EUR 17,90
Portofrei*
Alle Preise inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
0 °P sammeln

  • Gebundenes Buch

1 Kundenbewertung

Dies ist eine ordentliche Familie - hier spricht man nicht miteinander In ihrem beeindruckenden Debüt erzählt Harriet Köhler von vier Menschen, die ihre Familie am liebsten loswerden würden. Aber es bleiben die Wut, das Unverständnis, die Angst vor dem Altwerden und die Sehnsucht nach Anerkennung und Anteilnahme. Heiner war immer nur klug, früher einmal Professor für Insektenkunde. Jetzt sitzt er zu Hause vor dem Discovery Channel und versucht vergeblich zu verbergen, dass das Ende bereits angefangen hat. Er beobachtet erste Anzeichen einer Demenz an sich. Eine Katastrophe für jemanden, der…mehr

Produktbeschreibung
Dies ist eine ordentliche Familie - hier spricht man nicht miteinander In ihrem beeindruckenden Debüt erzählt Harriet Köhler von vier Menschen, die ihre Familie am liebsten loswerden würden. Aber es bleiben die Wut, das Unverständnis, die Angst vor dem Altwerden und die Sehnsucht nach Anerkennung und Anteilnahme. Heiner war immer nur klug, früher einmal Professor für Insektenkunde. Jetzt sitzt er zu Hause vor dem Discovery Channel und versucht vergeblich zu verbergen, dass das Ende bereits angefangen hat. Er beobachtet erste Anzeichen einer Demenz an sich. Eine Katastrophe für jemanden, der sich hinter seiner Klugheit immer bestens verstecken konnte - vor dem Leben und den Ansprüchen, die eine Familie stellt. Ulla war immer nur schön. Sie war das, was man eine perfekte Professoren-Gattin nennt. Gekonnt richtete sie das Leben für sich und ihre Familie ein - mit Tipps aus »Feinschmecker« und »Elle Bistro«. Seit Heiner den ganzen Tag zu Hause ist, kostet sie das immer mehr Kraft - ihre gelegentlichen Affären sind da nur ein billiger Trost. Aber zu Ostern, wenn die Kinder nach Hause kommen, soll noch einmal alles perfekt sein. Linda hatte immer schon viel Talent. Sie ist erfolgreiche Kolumnistin. Von ihrer Familie will sie nicht viel wissen, sie war ihr immer schon peinlich. Auch ihrem kleinen Bruder Ferdinand geht sie lieber aus dem Weg. Ferdinand, der gerade wieder bei einer Frau rausfliegt oder ein Studium schmeißt, treibt durch Berlin - bis die Nacht ihn vor die Füße einer Ex-Freundin spült. Maria nimmt ihn mit, und als sie ihm am nächsten Morgen alte Post übergibt, ist da ein Brief von seiner Schwester Friederike. Friederike, die bei einem Unfall tödlich verunglückt ist.
  • Produktdetails
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • 2. Auflage.
  • Seitenzahl: 210
  • 2007
  • Ausstattung/Bilder: 2007. 210 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 135mm x 24mm
  • Gewicht: 340g
  • ISBN-13: 9783462037647
  • ISBN-10: 3462037641
  • Best.Nr.: 22501252
Autorenporträt
Harriet Köhler, geboren 1977 in München, hat Kunstgeschichte studiert und besuchte die Deutsche Journalistenschule. Sie lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.
Rezensionen
Besprechung von 11.03.2007
Gibt es denn keine Welt da draußen?
In der deutschen Literatur des Frühjahrs warten alle darauf, dass etwas passiert - und plötzlich liegt ein Ohr unter dem Tisch

Wenn man sich so hindurchliest durch die deutschen Bücher der Saison, kann einem schon etwas schummrig werden. Irgendwie so leer und nach innen gekreiselt, festgehakt in einer tiefen, schwarzen Schlucht. Und nach einiger Zeit, nach einigen Büchern fühlt man einen immer stärker werdenden Drang, hinauszusehen aus dem Fenster, um sich zu versichern, ob die Welt da draußen noch da ist, ob die Menschen noch da sind oder ob alles erstarrt ist in einem Zwischenreich der Melancholie, der Kälte und der Erstarrung. In einem Zwischenreich der Erwartung. In dem jederzeit alles passieren könnte. Aber eben jetzt noch nicht. Jetzt passiert eben leider noch gar nichts. Die deutsche Literatur Frühjahr 2007 wartet ab. Sie hofft. Und sie hat Angst. Die Zukunft kann alles bringen. Den Terror, die Befreiung, die Liebe, die Flucht. Im Moment ist Melancholie. Der Terror der Melancholie. Oder die Schönheit.

