Fallstreifen - Bleutge, Nico

Nico Bleutge 

Fallstreifen

Gedichte

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Fallstreifen

Das Gedächtnis ist ein stummes Archiv, in das nur die Erinnerung und die Wörter Leben hineinbringen. Doch das Erinnern liefert keine festen Bilder oder Geschichten, es sind nur Späne, Sprachsplitter und kleine Impulse, die aufleuchten, um sich bald schon zu verändern. Nico Bleutges Gedichte folgen dieser Bewegung mit ihrem Rhythmus und ihrem Klang, immer nah an der Wahrnehmung, immer nah an den Rißlinien von Sprache und Welt: 'was sich da häutet, / schichtet, nah sich aufeinander schiebt. / das kriecht die wirbel noch entlang, / drückt nach in den knochen'. In seinem zweiten Band erkundet der junge Lyriker zwischen eigener Geschichte und Land-schaften das Terrain der Erinnerung, über die Uwe Johnson einmal geschrieben hat, sie gleiche einer mächtigen grauen Katze hinter Fensterscheiben, unnahbar, stumm und verlockend. Und er knüpft da an, wo er mit seinem vielgelobten Erstling 'klare konturen' aufgehört hat. Seine neuen Gedichte führen in die Vergangenheit hinein, machen historische Schichten und Stimmen lesbar, von der Zeit des Barock bis zu den Resten des Zweiten Weltkriegs auf der Insel Sylt. In einem unverwechselbaren Ton zeigen die Verse so, was ein Gedicht eigentlich leisten kann: Feineinstellungen an Sprache und Wahrnehmung.


Produktinformation

  • Verlag: Beck
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 78 S.
  • Seitenzahl: 78
  • Deutsch
  • Abmessung: 207mm x 128mm x 15mm
  • Gewicht: 185g
  • ISBN-13: 9783406576874
  • ISBN-10: 3406576877
  • Best.Nr.: 23519251

Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Nachdem Nico Bleutges Lyrikdebüt "klare konturen" Sibylle Cramer bereits restlos überzeugt hatte, ist auch sein zweiter Lyrikband "fallstreifen" nur dazu angetan, sie zu begeistern. Der Lyriker geht in seinem jüngsten Buch über die vom "bewegten Auge" gemachten Wahrnehmungen hinaus und spürt der fragmentarischen und zufälligen Arbeit des Erinnerns nach. Wie schon in Bleutges erstem Gedichtband ergibt sich kein rundes Ganzes, Erinnerung wird mit der Formlosigkeit und Ungreifbarkeit von Staub verglichen und in außerordentlich "kleinteiligen" Gedichtstrukturen zu fassen gesucht, stellt Cramer fest. Heraus kommen "authentische Späne, Splitter, Fetzen", die Bleutge beeindruckend "formsicher" und "hochreflektiert" in Sprache gießt, schwärmt die Rezensentin.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 27.09.2008

Das sprechende Auge
Auf der Höhe: Nico Bleutges Gedichtband „fallstreifen”
Mal freundschaftlich, mal grob rivalisieren sie derzeit in der deutschsprachigen Lyrik um den Vorrang: das Auge und das Ohr. Der Rhythmus zieht alle Register, um im Poetry Slam zu punkten. Vor Publikum wird er gern zum Schlagzeuger, der die Sprache im schnellen Beat über die Bühne treibt, tänzelnd über halsbrecherischen Reimen. Aber auch auf dem Papier umschmeichelt er die inneren Ohren seit geraumer Zeit wieder mit allem, was er aufzubieten hat. Und dazu gehören längst auch wieder die alten Strophenformen und klassischen Versmaße, bis hin zum Alexandriner.
Der Lyriker Nico Bleutge, 1972 in München geboren, hat schon in seinem Debütband keinen Zweifel daran gelassen, wo er hinwill: „Klare Konturen” (2006) hieß das schmale Buch. Nicht nur in den Gedichttiteln – „peilung”, „nachmittag, wechselnde sicht”, „honigwarme pupillen” – war das Auge allgegenwärtig. Die Gedichte selber traten so auf, als gäbe es das imaginäre Wesen, das in der modernen Lyrik souverän jedes Metrum und jeden Reimzwang außer Kraft setzt: das sprechende Auge.
Keine …

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Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 15.10.2008

Aus der Luft gegriffen
Kraut und Rüben gleich Gedicht? Rühmkorf irrte: Nico Bleutge triumphiert mit Naturlyrik / Von Wulf Segebrecht

Wer Wolken, Luft und Winden in seinen Gedichten so viel Raum gibt und so viel Aufmerksamkeit schenkt wie Nico Bleutge, der sieht sich schnell als Naturlyriker identifiziert - eine Zuordnung, der, allen Bemühungen um eine Erneuerung der Naturlyrik zum Trotz, nicht erst heutzutage der Geruch von Biederkeit und Harmlosigkeit anhaftet, so dass sie zur Diffamierung geraten kann. Schon vor mehr als fünfzig Jahren spottete Gottfried Benn über die "Bewisperer von Gräsern und Nüssen"; ihm folgend, entdeckte Peter Rühmkorf in der Naturlyrik der Nachkriegszeit ironisch nur noch die "Anmut dürftiger Gebilde: / Kraut und Rüben gleich Gedicht".

Es lastet also eine beachtliche Hypothek auf dem Terrain. Wer dieses Grundstück heute für sich wieder erwerben will, muss schon erhebliche Talente aufwenden und beachtliche Erneuerungen zu bieten haben. Solche Vorzüge kann man Bleutges Gedichten unbedingt attestieren: Die Emphase der höchsteigenen Entzückung angesichts der Naturphänomene, wie sie uns beispielhaft in Goethes …

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Nico Bleutge, 1972 in München geboren, studierte Germanistik, Allgemeine Rhetorik und Philosophie in Tübingen, wo er auch lebt. Er arbeitet als Lyriker, Essayist und Literaturkritiker. Er erhielt u. a. den ersten Preis beim open mike 2001, den Wolfgang-Weyrauch-Preis 2003, das Hermann-Lenz-Stipendium 2006 und den Anna Seghers-Preis 2006.

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