht und die Armeepatrouillen, die den Besucher in die politische Gegenwart des Nahen Ostens katapultieren. Willkommen in einem der wichtigsten Brandherde des Nahostkonflikts: Palästinenser nennen das 1967 von Israel eroberte Gebiet, das doppelt so groß ist wie das Saarland, das Westjordanland. Sie wollen hier ihren eigenen Staat errichten und fordern deswegen den Abzug der rund dreihunderttausend Israelis, die sich hier in rund hundertfünfzig staatlich anerkannten Siedlungen und siebenundachtzig Außenposten niedergelassen haben.
Die internationale Staatengemeinschaft fordert, den Ausbau dieser als illegal betrachteten Siedlungen sofort zu stoppen. Wenn es nach Jigal Brand, einem Siedler aus Havat Jair, geht, wird es nie dazu kommen: »Das [95]Gebiet heißt nicht Westjordanland, sondern Judäa und Samaria. Es ist Teil des Landes Israel, das Gott dem jüdischen Volk in der Bibel versprochen hat«, sagt der achtundzwanzigjährige Schulleiter. Wie rund achtzig Prozent der Siedler in den isolierten Außenposten und Siedlungen ist Brand national-religiös, was man an dem bunten gehäkelten, kleinen Käppchen erkennen kann, dass der sportliche Mann auf seinem Kopf trägt.
Der ehemalige Offizier glaubt daran, das der jüdische Staat eine göttliche Aufgabe erfüllt. In diesem Auftrag schießen in Havat Jair, einem illegalen Außenposten tief im Herzen des Westjordanlands, Einfamilienhäuser in die Höhe. Selbst Israels Regierung bezeichnet Havat Jair als illegal und droht damit, die Häuser der vierundzwanzig Familien und ihrer sechzig Kinder abzureißen. Doch die wollen diese Mischung aus Toskana, Wildem Westen und Freiluftbibelmuseum nie verlassen. »Die Idee von einem palästinensischen Volk ist ein Hirngespinst, das den Arabern eingeflößt wurde«, sagt Brand.
Er glaubt nicht, dass sein isolierter Außenposten ein Hindernis auf dem Weg zum Frieden ist: »Wen stören wir? Hier hat doch vorher niemand gewohnt.« Sein Wohnhaus überblickt ein menschenleeres grünes Wadi arabische Dorf liegt zwei Kilometer Luftlinie von Havat Jair entfernt. Die weißen niedrigen Häuser, die sich am Abhang um ein Minarett scharen, kann man im Sommerdunst in der Ferne kaum ausmachen. »Die Siedlungen sind nicht das Problem«, meint Brand. »Aus der Sicht der Palästinenser gibt es keinen Unterschied [96]zwischen Tel Aviv und Havat Jair. Die Ursache für den Nahostkonflikt ist, dass die Araber grundsätzlich keine andere Religion tolerieren.«
Bisherige Räumungen von Siedlungen, wie die Evakuierung von achttausend Siedlern aus dem Gazastreifen im Jahr 2005, hätten Israel schließlich keinen Frieden gebracht. »Auf den geräumten Gebieten entsteht kein Palästinenserstaat, sondern Basen des Terrors. Zuerst greifen sie uns an, dann zerfleischen sie sich selbst, wie man heute im Gazastreifen sehen kann.« Palästinenser sehen das anders. In ihren Augen ist die Forderung nach dem gesamten Westjordanland bereits ein Kompromiss, mit dem sie achtundsiebzig Prozent des historischen Palästina aufgeben. Im kläglichen Rest könne unmöglich ein Staat entstehen, solange die Siedler bleiben, weil die sich weigern, Bürger eines Palästinenserstaats zu werden. »Israel ist ein jüdischer Staat. Ein Araber darf nie Premier werden«, sagt Brand.
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