Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension
Angesichts der "Dramatik und Tragik", die Benigna von Krusenstjerns Biografie von Adam von Trott zu Solz entfaltet, wundert sich Rezensentin Sabine Fröhlich ein wenig, dass dieser Schlüsselfigur des deutschen Widerstands bisher kein Kinofilm gewidmet wurde. Immerhin bietet die breit angelegte Biografie nun eine "Grundlage für künftige Forschungen", lobt Fröhlich. Der Diplomat Trott zu Solz stieß, wie die Rezensentin erfährt, nicht erst spät zum Widerstand, sondern stand von Anfang in Gegnerschaft zu den Nationalsozialisten. Krusenstjern rekonstruiere, wie er Verfolgte unterstütze und über sein deutsch-britisches Netzwerk eine Rolle als "Botschafter des Widerstands" einzunehmen suchte. Die Rezensentin zeigt sich von dieser Lebensdarstellung durchaus beeindruckt, zumal es der Biografin gelinge, eine "lebendiges Bild" Trotts zu entwerfen. Allerdings lässt sie es dabei bisweilen an kritischer Distanz fehlen, schränkt Sabine Fröhlich ihr Lob dieser Biografie ein.
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 | Besprechung von 08.08.2009 |
Eines kurzen Lebens Reise in den RuhmAdam von Trott zu Solz in einer "lebenswarmen" Biographie und in einer DokumentenauswahlAm 9. August wäre Adam von Trott zu Solz 100 Jahre alt geworden. Nur zwei Wochen trennten den Diplomaten von seinem 35. Geburtstag, als ihn die Gestapo am 25. Juli 1944 in seinem Dienstzimmer abholte. Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler wurde ihm das Fahrtenbuch von Stauffenbergs Fahrer zum Verhängnis. Das Auswärtige Amt stieß den Legationsrat am 14. August aus dem Beamtenverhältnis. Am folgenden Tag stand er mit seinem Vorgesetzten und Mitverschwörer Hans-Bernd von Haeften, der ihn mit dem "Kreisauer Kreis" in Verbindung gebracht hatte, vor dem Volksgerichtshof, vor Hitlers brüllendem Blutrichter Roland Freisler. Am 26. August vollstreckte der Henker in Plötzensee das Todesurteil.
Bücher und Aufsätze über Trott gibt es reichlich - vor allem in der angelsächsischen Welt, der sich der Diplomat durch Verwandte mütterlicherseits, mehrere Studienaufenthalte, viele Reisen und freundschaftliche Verhältnisse eng verbunden fühlte. Nach 1945 sank in Großbritannien vorübergehend der Stern des …
»Nun, rechtzeitig zum 100. Geburtstag am 9. August, erscheint die erste umfassende Biografie über Adam von Trott zu Solz. Die Autorin, die Historikerin Benigna von Krusenstjern, hat in zahlreichen nationalen und internationalen Archiven geforscht und eine Menge unbekanntes Material zutage gefördert. Das Bild, das wir uns bisher von Trott machen konnten, wird dadurch nicht nur um viele Facetten bereichert - es erhält überhaupt zum ersten Mal schärfere Konturen. (...) ein würdiges Denkmal.«(Volker Ullrich, DIE ZEIT, 6.8.2009)»Es sagt viel aus über unsere politische Kultur, über das moralisch immer so ostentative Nachdenken zur deutschen Geschichte, dass (...) die erste wissenschaftliche Biographie des Widerstandskämpfers Adam von Trott zu Solz erst jetzt, zu seinem hundertsten Geburtstag erscheint. Das durch Genauigkeit und Faktenfülle maßstabsetzende Buch Benigna von Krusenstjerns zeigt zum ersten Mal in umfassender Dokumentation, wie kompromisslos und hellsichtig Trotts Feindschaft gegen den Nationalsozialismus vom ersten Moment an, sogar schon vor der Machtergreifung gewesen ist.«(Gustav Seibt, Süddeutsche Zeitung, 8./9.8.2009)»... Eine bessere, gründlicher gearbeitete Biografie ist kaum vorstellbar. Und es ist geradezu bewundernswert, wie Krusenstjern in der Deutung der Dokumente ihren eigenen Weg findet und häufig gegen Autoritäten der Widerstandsgeschichtsschreibung Fakten sanft zurechtrückt, ohne in den Gestus der Besserwisserei zu verfallen.«(Matthias Sträßner, Deutschlandfunk, 26. 8. 2009)»Der umfassenden Recherche und aufmerksamen Lektüre der zeitgenössischen Quellen verdankt sich (...) ein lebendiges Bild Adam von Trotts.« (Neue Zürcher Zeitung, 12.10.09)»Von Krusenstjern arbeitet dieses kurze, ereignisreiche Leben von Trotts mit großer Sorgfalt und Genauigkeit auf. Sie scheint sämtliche Briefe, Notizen und Abhandlungen von Trotts gesichtet sowie jene Literatur gelesen zu haben, die einst von Trott zu seiner Lektüre gemacht hatte. Reich bebildert und wie aus einem Guss geschrieben legt sie damit eine wohl kaum mehr zu übertreffende Biografie vor. Verdient macht sich die Autorin vor allem um die Zeugenkritik, die sie äußerst besonnen vornimmt.