Fünf Jahre ist es her, dass der Journalist und Schriftsteller Kolja Mensing, 36, ein Fluchtbuch aus der Provinz geschrieben hatte: "Wie komme ich hier raus?" hieß es - ein Buch über das Aufwachsen in der Provinz, das Leiden an der Provinz und schließlich die Flucht aus der Provinz - nach Berlin. Er hat dann als Journalist gearbeitet, als Literaturredakteur in Berlin, als Kritiker auch für die F.A.Z., hat Filme gedreht aus dem dreizehnten Stock eines Hochhauses, aus dem Alltagsleben in einem Einkaufscenter. Und jetzt also Erzählungen geschrieben aus einer Welt des Wartens, der Liebe aus der Ferne oder des Davongehens aus dem Leben einfach so. Es sind extrem kurze, traurige Erleuchtungen in ein verborgenes Leben hinein. Meist in das Leben der Mittdreißiger, die einst vom Aufbruch träumten und nun nicht sicher sind, ob er das schon gewesen ist, der Aufbruch, oder ob sie eines Tages weiterziehen in eine andere Hauptstadt hinüber, eine andere Hoffnung hinein und dann der wahre Aufbruch endlich beginnt: "Gemeinsam warteten wir darauf, daß das Leben anfangen würde oder zumindest das, was wir uns früher einmal darunter vorgestellt hatten. Bis dahin vertrieben wir uns die Zeit mit schlechten Filmen und Gesprächen über seine Mitbewohnerin und ihre Freunde."

Das ist das Frühlingsgefühl 2007. Das Frühlingswarten 2007. Es ist überall. Hier, sehen Sie mal: "Es ist ein Geschenk, das das Leben uns machte, indem es uns Seelen schenkte, in denen Zartheit und Geduld herrschte, so dass unser Dasein endlich zur Deckung käme mit jener Vision eines guten Lebens, die wir in uns trugen und immer wieder sahen, wenn auch nur als Schatten, der immer ein, zwei Schritte vor uns um die Ecke bog." So heißt es im neuen Buch der 33-jährigen Silke Scheuermann. Oder im ersten Roman der 36-jährigen Johanna Straub: "Ich habe immer gedacht, es ist erst der Anfang, sagt Philippa. Ich dachte, es geht immer so weiter und das Eigentliche passiert erst noch. Man trifft neue Menschen und alles wird anders." Harriet Köhler, 30, umschreibt es in ihrem ersten Roman so: "Nur wenn du es dir in deiner Welt mit großen Worten einrichten kannst, musst du nicht erkennen, dass deine Wirklichkeit aus ziemlich mickrigen, kleinen Gefühlen besteht." Und so enttäuschen wir uns fort und fort: "Obwohl zwei, die zusammenkommen, immer alles neu machen wollen, aber nach einer Weile machen sie doch wieder das Alte nach, und von ihrem großen Plan bleiben nur die orangefarbenen Wände ihrer Zweizimmerwohnung übrig", heißt es bei Antje Rávic Strubel, 33. Franziska Gerstenberg, 28, schreibt knapp: "Das Problem lag woanders: Nach einer Woche Urlaub hatte sich nichts verändert." Und schließlich, der Meister von Mittelmaß und Wahn, Wilhelm Genazino, 63, in seinem neuen Roman "Mittelmäßiges Heimweh": "Im Grunde erwarte ich immer noch, daß sich das Dasein innerhalb der Lebensspanne eines Menschen zu einem Sinn hin entwickelt. Ich werde die Aufmerksamkeit für mein Leben zurückziehen, falls sich kein Sinn zeigen sollte. Meine Melancholie über den fehlenden Sinn ist mir vertrauter als das sinnlose Warten auf die Verbesserung von . . . ach, ich habe keine Lust, über diese törichten Dinge weiter nachzugrübeln."

