Die Geschichte des Dritten Reiches - Körner, Torsten

Torsten Körner 

Die Geschichte des Dritten Reiches

Illustrator: Reimers, Silke
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Die Geschichte des Dritten Reiches

" Klar und eindringlich" Welt am Sonntag
ab 12 Jahre
Hattet ihr Angst vor Hitler? Konnte man nicht wissen, welche Verbrechen die Nationalsozialisten vorbereiten? Mit welchen Gefühlen seid ihr in den Krieg gezogen? Als Torsten Körner diese Fragen stellt, ist niemand mehr da, der sie ihm beantworten kann.

So wie ihm geht es heute den meisten Jugendlichen: Ihre Fragen zum Dritten Reich, dem Holocaust und dem Zweiten Weltkrieg bleiben ohne Antwort. Torsten Körner stellt in diesem Buch die wichtigsten Fakten aus Politik und Alltag Nazideutschlands zusammen. Schlicht, anschaulich und eindringlich erzählt er vom Leben im Dritten Reich und macht deutlich, warum uns dieser Abschnitt unserer Vergangenheit noch lange beschäftigen wird.


Produktinformation

  • Verlag: Campus Verlag
  • 2008
  • 3. Aufl.
  • Ausstattung/Bilder: 172 S. m. farb. Illustr. v. Silke Reimers.
  • Seitenzahl: 172
  • Altersempfehlung: ab 12 Jahren
  • Deutsch
  • Abmessung: 247mm x 177mm x 19mm
  • Gewicht: 558g
  • ISBN-13: 9783593385396
  • ISBN-10: 3593385392
  • Best.Nr.: 23846328
"A lucid, penetrating and comprehensive look." Welt am Sonntag
Torsten Körner, geb. 1965 in Oldenburg, studierte nach dem Abitur Theaterwissenschaft und Germanistik. Nach dem Studium promovierte er mit einer Arbeit über Heinz Rühmanns Filme der fünfziger Jahre und arbeitet seither als freiberuflicher Autor und Journalist. Der dreifache Vater schreibt Medien- und Fernsehkritiken und ist seit vielen Jahren Juror des angesehenen Grimme Preises.

Leseprobe zu "Die Geschichte des Dritten Reiches" von Torsten Körner

Vorwort

Viel gesprochen hat er nie. Einen Tag nach meinem elften Geburtstag zog mein Großvater zu uns. Er war sehr krank, sein Gesicht war grau, gelblich, manchmal zitterten seine Hände, wenn er sich eine Zigarette ansteckte. Ob er mit meinem Bruder oder meiner Schwester mehr gesprochen hat als mit mir, weiß ich nicht, ich glaube es aber nicht. Immerhin war ich der einzige in der Familie, der sich zusammen mit ihm alle Fußballspiele im Fernsehen anschaute. Da waren wir Verbündete. Er saß dann weit vorgebeugt auf seinem Stuhl, riss und kaute nervös an den Fingernägeln. Er schimpfte: "Kannste vergessen. So nicht. Flaschen. Nee, nee, das wird nichts mehr!" Er glaubte eigentlich nie daran, dass unsere Mannschaft gewinnen könnte. Mich machte das wirklich wütend. "Hör auf! Sei doch mal still!" sagte ich und sah ihn böse von der Seite an. Er blickte auf den Bildschirm und schien mich gar nicht zu bemerken.

An meinem sechzehnten Geburtstag ist mein Großvater gestorben. War ich traurig? Ich hatte ihn kaum gekannt. Meine Mutter sagte: "Es ist wegen dem Krieg. Der Krieg hat ihn so gemacht." Mein Großvater hatte im Zweiten Weltkrieg in Russland gekämpft, er war gefangengenommen worden und erst nach fünf Jahren Kriegsgefangenschaft nach Hause zurückgekehrt. In der Gefangenschaft hatte er eine Krankheit bekommen, die seine Leber stark angriff. Daran war er schließlich auch gestorben. Als ich ihn einmal danach fragte, was er denn im Krieg erlebt habe, erzählte er mir von einem wilden Bären, den er und seine Kameraden damals gefangen hätten. Sonst nichts.

