Eine Frage der Zeit - Capus, Alex

Alex Capus 

Eine Frage der Zeit

Roman

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Eine Frage der Zeit

Alex Capus besitzt eine wunderbare Doppelbegabung", hieß es in einer Sendung des Hessischen Rundfunks treffend, "er recherchiert nicht nur gut und genau, er kann auch verdammt gut erzählen." In seinem neuen Roman stellt Alex Capus seine Doppelbegabung erneut unter Beweis. Kraftvoll und unprätentiös erzählt er eine ganz unglaubliche, doch wahre Geschichte, in der es um die alte Frage geht, wie man unter der Macht der Umstände ein Leben in Anstand und Würde führen kann.

Drei norddeutsche Werftarbeiter werden 1913 von Kaiser Wilhelm II. beauftragt, ein Dampfschiff in seine Einzelteile zu zerlegen und am Tanganikasee südlich des Kilimandscharo wieder zusammenzusetzen. Der Monarch will damit seine imperialen Ansprüche unterstreichen. Die drei Männer fahren nach Deutsch-Ostafrika mit der Aussicht auf guten Verdienst, lassen sich bezaubern von der exotischen Kulisse und der schönen Gouverneurin, geraten aber rasch in das gewalttätige Räderwerk des Kolonialismus, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Zur gleichen Zeit beauftragt Winston Churchill den exzentrischen, aber liebenswerten Oberleutnant Spicer Simson, zwei Kanonenboote über Land durch halb Afrika an den Tanganikasee zu schleppen. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, liegen sich Deutsche und Briten an seinen Ufern gegenüber. Keiner will, aber jeder muss Krieg führen vor der pittoresken Kulisse des tropischen Sees. Alle sind sie Gefangene der Zeit, in der sie leben, und jeder hat seine eigene Art, damit fertig zu werden.



Produktinformation

  • Verlag: Knaus
  • 2007
  • Ausstattung/Bilder: 2007. 301 S.
  • Seitenzahl: 304
  • Deutsch
  • Abmessung: 209mm x 134mm x 30mm
  • Gewicht: 443g
  • ISBN-13: 9783813502725
  • ISBN-10: 3813502724
  • Best.Nr.: 22793691
"Was Alex Capus interessiert, sind ganz alte Themen: die Verheißungen und Hindernisse des Glücks." (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 24.12.2007

Schiffe versenken

Deutsche Kolonialträume bieten seit je auch Stoff für komische Geschichten. Der Schweizer Alex Capus erzählt von einer übergeschnappten Gewalttour in Ostafrika.

Alex Capus hat ein sicheres Gespür für Trends. Sein neuer Roman "Eine Frage der Zeit" präsentiert eine Verquickung zwischen historischem Roman und Abenteuergeschichte - beides Genres, die derzeit in der deutschen Literatur fest zum Repertoire gehören. Indem er ein skurriles Kapitel deutscher Kolonialgeschichte beleuchtet, katapultiert sich der Schweizer Schriftsteller gleichzeitig aus dem traditionellen Stoffspektrum der helvetischen Literatur und verfolgt eine eigene Fährte. Inspiriert zu seinem Stoff wurde er zweifellos von Werner Herzogs Film "Fitzcarraldo", in dem ein exzentrischer Abenteurer und Opernliebhaber in einem irrsinnigen Kraftakt einen Flussdampfer über den Berg und durch den Dschungel ziehen lässt.

Bei Capus ist es die "Götzen", ein 67 Meter langes Dampfschiff, das im Auftrag von Kaiser Wilhelm II. direkt nach dem Stapellauf von drei norddeutschen Werftarbeitern in seine Einzelteile zerlegt, in 5000 Holzkisten verpackt und an den Tanganjikasee …

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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

" In dieser Kritik von Michael Rutschky macht der Ton die Tendenz. Man wird süffisant nennen dürfen, wie der Rezensent die deutsch-ostafrikanische Kolonial-Handlung hier eher vor- als ausführt, die sich um den Ersten Weltkrieg, dabei aber vor allem, wofür der Roman sehr plädiere, um den Sieg des Pazifismus dreht. Es gibt drei deutsche Protagonisten, die Schiffsbaufachleute Anton Rüter, Hermann Wendt und Rudolf Tellmann und einen Briten namens Geoffrey Spicer Simpson, den Rutschky konsequent Tommy nennt, und zwar, weil in ihm, aber auch sonst, die Kolportageromanklischees bei Alex Capus seiner Meinung nach fröhliche Urstände feiern. "Mild" scheint Rutschky der Humor, wahlweise auch "schal". Mehr als eine pikiert-spöttische Kritik hat der Rezensent dem Roman offenkundig nicht abgewinnen können.

