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Produktdetails
  • Verlag: Verlag für Berlin-Brandenburg
  • Seitenzahl: 152
  • Erscheinungstermin: 13. September 2016
  • Deutsch
  • Abmessung: 208mm x 139mm x 8mm
  • Gewicht: 259g
  • ISBN-13: 9783945256640
  • ISBN-10: 394525664X
  • Artikelnr.: 45054480
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 29.11.2016

Nicht bellen, sondern lieber beißen
Das Verhältnis von AfD und Pegida zur Gewalt

Über Hajo Funkes Buch lässt sich auf zwei Weisen sprechen. Man kann es loben für seine fundierte Analyse zu der Großfrage, ob das Schüren von Ressentiments durch Rechtspopulisten und Rechtsradikale letztlich in Gewalttaten von Extremisten mündet. Ob also das Ausloten der Grenzen des Sagbaren durch Pegida-Aktivisten, Neurechte oder AfD-Funktionäre nicht nur eine Frage abstrakter Moraldebatten ist, sondern ob mit den Parolen auch eine Mitverantwortung für reale Gewalt verbunden ist. Man kann das Buch aber auch kritisieren für seine relative Grobheit, mit der es den Terror des "Nationalsozialistischen Untergrunds", die Hetzreden auf Pegida-Demonstrationen und die Ambivalenz vieler AfD-Funktionäre gegenüber verfassungsfeindlichen Thesen als Puzzleteile vorstellt, die sich nahtlos ineinanderfügen. Für den Sammler inkriminierender Beispiele ist Funkes Buch eine Pflichtlektüre. Für den Connaisseur der feinen Unterschiede aber hinterlässt es die Frage, ob mit der Gleichbehandlung von Populisten und Extremisten schon alles gesagt sein kann.

Lob und die Kritik schließen einander nicht aus. Funkes Analyse neonazistischer Netzwerke in Mecklenburg-Vorpommern ist nicht deshalb angreifbar, weil im nächsten Kapitel das völkische Denken des AfD-Politikers Björn Höcke seziert wird. Beides kann wertvoll sein, vergibt aber durch seine nahtlose Kombination die Gelegenheit, das Augenmerk auf die vorhandene Distanz zwischen Neonazis und Höcke-Anhängern zu lenken. Einerseits, weil diese Distanz noch besteht, andererseits weil die Feinheiten in den Unterschieden zwischen Rechtsradikalen, deren Treiben unsere Verfassung noch erlaubt, und Rechtsextremisten, deren Angriffe in aller Entschiedenheit bekämpft werden müssen, der wichtigste Anknüpfungspunkt für weitere Debatten ist.

Funke ist ein Mahner und gehört als solcher nicht zu denen, die ihre Worte klein und verschämt wählen, sondern in großen Lettern mit Ausrufezeichen. Der Mahner läuft immer Gefahr, die Wirklichkeit nach Beispielen abzusuchen, an denen die Gefahr, die er beschwört, besonders sichtbar wird. Das dient der Prägnanz, kann aber die Gewichtung aus ihrer Balance werfen. So wird aus dem Rechtsradikalismus eines Björn Höcke bei Funke schnell ein "völkisch-nationalistischer Extremismus eines autoritären Agitators". Aus der rechtsradikalen AfD-Gruppierung "Der Flügel", die großen, aber nicht bestimmenden Einfluss auf die Partei hat, wird ein Netzwerk, dessen Vorherrschaft "evident" sei. Aus der AfD, einer rechtspopulistischen Partei mit einer Tendenz zum Autoritarismus, wird kurzerhand eine in Gänze rechtsradikale Partei. Über solche energischen Federstriche kann der Leser stolpern, gerade dann, wenn die beschriebenen Phänomene keineswegs so harmlos sind, dass genauere Begriffe nicht schon alarmierend genug wären. Die begriffliche Abrüstung kann die Worte sogar schärfen, der Autor würde dann nicht bellen, sondern beißen.

Die Kernthese von der Verwandlung der Angst in die Aggression soll mit dem Verweis auf mehrere Studien belegt werden. Das Buch Funkes ist eine wertvolle Durchsicht der vorhandenen Forschung. Er beginnt nach seinem Vorwort mit einer Übersicht über rechtsextreme Gewalttaten in Deutschland. In den folgenden Kapiteln wird das Extremismuspotential der Pegida-Bewegung untersucht, es werden die radikalsten Exponenten der AfD sowie die sogenannte Neue Rechte vorgestellt. Nach dem Fazit - "Die Gefährdung des sozialen Friedens und der Demokratie durch Pegida und die AfD" - kommt Funke zu politischen Forderungen, er nennt das Kapitel "Konsequenzen". Dort ruft er unter anderem dazu auf, sich nach Terroranschlägen von Dschihadisten nicht zu Ressentiments verleiten zu lassen, sondern mit Besonnenheit zu reagieren. Funke fordert das nicht, um den Terror zu relativieren. Er fordert die Besonnenheit, um Terroranschläge zu verhindern, etwa durch eine "höhere soziale Aufmerksamkeit", mit der Terroristen früh als Menschen mit psychischen Auffälligkeiten zu erkennen seien. Der Verzicht auf den Holzschnitt ehrt Funke an dieser Stelle, er spricht bei Terroristen von einer Kettenreaktion, die es zu durchbrechen gelte: "von der fehlenden Ansprache, der wachsenden Isolierung, dem Mobbing, der aufgegriffenen Radikalisierung bis hin zur Mordtat". Diese Logik der Differenzierung und Gerecht-Werdung überzeugt allerdings so sehr, dass man sie gerne auch auf Pegidianer und AfD-Anhänger angewendet gesehen hätte.

JUSTUS BENDER.

Hajo Funke: Von Wutbürgern und Brandstiftern: AfD - Pegida - Gewaltnetze. Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2016. 184 S., 16,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Zwiegespalten bespricht Justus Bender dieses Buch des Rechtsextremismus-Forschers Hajo Funke, der als Mahner und Streiter stets in "großen Lettern mit Ausrufezeichen" arbeite. Sehr fundiert findet der Rezensent einerseits, wie Funke "Großfragen" behandelt, etwa ob eine hemmungslose Rhetorik mitverantwortlich für Gewalttaten sei. Auch einzelne Analysen zu bestimmten Gruppierungen findet der Rezensent wertvoll. Aber absolut nicht einverstanden ist er mit der Undifferenziertheit, die Funke an den Tag legt, wenn er Rechtspopulismus, -radikalismus und -extremismus in einen Topf wirft: Verbale Abrüstung, meint der Rezensent, könnte das Wort im Sinne der Sache durchaus schärfen.

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