Erst viele Jahre später habe ich begriffen, dass das Leben meines Großvaters und die Bilder vom Krieg, die ich aus dem Fernsehen kannte, zusammengehörten. Mir war das vorher nie klar gewesen, obwohl ich diese Kriegsbilder sehr häufig gesehen hatte. Man blickte aus der Perspektive eines Flugzeugpiloten auf die Städte. Bomben, die wie schwarze Fische aussahen, fielen tiefer und tiefer. Manchmal konnte man sehen, wie sie auf dem Boden einschlugen. Dann sah man zerstörte Häuser, Ruinen überall, Trümmer. Menschen flüchteten. Sie zogen Handkarren hinter sich her, Mütter trugen winzige Kinder auf den Armen, alte Menschen schlurften ganz langsam an der Kamera vorbei oder saßen mit leeren Gesichtern auf Wagen, die von Pferden gezogen wurden. Die Flüchtlinge fürchteten sich vor den feindlichen Soldaten. Waren es deutsche oder russische Soldaten, die im Anmarsch waren? War mein Großvater ein Soldat, vor dem andere Menschen flüchten mussten? Hatte er andere Menschen getötet?

Es waren aber nicht nur die Bilder von Soldaten, flüchtenden Menschen und zerstörten Städten, die mir in Erinnerung blieben. Zu den Bildern kamen Wörter. Die Sprecher im Fernsehen sagten "Verbrechen", "Gaskammer" oder "Auschwitz". Dazu sah ich Bilder, die aus einer ganz anderen Welt zu kommen schienen, die mit meiner Welt wahrscheinlich nichts zu tun hatte. Oder doch? Ein Schaufelbagger schob menschliche Körper zusammen, als ob sie nur Müll seien. In einer Grube lagen Menschen, wild übereinander geworfen, Arme, Beine, Köpfe, alles unnatürlich verdreht.

Der Sprecher sagte, diese Menschen seien Juden gewesen und deshalb habe Hitler sie ermorden lassen. Plötzlich sah man Menschen, die Hitler zujubelten, sie riefen "Heil Hitler" und hoben den rechten Arm mit ausgestreckter Hand. Es waren Tausende, Zehntausende, die mit kleinen Fähnchen winkten, die sich nach vorne drängelten, um die glänzende Limousine des Führers besser sehen zu können. Hitler stand aufrecht in dem großen offenen Wagen, hielt sich vorne an der Scheibe fest und grüßte mit erhobenem Arm. Was hatten diese fröhlichen und begeisterten Menschen mit den Leichen zu tun, die übereinandergeworfen in den Gruben oder auf Haufen lagen? Hatten auch sie die Juden gehasst?

Unser Geschichtslehrer hatte noch als Siebzehnjähriger im Zweiten Weltkrieg kämpfen müssen. An der rechten Hand fehlten ihm zwei Finger, die ihm von einer Bombe abgerissen worden waren. Im seinem Unterricht erfuhr ich etwas über das "Dritte Reich". Dass es von 1933 bis 1945 gedauert habe. Am 30. Januar 1933 sei Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt worden, am 30. April 1945 habe er sich in seinem unterirdischen Bunker in Berlin eine Kugel in den Kopf geschossen. Was war in diesen zwölf Jahren geschehen? Die Deutschen und ihr Führer hatten über ganz Europa Krieg und Terror gebracht. Hitler entfesselte den Zweiten Weltkrieg, in dem mindestens 55 Millionen Menschen getötet wurden, so viele wie heute in den alten Bundesländern leben. Mehr als sechs Millionen Menschen wurden von den Deutschen umgebracht, nur weil sie Juden waren. Ich lernte, dass die Nationalsozialisten diesen millionenfachen Mord "die Endlösung" nannten. Was hatten ihnen die Juden getan?

Und wer genau waren eigentlich die Nationalsozialisten?[...]

Leseprobe zu "Die Geschichte des Dritten Reiches" von Torsten Körner

Die Vorgeschichte (S. 13)

Die Revolution

Natürlich hat das Dritte Reich eine Vorgeschichte, es ist den Deutschen nicht urplötzlich auf den Kopf gefallen, und es hätte durch aus verhindert wer den können. Um zu verstehen, wie es zum Erfolg Hitlers und des Nationalsozialismus kommen konnte, müssen wir uns zuerst klar machen, warum die Weimarer Republik scheiterte. Hitlers Aufstieg zur Macht ist eng mit der Zerstörung dieser ersten deutschen Demokratie verbunden. Wie kam es dazu? Blicken wir zunächst zurück auf den Ersten Weltkrieg: Im Spätherbst 1918 dauerte der Krieg bereits über vier Jahre.

Jubelnd wie fast alle an deren europäischen Nationen auch waren die Deutschen unter ihrem Kaiser Wilhelm II. im August 1914 gegen Frankreich, Russland und England ins Feld gezogen. Man hatte gehofft, de Gegner in einem schnellen Krieg besiegen zu können, doch es folgte ein endloser, zermürbender Kampf. Dabei wurden Millionen Soldaten getötet, verstüm melt. Viele der überlebenden Männer wurden seelisch niemals mehr gesund, so furchtbar waren ihre Erlebnisse in den grausamen Schlachten. Jetzt waren die Deutschen müde und niedergeschlagen.