© Perlentaucher Medien GmbH"

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 09.10.2007

Nicht jedes Untier steht im Lexikon
Die Eroberung des Tanganikasees durch sich gelegentlich beschießende Schiffe: Alex Capus erzählt in „Eine Frage der Zeit” vom Ersten Weltkrieg in Deutsch-Ostafrika
Die Papenburger Meyer-Werft vor dem Ersten Weltkrieg: Ein Schiff, die „Götzen”, wird mit großem Brimborium getauft, um gleich darauf wieder in kleinste Einzelteile zerlegt um die Welt verschickt zu werden. Das Ziel: der Tanganikasee in Deutsch-Ostafrika. Drei Fachleute werden mit den Schiffsteilen auf Reise geschickt, um den ordnungsgemäßen Wiederaufbau zu garantieren. Anton Rüter leitet diese Gruppe. Ein Techniker ist er, kein Grübler.
Der Schweizer Autor Alex Capus, der sich mit dieser große Fahrt an historischen Gegebenheiten und Figuren orientiert, zeigt diesen Rüter als einen Pragmatiker, der abgesehen vom wilhelminischen Schnurrbart nichts mit seiner Zeit gemein hat – der nervös-größenwahnsinnigen Atmosphäre der Jahre 1913 und 1914. Rüter und seine Mitfahrer, der Nieter Rudolf Tellmann und der Handwerksbursche Hermann Wendt, sind keine Helden, nicht geleitet von kaiserlicher Großmannssucht. Vom Schiffsaufbau in Afrika versprechen sie …

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"Alex Capus ist ein wunderbarer Erzähler, für den die Welt lesbar ist."

"Was Alex Capus interessiert, sind ganz alte Themen: die Verheißungen und Hindernisse des Glücks." (Frankfurter Allgemeine Zeitung)
Alex Capus, geboren 1961 in Frankreich, studierte Geschichte, Philosophie und Ethnologie in Basel und arbeitete während und nach seinem Studium als Journalist und Redakteur bei verschiedenen Tageszeitungen und bei der Schweizer Depeschenagentur. 1994 veröffentlichte Alex Capus seinen ersten Erzählband, dem seitdem neun weitere Bücher mit Kurzgeschichten, historischen Reportagen und Romanen folgten. Capus verbindet sorgfältig recherchierte Fakten mit fiktiven Erzählebenen, in denen er die persönlichen Schicksale seiner Protagonisten einfühlsam beschreibt. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt; für seine schriftstellerische Arbeit erhielt er zahlreiche Preise. Daneben hat Capus auch als kongenialer Übersetzer von Romanen des US-amerikanischen Autors John Fante gewirkt. Alex Capus lebt als freier Schriftsteller mit seiner Familie in Olten/Schweiz.

Leseprobe zu "Eine Frage der Zeit" von Alex Capus

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Leseprobe zu "Eine Frage der Zeit" von Alex Capus

Blind und irr vor Erschöpfung kletterte Anton Rüter den Bahndamm hinauf, dem er seit der Morgendämmerung entgegengelaufen war. Zwischen den Büscheln harten Buschgrases raschelten Schlangen und Echsen, hoch über ihm brannte die Sonne, und hinter ihm lag das Hochland Ostafrikas, das nun, zu Beginn der Regenzeit, über Hunderte von Kilometern überschwemmt war. Zehn Tage lang hatte er allein die geflutete Steppe durchwandert. Nachts hatte er sich an Bäume gelehnt und knietief im Wasser stehend stundenweise geschlafen; manchmal war er auch, umschwärmt von Wolken von Stechmücken, auf die Spitze eines Termitenhügels geklettert und hatte sich wie ein Hund zusammengerollt. Gegessen hatte er die rohen Kadaver ertrunkener Tiere, die sich in den Ästen gestürzter Bäume verfangen hatten, und getrunken das brackige Wasser, durch das er gewatet war. Sein Haar war filzig, der Bart lang, die nackten Beine waren übersät mit Dschungelgeschwüren. Seine Uniform, die in Fetzen an ihm herunterhing, war ein phantastisches Sammelsurium aus den Schlachtfeldern, über die er geflohen war. Die Jacke hatte er einem toten belgischen Askari abgenommen, die kurze Hose einem rhodesischen Sergeanten, den Tropenhelm einem südafrikanischen Offizier. Die Sandalen hatte er selbst geschustert aus den Überresten seiner eigenen Stiefel.

