Leseprobe zu "Kleine Vorlesegeschichten von Hexen und Gespenstern"
"Steh doch mal still, du Zappelhexe!" Mama versucht die Krötenbrosche an Josephines Hexenumhang festzustecken. Aber Josephine tippelt aufgeregt von einem Bein aufs andere. Schließlich ist heute ihr Geburtstag und gleich beginnt das Hexenfest, für das schon alles vorbereitet ist: Von der Decke hängen Fledermäuse aus schwarzer Pappe, auf den Fensterbänken stehen ausgehöhlte Kürbisköpfe und vor die Haustür hat Mama ein Schild gehängt. Darauf steht: Josephines Hexengeburtstag.
Endlich klingelt es. Fünf wilde kleine Hexen stehen vor der Tür. Als sie alle um den Geburtstagstisch herum sitzen, pustet Josephine die Kerzen auf der Schokoladentorte aus. Doch da klingelt es schon wieder. "Hast du noch jemanden eingeladen?", fragt Mama erstaunt. Josephine schüttelt den Kopf und schießt zur Tür. Da draußen steht: noch eine kleine Hexe! Sie trägt einen rabenschwarzen Umhang, lila Schnürstiefel und in der Hand hält sie einen Reisigbesen. "Wer bist du denn?", fragt Josephine. Die Hexe tritt in den Flur. "Melpomene Medusina Muramura von Morganien ist mein Name. Aber meine Freunde nennen mich Melly." Josephine starrt das Hexenmädchen an. Will die sie etwa vergackeiern? "Wir kennen nämlich gar keine Melly", sagt Mama, die jetzt hinter Josephine steht. "Wer hat dir denn von diesem Fest erzählt?"
Das Hexenmädchen rollt die Augen. "Spinnendreck und Schneckenspeck!
Da steht doch ein Schild vor eurer Haustür! Würdet ihr mich jetzt zu Tisch
bitten? Ich habe Hunger!" - "Zu Tisch bitte", sagt Josephine schüchtern.
Da setzt sich das Hexenmädchen auf seinen Reisigbesen und fliegt ins
Wohnzimmer, wo es von lautem Gekreische empfangen wird.
"Huhuuuu!" - "Hilfe!" - "Die kann ja fliegen!" - "Bbbist du etwa echt?",
stottert Josephine, als sich das Geschrei gelegt hat. Das Hexenmädchen
runzelt die Stirn. "Klar bin ich echt. Was für eine krötenköterblöde Frage!
Wieso - ihr etwas nicht?" "Na ja ...", setzt Josephine an, doch ihre
Freundin Karlotta unterbricht sie: "Wir sind doch nur verkleidet!"
Die Hexe Melly blickt ungläubig in die Runde. Dann bricht sie in wildes
Gekicher aus. "Ich hab mich schon gewundert, seit wann es mitten in der
Stadt echte Hexen gibt. Aber wo ich schon mal da bin ... darf ich bleiben?"
"Na klar, natürlich!" Nachdem sich Josephine von ihrem Schrecken erholt
hat, ist sie begeistert und auch die anderen klatschen vor Vergnügen in die
Hände. Nur Mama sieht ein bisschen käsig aus, und als sie beginnt, die
Torte anzuschneiden, zittert ihre Hand wie ein Wackelpudding.
"Haalt!", ruft Melly. "Ein echter Hexenkuchen wird im Flug
verteilt." Sie zieht ihren Zauberstab hervor und murmelt:
Abrexus, popexus, krakalu. Spinnen im Schuh. Und Ratten im Keller. Sieben Kuchen fliegen im Nu -auf die Teller!
Mit diesen Worten teilt sich der Kuchen in sieben Stücke, die alle auf den Tellern der Kinder landen. Nur Mellys Stück platscht auf die Tischdecke, denn für sie war ja kein Teller da. Aber das ist dem Hexenmädchen egal. "Mhm, das schmeckt ja noch besser als Omas Würmertorte", schmatzt sie begeistert. Nach dem Essen wünscht sich Josephine das Geburtstagslied Hoch soll sie leben. "Das kenn ich!", ruft Melly und singt von allen Hexen am lautesten: "Sie le-he-be, sie le-hebe, sie lebe dreimal hoch!" Dann schwingt Melly wieder ihren Zauberstab und lässt Josephine samt Stuhl in die Luft schweben. Einmal! Zweimal! Dreimal!
Es wird ein wunderbarer Nachmittag. Melly zaubert giftgrüne Knallfrösche, grellgelbe Schlangeneier und einen kleinen, roten Feuerdrachen, der alle Geburtstagskerzen noch einmal anzündet. Doch das Beste ist: Sie spielen Topfschlagen in der Luft - und dazu darf jedes Kind auf Mellys Hexenbesen fliegen!
Als sich die Hexengäste am Abend verabschieden, sagt Melly: "Und nächstes Jahr lade ich euch ein! Zu meinem 333. Geburtstag in den Hexenwald!" Josephine strahlt. So einen fabelhaft fantastischen Geburtstag hätte sie sich in ihren wildesten Hexenträumen nicht vorgestellt!