Sie wurden von Tag zu Tag unzufriedener. Ein Teil der Arbeiterbewegung, die unabhängigen Sozialdemokraten (USPD), hatte schon lange gegen den Krieg protestiert. Im September 1918 forderten sogar die kriegsbegeisterten Generäle, die immer gegen Friedensverhandlungen gewesen waren, einen Waffenstillstand.

Die Ungeduld der Bevölkerung wuchs: Macht endlich Schluss mit dem Krieg! Gebt uns etwas zu essen! Wofür sind unsere Söhne und Männer gestorben! Der Kaiser muss weg! Überall waren solche Rufe zu hören, als am 28. Oktober mehrere tausend Matrosen in Wilhelmshaven rebellierten. Sie verweigerten den Befehl, für ein letztes Gefecht mit ihrer Flotte auszulaufen. Sie wollten nicht sinnlos sterben.

Zwar verhaftete man etwa tausend Matrosen, aber der Aufruhr war jetzt nicht mehr aufzuhalten. In Kiel protestierten Soldaten gegen die Verhaftung ihrer Kameraden, es kam zu Schießereien, die Offiziere wurden überwältigt, und am Abend des 4. November beherrschten die auf ständischen Matrosen und Soldaten die Stadt.

Von Kiel aus verbreitete sich der Umsturz im ganzen Kaiserreich. Die Arbeiter schlossen sich den Soldaten an, schnell wurden Arbeiter- und Soldatenräte gebildet. Die Räte wurden an der Basis in den Betrieben und Kasernen gewählt und sollten die politischen Rechte der Arbe ter und Soldaten sichern und wahrnehmen. Mitglieder der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften übernahmen auf örtlicher Ebene das Kommando, niemand wollte mehr auf einen Befehl von oben warten. Die alten Mächte, die Monarchisten, sahen tatenlos zu.

Die Werkzeuge ihrer Macht, die Polizei und das Militär, griffen nicht ein. Wilhelm II. aber wollte nicht abdanken. Doch niemand glaubte mehr an die Zukunft die ses Kaisers. So floh er schließ lichnach Holland. In zwischen war die revolutionäre Welle am 9. November auch in Berlin angekommen. Der letzte kaiserliche Reichskanzler Prinz Max von Baden gab auf eigene Faust die Abdankung des Kaisers bekannt und er nannte – ohne dafür die Befugnis zu haben – Friedrich Ebert, den Führer der SPD, zum Reichskanz ler.

Die politische Entwicklung Deutschlands war zu diesem Zeitpunkt noch völlig unklar und stark umkämpft. Würde Deutschland eine Monarchie bleiben? Oder würden sich die Kräfte durch setzen, die die Errichtung einer sozialistischen Räterepublik forderten? In dieser gespannten Situation rief der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann am 9. Novem ber 1918 gegen 14 Uhr die »Deutsche Republik« aus. Nur zwei Stunden später verkündete der Sozialist Karl Liebknecht die »freie sozialistische Republik«.

Erst in den nächsten Monaten setzten sich innerhalb der zerstrittenen SPD die Politiker um Ebert und Scheidemann durch, die eine parlamentarische Republik errichten wollten. Mit Hilfe der alten Armee und der neu gebildeten Kampfverbände, der Freikorps, bekämpfte Ebert als Führer einer Übergangsregierung radikale Sozialisten und Kommunisten.

Der Aufstand der radikalen Linken wurde im Januar 1919 mit großer Brutalität niedergeschlagen. Der Bund der Regierung mit den alten Mächten der Monarchie verhinderte, dass die Revolution die deutsche Gesellschaft entschiedener veränderte. Eine Reichskonferenz der Arbeiter- und Soldatenräte, die die zu künftige Gestaltung Deutschlands bestimmen sollte, entschied am 20. Dezember 1918 mit großer Mehrheit, dass am 19. Januar 1919 eine verfassunggebende Nationalversammlung zu wählen sei. Damit war der Weg für eine parlamentarische Demokratie freigeworden.

Inhaltsangabe

- Vorwort
- Die Vorgeschichte
- Hitler auf dem Weg nach oben
- Wer hat die Weimarer Republik zerstört?
- Machtübergabe und Machtergreifung
- Der Hitlerstaat
- Jugend im Dritten Reich
- Auch das war Alltag im Dritten Reich
- Vom Rassenwahn zum Holocaust
- Hitlers Krieg
- Lässt sich die Vergangenheit bewältigen?
- Nachwort
- Zeittafel
- Glossar
- Bücher zum Weiterlesen

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