»Der beste Morpurgo aller Zeiten.« Observer
 | Besprechung von 13.10.2009 |
Auf gefährlichen Pfaden über die Grenze
Kein Kapitel der Zeitgeschichte ist in der Kinder- und
Jugendliteratur umfangreicher dokumentiert worden als der
Holocaust. Und doch weist Michael Morpurgo mit seinem bewegenden
Roman „Warten auf Anya” auf ein Szenario dieser Zeit hin, das in
der deutschsprachigen Jugendliteratur – sieht man einmal von Lisa
Fittkos berühmten Erinnerungen: „Mein Weg über die Pyrenäen” ab –
nicht sehr bekannt ist.
Es geht um die Flucht vieler Juden aus dem besetzten Frankreich
über die Pyrenäen nach Spanien, die ohne ihre selbstlosen Helfer
nicht möglich gewesen wäre. Morpurgos Geschichte spielt in den
letzten Jahren des zweiten Weltkriegs in einem kleinen Grenzdorf in
den Pyrenäen. Hier lebt der 12jährige Jo mit seiner Familie. Sein
Vater und alle jüngeren Männer des Dorfes mussten in den Krieg
ziehen, und zusammen mit seinem Großvater kümmert Jo sich um den
Familienhof und hütet die Schafe. Eines Tages trifft er nach einer
Bärenjagd der Dorfbewohner einen Fremden, der ein nun mutterloses
Bärenkind rettet und auf den einsam gelegenen Hof der sogenannten
Schwarzen Witwe, einer im Dorf nicht sehr beliebten, …
 | Besprechung von 04.11.2009 |
LIES DOCH MAL:Rettung: Der zwölfjährige Jo lebt in einem französischen Dorf in den Bergen. Seit sein Vater im Zweiten Weltkrieg ist, kümmert er sich mit seiner Mutter um den Hof. Eines Tages begegnet Jo beim Schafehüten ein geheimnisvoller Fremder. Nach und nach findet er heraus, dass dieser Jude ist und jüdische Kinder in den Bergen versteckt. Dann besetzen deutsche Soldaten das Dorf. Sie haben den Befehl, versteckte Juden sofort in die Konzentrationslager der Nazis zu schicken. Die Geschichte geht nicht ganz und gar gut aus. Was sie so großartig macht, ist vor allem ihr Held: Jo, der nicht lange fragt oder sich von Angst lähmen lässt, sondern einfach tut, was getan werden muss. Dabei unterstützt ihn ein deutscher Soldat, so dass es in diesem aufregenden Roman nicht wie sonst häufig nur "gute Franzosen" und "böse Deutsche" gibt.
steff.
Michael Morpurgo: "Warten auf Anya". Carlsen Verlag. 172 Seiten, 12,90 Euro. Ab 12 Jahre
Schatzsuche: Anastasia darf mit ihrem Vater, einem Archäologie-Professor, und ihrem Hund Schliemann nach Mexiko-Stadt fliegen, wo ursprünglich die indianischen Azteken lebten. Schon im Flugzeug wird der …
Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension
Sieglinde Geisel bringt eine gut verständliche Zusammenfassung der Geschichte als Rezension. Michael Morpurgos Geschichte über den Jungen Jo, der während des Zweiten Weltkriegs in einem Pyrenäendorf Mut beweist, indem er jüdischen Kindern bei der Flucht vor den deutschen Besatzern behilflich ist, begreift sie als unaufdringliche Charakterstudie. Gefallen haben ihr die präzise Diktion und das schnelle Tempo, das Differenzierungen dennoch nicht übergeht. Wie Morpurgo seinen Figuren bei aller Knappheit Leben einhaucht und sie auf wenigen Seiten in ein dichtes Beziehungsnetz stellt, hat Geisel schwer beeindruckt.
© Perlentaucher Medien GmbH
Michael Morpurgo geht es immer um wunderbare Rettung. Und es geht oft um Krieg oder andere schreckliche Erfahrungen, denen die Helden ausgesetzt sind. Aber seine Bücher sind trotzdem vor allem wunderschön zu lesen, denn dieser Autor gefällt sich nicht in den Schilderungen gewalttätiger, blutrünstiger Szenen. Seine Art, Spannung zu erzeugen, zeichnet sich besonders dadurch aus, dass die Leser nicht umhin kommen, die Hauptfiguren als absolut integer und liebenswert zu empfinden, und deshalb mit ihnen zu zittern, zu bangen und zu hoffen. In diesem Fall geht es um Jo, einen Bauernjungen, dessen Vater im Zweiten Weltkrieg in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten ist. Er und der Großvater müssen deshalb für den Hof sorgen. Schon auf den ersten Seiten ist klar, dass sich jeder Leser mit diesem aufgeweckten, mutigen Kerl nahtlos identifizieren mag. Denn auch wenn vollkommen klar ist, dass ein Bauer seine Schafe vor einem Bären retten und den Bären töten muss, so ist ebenso klar, dass zumindest jedes Kind mit Jo zusammen das Bärenjunge schützen will. Aber diese Rettung ist nur der Auftakt. Im Laufe der Geschichte geht es um zwölf jüdische Kinder, die sich in einer Höhle vor den Nazis verstecken und die über die spanische Grenze gebracht werden müssen. Aber nicht so schnell. Morpurgo ist ein Meister des Aufbaus einer unendlichen Spannung, die sich durch das zermürbende Warten, die Schwierigkeit, diese Kinder zu ernähren und natürlich die Gefahr, in der sich die Helfer befinden, ganz langsam steigert. Dabei gelingt es ihm, sogar die deutschen Offiziere, die eigentlich Todfeinde unserer Helden sind, menschlich differenziert zu schildern und damit den Lesern zu zeigen, dass es immer möglich ist, selbstverantwortlich zu handeln und sich für das Leben zu entscheiden. Vor allem aber geht es darum, dass Menschen und Tiere manchmal nicht anders können, als so zu handeln, wie es ihnen ihre Natur vorgibt. Wenn dann also ausgerechnet das Bärenjunge mit seinem Retter spielen will, während der versucht, ein traumatisiertes Kind zu verstecken, und wenn dieses Kind beim Anblick des vermeintlichen Raubtieres in heilloses Schreien ausbricht, dann können das die Soldaten, die vielleicht gerne ein Auge zugedrückt hätten, einfach nicht überhören. Manchmal ist die Frage der Schuld eben schwer zu beantworten - Jo jedenfalls wird sich sein Leben lang damit quälen: Wenn er das Bärenjunge nicht gerettet hätte... Das Ende der Geschichte ist traurig, auch wenn die zwölf Kinder gerettet werden. Und doch macht es seine Leser nicht unglücklich, denn die wissen, dass Jo richtig gehandelt hat - und mehr kann man nicht tun in einer solch schrecklichen Zeit. (Rezension von Gabriele Hoffmann aus dem LibriFachkatalog Harry & Pooh 2009/2010)
Michael Morpurgo, geboren 1943 in London; lange Zeit tätig als Lehrer, bevor er mit seiner Frau in Devon das Projekt "Bauernhöfe für Stadtkinder" ins Leben rief, das sie inzwischen seit über zwanzig Jahren leiten. Zahlreiche Kinderbuch-Veröffentlichungen, davon diverse ausgezeichnet.
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