Runas Rettung
Runa war das mutigste Hexenkind aus dem gesamten Rabenwald. Sie traute sich in die dunkelsten Höhlen und sie raufte mit den wildesten Zauberern. Und auf der letzten Walpurgisnacht hatte Runa es sogar gewagt, der strengen Oberhexe Schneckenschreck die schwarze Warze von der Nasenspitze wegzuhexen. Hatte Runa denn vor gar nichts Angst? Oh doch - vor einer einzigen Sache: dem Fliegen.
"Fliegen ist mir zu gefährlich", sagte Runa, als sie ihren ersten Hexenbesen geschenkt bekam. Und dabei war es das allerneueste Modell: mit Sicherheitsgurt!
"Versuch es doch wenigstens mal!", drängte ihre Mutter. "Sei doch kein Angstfrosch", spottete ihr Bruder. Und ihr Vater drohte: "Wenn du nicht sofort auf den Besen steigst, gibt es fünf Wochen keine Krötenkekse." Aber Runa schüttelte den Kopf.
"Da kriegen mich keine zehn Raben drauf", sagte sie und dabei blieb es. "Dann dreh ich eben eine Runde ohne dich!", rief Runas bester Freund Rupert, als die beiden mal wieder in den tiefsten Tiefen des Rabenwaldes unterwegs waren. Er richtete seinen Besenstiel himmelwärts und jagte mit einem wilden Satz in die Luft. "Juch-huuu", jubelte Rupert und sah zu Runa herunter. "Wenn du wüsstest, was dir entgeht!" - "Mir doch egal." Runa kickte ein verfaultes Schlangenei vor sich her und versuchte, Ruperts Freudenschreie gar nicht zu beachten. Als sie dann aber doch nach oben blickte, hielt sie vor Schreck den Atem an: Rupert flog direkt auf einen knorrigen Mammutbaum zu, dessen gewaltige Äste wie die langen Arme einer Riesenkrake aussahen. "Pass auf, Rupert!", wollte Runa gerade rufen, doch da war es bereits zu spät. Rupert hatte den Baum nicht rechtzeitig gesehen und war gegen einen der Äste geprallt. Im letzten Moment konnte sich Rupert noch an der äußersten Astspitze festklammern, aber dadurch verlor er den Besen. Der sauste jetzt nach unten und landete direkt vor Runas Füßen.
"Hiiilfe", schrie Rupert, "ich kann mich nicht halten!" "Au weia weia!", jammerte Runa. "Was soll ich nur tun?" Ehe sie weiter darüber nachdenken konnte, machte es über ihr Kraaacks und Knacks - und Rupert schrie noch lauter: "Hilfe, Runa, der Ast bricht ab!" Runa biss sich auf die Lippen. Da knackste es noch einmal, und jetzt hing Rupert nur noch mit einer Hand an dem Ast. "Zu Hiiilfe!!!", schrie er, und "Herrjemine!!!", fluchte Runa. Dann griff sie kurz entschlossen nach dem Besen. Sie stieg auf, hob die Besenspitze an und schoss Huiii in steilem Flug zu ihrem Freund nach oben. Genau im allerletzten Augenblick! Der Ast des Mammutbaumes war bereits abgebrochen, aber Runa hatte den Besen gerade so gelenkt, dass Rupert darauf fallen konnte.
Jetzt saß er hinter Runa, hielt sich an ihrem Rücken fest und schnaufte vor Erleichterung. Und Runa? Die strahlte über das ganze Gesicht, denn plötzlich merkte sie, was für ein Spaß das Fliegen war. "Juchheißa-heeh!", schrie sie und sauste und brauste im Zickzack durch die Lüfte. So schnell und so wild, dass es dem armen Rupert ganz schwindelig wurde. Doch was machte das schon? Runa hatte ihren besten Freund gerettet und gleichzeitig ihre größte Angst besiegt. Wenn das kein Grund war, um durch die Lüfte zu fliegen!
Wildes Hexenwunder
Seit Wochen gibt es bei den jungen Hexen des Wurzelwaldes nur ein einziges Thema: die Hexenprüfung. Jede von ihnen soll ein wildes Hexenwunder hexen: großartig, gefährlich und ganz und gar gemein. Simsa übt kreischende Kugelblitze, Xarah einen fauchenden Feuerfluch und Walli hat sich einen zischenden Zaubertrank mit grässlich grünen Giftgurken ausgedacht. Nur Abra weiß nicht, was in aller Hexenwelt sie hexen soll.Einen tanzenden Troll? Einen fliegenden Fliegenpilz? Eine rabenschwarze Rennschnecke? Die anderen Hexen rümpfen die Nasen und erinnern Abra noch einmal daran, wie ein wildes Hexenwunder auszusehen hat: großartig, gefährlich und ganz und gar gemein. Abra grübelt, bis ihr Hexenkopf ganz durcheinander ist. Am Abend vor der Prüfung träumt sie von einer rosaroten Wattewolke, und als ihr Rabe Ratzeputz sie am nächsten Morgen aus dem Schlaf krächzt, hat Abra noch immer keine Idee. Mit gesenktem Kopf macht sie sich auf den Weg Rübenhügel, wo die Oberhexe die jungen Hexen erwartet.
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