Nein, nicht grübeln, sondern einfach drüber schreiben. Über dieses Gefühl der "Enttäuschung", wie es Thomas Mann in seiner gleichnamigen Erzählung vor mehr als hundert Jahren so schön und ewig aufgeschrieben hat, als dem Erzähler jener wunderliche Mann an der Piazza San Marco begegnete, der ihm von seiner Lebensenttäuschung berichtete und den armen jungen Erzähler damit völlig aus der Bahn warf: "Ich bin in das berühmte Leben hinausgetreten, voll von dieser Begierde nach einem, einem Erlebnis, das meinen großen Ahnungen entspräche. Gott helfe mir, es ist mir nicht zuteil geworden!" Selbst als er das Meer sah, das unendliche, genügte es ihm nicht, denn es ist gar nicht unendlich. Die Dichter, die das seit Jahrhunderten behaupten, hatten gelogen: "Das Meer ist groß, das Meer ist weit, mein Blick schweifte vom Strande hinaus und hoffte, befreit zu sein: dort hinten aber war der Horizont. Warum habe ich einen Horizont? Ich habe vom Leben das Unendliche erwartet."

Und genau an dieser schönen Empörung fehlt es in den meisten Stillstandsbüchern dieses Frühjahrs. Empörung gegen den Horizont. Empörung gegen das Leben, das nicht hält, was es einst versprach. Was die Bücher der Dichter uns versprachen, was ein Scheinaufbruch von früher uns einst versprach. Die meisten Bücher dümpeln so dahin in ihrem kleinen Unglück. Harriet Köhler erzählt ein Familiendrama in etwas holzschnittartig abgezirkelten und sprachlich ehrgeizlosen Einzelepisoden. Und auch Silke Scheuermann, Johanna Straub und Franziska Gerstenberg kommen in ihren Büchern über ein auf die Dauer eintöniges Nebelwarten, Im-Kreise-Drehen und Schauen ins Leere selten hinaus. Das Getränk der Saison ist Rotwein. Das Getränk des zurückgelehnten Abwartens und der Hoffnung auf ein wenig innere Wärme. Nicht gerade ein Frühlingsgetränk.

Zugegeben, viel von dem Überdruss entsteht natürlich dadurch, dass man als Rezensent so Buch auf Buch auf Buch mit der immer gleichen Stimmung liest - so liest kein normaler Mensch, und vielleicht ist ja so eines dieser Bücher mal ganz schön. Trotzdem, wer vom Lesen Erschütterung erwartet, Wahrheit und Notwendigkeit, wird es in diesen Melancholiefibeln nicht finden.

Kolja Mensings Buch "Minibar" ist von all diesen am schönsten, weil es sich nicht kunstvoll aufbläht, sondern kleine Blicke in enttäuschte Leben wirft. Aber auch hier wird dem Leser die Luft nach der Hälfte der Geschichten vor lauter Stillstand knapp.

Antje Rávic Strubel führt in ihrem Roman "Kältere Schichten der Luft" ihre Heldin aus Halberstadt nach Schweden, in eine wahre Liebesexplosion. Eine lesbische Liebesgeschichte, wahnsinnig romantisch, die alles wagt, alle Vorsichten vergisst, alle Lebensmöglichkeiten für einen Moment wirklich werden lässt. Doch am Ende ist auch hier wieder - Halberstadt. Am Ende auch hier der ernüchternde Satz: "Er weiß, daß diesen Tagen, in denen sie anwesend war, nichts folgen wird. Nichts außer einem langen Warten."

