Ein Haus bauen - Brunold, Georg

Georg Brunold 

Ein Haus bauen

Besuche auf fünf Kontinenten

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Ein Haus bauen

Von der Kunst, Länder und Menschen zu denken

Der Reportage in deutscher Sprache geht es nicht gut. Georg Brunold ist einer der wenigen, die dagegen aktiv etwas tun. In den

vergangenen zehn Jahren war er auf allen Kontinenten unterwegs: im Fernen Osten wie im Vorderen Asien, in Amerika, in Arabien

und immer wieder in Afrika, aber auch in Kalabrien, in der Moldau und im Emmental, auf Neuseeland und in der Karibik. In zwei

Dutzend Meisterstücken zeigt er, was mit diesem Genre möglich ist.

Bei seinen Besuchen in aller Welt erliegt Brunold nicht der Versuchung, Identitäten auf bündige Formeln zu bringen, sondern er

schärft den Sinn für die Gemeinsamkeit aller Erdbewohner: dass nämlich keiner recht weiß, wer er ist. Denn bemühen sie sich

nicht alle unentwegt darum, ihre Lage zu verbessern und dadurch selber andere zu werden? So bauen wir alle an unserer kleinen und

großen Welt, mit- und gegeneinander, um uns darin einzunisten, oft um den Preis, andere daraus zu vertreiben. Mit Brunolds

Reportagen erfährt man weit mehr als nur Fakten über das Leben, in Brunolds Reportagen ist man vor Ort und denkt vor Ort: am

Grab im Reisfeld bei Vietnams Ahnen, mit Eva unter dem haitianischen Apfelbaum oder auch mit Philip Roth in seinem Kinderzimmer

an der Summit Avenue 81, Vorstadt Weequahic, Newark.


Produktinformation

  • Verlag: Eichborn
  • 2006
  • Lim. u. num. Ausg.
  • Ausstattung/Bilder: Lim. u. num. Ausg. 2006. 349 S.
  • Seitenzahl: 349
  • Die Andere Bibliothek Bd.257
  • Deutsch
  • Abmessung: 223mm x 129mm x 29mm
  • Gewicht: 552g
  • ISBN-13: 9783821845708
  • ISBN-10: 3821845708
  • Best.Nr.: 20753062

Perlentaucher-Notiz zur Sueddeutsche Zeitung-Rezension

Franziska Sperr scheint mit diesem Sammelband, dessen Reportagen zu verschiedensten Themen Kontinente überqueren, ihre liebe Mühe gehabt zu haben. Sie beschreibt den Autor Georg Brunold als Journalist der alten Schule, der sich in diesen Texten aus den vergangenen zehn Jahren gründlich, nachdenklich und mitunter historisch weit zurück greifend den unterschiedlichsten Themenbereichen widmet. Neben durchaus zeitlosen Berichten, wie dem Text über die Einwohner von San Giovanni, der einen Blick für Kurioses öffnet, stört sich die Rezensentin aber an Reportagen, die mittlerweile von der Geschichte überholt wurden, und hier hätte sich Sperr durchaus eine Überarbeitung der Texte gewünscht. Mit Texten wie dem über die Sonne, in dem die Leser mit Zahlen und Fakten traktiert werden, oder einem Querschnitt durch die europäische Ideengeschichte fühlt sich die Rezensentin etwas überstrapaziert, und überhaupt scheint sie sich nach etwas mehr Leichtigkeit und Humor in diesen Reportagen gesehnt zu haben.

© Perlentaucher Medien GmbH
Georg Brunold wurde 1953 in Arosa/Graubünden geboren. Nach dem Studium der Philosophie in Zürich zog er 1983 nach Kairo. Für die "Neue Züricher Zeitung" war er mehrere Jahre als Afrika-Korrespondent tätig. Heute lebt er als Redakteur der Zeitschrift "du" in Zürich.

Leseprobe zu "Ein Haus bauen"

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Leseprobe zu "Ein Haus bauen" von Georg Brunold

Vorwort: Identitätsfieber

Ein Grundmotiv verbindet die fünfundzwanzig sonst so unterschiedlichen Geschichten in diesem Buch. Die Welt der Gegenwart ist von einer pandemischen Obsession befallen, die man Identitätsfieber nennen könnte. Kollektiven setzt sie noch wüster zu als Individuen. Außer in lebensgefährlicher Überhitzung einer befallenen Gemeinschaft manifestiert sich die Infektion in Anfällen hysterischer Konvulsionen. Wie steht es um Herkunft, Heimat oder - ja, eben: um die Identität des Erregers ?

Seit dem Zerfall der beiden Blöcke zu Beginn der neunziger Jahre finden wir uns alle als Angehörige von Völkerschaften wieder, die wie zuvor schon in (mehr oder weniger souveränen) Nationalstaaten leben. Unüberhörbar können manche Zeitgenossen davon nicht genug bekommen. Sollten wir nicht hoffen dürfen, daß damit wenigstens unsere staatsbürgerlichen Identitäten ausreichend gefestigt wären? Aber damit nicht genug, darüber hinaus und selbst im engeren, heimatlichen Rahmen hätte die Herkunft uns alle mit dem unschätzbaren Artikel einer Identität ausgestattet, die in einem einzigen Wort oder Flurnamen aufbewahrt oder jedenfalls auf Befehl daraus hervorzuzaubern wäre? Der Schwarzwald und die Schorfheide in Deutschland, Vorarlberg und das Kleine Walsertal in Österreich oder die exotischen Ritzen Appenzell Innerrhodens und Obwaldens im tiefen Inneren der Schweiz. Exemplarisch auf dem Balkan haben verschiedene ethnische Slawen, nicht zu vergessen auch die Skipetaren, erst in jüngerer Zeit erkennen lassen, wodurch sie sich am meisten unterscheiden:

nämlich, so könnte man giftig sagen, durch die sie alle gleichermaßen prägende Gemeinsamkeit, daß sie allesamt nicht wie gegenwärtige Ex-Jugoslawen,sondern lieber wie Kalifornier leben möchten und unter Gouverneur Schwarzenegger. Bloß sind sie nicht bereit, diese Identität einander auch wechselseitig zuzubilligen.

Aus der ersten Gemeinsamkeit ist wie durch ein Wunder diese zweite hervorgegangen. Da aber der sie einende Wunschtraum sich nicht oder nur verhalten materialisiert, festigt er bis auf weiteres nur ihre Gespaltenheit.

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