Nun lag er bäuchlings zwischen den Gleisen und presste das Gesicht auf den rostroten Schotter, horchte ins ohrenbetäubende Gekreisch der Zikaden und wagte es nicht, auf die andere Seite des Damms hinunterzuspähen. Anton Rüter wusste nicht, worauf er hoffen sollte. Falls sich, was er befürchtete, auch hinter dem Gleis bis zum Horizont das wüste, überschwemmte Grasland hinzog, würde er an Hunger und Entkräftung sterben. Wenn dort aber ein Eingeborenendorf lag, würde man ihn totschlagen wie einen Hund. Und falls er auf Soldaten stieß, würde man ihn erschießen, hängen oder bestenfalls in Ketten legen.

Da stach ihm ein Geruch in die Nase - der Duft von heißem Haferbrei. Anton Rüter schnupperte, ungläubig erst noch, dann voller Gier. Kein Zweifel, seine von langem Hunger geschärften Sinne täuschten ihn nicht. Das war Haferbrei, vermutlich ohne Zucker und Salz zwar, wie ihn die Briten mochten, und höchstwahrscheinlich mit Wasser statt mit Milch zubereitet - aber unbestreitbar Haferbrei. Er hob den Kopf, fasste mit beiden Händen die glühend heiße Schiene und zog sich vorwärts - und als er am Rand des Bahndamms anlangte, hatte er keinen Blick für den Trupp "King's African Rifles", der einen Steinwurf entfernt am Rande eines Wäldchens ihr Lager aufgeschlagen hatten. Er nahm keine Notiz von den fünf Panzerautos, den Minenwerfern, Maschinengewehren und den Bergen von Munitionskisten, er ignorierte die dreißig sauber gekämmten Männer in ihren tadellosen Uniformen, die ihre Zelte aufschlugen, Proviant ausluden, im Schatten der Bäume ruhten. Nur für eines hatte Anton Rüter Augen - das war der duftende Kupferkessel, der fahrlässig unbewacht abseits der Zelte am Waldrand über einem Feuer hing. Er rappelte sich auf und stürzte hinunter, griff sich den Kessel und torkelte dem Wäldchen entgegen, hörte nicht die überraschten Ausrufe der Engländer, auch nicht das Bellen der Hunde und das Pfeifen der Pistolenschüsse, verschwand im schützenden Dunkel zwischen den Bäumen und fiel nach wenigen Schritten samt Kessel und Haferbrei in eine Bachschlucht hinunter, die er im dichten Unterholz nicht hatte sehen können. Als er zerschunden, zerschlagen und verbrüht vom heißen Haferbrei am Grund der Schlucht wieder zu sich kam, verkroch er sich unter dem Wurzelstock eines umgestürzten Baumes, lauschte dem Hundegebell und den Stimmen der Männer, und da sie nicht näher zu kommen schienen, leckte er sich den Haferbrei vom Leib in der Gewissheit, dass man ihn über kurz oder lang finden würde. Dann schlief er ein und vergaß den Kessel und die Pistolenschüsse, die Hunde und den Bahndamm und das endlose Wasser und überhaupt alles, was er in den letzten vier Jahren erlebt, erduldet und getan hatte.

Nachts kamen die Flusspferde Es ist ja nicht so, dass der Mensch sich in jedem Augenblick seines Lebens darüber Rechenschaft gibt, wie wichtig oder belanglos die Dinge sind, die er so treibt, während die Zeit vergeht. Jeder rührt seinen Teig, schleppt seinen Stein, striegelt sein Pferd. Man hat Zahnschmerzen und macht Pläne, isst Suppe und geht sonntags spazieren; und ehe man es sich versieht, ist eine Pyramide gebaut, eine Millionenstadt mit Brot versorgt, ein Zarenreich gestürzt. Große Taten, unsterbliche Werke - die vollbringt man nicht im Vollgefühl ihrer Bedeutsamkeit; man mag sich nicht unablässig selbst befragen. Sonntags vielleicht, und an Silvester. Aber doch nicht bei der Arbeit.

