Leseprobe zu "Ein glücklicher Zufall und andere Kindergeschichten"
Aus dem Russischen von Ganna-Maria BraungardtMit farbigen Illustrationen von Wolf Erlbruch
Der Flüster-Opa
Alle Frauen in seiner großen Familie, von der Großmutter, die seine Schwiegertochter war, bis zur Urenkelin Dina, nannte Urgroßvater »Töchterchen«. Alle Männer – »Söhnchen«, bis auf seinen ältesten Sohn Grigori, den er stets mit vollem Namen ansprach.
In seinen letzten Jahren war Urgroßvater fast vollkommen blind, konnte lediglich Hell und Dunkel unterscheiden, sah nur noch das Fenster und die brennende Lampe. Lesen konnte er schon lange nicht mehr, aber die Urenkelin Dina sah ihn in ihrer Erinnerung merkwürdigerweise immer mit einem dicken Buch auf dem Schoß vor sich.
Er redete wenig, flüsterte aber ständig leise, kaum hörbar vor sich hin; man sah nur, wie sich der graue Schnurrbart über dem eingefallenen Mund bewegte – deshalb nannten ihn die Kinder den Flüster-Opa. Er war sehr still, saß fast den ganzen Tag in einem großen Sessel und manchmal auch auf einem Hocker auf dem winzigen halbrunden Balkon. Hinaus auf die Straße kam er nie.
Dinas Brüder gingen in die Schule, alle Erwachsenen arbeiteten, und Dina, die jüngste in der Familie, blieb bei Urgroßvater. Manchmal legten sie sich aufs Sofa, deckten sich mit der geflickten blaugrünen Decke zu, und Urgroßvater erzählte dem Mädchen Geschichten, besser gesagt, eine einzige endlose Geschichte über Menschen mit ungewöhnlichen Namen.
Außerdem hatten sie noch ein Spiel: Dina versteckte Urgroßvaters Stock aus dunklem Holz, dessen Knauf ein Hundekopf mit angelegten Ohren war, und Urgroßvater suchte tastend danach und fand ihn nicht immer. Manchmal sagte er allerdings: »Töchterchen, hol den Stock unterm Bett vor, da kann ich nicht drunterkriechen.«
Als Dinas Bruder Alik zehn wurde, schenkte Urgroßvater ihm eine Uhr. Für die damalige Zeit ein ungeheuer wertvolles Geschenk. Die Uhr hatte ein schmales braunes Armband, erinnerte in ihrer Form an einen kleinen Ziegelstein, und das Zifferblatt hatte einen feierlichen Gesichtsausdruck. Sie wirkte wie eine Spielzeuguhr und bemühte sich, solide auszusehen.
Niemand in Aliks Klasse besaß eine Uhr. Niemand auf dem ganzen Hof besaß eine Uhr, nur Alik. Er schaute alle fünf Minuten darauf und staunte immer wieder, wie verschieden die Minuten waren: Manche schienen endlos lang, andere vergingen rasch, wie im Fluge.
Jeden Abend zog Alik die Uhr auf und legte sie auf einen Stuhl neben seinem Bett. Sooft Dina ihn auch darum bat – sie durfte die Uhr nicht einmal in die Hand nehmen.
Eines Morgens, etwa zwei Wochen nachdem Alik die Uhr geschenkt bekommen hatte, ließ er sie auf dem Stuhl am Bett liegen, als er in die Schule ging. Unterwegs merkte er es, aber zum Umkehren war es zu spät.
Nach dem Frühstück entdeckte Dina die Uhr. Sie nahm sie vorsichtig in die Hand – und band sie um. Urgroßvater schüttelte den Kopf. Er schüttelte oft
den Kopf, als gräme er sich. Auf dem Hof
umringten die anderen Kinder Dina.
»Das ist Aliks Uhr!«, sagten sie.
»Nein, meine«, schwindelte Dina. »Unser Urgroßvater war Uhrmacher, bevor er blind wurde. Von solchen Uhren hat er hundert Stück. Er hat mir auch eine geschenkt.«
Die Ärmel hochgekrempelt, kletterte sie
auf die Schaukel. Beim Schaukeln funkelte die Uhr über den ganzen Hof. Die Frau, die Wäsche aufhängte, sah sie, die Katze, die sich in der Sonne wärmte, und der kleine Junge, der in einem Sandhaufen spielte. Selbst der Hauswart fragte Dina, wie spät es sei. Dina wurde verlegen: Sie konnte die Uhrzeit noch nicht ablesen. Notgedrungen tat sie, als hätte sie es sehr eilig, und lief auf den hinteren Hof.
Dort spielten Kinder Volleyball. Dina wollte unbedingt mitspielen, und die anderen ließen sie, wenn auch ungern. Dina konnte nicht richtig Volleyball spielen. Sie hielt die Hände mit gespreizten Fingern hoch und wartete, dass der Ball dagegen prallte. Sie musste lange warten, sie war es schon fast leid, die gespreizten Finger sinnlos in die Luft zu halten. Endlich prallte der lang ersehnte Ball, von neiderfüllter Hand gezielt, mit voller Wucht gegen ihr Handgelenk und die Uhr zersprang in Stücke – das Uhrwerk in die eine Richtung, das Glas in die andere. Das Glas schlug mit kläglichem Klirren auf und tat, in der Sonne aufblitzend, noch einen Hüpfer. An Dinas Handgelenk hing nur noch das Armband mit dem glänzenden Boden.
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