Leseprobe zu "Das Mädchen, das gehen wollte" von Barbara Schäfer
Am 31. Mai 2008 verunglückte meine Freundin Katja beim Bergsteigen. Sie stürzte beim Aufstieg auf den Hohen Dachstein ab und starb auf dem Gletscher. Wir hatten uns dreiundzwanzig Jahre zuvor in München kennengelernt.
Ihr Tod erschütterte mein Leben. Ohne sie weiterzuleben, war mir, fürs Erste, nur in Bewegung möglich. Ich konnte nicht mehr arbeiten, ich konnte nicht mehr schreiben, ich konnte nicht mehr reisen. Ich konnte nur noch gehen. Im Wortsinn. Langes Gehen hatte mir immer geholfen, wenn ich Probleme zu lösen hatte, wenn sich das Leben verkomplizierte, wenn es mir schlecht ging. Nun hoffte ich, das Gehen würde mir auch über die schlimmste Zeit der Trauer hinweghelfen.
So brach ich kurz nach Katjas Tod auf, um zu Fuß von Berlin zum Hohen Dachstein zu gehen. Rund neunhundert Kilometer lagen vor mir, ich schätzte, ich würde dafür fünf bis sechs Wochen unterwegs sein. Anfangs fühlte ich mich entsetzlich elend. Doch das Gehen, das Rhythmische, das tägliche Einerlei, tat seine Wirkung. Ich ging jeden Tag zwischen zwanzig und dreißig Kilometer. Und es ging mir, langsam nur, aber doch von Tag zu Tag ein kleines bisschen besser. Nach drei Wochen dachte ich, ich hätte das schlimmste Tal durchschritten. Ich empfand nun das tägliche Gehen nicht mehr als meditativ, sondern als monoton. Ich vermisste meine Freunde, meine Stadt. Ich vermisste das Leben. Ich befand: Es ist genug. Und so beendete ich meine Reise zu Fuß in Prag, nach gut fünfhundert Kilometern. Ich dachte, ich sei nun stark, und fuhr mit dem Zug zum Hohen Dachstein. Ich blieb nur einen Tag, flüchtete zurück nach Berlin und fiel noch tiefer als zuvor.
Unterwegs hatte ich Tagebuch geführt. Ich begann, zurück in Berlin, über diese Reise zu schreiben. Ich schrieb das Wichtigste nieder. Über das Gehen. Über die Freundschaft. Über das Trauern. Über das Fehlen von Trost. Ich merkte, wie gut mir nicht nur das Gehen, sondern auch das Schreiben tat. Ich konnte Katja nah sein. Diese Reportage wurde in der BRIGITTE veröffentlicht.
Der Alltag griff wieder nach mir. Mein Leben nahm Geschwindigkeit auf. Ich reiste viel. Aber meine Trauer hing an mir. Langsam verfestigte sich der Gedanke, dass ich noch etwas zu tun hatte. Mir wurde klar: Es ist eben noch nicht genug. Ich sollte diesen Weg zu Ende gehen. Und ich wollte mehr darüber schreiben.
Fast ein Jahr später brach ich erneut auf. Ich fuhr mit dem Zug bis nach Tschechien zum Endpunkt meiner ersten Etappe. Und ging los. Ich wollte wieder gehen, weitergehen, ans Ziel gehen. Ich wusste nicht, was mich ein zweites Mal am Hohen Dachstein erwarten würde. Aber ich wusste, ich wollte diesen Weg gehen.
Dieses Buch erzählt von meiner Reise zu Fuß, von Berlin zum Hohen Dachstein. An einem der ersten Tage unterwegs las ich in Per Olov Enquists Buch von Blanche und Marie diesen Satz: »Alle haben ja eine Geschichte, aber nur wenige werden aufgezeichnet.« Dies hier ist nur eine der Geschichten von Katja, die Geschichte unserer Freundschaft. Diese erzähle ich.
Dieses Buch ist für Katja.
