Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
Rezensentin Silke Schnettler kann Jana Scheerers Roman "Mein innerer Elvis" jungem und älterem Publikum gleichermaßen empfehlen. Erwachsene Leser fänden hier eine herrlich schrullige Familiengeschichte um einen pubertierenden Teenager, einen cholerischen Vater und eine analysierfreudige Mutter und Familientherapeutin, so Schnettler. Jüngeren Leser hingegen biete die Geschichte um die fünfzehnjährige, pummelige Antje, die aufgrund ihrer brennenden Liebe zu Elvis Presley von ihren Mitschülern als "Freak" ausgeschlossen wird, einen ebenso humorvollen wie präzisen Einblick in das Erwachsenwerden. Wenn Antje bei einem Amerika-Urlaub mit ihren Eltern schließlich ausbricht, um an Elvis 30. Todestag nach Graceland zu trampen und sich dabei mit der überdrehten Austauschschülerin Nelly konfrontieren muss, liest die Rezensentin den "schönsten" Teil dieses außergewöhnlichen Romans.
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 | Besprechung von 12.11.2011 |
Ich bin deine Freundin, du Vollidiot!Schnulzen in der Butterdose: Jana Scheerer pilgert nach Graceland und findet sich selbstMan kann darüber streiten, ob "Mein innerer Elvis" ein Jugendroman ist. Der Schöffling-Verlag hat das Buch im Erwachsenen-Programm. Und bei Lesungen der Autorin Jana Scheerer sitzt oft ein erwachsenes Publikum. Das passt auch, weil das Buch eine verschrobene Familiengeschichte ist, in der die Eltern der fünfzehnjährigen Ich-Erzählerin Antje eine tragende Rolle spielen - der cholerische Vater und die alles analysierende Mutter, von Beruf Paar- und Familientherapeutin.
Und doch: "Mein innerer Elvis" ist ein Roman gerade für junge Leser. Nur selten findet man ein Buch, das so genau, geradezu erbarmungslos und dennoch auch so witzig davon erzählt, was es heißt, erwachsen zu werden. Was Jana Scheerer schreibt, ist im Kern realistisch. Doch sie dreht die Schraube ein bisschen weiter und entstellt dadurch die Dinge bis zur Kenntlichkeit.
Die pummelige Ich-Erzählerin Antje ist ein glühender Elvis-Presley-Fan. Sie glaubt fest daran, dass ihr Idol seinen Tod nur vorgetäuscht hat und noch lebt. Ihre …
Ich bin deine Freundin, du Vollidiot!
Schnulzen in der Butterdose: Jana Scheerer pilgert nach Graceland und findet sich selbst
Man kann darüber streiten, ob "Mein innerer Elvis" ein Jugendroman ist. Der Schöffling-Verlag hat das Buch im Erwachsenen-Programm. Und bei Lesungen der Autorin Jana Scheerer sitzt oft ein erwachsenes Publikum. Das passt auch, weil das Buch eine verschrobene Familiengeschichte ist, in der die Eltern der fünfzehnjährigen Ich-Erzählerin Antje eine tragende Rolle spielen - der cholerische Vater und die alles analysierende Mutter, von Beruf Paar- und Familientherapeutin.
Und doch: "Mein innerer Elvis" ist ein Roman gerade für junge Leser. Nur selten findet man ein Buch, das so genau, geradezu erbarmungslos und dennoch auch so witzig davon erzählt, was es heißt, erwachsen zu werden. Was Jana Scheerer schreibt, ist im Kern realistisch. Doch sie dreht die Schraube ein bisschen weiter und entstellt dadurch die Dinge bis zur Kenntlichkeit.
Die pummelige Ich-Erzählerin Antje ist ein glühender Elvis-Presley-Fan. Sie glaubt fest daran, dass ihr Idol seinen Tod nur vorgetäuscht hat und noch lebt. Ihre Klassenkameraden ziehen sie auf, ob sie in der Butterbrotdose Schmalzstullen oder Schmalzschnulzen habe. Antjes Mutter tut die Elvis-Liebe ihrer Tochter damit ab, so eine Schwärmerei sei die gesunde Vorstufe einer tatsächlichen sexuellen Beziehung. Und ihr Vater findet die "Omamusik" nur "affig".
Antje aber lebt ganz gut mit der Freak-Rolle. Sie passt zu ihrem Selbstbild, überall die Außenseiterin zu sein. Als die Familie Amerika-Urlaub macht, büxt Antje aus und will zu Elvis dreißigsten Todestag am 16. August 2007 nach Graceland trampen. Dass sie an diesem Tag auch Geburtstag hat, hält sie für ein Zeichen, dass sie den King dort treffen wird.
Begleitet wird Antje von Nelly aus Pittsburgh, die mal als Austauschschülerin in Antjes Klasse war. Nelly ist so ziemlich die blödeste Ziege der Welt. Sie macht Antje fertig, zockt eine hilfsbereite Oma ab, klaut im Supermarkt. Und doch ist die Ausreißer-Tour der beiden der schönste Teil des Buches. Wenn ein Freund jemand ist, der einem hilft, man selbst zu werden, dann ist Nelly die beste Freundin, die Antje je hatte.
Antjes Strategie geht so: stillhalten und sich schämen. Nelly ist für sie eine Art Konfrontationstherapie. Nichts tun ist nun mal ungünstig, wenn man an der Supermarktkasse feststellt, dass man einen geklauten Campingkocher im Rucksack hat - vor allem, wenn das im selben Moment auch zwei Sicherheitskräfte in Bomberjacken merken. Ähnlich verhält es sich, als sich die pummelige Antje zum hundertsten Mal von Nelly anhören musste, dass sie "ein fetter Idiot" sei. Irgendwann schmeißt sich Antje endlich auf sie und stellt klar: "Du wirst nie wieder Idiot zu mir sagen."
Nelly wiederum erklärt Antje später, sie finde sie gar nicht dick. Doch sie handele nun mal nach dem Grundsatz: "Finde ihren Schwachpunkt, bevor sie deinen finden." Dass sich Antje das nicht zu eigen machen will, findet Nelly schwach. "Ich bin nicht schwach", sagt Antje, "ich bin deine Freundin, du Vollidiot!" Bevor Nelly reagieren kann, schüttet Antje ihr Kaffee ins Gesicht und geht. Als es sentimental zu werden droht, bricht Scheerer die Stimmung. Zum Glück.
Gegen Ende wird die Geschichte märchenhaft. In Graceland trifft Antje einen alten Mann mit Baseballkappe. "Hi, Mr. Presley", sagt sie. "Hi, Antje", antwortet er. Als die beiden ins Gespräch kommen, hat der Mann mit den Koteletten keine Antworten für Antje, sondern selbst Fragen. Ist er echt? Das spielt keine große Rolle mehr. Irgendwo auf ihrer Reise hat Antje den titelgebenden "inneren Elvis" gefunden.
SILKE SCHNETTLER
Jana Scheerer: "Mein innerer Elvis".
Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2010. 248 S., geb., 17,95 [Euro]. Ab 14 J.
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Jana Scheerer, geboren 1978 in Bochum, heute Studium der Germanistik, Amerikanistik und Medienwissenschaften in Potsdam. Stipendiatin der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin, ausgezeichnet 2004 mit dem Literaturpreis Prenzlauer Berg. Die Autorin lebet in Berlin.