«(Zeitschrift für Politikwissenschaft, 21.10.09)»Adam von Trott ist der seltene und damit herausragende Fall eines aus konservativ-adliger Familie stammenden Widerständlers, der von Beginn an für internationale Verständigung, den Ausgleich der Klassen und für Demokratie eintrat. Es ist ein großes Verdienst der Historikerin Benigna von Krusenstjern ... klar und quellensatt wie nie zuvor den politischen Weg Trotts zu verdeutlichen.«(Tilmann Lahme, Deutschlandradio Kultur - Lesart, 8.11.2009)»Entstanden ist eine ungeheuer detailreiche Schilderung des Lebens des Widerstandskämpfers. Lebendig erscheinen Lebensumstände und Personen von Trotts Umfeld nicht zuletzt durch die vielen Zitate aus persönlichen Briefen. Ein unbedingt lesenswertes Buch!«(Christiane Böhm, Göttinger Tageblatt, 18.12.2009)»Das vorliegende Buch mag gelegentlich an Details überquellen, aber es zeigt in beeindruckender Weise die Entwicklung eines jungen Mannes während der Weimarer Republik, sein schwieriges Leben in der Diktatur und sein extrem gefährdetes Leben im Widerstand, das mit dem Tode durch den Strang endete. Sie habe versucht, gegen ein Bild Adam von Trotts anzuschreiben, das über Jahrzehnte in Beton gegossen schien, sagt die Autorin. Man kann dem Ergebnis dieser schwierigen, auf umfassender Quellenlage basierenden Arbeit nur möglichst viele Leser wünschen.«(Margarete Limberg, Deutschlandfunk - Andruck, 21.12.2009)»Drei frühen Lebensbeschreibungen Trotts aus dem angloamerikanischen Raum kann jetzt eine grundlegende deutsche Biografie gegenübergestellt werden, die sich durch ihre empathische Zuneigung zum Gegenstand nicht weniger auszeichnet als durch sorgfältigen Umgang mit den (zu einem großen Teil hier erstmals ausgewerteten) Quellen.«(Thomas Karlauf, Die Welt, 24.12.2009)"Krusenstjern's biographical approach is heavily influenced by her reliance on the value of personal testimonials. Wherever possible, she allows the documents to speak for themselves in a detailed step-by-step account of Trott's development and thinking. ... His is an exemplary life that will continue to be relevant for generations to come.«(Gina Thomas, Standpoint magazine, Dezember 2009)»Einmal mit dem Lesen begonnen, fällt es schwer, das Buch wieder aus der Hand zu legen. Wer sich für die Geschichte des 20. Jahrhunderts interessiert, sollte es unbedingt lesen.«(Hans-Otto v. Lilienfeld-Toal, Nachrichtenblatt der Balt. Ritterschaften, 51 (2009), Nr. 204)»Der Autorin gelingt es, neben der ausführlichen - und dabei gut lesbaren - Darstellung der komplexen Persönlichkeit Trotts, eine Vielzahl von Details, aber auch größere, durch die Forschung lange weitergetragene Irrtümer und Missinterpretationen auf der Basis der Quellen zu berichtigen und klarzustellen.«(Erik Lommatzsch, Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 7/8 2010)»The strength of Benigna von Krusenstjern¿s comprehensive work ist that she has refrained from excessively prejudging Trott and made her painstaking research speak for itself - and indeed she has succeeded in making it speak loudly. (...) The persuasiveness of this book lies both in the wealth of the materials collated by the author and the modesty of her evaluation. In this case the Rankean formula of history »as it actually happened« has proven its validity.«(Klemens von Klemperer, The Journal of Central European History 43, 2010) deutsche Biografie gegenübergestellt werden, die sich durch ihre empathische Zuneigung zum Gegenstand nicht weniger auszeichnet als durch sorgfältigen Umgang mit den (zu einem großen Teil hier erstmals ausgewerteten) Quellen.« (Thomas Karlauf, Die Welt, 24.12.2009)
Benigna von Krusenstjern, geb. 1947, Historikerin mit den Schwerpunkten 17. und 20. Jahrhundert. Begann als Redakteurin für internationale Politik bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DAGAP), danach langjährige wissenschaftliche Mitarbeiterin am Max-Planck-Institut für Geschichte.