Wie glücklich ist man bei all dem Warten und den Wonnen der Gewöhnlichkeit über Dieter Rotmunds Ohr. Rotmund ist der Held in Genazinos neuem Buch, und sein Ohr kommt ihm abhanden. Er sitzt in einer Kneipe, schaut ein Fußballspiel an, der Lärm wird immer lauter, und plötzlich - "Plötzlich sehe ich unter einem der vorderen Tische ein Ohr von mir liegen. Es muß mir im Gebrüll unbemerkt abgefallen sein." Und damit, mit diesem Einbruch der absoluten Unwahrscheinlichkeit in die Welt der totalen Wahrscheinlichkeit und Vorhersehbarkeit und Mittelmäßigkeit, beginnt eine so wahnsinnig komische, abgründige Geschichte, wie sie lange nicht mehr zu lesen war. Gerade hatte sich der Held vorgenommen, mit den Kompliziertheiten des Lebens überhaupt nicht mehr in Berührung zu kommen und "meinen Alltag so einzurichten, daß ich nur noch einfache Verhältnisse mit einfachen Personen darin vorfinde". Und dann verliert er also dieses Ohr, und alles gerät ins Wanken. Er verliert die Frau, einen Fußzeh und noch einen, und schließlich sitzt er zitternd am Abgrund seiner Welt und wartet auf den Untergang.

Auch in Ingo Schulzes Erzählungsband "Handy" geht immer wieder eine Welt unter. Er erzählt diese Untergänge wie nebenbei, präzise, spielerisch, altmodisch im Ton, "Geschichten in alter Manier" heißt es schon im Untertitel, und wer somit eher kunsthandwerkliche Fingerübungen erwartet hatte, sieht sich beim Lesen getäuscht. Es ist nicht so aufregend und wagemutig und widerständig wie sein Großroman "Neue Leben" aus dem vorletzten Jahr, dafür lässiger, einfacher, ruhiger und einfach sehr, sehr schön geschrieben. Und zu den Accessoires des Bücherfrühlings muss man neben dem Rotwein der Damen und dem Ohr Dieter Rotmunds unbedingt Ingo Schulzes Orangenschale zählen. Denn dieser Moment des Glücks und der Wahrheit, wie der völlig betrunkene Erzähler in der Geschichte "Keine Literatur oder Epiphanie am Sonntagabend" seine Tochter über das wahre Wesen einer achtlos weggeworfenen Orangenschale aufklärt, wird, wer es einmal gelesen hat, so schnell nicht mehr vergessen.

"Keine Literatur" heißt diese schönste Geschichte des Bandes, und das ist natürlich irgendwie traurig für die Literatur, dass überall, wo es schön und spannend wird, sie sich distanziert und der Autor so tut, als sei das jetzt das Leben und also viel mehr als schnöde Literatur. Oder, weil die Kunst hier fehlt, vielleicht auch weniger.

Keine Literatur hat auch der Dokumentarfilmer Andres Veiel geschrieben. Sein Buch heißt "Der Kick", die Geschichte des unglaublich brutalen, skrupellosen Mordes an dem Jugendlichen Marinus Schöberl in Potzlow in der Uckermark vor den Augen der Bevölkerung vor einigen Jahren. Es ist eigentlich nur das Zusatzbuch seines Theaterstücks und Films, unter dem gleichen Titel im letzten Jahr auf der Bühne und im Kino zu sehen. Aber es ist unendlich viel mehr als nur das nachgereichte Drehbuch eines Films. Es ist das erschütternde Dokument einer unfassbaren Tat, die Veiel nach all seinen Recherchen auch nicht fassbarer machen kann und will. Die Geschichte einer inneren Leere auch, die gefüllt wird in einer plötzlichen Nacht der totalen Gewalt, in der in drei Jugendlichen langsam der Wille wächst zu einer letzten, bösen Tat. Und wie sich Veiel da hineinbohrt in die Geschichte der Tat, die Geschichte der Täter, des Opfers, der Mordnacht und die ganze Geschichte des Dorfes von 1944 bis heute erzählt, das ist so genau, erschütternd, unglaublich und wahr, wie es Literatur nur in ganz, ganz seltenen Fällen vermag. Am Ende spielen die drei Jugendlichen das Finale eines Films nach, das Finale von "American History X", eines Films gegen rechte Gewalt, in dem ein schwarzer Jugendlicher gezwungen wird, in den Bürgersteig zu beißen, bevor die Täter ihm ins Genick springen. Marinus Schöberl muss in den Futtertrog eines Schweinestalls beißen. Dann springen seine Peiniger.

Das Buch reißt einen heraus aus aller melancholischen Selbstbetrachtung. Ein offenes Fenster. Ins Grauen der Gegenwart.

