Ein glücklicher Zufall und andere Kindergeschichten - Ulitzkaja, Ljudmila

Ljudmila Ulitzkaja 

Ein glücklicher Zufall und andere Kindergeschichten

Nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2006, Kategorie Kinderbuch

Illustrator: Erlbruch, Wolf / Übersetzer: Braungardt, Ganna-Maria
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Ein glücklicher Zufall und andere Kindergeschichten

Genja Pirapletschikow, der ohne Vater aufwächst und wegen seines Namens häufig verspottet wird, weiß wenig vom Glück. Erst, als die Nachbarskinder sein Talent entdecken, Tiere und Flugzeuge aus Papier zu basteln, wird Genja zum Baumeister und die Papierwunder werden zum gemeinsamen Spielzeug. Sechs wunderbare Geschichten von der russischen Meistererzählerin über kleine und große Momente, die ein Kinderleben erschüttern oder beglücken können. Mit Bildern von Wolf Erlbruch.


Produktinformation

  • Verlag: Hanser
  • 2005
  • Ausstattung/Bilder: 2005. 75 S. m. farb. Abb. v. Wolf Erlbruch.
  • Seitenzahl: 75
  • Best.Nr. des Verlages: 545/20603
  • Altersempfehlung: ab 9 Jahren
  • Deutsch
  • Abmessung: 218mm x 144mm x 12mm
  • Gewicht: 255g
  • ISBN-13: 9783446206038
  • ISBN-10: 3446206035
  • Best.Nr.: 13296966
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 09.07.2005

Der stille Papierkünstler
Glückliche Kinder: Erzählungen von Ljudmila Ulitzkaja

Seltene Glücksfälle sind es, wenn uns Literatur ein Fenster öffnet und einen Blick freigibt, der uns die Wirklichkeit klar, aber auch mit ihren Hintergründen erkennen läßt. Ljudmila Ulitzkaja hat uns schon öfter ein solches Fenster geöffnet. 1943 in Sibirien geboren und in Moskau aufgewachsen, erzählt sie uns von ihren Landsleuten, ihrer Armut, gezeichnet von den Folgen des Krieges, von der Anstrengung, etwas von der alten Tradition zu erhalten, von der Sehnsucht nach Kultur und einem friedlichen Zusammenleben. Doch da sind auch immer wieder Humor und ironische Glanzlichter; da spüren wir eine warmherzige Zuneigung, die über alltägliche Mühsal hinweghilft; und nicht zuletzt bleibt die unzerstörbare Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Ljudmila Ulitzkaja gehört ohne Zweifel zu den besten zeitgenössischen russischen Schriftstellerinnen. Tschechow, aber auch Nabokov könnten ihre Verwandten sein. Mit ihrer "Sonjetschka" eroberte sie sich sofort auch den Buchmarkt im Westen. "Medea", "Olgas Haus" oder "Die Reise in den siebenten Himmel" waren kaum weniger …

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Perlentaucher-Notiz zur Sueddeutsche Zeitung-Rezension

Die Rezensentin Sonja Zekri findet, dass diese Kindergeschichten der bekannten russischen Autorin Ljudmila Ulitzkaja einen hohen Nostalgiefaktor haben - aber das muss ihrer Meinung nach "kein Nachteil sein". Auch wenn die Geschichten den materiellen Notstand der Nachkriegsgeneration reflektieren, liege doch gleichzeitig "ein goldener Schimmer über den Seiten". Die Geschichten sind "einfach, aber nie simpel" und liefern nach Meinung der Rezensentin einen stimmigen "Gegenentwurf zum heutigen Russland"

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 02.09.2005

Kleine Wunder
Russische Kindergeschichten
Manchmal braucht man zwei Kohlköpfe zum Glück, manchmal ein Papierspielzeug. Und manchmal einen Sarg. Die Kohlköpfe sollen Dussja und Olga kaufen, zwei Kriegswaisen, die bei der alten Ipatjewa, genannt „Elefantin” untergekommen sind. Das Geld für den Kohl verlieren sie, aber dann rollen zwei Köpfe von einem Laster, und sie sind gerettet. Die „Elefantin” wird sie nicht verjagen, sie hat längst einen Narren an den Kindern gefressen. Die Papierspielzeuge bastelt Genka Pirapletschkikow, der hinkende, ewig kränkelnde Genka, für die Kinder vom Hof, die seine Mutter zu seinem Geburtstag eingeladen hat, und die ihn, einmal, ein einziges Mal, nicht auslachen, sondern sich beeindrucken lassen: von seiner Mutter, die Klavier spielen kann, und von den Hüten, Schiffchen, Salzfässern aus Papier. Tja, und den Sarg zimmert Serjosha, das Stadtkind, mit seinem Urgroßvater bei seinem ersten Besuch auf dem Land, und dass die hölzerne Kiste tatsächlich bedeutet, dass der Urgroßvater das Leben leid ist, das erfährt Serjosha erst beim nächsten Mal.
Ljudmila Ulitzkaja hat sechs Geschichten über „glückliche …

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Ljudmila Ulitzkaja, geboren 1943 bei Jekaterinburg, wuchs in Moskau auf. Sie schreibt Drehbücher, Hörspiele, Theaterstücke und erzählende Prosa. 1996 erhielt sie in Frankreich für ihre Erzählung 'Sonetschka' den Prix Medicis, 2001 erhielt sie den Booker Prize Rußland.