Leseprobe zu "»Daß es Sinn hat zu sterben - gelebt zu haben«"
Das letzte Jahr vor dem Krieg (S. 364-365)
Einen knappen Monat war Adam von Trott auf dem fast leeren Riesenschiff SS Ranchi unterwegs, von Hongkong über Singapur, Penang und Colombo, durch das Rote Meer und den Suezkanal über Malta bis zum Zielhafen Marseille. Eine Reise, beschwert von Trauer und Gram, schlechten Nachrichten und bösen Vorahnungen. Obwohl er dem Wunsch seiner Mutter, ihr »so bald als irgend möglich beizustehen, von Herzen gern« gefolgt war, grämte ihn doch die entgangene Fahrt nach Kunming und Tschungking.
Er hatte von ihr wissenschaftliche Fortschritte ebenso erwartet wie Erkenntnisse über die gegenwärtige politische Lage und die zukünftigen Möglichkeiten Chinas, hatte unbedingt dorthin kommen wollen, »wo das wirkliche China noch kämpft«2. Der Rückweg hatte ihn dann noch über Indien führen sollen, wo sein Freund Humayun Kabir ihn mit einem Reiseprogramm erwartete. Für diese ganze Route westwärts hatte Trott auch die Option Amerika aufgegeben.
Es schien widersinnig: Der Vater, dessen größter Wunsch es gewesen war, seinen Sohn Adam wiederzusehen, hatte dennoch darauf gedrängt, daß dieser seine Zeit in China voll ausnutzte. Der Tod des Vaters bewirkte nun das Gegenteil und ließ den Sohn vorzeitig und doch zu spät für das erhoffte Wiedersehen heimkehren. Ihn erwarte »a hell of a time in my blessed country«3, schrieb Trott mit bitterer Ironie vom Schiff aus an Isaiah Berlin und wurde darin, noch bevor er Deutschland erreichte, auf das schlimmste bestätigt.
Unterwegs erfuhr er von den Pogromen des 9./10. November 1938: Im ganzen Land waren Synagogen in Brand gesteckt, Geschäfte jüdischer Inhaber demoliert und verwüstet, Tausende von Juden mißhandelt und in Konzentrationslager verschleppt worden. Trott wollte dazu nicht schweigen. In einem Brief an seine jüdische Freundin Diana betonte er, und zwar ohne zwischen Deutschen und Nazis zu unterscheiden, daß »wir durch das, was geschehen ist, erniedrigt wurden«.
Obwohl er die letzten beiden Jahre im Ausland verbracht hatte, nahm er sich selbst von diesem »wir« nicht aus, sondern schob sich »den vollen Anteil an Verantwortung « zu. Er teilte Diana auch mit, daß seine Gedanken ständig bei Wilfrid Israel seien. Über dessen Ergehen hörte er dann erst im Dezember. Wilfrid war unverletzt geblieben, im Kaufhaus N. Israel aber hatten Schlägertrupps unter SS-Kommando gewütet, und ein Teil der jüdischen Angestellten war ins KZ Sachsenhausen abtransportiert worden. »Ich bin unglücklich aus vielen Gründen, die Du Dir vorstellen kannst«, schrieb Trott seiner Freundin Shiela.
»Zudem kommt mir dieses Schiff vor wie ein großer, schwarzer Sarg, der mich nach Europa zurückbringt, um dort beerdigt zu werden.«6 Bei seiner Ankunft in Marseille am 25. November 1938 fand er die erhoffte Nachricht vor, daß Shiela ihn in Paris erwartete. Eine gewisse beiderseitige Entfremdung, eingetreten nach zwei Jahren mit höchst unterschiedlichen Erfahrungen, konnten sie jedoch während dieses kurzen Treffens nicht überwinden. Shiela Grant Duff hatte dem Freund ihr Buch »Europe and the Czechs« entgegengeschickt.
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