VOLKER WEIDERMANN

Franziska Gerstenberg: "Solche Geschenke", Schöffling, 18,90 Euro; Wilhelm Genazino: "Mittelmäßiges Heimweh", Hanser, 17,90 Euro; Harriet Köhler: "Ostersonntag", KiWi, 17,90 Euro; Kolja Mensing: "Minibar", Verbrecher-Verlag, 13 Euro; Silke Scheuermann: "Die Stunde zwischen Hund und Wolf", Schöffling, 17,90 Euro; Ingo Schulze: "Handy", Berlin, 19,90 Euro; Johanna Straub: "Das Zebra hat schwarze Streifen, damit man die weißen besser sieht", Liebeskind, 16,90 Euro; Antje Rávic Strubel: "Kältere Schichten der Luft", S. Fischer, 17,90 Euro; Andres Veiel: "Der Kick", DVA, 14,95 Euro

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr
Besprechung von 14.03.2007
Tu nicht so, als sähest du geschminkt besser aus!
Achtung, hohe Pointendichte! – Harriet Köhlers Romandebüt „Ostersonntag”
„Nur Mut, Baby, Kleine, komm schon, es tut nicht weh, zumindest nicht mehr als alles andere. Na los doch, tu es, aber erschrick nicht.” Kein Gesetz der Welt schreibt vor, dass Autoren ihre Figuren lieben müssen. Dennoch ist man verblüfft, wenn eine junge Autorin ihre Figuren derart rüde ins Rampenlicht ihres ersten Romans schiebt. Woran nehmen wir teil? An einer Entjungferungsszene von kühler Brutalität oder an der routinierten Anfeuerung eines pornographischen Foto-Shootings? Weder noch: Eine Frau steht allein vor dem Spiegel. Und der mit ihr spricht, ist niemand anderes als der Erzähler bzw. die Erzählinstanz, die in einer Mischung aus Animations- und Gouvernantenton von Anfang an präsenter ist als die Figuren. Eine Dringlichkeit wird aufgebaut, eine Dringlichkeit des Tons. Mit schriller, manchmal beeindruckender Präzision spießt Harriet Köhler alles auf, was ihr unter die Feder kommt. Auch die Figuren. Wie tote Schmetterlinge werden sie im Schaukasten dieses Familienromans ausgestellt: als Exemplare einer Gattung, aus der es kein Entkommen gibt.
Mutter, Vater, Tochter, Sohn: Alle Positionen einer Kleinfamilie werden besetzt. Ulla, Heiner, Linda, Ferdinand heißen die Protagonisten. Die kurzen Szenen, lauter Schnappschüsse aus dem verfehlten Leben, sind mit ihren Namen überschrieben. Im steten Wechsel geht es zwischen den einzelnen Familienmitgliedern hin und her, so als hätten sie gar nichts miteinander zu tun. Und so ist es auch. Stünde nicht das Osterfest vor der Tür, würde keiner auch nur einen Gedanken an den anderen verschwenden. So aber müssen im Münchner Haushalt der Eltern Vorbereitungen getroffen werden, und die beiden in Berlin lebenden erwachsenen Kinder überprüfen ihr Leben noch einmal in Hinsicht darauf, was sich beim drohenden „Pflichttermin” im Elternhaus verwenden lässt, um ein bisschen Eindruck zu schinden oder wenigstens dummen Fragen Paroli zu bieten.
Die 36-jährige Linda ist Star-Kolumnistin einer Berliner Tageszeitung. Doch ihre flotte Schreibe ist hart erkämpft. Sie trinkt zu viel, raucht, schnupft und schluckt zu viel, und in ihrem Kühlschrank dümpelt seit zwei Jahren eine Champagnerflasche vor sich hin: Vorrat für den nächsten Männerbesuch, der auf sich warten lässt. Doch Rettung ist in Sicht. Ein schöner Praktikant schleicht um sie herum, während sie noch kurz vor dem Osterfest die 120 Zeilen aus sich herauspresst, in denen sie allwöchentlich das lustige Leben der Senioren karikiert. „Gilles”, stellt sich der Schöne vor, „wie der Harlekin auf dem Bild von Watteau”. Linda hat zwar keine Ahnung, wovon er spricht, aber immerhin weiß sie, welche Bücher sie auf dem Nachttisch drapieren wird, damit einer, der über „Pop aus systemtheoretischer Sicht” promovieren will, einen guten Eindruck bekommt: Luhmann natürlich, aber auch Foucault, alles, was in der Feuilletonredaktion goutiert wird. Und außerdem kann sie ja bald den Bruder fragen.