Der Aufbruch
23. Juni 2008, Berlin - 13. Juli 2008, Prag
8. Juni 2009, Berlin
Weitergehen. Ich sitze am Schreibtisch, notiere dieses Wort. Weitergehen. Ein Wort wie ein Messer. An der Schreibtischlampe baumelt das Medaillon mit Katjas Bild. Melancholie, Trauer, Depression, Selbstmitleid, wie ein Wespenschwarm fällt alles über mich her. Kein Halten, ich breche zusammen, flüchte ins Bett, schließe das Fenster, ziehe die Vorhänge vor, heule und heule. Wie soll man sich nur halten, wie soll ich nur immer so weiterkämpfen? Wo ist die Ruhe, die Balance?
Über meinem Bett hängt eine große Kalligraphie. Als ich ein paar Monate zuvor in Shanghai war, ging ich zu einem Schriftkünstler, der mit einem großen Pinsel und elegant wie ein Balletttänzer Papierbögen bemalte. Er blätterte eine Auswahl vor, wie ein Daumenkino. Ich wählte das chinesische Schriftzeichen für »Tranquility«. Mir schien es das zu sein, was mir am meisten fehlt.
Doch in der Ruhe, vergraben ins Bett, finde ich die Ruhe nicht. Ich gehe zurück an den Schreibtisch. An der Wand ein großer Abzug des Fotos von Katja, am Hohen Dachstein, die letzte Aufnahme von ihr, auf der sie so zuversichtlich lacht. Was hätte Katja gemacht, was hat sie gemacht in solchen Momenten der Düsternis? Ganz sicher hätte sie sich nicht vergraben. Ich ziehe die Laufschuhe an. Ich renne eine halbe Stunde wie gejagt durch den Viktoriapark, auf den Kreuzberg hinauf. Ich bin außer Atem, ich atme tief durch. Es geht wieder.
Ich schreibe weiter.
4. Dezember 2007, Shanghai
Shanghai also. So viele Länder, so viele Hotelbetten. Manchmal wache ich morgens auf und weiß nicht sofort, wo ich bin. Die Sonne steigt auf zwischen den Hochhäusern von Pudong, ein klarer Dezembermorgen, die Lastkähne tuten ihr Moll auf dem Huangpu-Fluss. Kein Zweifel, Shanghai. Die Freude, hier zu sein, steigt in meinen Kopf. Raus aus dem Bett, ein grüner Tee, hinein in die Stadt. Zum Bund, der Uferpromenade, mal sehen, was die Verkäufer heute anbieten. Papierdrachen oder blinkende Rollschuhe, nach Jasmin duftenden Strohweihnachtsschmuck oder Plastikblumen.
Meine Lust zu reisen scheint nie zu versiegen. Manchmal, wenn sich eine Lücke im Terminkalender auftut, stehe ich vor der Weltkarte und denke: Wo wolltest du denn immer schon mal hin? Als Reisejournalistin bin ich viel unterwegs, aber oft nicht selbstbestimmt. Ein Freund aus London hatte mir euphorisch geschrieben: »Von all den Städten, die ich bereist habe, hat mich Shanghai wirklich gepackt.« Er verglich die Atmosphäre mit Paris. Das klang überraschend. Die Geschichte einer Stadt durchdringe deren Seele, sagte er. Und wenn es »klick« mache, ergebe sich eine Art von Erkennen. Dann fühlst du dich zu Hause.
Interessant. Okay, dachte ich, Shanghai also. Zur Finanzierung musste ein Grund her, um dorthin zu reisen. Ich suchte nach Themen, eine Frauenzeitschrift war an einer Reportage interessiert. Wie ich herausfand, sollte in Shanghai ein deutscher Film gedreht werden, John Rabe mit Ulrich Tukur. Ich würde über die Dreharbeiten schreiben. Eigenartig, manchmal, wenn man etwas wirklich gern möchte, so dachte ich, fügt sich eines zum anderen. Manchmal passt eben alles.
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