Leseprobe zu "Ein glücklicher Zufall und andere Kindergeschichten"

Aus dem Russischen von Ganna-Maria BraungardtMit farbigen Illustrationen von Wolf Erlbruch

Der Flüster-Opa

Alle Frauen in seiner großen Familie, von der Großmutter, die seine Schwiegertochter war, bis zur Urenkelin Dina, nannte Urgroßvater »Töchterchen«. Alle Männer – »Söhnchen«, bis auf seinen ältesten Sohn Grigori, den er stets mit vollem Namen ansprach.

In seinen letzten Jahren war Urgroßvater fast vollkommen blind, konnte lediglich Hell und Dunkel unterscheiden, sah nur noch das Fenster und die brennende Lampe. Lesen konnte er schon lange nicht mehr, aber die Urenkelin Dina sah ihn in ihrer Erinnerung merkwürdigerweise immer mit einem dicken Buch auf dem Schoß vor sich.

Er redete wenig, flüsterte aber ständig leise, kaum hörbar vor sich hin; man sah nur, wie sich der graue Schnurrbart über dem eingefallenen Mund bewegte – deshalb nannten ihn die Kinder den Flüster-Opa. Er war sehr still, saß fast den ganzen Tag in einem großen Sessel und manchmal auch auf einem Hocker auf dem winzigen halbrunden Balkon. Hinaus auf die Straße kam er nie.

Dinas Brüder gingen in die Schule, alle Erwachsenen arbeiteten, und Dina, die jüngste in der Familie, blieb bei Urgroßvater. Manchmal legten sie sich aufs Sofa, deckten sich mit der geflickten blaugrünen Decke zu, und Urgroßvater erzählte dem Mädchen Geschichten, besser gesagt, eine einzige endlose Geschichte über Menschen mit ungewöhnlichen Namen.

Außerdem hatten sie noch ein Spiel: Dina versteckte Urgroßvaters Stock aus dunklem Holz, dessen Knauf ein Hundekopf mit angelegten Ohren war, und Urgroßvater suchte tastend danach und fand ihn nicht immer. Manchmal sagte er allerdings: »Töchterchen, hol den Stock unterm Bett vor, da kann ich nicht drunterkriechen.«

Als Dinas Bruder Alik zehn wurde, schenkte Urgroßvater ihm eine Uhr. Für die damalige Zeit ein ungeheuer wertvolles Geschenk. Die Uhr hatte ein schmales braunes Armband, erinnerte in ihrer Form an einen kleinen Ziegelstein, und das Zifferblatt hatte einen feierlichen Gesichtsausdruck. Sie wirkte wie eine Spielzeuguhr und bemühte sich, solide auszusehen.

Niemand in Aliks Klasse besaß eine Uhr. Niemand auf dem ganzen Hof besaß eine Uhr, nur Alik. Er schaute alle fünf Minuten darauf und staunte immer wieder, wie verschieden die Minuten waren: Manche schienen endlos lang, andere vergingen rasch, wie im Fluge.

Jeden Abend zog Alik die Uhr auf und legte sie auf einen Stuhl neben seinem Bett. Sooft Dina ihn auch darum bat – sie durfte die Uhr nicht einmal in die Hand nehmen.

Eines Morgens, etwa zwei Wochen nachdem Alik die Uhr geschenkt bekommen hatte, ließ er sie auf dem Stuhl am Bett liegen, als er in die Schule ging. Unterwegs merkte er es, aber zum Umkehren war es zu spät.

Nach dem Frühstück entdeckte Dina die Uhr. Sie nahm sie vorsichtig in die Hand – und band sie um. Urgroßvater schüttelte den Kopf. Er schüttelte oft

den Kopf, als gräme er sich. Auf dem Hof

umringten die anderen Kinder Dina.

»Das ist Aliks Uhr!«, sagten sie.

»Nein, meine«, schwindelte Dina. »Unser Urgroßvater war Uhrmacher, bevor er blind wurde. Von solchen Uhren hat er hundert Stück. Er hat mir auch eine geschenkt.«

Die Ärmel hochgekrempelt, kletterte sie

auf die Schaukel. Beim Schaukeln funkelte die Uhr über den ganzen Hof. Die Frau, die Wäsche aufhängte, sah sie, die Katze, die sich in der Sonne wärmte, und der kleine Junge, der in einem Sandhaufen spielte. Selbst der Hauswart fragte Dina, wie spät es sei. Dina wurde verlegen: Sie konnte die Uhrzeit noch nicht ablesen. Notgedrungen tat sie, als hätte sie es sehr eilig, und lief auf den hinteren Hof.

Dort spielten Kinder Volleyball. Dina wollte unbedingt mitspielen, und die anderen ließen sie, wenn auch ungern. Dina konnte nicht richtig Volleyball spielen. Sie hielt die Hände mit gespreizten Fingern hoch und wartete, dass der Ball dagegen prallte. Sie musste lange warten, sie war es schon fast leid, die gespreizten Finger sinnlos in die Luft zu halten. Endlich prallte der lang ersehnte Ball, von neiderfüllter Hand gezielt, mit voller Wucht gegen ihr Handgelenk und die Uhr zersprang in Stücke – das Uhrwerk in die eine Richtung, das Glas in die andere. Das Glas schlug mit kläglichem Klirren auf und tat, in der Sonne aufblitzend, noch einen Hüpfer. An Dinas Handgelenk hing nur noch das Armband mit dem glänzenden Boden.

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