Der 28-jährige Ferdinand führt die typische Existenz eines verkrachten Geisteswissenschaftlers. Dichter wollte er werden, dann hat er sich für Germanistik eingeschrieben, um bald darauf zur Musikwissenschaft zu wechseln, danach zur Philosophie. Das kurze Gastspiel in der Mathematik vermittelte keine weitere Erkenntnis als die, dass sein Leben „eine Gleichung mit mehreren Unbekannten” bleibt. Er zieht von Frau zu Frau, bei keiner hält er es lange aus. Das Muster, nach dem seine Beziehungen ablaufen, kennt er in- und auswendig. Irgendwann kommt immer die Frage nach seiner Vergangenheit und welches „Problem” er eigentlich habe. „Funktionalen Analphabetismus gibt es auch in der Liebe.”
Während die Kinder in Berlin am Erwachsenwerden scheitern, hadert die Mutter mit dem Alter. Trotz Fitnessstudio, strengster Diät und „Auswärtsspielchen” mit wechselnden Liebhabern, wagt sie es kaum noch, in den Spiegel zu sehen. Sie ist es, die der Erzähler in der Eingangsszene so barsch anfährt: „Mach die Augen auf! Da! Das bist du im Spiegel! Und tu nicht so, als sähest du geschminkt besser aus. . . . Tu nicht so, als hätten Nudité Rosé von Dior oder auch nur Chicogo Cherryblossom Pink auf den blassen Wangen irgendetwas mit Lebendigkeit zu tun.” Dabei könnte eine Figur wie diese Ulla durchaus ein bisschen Nachsicht vertragen. Eine Brustkrebserkrankung mit Amputation hat sie durchgestanden „wie Jeanne d’Arc”, und auch den Tod eines weiteren Kindes musste sie verkraften. Friederike ist mit Anfang zwanzig im Auto ums Leben gekommen. Und nun gleitet, nach jahrelanger Pflege des Schwiegervaters, auch noch der Gatte in die Demenz.
Bis vor kurzem war Heiner Bargfeld ein anerkannter Professor der Biologie, Verfasser eines Standardwerks über Entomologie. Seit er in Pension ist, baut sein Geist rapide ab. Morgens versteckt er sich hinter der Zeitung, um nicht reden zu müssen, den Rest des Tages lungert er fernsehend auf dem Sofa herum. Früher nannte er Ulla „Bienchen”. Doch insgeheim hat er die zur Akademikergattin aufgestiegene Garderobiere eines Nachtclubs immer verachtet. Insofern sind die beiden quitt. Am Ostersonntag kommt es zum familiären Showdown. In guter Dogma-Manier wirft der Sohn den Eltern an den Kopf, dass der Tod der Schwester keineswegs ein Unfall, sondern Mord gewesen sei, Selbstmord: kein Wunder bei dieser Familie.
Harriet Köhler kann schreiben. Und eben das wird ihrem Roman zum Verhängnis. Auf jeder Seite merkt man ihm an, dass Figuren, Handlung und Thema nur als Staffage dienen, um eine ebenso pointen- wie assoziationsverliebte Schreibweise in Gang zu halten. Zwischen Harmlosigkeit und Bedeutsamkeit schwankend, kommt sie immer wieder zu Kalauern wie dem, dass Ferdinand nach dem Erstsemester „statt Rose Ausländer nur noch rosa Schlüpfer im Kopf” gehabt habe. Ein Roman muss nicht unbedingt erzählt sein, wie der Nouveau roman gezeigt hat, der aus geschichtsphilosophischen und erkenntnistheoretischen Gründen das Erzählen verweigerte und die Erzählstimme bewusst neutral hielt, eher unter- als übermoduliert.
In „Ostersonntag” dominiert ein schriller Ton, der die Figuren ständig ungeduldig zur Ordnung ruft. Zu welcher Ordnung aber? Jüngere Autoren scheinen den auktorialen Erzähler, der mit Übersicht und Nachsicht die Geschicke seiner Figuren lenkt, zu scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Harriet Köhler hat an dessen Stelle einen penetranten Besserwisser gesetzt. Vielleicht ist das zeitgemäß. MEIKE FESSMANN
HARRIET KÖHLER: Ostersonntag. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007. 210 Seiten, 17,90 Euro.
Die Münchner Autorin Harriet Köhler Foto: Urban Zintel
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