Schiffbaumeister Anton Rüter zerbrach sich gewiss nicht den Kopf über die historische Bedeutsamkeit des Augenblicks, als ihn die Fabriksirene der Papenburger Meyer Werft am 20. November 1913 kurz nach halb elf Uhr zur Schiffstaufe rief. Eine Pause war eine Pause. Es würde Ansprachen und Branntwein für alle geben, und dann Tabak in jenen langen, holländischen Tonpfeifen, die die Werft für solche Anlässe kistenweise auf Lager hielt. Er durchmaß mit sparsamen Schritten den Maschinenraum des nagelneuen Schiffes, schob vorsichtig am Dampfregler und lauschte dem Gleiten der Kolben, dem Summen der Räder und dem Zischen der Ventile. Während draußen die Kapelle des Papenburger Turnvereins "Heil dir im Siegerkranz" spielte, kontrollierte er die Spannung des Stromgenerators, warf einen Blick in die Feuerluken und vergewisserte sich, dass der Frischwasserhahn offen war. Er war stolz auf das Schiff. Die Götzen war sein Schiff - das größte und schönste Schiff, das je in Papenburg gebaut worden war. Rüter hatte sich das Schiff ausgedacht, er hatte die ersten Pläne gezeichnet und zehn Monate lang den Bau geleitet, und die wichtigsten und heikelsten Arbeiten hatte er eigenhändig ausgeführt. Seit der Kiellegung hatte er seine Tage im Gerippe des Schiffsrumpfs verbracht, und oft auch die Nächte; wenn er wach war, hatten seine Gedanken um das Schiff gekreist, und wenn er schlief, hatte er von ihm geträumt. Und jetzt war es fertig. Die Maschinen liefen rund, der Dampfdruck war stabil. Darüber, dass er das Schiff gleich nach der Taufe wieder in seine kleinsten Einzelteile zerlegen würde, grübelte Anton Rüter nicht nach. Das war nun mal seine Aufgabe, und technisch würde es keine Schwierigkeiten geben. Er wischte sich mit einem Lappen die Hände ab und stieg hinauf aufs Hauptdeck.

Kundenbewertungen zu "Eine Frage der Zeit" von "Alex Capus"

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Bewertung von 9a aus Heidelberg am 12.05.2010 ***** sehr gut
Ein großer Dampfer wird in Papenburg in Deutschland gebaut, dann zerlegt und in 900 Kisten verpackt und von Dar-Es-Salaam aus quer durch den afrikanischen Kontinent an den Tanganijkasee verschickt - zuerst per Schiff, dann per Eisenbahn - und dort unter schwierigsten Bedingungen wieder zusammengesetzt. Warum? Natürlich geht es um Macht, das Stück spielt kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs, Frankreich und England und Deutschland ringen um die Vorherrschaft als Kolonialmacht. Doch der Romam, der selbst im Detail auf historischen Fakten beruht, ist gleichzeitig auch eine Charakterstudie der drei Hauptverantworlichen im deutschen Team und ihrer Gegenspieler.
Mir hat das Buch gut gefallen, es ist oft richtig witzig und das Thema 'Deutschland als Kolonialmacht' ist interessant. Wer sich für gut geschriebene und gut recherchierte historische Romane interessiert, macht mit diesem Buch nichts falsch!

Diese Bewertung bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Broschiertes Buch

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Bewertung von Lisega am 17.02.2009 ***** sehr gut
Wieder einmal ist es Alex Capus gelungen, aus einer kleinen historischen Begebenheit einen wunderbar kurzweiligen, unterhaltsamen Roman zu machen. Anhand der drei norddeutschen Werftarbeiter, die in Ostafrika eigentlich nur ein Schiff zusammenbauen sollen und schließlich in die Wirren des Ersten Weltkriegs gelangen, demonstriert er eindringlich, aber sehr amüsant, wie ohnmächtig der Einzelne dem Lauf der Dinge ausgeliefert ist. Während die drei Deutschen versuchen, den Schiffsbau hinauszuzögern und damit dem Armeedienst erstmal zu entkommen, kann ihr Gegenpart im Buch, der größenwahnsinnige britische Oberleutnant Spicer Simson, nicht schnell genug in die Schlacht kommen, um ruhmreiche Heldentaten zu vollbringen. Doch selbst er sieht am Tanganika-See die Sinnlosigkeit seines Tuns ein - Ostafrika ist in diesem wahnsinnigen Krieg eben nur ein bizarrer Nebenschauplatz.

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