"Jeder Satz ein Volltreffer" feiert Rezensent Martin Krumbholz dieses "glänzende Debüt" der dreißigjährigen Autorin. Das Wunderbare an Harriet Köhlers "messerscharfen Sentenzen" ist für den Rezensenten, "dass sie in keiner Weise angestrengt" wirken. Dabei klinge der Plot des Romans im "Kurzreferat" zunächst nach "einer Anhäufung altbekannter kleinfamilienkritischer Dekonstruktionsmotive": ein älteres Ehepaar, dass sich mit den erwachsenen Kindern auf das Osterfest vorbereitet, welches dann mit der Entlarvung der Familienidylle ein schlimmes Ende nimmt. Doch weil Köhler mit virtuosen Stilmitteln ihren Roman nicht nur multiperspektivisch auffächere, sondern mit Hilfe einer "brennend" intensiven Sprache ihren Protagonisten "gewissermaßen die Haut vom Leib" ziehe, glänzt die Geschichte als minutiöses Porträt heilloser Charaktere. Besonders fasziniert Krumbholz, dass Köhler ihren Roman in der zweiten Person Singular erzählt. Das hat für ihn die erstaunliche Wirkung, dass die erzählerische Anamnese dieses "so offensichtlich desolaten und himmelschreiend" wunden Personals "mit dem Auftragen einer Heilsalbe" durch ihre "begütigende Ansprache" vermittels der Erzählstimme im Grunde "in eins" fallen würden.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Was Harriet Köhler aus ihren Hauptfiguren heraushört, ist schon ungeheuerlich. Und sticht heraus aus einem Chor ungeheuerlicher Familie-ist-die-Hölle-Romane. [...] Hoffnungsvolles Talent." Die Welt
"Das erstaunliche Debüt einer dreißigjährigen Autorin, deren Beobachtungsschärfe und sardonischer Witz den Leser in hohem Maß verblüffen." Neue Zürcher Zeitung

"Harriet Köhler hat mit 'Ostersonntag' einen großartigen Debütroman vorgelegt, in dem die Figuren vom Leben alles wollen - nur nicht auf ihre Lebenslügen verzichten." ZDF

"Kraftvoll, grandios. Auf unprätentiöse Art ist Köhler mit diesem Debüt sehr nah an der überreizten Stimmung in Deutschland, heute: an dem Gefühl, sich mit den Wunschvorstellungen an das eigene Leben ständig selbst zu überfordern." KulturSpiegel

"Mit fulminanten Sprachgefühl, nicht ohne Witz und mit feinem Gespür für Zwischentöne. Ein beeindruckend genaues Bild menschlicher Befindlichkeiten. Von Harriet Köhler darf man noch einiges erwarten." Süddeutsche Zeitung

"Harriet Köhler entdeckt den Familienroman neu." Vanity Fair

"Köhler lässt ihre Leser nicht mehr aus den Klauen." Stadtrevue

"Köhlers Sprache ist einzigartig, von eindringlicher Melancholie und subtiler Psychologie. Ein beeindruckendes -Debüt." Freie Presse

"Was Harriet Köhler aus ihren Hauptfiguren heraushört, ist schon ungeheuerlich. Und sticht heraus aus einem Chor ungeheuerlicher Familie-ist-die-Hölle-Romane." Die Welt

"Es sind lebendige Bilder, die Harriet Köhler gestaltet hat. Szenen wie Bilder von Francis Bacon: drastisch, grotesk, stark und traurig und vor allem eines: leider wahr!" Saarländischer Rundfunk KulturRadio

"Am Literaturhimmel geht ein neuer Stern auf." Abendzeitung

"Harriet Köhlers Buch trifft einen Nerv." Sonntagszeitung
…mehr